Erinnerungskultur

Wer braucht noch die East Side Gallery?

Die Reaktionen der Projektpartner in Berlin lässt es wahrscheinlich erscheinen, dass die Vorschläge der Studierenden auf prominente Weise in die Weiterentwicklung der East Side Gallery einfließen.

Doz. Dr. phil. Monika Mokre
 
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    Zur Person
    Doz. Dr. phil. Monika Mokre

    Doz. Dr. phil. Monika Mokre studierte Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Sie lehrt nicht nur an der zeppelin Universität, sondern auch am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Universität für Musik und darstellende Kunst und an der Webster University Vienna.
    Mokre ist u.a. Mitglied der Stipendienkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Vorsitzende von eipcp (european institute for progressive cultural policies), Mediacult  (Forschungsinstitut für Medien, Kommunikation und kulturelle Entwickung) sowie von FOKUS (Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien).

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    Factbox
    Besucherstudie am Spreeufer

    Das Denkmal erhalten und trotzdem mit der Zeit gehen


    Um nicht nur die eigene Meinung sowie die Ansichten der Vorsitzenden der Künstlerinitiative in Betracht zu ziehen, führen einige Studierende am Tag nach der Diskussion mit Kani Alavi und Jörg Weber eine explorative Besucherstudie durch. Am Spreeufer befragen sie Besucher zur Bedeutung und ihren bevorzugten Veränderungen für die Zukunft der East Side Gallery. Die Angst, die repräsentative Anzahl von 50 Fragebögen aufgrund zu niedriger Besucherzahlen nicht zu erreichen, stellt sich als unbegründet heraus: An der East Side Gallery wimmelt es nur so von Touristen und Besuchern aus aller Welt, die durch den Besuch am längsten Mauerstück das Flair des geteilten Berlin nachempfinden wollen. Alle Befragten empfinden den Erhalt der East Side Gallery als wichtig. Große Veränderungen wünschen sie sich nicht. Nur mehr Informationen zu den Bildern sowie mehr Sitzmöglichkeiten wären schön!

    Details zum Buch "Das Menschenmögliche: Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur"

     Das Menschenmögliche: Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur
    Dana Giesecke und Harald Welzer (7. März 2012)
    Edition Körber-Stiftung
    Taschenbuch
    ISBN-10: 3896840894
    ISBN-13: 978-3896840899
    Preis: etwa 15 Euro

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    Mehr ZU|Daily
    Verstörende Aussichten
    Zwischen Kunst und Gesellschaft gibt es eine Verbindung derer sich Wissenschaftler nicht im Klaren sind. Sicher ist nur, dass Kunst und Kultur kaum messbaren Wert für das zwischenmenschliche Leben haben. Dr. phil. Monika Mokre untersucht dieses Thema vor dem Hintergrund der Politikwissenschaften.
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Bedrohung durch Vandalismus und Gentrifizierung

In seinem Atelier der Kreativität in Ruhe freien Lauf zu lassen, ist für Kani Alavi, dem Vorsitzenden der Künstlerinitiative East Side Gallery e.V., häufig ein Ding der Unmöglichkeit. Fast jede Woche gibt es neue Schmierereien auf den Kunstwerken am längsten erhaltenen Stück der Berliner Mauer. Das bedeutet für Alavi: Anzeige erstatten, die teure Reinigung beantragen und die Säuberung beaufsichtigen – ein bürokratischer Mehraufwand und Arbeit, die er nicht bezahlt bekommt. Doch die Erhaltung der East Side Gallery ist für Alavi ein Herzensprojekt, das er seit über 20 Jahren betreut und verteidigt. Die Kunstaktion 1990, bei der 118 Künstler aus der ganzen Welt ihre Gedanken zur friedlichen Revolution künstlerisch auf der Mauer verewigten, war seine Idee.


Kein Wunder also, dass er mit vollem Elan für die Aufnahme der East Side Gallery in die Stiftung Berliner Mauer kämpft. Das würde die finanziellen Probleme in Ansätzen lösen, aber auch die Bedrohung der Open-Air-Galerie durch verschiedene Bauprojekte. Das Luxus-Projekt „Living Levels“ am Spreeufer ist eines davon. Doch damit die die Stiftung das Projekt aufnimmt, benötigt die East Side Gallery eine Perspektive und ein erinnerungskulturelles sowie zeitgemäßes Konzept. Und obwohl er bereits seit einiger Zeit von zwei Unternehmensberatern unterstützt wird, sieht Kani Alavi die Umsetzung einer Machbarkeitsstudie zur inhaltlichen Neu-Konzeption, ausgearbeitet von CCM-Master-Studierenden der Zeppelin Universität, als eine große Chance.

Jörg Weber von der Künstlerinitiative e.V. erzählt den Studierenden die Hintergründe von Kani Alavis Beitrag zur East Side Gallery.
Jörg Weber von der Künstlerinitiative e.V. erzählt den Studierenden die Hintergründe von Kani Alavis Beitrag zur East Side Gallery.

Sprung ins Ungewisse

Gleich in der ersten Seminarsitzung wirft Dozentin Dr. Monika Mokre die Master-Studierenden ins kalte Wasser: Sie sollen ein eigenes Konzept für die Zukunft der East Side Gallery entwerfen. Realitätsfern und spielerisch kommen die ersten Ideen daher, werden die Projektteilnehmer später selbst urteilen. Der erste Eindruck vieler Studierenden ist eher kritisch: „Ein Thema, das viele Fragezeichen aufwirft. Es bleibt bisher unklar, was wir als Studierende aus Friedrichshafen für die East Side Gallery bewirken können.“ Doch gerade die Flexibilität und die Fähigkeit, sich innerhalb kürzester Zeit an verschiedene Rahmenbedingungen anzupassen, sind für Mokre Qualitäten, die gute Kulturmanager auszeichnen.

Abstrakte Überlegungen zu einem konkreten Projekt

Als Denkmal für den Fall der Mauer sowie die friedliche Überwindung von Grenzen steht die East Side Gallery im Spannungsfeld zwischen Politik und Kultur. Aus diesem Grund ist die Möglichkeit, abstrakte Überlegungen an einem konkreten Projekt zu erproben und dabei auch die jeweiligen Grenzen auszuloten, für Mokre spannend. Im Rahmen ihrer eigenen Forschung bewegt sie sich häufig an den Schnittstellen von Kulturmanagement, Kulturpolitik und Überlegungen zur Demokratietheorie. Dabei stehen Fragen bezüglich eines adäquaten Umgangs mit Gedächtniskultur sowie die Problematik, wie mit gewachsenen Organisationsstrukturen umgegangen werden kann, im Vordergrund. Das Brainstorming zur East Side Gallery beginnt. Laut denken die Studierenden unter anderem über eine App, die via QR-Codes eine digitale Führung durch die East Side Gallery bieten kann, Open-Air-Performances, neue Mal-Aktionen an der Mauer sowie eine interaktive Begegnungsstätte nach.

Kunst und Graffiti: Ständig finden sich neue Schmierereien auf den Bildern der East Side Gallery.
Kunst und Graffiti: Ständig finden sich neue Schmierereien auf den Bildern der East Side Gallery.

Erhalt oder Verfall?

Braucht man 2014 in einer immer heterogeneren Gesellschaft überhaupt noch Überreste der Berliner Mauer wie die East Side Gallery? Soll man sie in ihrem jetzigen Zustand erhalten, die Bilder übermalen oder auch auf der Westseite Kunst ermöglichen? Kann die Mauer nicht einfach langsam verfallen und verschwinden?

Die Erinnerungskultur ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kulturpolitik. In ganz Deutschland, so scheint es, boomen Gedenkstätten und Erinnerungsmuseen. Besondere Bedeutung gewinnt Geschichtskulturpolitik nach Oliver Scheytt, dem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, immer dann, wenn durch Geschichte und Gedächtnis eine politische Dimension angesprochen wird. Das ist bei der East Side Gallery der Fall: Sie steht sowohl für die Freude über die friedliche Revolution als auch für die Trauer über die Mauertoten.

Die East Side Gallery bietet nach Meinung der ZU-Studierenden viele Möglichkeiten zur politischen Bildung - entweder durch digitale Angebote oder mit Hilfe von künstlerischen Projekten, die von Kani Alavi durchgeführt werden könnten. Doch braucht es dafür die Mauer? Kann man nicht auch den Verfall dokumentieren?

„Im Jahr 2013 sollten wir beginnen, neue Möglichkeiten der Erinnerung an die DDR und die friedliche Revolution zu denken. Ich kann mit dem Pathos, mit dem einige Zeitzeugen die Geschichte festhalten wollen, wenig anfangen. Klar, Erinnerung ist wichtig, aber muss man deswegen alles im Originalzustand erhalten?“, meint eine Studentin. Auch Harald Welzer stellt in seinem neuen Buch „Das Menschenmögliche: Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ die These auf, dass das Haus der politischen und historischen Bildung entrümpelt gehört, damit sich Raum für Neues bilden kann. Warum also nicht eine West Side Gallery, die den Bildern von 1990 aktuelle Kunst über die Geschehnisse von damals gegenüberstellt und sie so aktualisiert. Mit diesen und noch mehr Gedanken zum optimalen Marketing für die East Side Gallery im Gepäck machen sich die Studierenden auf den Weg nach Berlin.

Details zum Buch "Das Menschenmögliche"


Kani Alavis Kunst: Menschenmassen strömen durch eine Maueröffnung in die Freiheit.
Kani Alavis Kunst: Menschenmassen strömen durch eine Maueröffnung in die Freiheit.

Studentische Ideen

Ende Oktober 2013 treffen die Studierenden Kani Alavi und Jörg Weber von der Künstlerinitiative East Side Gallery e.V. in Berlin, um ihre Konzeptideen zu präsentieren. Dabei treffen zwei sehr verschiedene Vorstellungen über die Zukunft und das Leitbild der East Side Gallery aufeinander. Vor allem Ideen zum langsamen Verfall oder einer alternativen Nutzung der Mauer stoßen bei den Organisatoren auf heftigen Widerstand. Kani Alavi und Jörg Weber möchten die East Side Gallery als längstes Stück erhaltene Mauer und als Denkmal konservieren und die Kunst darauf aus dem Projekt von 1990 für die Nachwelt erhalten. Auch die Rückseite der Mauer soll ihrer Ansicht nach weiß bleiben, um an die Mauertoten zu erinnern und den Symbolwert des Mauerstücks zu erhalten. Für die Vertreter der Künstlerinitiative sind eher Schutz und Reinigungsmöglichkeiten der Mauer zentral. Ein Punkt, den die Studierenden in ihrem kreativen Idealkonzept nicht beachtet haben.

Kooperation mit anderen Kultur- und Erinnerungsinitiativen

Eine lebhafte Diskussion entbrennt auch, als die ZU-Studierenden ihre Idee zu einem digitalen Museum vorstellen. Alavi und Weber freuen sich über die von den Studierenden aufgezeigten Schnittstellen und mögliche Kooperationen mit anderen Berliner Kultur- und Erinnerungsinitiativen. So existiert zum Beispiel bereits eine Mauer-App, mit deren Hilfe man historisch wichtige Punkte der Berliner Mauer finden kann und Informationen dazu bereitgestellt bekommt. Die 1036 m lange East Side Gallery fehlt darin im November noch. Erschütternd findet das einer der Studierenden und spricht es auch aus, denn augenscheinlich klammere das Kommunikationssystem, das die zentralen Erinnerungsorte an die DDR vernetzen soll, die East Side Gallery aus. Doch dieses Problem ist schnell behoben, denn mittlerweile, stellt einer der CCM-Studenten fest, ist die East Side Gallery in die App eingearbeitet. Auch eine Überarbeitung der Website sowie eine Optimierung der Social Media-Nutzung der Initiative halten die Marketing-Experten unter den Studierenden für zentral.

Vorbild Container Uni?

Ein weiteres Thema ist die Gestaltung einer interaktiven Begegnungsstätte. Den Studierenden liegen vor allem künstlerische Projekte für Berliner Schüler am Herzen, da die East Side Gallery zur Zeit meist Berliner Touristen anzieht. Den Künstlern dagegen ist vor allem das Thema „Kunst und ihr Beitrag zum Mauerfall“ wichtig. Als Standort bietet sich ein bisher brach liegendes Grundstück in der Nähe der East Side Gallery an. Dort könnte ein Containerhaus nach dem Vorbild der Container Uni der Zeppelin Universität als Begegnungsstätte dienen.

Besucherstudie am Spreeufer


Ein Fazit

Wenn die Bundesregierung zustimmt, wird die East Side Gallery 2014 in die Stiftung Berliner Mauer aufgenommen. Dann wäre zumindest die Finanzierung der längsten Open Air Galerie der Welt gesichert. Die Bedrohung durch Bauprojekte bleibt jedoch bestehen. Je interaktiver die Gedenkstätte allerdings wird, desto niedriger ist die Legitimation, sie zu zerstören.


Auch die Besucherstudie der Studierenden zeigt, dass die East Side Gallery mit ihrer ortsimmanenten Gedächtniskraft anscheinend noch gebraucht wird. Allerdings muss der Gesellschaft der erinnerungskulturelle und nicht nur der touristische Wert des Denkmals deutlich gemacht werden, wissen die ZU-Studierenden jetzt. Und auch die Künstlerinitiative profitiert von dem Austausch mit den jungen Friedrichshafenern: Die Machbarkeitsstudie und die Ideen der Studierenden geben der Weiterentwicklung der East Side Gallery aus einer jungen und kritischen Perspektive heraus neue Impulse. 

Kulturmanager der Zukunft (v. l. n. r.): Mette Lund, Alexander Roland, Andreas Friedrich, Saskia Praetorius, Sophie Wasserscheid, Verena Viehmann, Susan Alpen, Luzi Groß, Laura Niemann, Marika Baur, Alexandra Pipos, Constantin May, Natascha Klotschkoff, Johanna Volk, Theodora Trah, Caroline Brendel, Anna Zepp.
Kulturmanager der Zukunft (v. l. n. r.): Mette Lund, Alexander Roland, Andreas Friedrich, Saskia Praetorius, Sophie Wasserscheid, Verena Viehmann, Susan Alpen, Luzi Groß, Laura Niemann, Marika Baur, Alexandra Pipos, Constantin May, Natascha Klotschkoff, Johanna Volk, Theodora Trah, Caroline Brendel, Anna Zepp.

Titelbild: Laura Niemann

Bilder im Text: Andreas Friedrich, Marcio Cabral de Moura / Flickr.de 

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