Gemeinschaftsgefühle

Medien machen Europa?

Bisher sind alle Versuche gescheitert, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit herzustellen. Und ehrlich gesagt ist diese Vorstellung auch ein wenig vermessen.

Professor Dr. Udo Göttlich
 
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    Zur Person
    Professor Dr. Udo Göttlich

    Professor Dr. Udo Göttlich ist seit Oktober 2011 nach Gastprofessuren in Klagenfurt, Hildesheim oder München Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Medien- & Kommunikationswissenschaft der Zeppelin Universität. Seine Schwerpunkte liegen im Verhältnis und Zusammenhang von Medien- und Gesellschaftswandel.

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    Factbox
    "Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU"

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bremen haben ein ähnliches Projekt durchgeführt wie Professor Göttlich und seine Master-Studenten - allerdings in deutlich größerem Umfang. Das DFG-Projekt Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU: Reaktionen der Bürger beinhaltet eine vergleichende Analyse der Berichterstattung nationaler Zeitungen in sechs europäischen Ländern (A, D, DK, F, GB, PL) und zeigt eine Transnationalisierung von Öffentlichkeit, die jedoch national und nach Zeitungstypen segmentiert bleibt. Weiterführende Informationen und Forschungsergebnisse gibt es auf der Projekt-Homepage.

    Europa: Ein ungewöhnliches Journalismus-Projekt

    Im Januar 2012 startete ein publizistische Experiment namens Europa. Sechs große europäische Tageszeitung - Le Monde, der Guardian, die Süddeutsche Zeitung, La Stampa, El Pais und Gazeta Wyborcza – versuchen, eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit zu adressieren.

    Sorgt die Finanzkrise für eine europäische Öffentlichkeit?

    Auf den Blick scheint die Finanzkrise europäische Themen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt zu haben. Doch wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass Europa in der Tat gesellschaftlich breit diskutiert wird, die Debatten jedoch überwiegend national gerahmt sind. Christian Schwöbel, Projektmanager im EU-Referat der Heinrich-Böll-Stiftung, richtet einen Appell an Medien, Parteien und Zivilgesellschaft und fordert mehr transnationales Denken in Europa.

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    Mehr ZU|Daily
    Reformen dringend nötig
    Die Nationalstaaten wollen ihre Souveränitäten nicht an die EU abzugeben - auch mit dem Argument, es gäbe kein europäisches Volk. Das ließe sich ändern, meint ZU-Absolvent Artur Lebedew.
    Es fehlt an Illusionen
    Europa braucht eine gemeinsame Öffentlichkeit, betonen der Juniorprofessor für Politische Kommunikation Markus Rhomberg und der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier.
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In Brüssel verschwendet ein überbezahlter und aufgeblähter Verwaltungsapparat Steuergelder, erlässt Vorschriften über den Krümmungsgrad von Gurken und gängelt Restaurantbesitzer, die ihr Olivenöl künftig nicht mehr in Kännchen servieren sollen. So lautet, etwas zugespitzt, eine weit verbreitete Sichtweise auf die Europäische Union. An den Stammtischen sind die Brüsseler Bürokraten höchstens als Gegenstand von Schmähungen beliebt: Da, wo es drauf ankommt, etwa bei der Finanzkrise, versagen die europäischen Institutionen – und da, wo sie sich doch bitteschön heraushalten sollen, entwickeln die Politiker eine beeindruckende Regulierungswut.

Diese Vorurteile halten sich hartnäckig, und das nicht nur in Deutschland. Seit Jahren beklagen Politiker das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit. Als „vermessen“ bezeichnet Professor Udo Göttlich diese Sehnsucht. Wenn Kroatien am 1. Juli der Europäischen Union beitritt, dann werden sich täglich über eine halbe Milliarde Menschen in 24 Amts- und vielen hunderten Minderheitensprachen unterhalten. „Und zu diesen sprachlichen Barrieren kommen natürlich noch die kulturellen Unterschiede“, beschreibt Göttlich die Probleme. „An Versuchen, eine solche europäische Öffentlichkeit herzustellen, mangelt es nicht – nur sind die bisher alle gescheitert.“

Können Zeitungen eine europäische Öffentlichkeit schaffen?

Gemeinsam mit Master-Studenten der Zeppelin-Universität hat Göttlich untersucht, inwieweit Medien als europäischer Kommunikationsraum dienen können. Sie wollten herausfinden, welche Rolle das Thema Europa in internationalen Zeitungen spielt. „Wir haben uns jeweils zwei Qualitätszeitungen aus Spanien, Frankreich, Großbritannien, Schweden und Deutschland herausgesucht. Dann haben wir in zwei Schritten eine qualitative und quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt“, erklärt Deborah Paglialunga, eine der beteiligten Studentinnen, das Forschungsprojekt. Ihre Kommilitonin Michelle Mallwitz schränkt ein: „Natürlich wird Öffentlichkeit nicht nur durch Medien hergestellt, sondern findet auch auf vielen anderen Ebenen statt. Aber so einem Riesenthema kann man sich ja nur annähern, indem man einzelne Aspekte herausgreift.“

"Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU"


Den ersten Untersuchungsgegenstand bildeten die italienischen Parlamentswahlen im Februar 2013. Dabei ging es weniger um das Ausmaß, als vielmehr um den Inhalt der Berichterstattung: „Wir haben die Artikel normativ ausgewertet: Uns hat interessiert, wie die Zeitungen die Ergebnisse der Wahlen kommentieren“, sagt Mallwitz. Bereits wenige Tage nach der Abstimmung zeichnete sich die darauffolgende, monatelange Hängepartie ab. Trotzdem sei die mediale Rezeption meist sachlich geblieben. Nur wenige Kommentatoren hätten von einem „typisch italienisches Polit-Chaos“ gesprochen, insbesondere in Deutschland und Frankreich habe die Analyse im Vordergrund gestanden – zwar mit einem besorgten Unterton, aber ohne nationalistische Abwertung.

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„Die Wahlen in Italien sind ein Beispiel für die Europäisierung eines nationalen Ereignisses“, sagt Udo Göttlich. Unmittelbar betroffen seien davon nur die italienischen Bürger; mittelfristig leide aber die gesamte EU darunter, wenn ein Mitgliedsland ohne handlungsfähige Regierung dastehe. „Daran zeigt sich die Transnationalisierung der Öffentlichkeit. Nationalstaatliche Grenzen verlieren zunehmend an Bedeutung, es entsteht eine gemeinsame Themenwahrnehmung.“

Die Briten sind am skeptischsten

Nach dieser qualitativen Analyse folgte eine quantitative Betrachtung. Unabhängig von einem bestimmten Ereignis untersuchten die Studenten, wie oft die einzelnen Medien über Europa berichteten. „Uns hat interessiert: Wie viele Artikel mit Europa-Nennung in der Überschrift oder im Text sind erschienen? Dafür haben wir eine künstliche Sample-Woche herausgegriffen und auf der ersten Seite, im Politik- und Wirtschaftsressort und dem Kommentarteil nachgezählt“, erklärt Deborah Paglialunga das Vorgehen.

Europa: Ein ungewöhnliches Journalismus-Projekt


Rund 3500 Artikel werteten die Studenten aus, bei etwa 1000 stellten sie einen Europa-Bezug fest. Während die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung in beinahe jedem zweiten Text eine Verbindung zu Europa herstellten, sind die Briten nicht nur in geographischer, sondern auch in journalistischer Hinsicht vom Kontinent getrennt: Lediglich in 139 von 865 Artikeln wurde Europa thematisiert – und wenn, dann meist mit einem negativen Unterton. Britische Medien zeigten „das geringste Interesse und die größte Skepsis“, fasst Udo Göttlich die Europa-Berichterstattung von Guardian und Daily Telegraph zusammen. „Europa werden nur dann positive Attributen zugeschrieben, wenn es um Werte und Menschenrechte geht. Es dominieren die Probleme und Nachteile, die eine Solidargemeinschaft mit sich bringt.“

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Quantität und Tonalität unterscheiden sich also von Land zu Land. Eines aber haben die untersuchten Zeitungsartikel gemeinsam: „Die Finanzkrise überlagert alles“, sagt ZU-Studentin Mallwitz. Diese sei zwar ein transnationales Thema, im Vordergrund stünden aber die nationalen Auswirkungen. Wenn etwa in Deutschland über die Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Ländern berichtet werde, schwinge immer die Frage mit: Was bedeutet das für uns? Und die spanische El País thematisiere Merkels Austeritätspolitik nicht aus einer europäischen, sondern in erster Linie aus einer spanischen Perspektive. „Einen universelle europäische Öffentlichkeit können Medien kaum herstellen“, sagt Udo Göttlich. „Aber sie tragen zur Europäisierung der nationalen Diskurse bei.“

Sorgt die Finanzkrise für eine europäische Öffentlichkeit?


Seit 2008 die Lehman Brothers Pleite gingen, wurde immer wurde das Bild der „Krise als Chance“ beschworen. Was die Politik mit Hinblick auf die Regulierung der Finanzmärkte verpasst zu haben scheint, könne sich bei der Herausbildung eines europäischen Gemeinschaftsgefühls bewahrheiten: „Wenn es der EU gelingt, die ökonomischen Probleme in den Griff zu bekommen und das auch entsprechend medial rezipiert wird, dann entsteht daraus vielleicht noch keine gemeinsame Identität, aber zumindest ein gemeinsames europäisches Bewusstsein.“


Fotos: PolandMFA (Titel) | segnale orarioNonchalante (Text)

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