Factual Entertainment

Eine Prise Politik

Der Beitrag der Unterhaltungsproduzenten zur politischen Öffentlichkeit ist auf Grund der hohen Reichweite der Programme und der lebensnahen Aufbereitung der Themen nicht zu unterschätzen.

Martin R. Herbers MA
 
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    Zur Person
    Martin R. Herbers

    Martin R. Herbers (MA) ist seit September 2012 am Lehrstuhl für Allgemeine Medien- und Kommunikationswissenschaft als Akademischer Mitarbeiter beschäftigt. Zu seinen Arbeits- und Interessensgebieten zählen Phänomene der politischen Öffentlichkeit, politische Unterhaltungskommunikation und visuelle Kommunikation. Gegenwärtig führt er weiterhin ein Promotionsprojekt zur Produktion politischer Unterhaltungssendungen im deutschen Fernsehen durch.

    In den Jahren 2008 bis August 2012 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster auf verschiedenen Positionen und Projekten tätig.

    Von 2003 bis 2007 studierte er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Kommunikationswissenschaft mit den Nebenfächern Psychologie und Deutsche Philologie.

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    Factbox
    Zusammenfassung des Tatorts vom 27. Oktober 2013

    In München steigen die Mieten. Nicht nur im traditionellen Zuwandererviertel Westend stöhnen die Menschen unter den laufenden Baumaßnahmen der Schönheitsrenovierungen. Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr sucht hier vorübergehend Zuflucht – in seiner Wohnung gab es einen Wasserschaden.

    Stolz residiert die einstige Zirkusprinzessin "Calamity Jane", Magda Holzer, hochbetagt in ihrer Villa am Isarufer in München Pullach. Sie wird bedient von der Haushälterin Rosl und dem treuen Kroaten Ante.

    Magdas als vermisst gemeldeter Sohn Florian wird nachts im Aushub einer Baugrube gefunden. Hat ihr wenig geliebter Sohn Peter Schuld an seinem Tod? Immerhin hatten beide Brüder ein Verhältnis mit der schönen Liz, die auch in der Pullacher Villa wohnt. Liz ist Eventmanagerin mit besten Kontakten zur Münchner Stadtverwaltung. Korruption ist in Liz‘ Augen ein Fremdwort. Münchens Kriminalhauptkommissar Ivo Batic vermutet einen Raubmord, er ermittelt in der kriminellen Szene des Westend und erfährt von einem "Luder" aus alten Zeiten.

    Was ist Factual Entertainment?

    Die Hybridform eines Fernsehprogramms, das reale Gegebenheiten und Unterhaltung in einem Format mischt. Beispiele hierfür sind Formate des Reality-TV wie Doku-Soap, Dokutainment, Doku-Drama oder Real-Life-TV. Hierbei überlagern dokumentarische Stilmittel zunehmend die Unterhaltungsfunktionen von etablierten Formen der Fiktion.

    Udo Michael Krüger analysierte 2009 das Fernsehprogramm deutscher Rundfunkanstalten und stellt seine Ergebnisse in seiner Publikation „Factual Entertainment - Fernsehunterhaltung im Wandel“ vor.

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Tatort Gentrifizierung

Der BR-Tatort aus München, eine Baustelle, eine Leiche. Im traditionellen Zuwanderungsviertel Westend schlagen die Wogen hoch, als ein zweifelhafter Bauunternehmen „Schönheitsrenovierungen“ im Viertel durchführt. Die Stadtverwaltung wittert Korruption, die Bewohner des Viertels fürchten die Zerstörung ihres Viertels sowie steigenden Mieten. Als auf der Baustelle ein Bagger auf eine Leiche stößt, schalten sich die Tatort-Kommissare ein und ermitteln zwischen High-Society-Bauunternehmer, Stadtverwaltung und Bewohnern des Viertels.

Tatort: Angelina (V. Sordo) und Hauptkommissar Franz Leitmayr (U. Wachtveitl) demonstrieren gegen die Zerstörung des Westends. (Foto: BR)
Tatort: Angelina (V. Sordo) und Hauptkommissar Franz Leitmayr (U. Wachtveitl) demonstrieren gegen die Zerstörung des Westends. (Foto: BR)

Alles nur Fiktion? Fast, denn das Immobilien- und Gentrifizierungsproblem in München ist ein ganz reales. Nach jüngsten Erhebungen hat München die höchsten Mietpreise in Deutschland. Vor allem in den attraktiven Vierteln im Zentrum der Stadt steigen mit der steigenden Nachfrage nach Wohnraum die Preise und damit das Konfliktpotenzial zwischen Bewohnern und Investoren.

Zusammenfassung des Tatorts vom 27. Oktober 2013


Wie die Politik in die Unterhaltung kommt

Wie? Auf jeden Fall nicht zufällig, glaubt ZU-Forscher Martin R. Herbers am Lehrstuhl für Allgemeine Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er forschte im Rahmen seiner Dissertation zur politischen Unterhaltungsproduktion im Fernsehen. In der Kommunikationswissenschaft wird zuletzt häufiger die Frage diskutiert, welchen Beitrag Unterhaltungsangebote im Fernsehen für die politische Öffentlichkeit leisten können. Laut Martin R. Herbers wird dies im Fach in der Regel entweder aus inhaltlicher Sicht oder aus Sicht der Zuschauer betrachtet. Dabei stellen sich die Forscher Fragen wie: „Welche Themen werden in welcher Form dargestellt“ oder „Was erfährt der Zuschauer über ein bestimmtes Thema“. Doch Herbers will die Sache von der anderen Seite her angehen. Denn während die Seite der Konsumenten bereits fleißig erforscht wird, gibt es auf der Produktionsseite kaum Kenntnisse über den Beitrag der Produzenten zu den Inhalten und somit auch zu den Wirkungen beim Zuschauer. Auch die Frage nach den politischen Absichten der Produzenten interessiert Herbers.

Auf ein Gespräch mit Martin R. Herbers

Herr Herbers, Sie haben Ihre Dissertation zur politischen Unterhaltungsproduktion im Fernsehen Ende November 2013 erfolgreich verteidigt. Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit mit der Frage beschäftigt, wie von Seiten der Produzenten politische Themen in fiktionale Fernsehformate integriert werden. Wie sind sie dabei vorgegangen?

Martin R. Herbers: In einem ersten Schritt habe ich auf der Basis einer Fernsehprogrammstichprobe von zwei natürlichen Wochen alle fiktionalen Formate des Tagesangebots von ARD und ZDF, dem WDR, sowie RTL und ProSieben erhoben. Damit hatte ich die reichweitenstärksten öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten, die ein Vollprogramm anbieten, im Sample, sowie die größte öffentlich-rechtliche regionale Rundfunkanstalt. In einem zweiten Schritt habe ich die verantwortlichen Redakteure für diese Sendungen identifiziert, ebenso wie die verantwortlichen Produktionsfirmen. Mit diesen habe ich dann Kontakt aufgenommen und mit den verantwortlichen Redakteuren und Produzenten telefonisch leitfadengestützten Experteninterviews geführt.



Welche Sendungen haben Sie konkret untersucht?

Hier habe ich meinen Interviewpartner Anonymität zugesichert, so dass ich hier keine konkreten Angebote nennen möchte. Im Sample finden sich aber alle Formen der fiktionalen Unterhaltung, etwa Soap Operas, Telenovelas, ‚klassische’ Fernsehserien und die neueren Angebote des „factual entertainments“ wieder.

Was ist Factual Entertainment?


Welche politischen Themen sind es überhaupt, die in diesen Formaten angesprochen werden?

Martin R. Herbers: Meist sind es Themen, die dem politischen ‚Zeitgeist’ entsprechen – generell also Themen, die sich in der aktuellen politischen Landschaft wiederfinden und die der Zuschauer bereits kennt. Dabei wird aber vor allem darauf geachtet, dass diese Themen in den ‚Kosmos’ der Sendung passen, also vor dem Hintergrund der handelnden Figuren und des Settings der Sendung auch stimmig erzählt werden kann. Dabei wird auch auf den Lebensweltbezug des Zuschauers geachtet. Ein beliebtes Thema ist etwa der Umgang mit Arbeitslosigkeit: Dies ist ein aktuelles Problem, dass in den einzelnen Angeboten gut erzählt werden kann und das auch in der alltäglichen Welt der Zuschauer vorkommen kann. Auch Umweltschutz ist hier beliebt, aber auch konkrete politische Prozesse wie etwa ein Wahlkampf können hier eingebettet werden.


Sie sagen, die Produktionsfirmen geben an, dass politische Themen nicht nur integriert werden, um den Plot voranzutreiben, sondern auch, weil man eine gewisse aufklärerische Verantwortung empfindet. Basiert diese Aussage nicht vielmehr auf Sozialer Erwünschtheit als auf tatsächlicher Handlungsmotivation?

Martin R. Herbers: Die Skepsis gegenüber einer möglichen politischen Funktion von Unterhaltungsangeboten des Fernsehens ist nicht nur von Seiten der Wissenschaft, sondern auch von Seiten kulturkritischer Stimmen groß. Das geht an den Produktionsfirmen natürlich nicht vorbei. Gerade vor diesem Hintergrund habe ich in meinen Interviews sehr engagierte Produzenten und Redakteure erlebt, die sehr darauf bedacht waren, natürlich zu unterhalten, aber diese Unterhaltungsangebote auch mit einem gewissen Sinn und Nutzen zu füllen. Dies begründen sie oft mit einem starken persönlichen Interesse, aber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch mit Hinblick vor dem Anspruch, hier besonders qualitativ hochwertige Angebote herzustellen.


Gibt es konkrete Beispiele, an denen Sie festmachen können, dass es dieses Verantwortungsgefühl tatsächlich gibt und wie es umgesetzt wird?


Martin R. Herbers: Besonders im öffentlich-rechtlichen Bereich lässt sich das in der Themenrecherche und der inhaltlichen Umsetzung konkret aufzeigen. Hier werden die einzelnen Themen teilweise in journalistischer Manier recherchiert. Es wird, etwa bei der Darstellung von Konflikten, mit Vertretern einzelner Interessensgruppen Kontakt aufgenommen; bei der Darstellung von Behörden werden etwa einzelne Mitarbeiter nicht nur befragt, sondern auch eingebunden, etwa als Berater oder als Schauspieler. Dabei wird auch überprüft, welche Figur in der Sendung ein bestimmtes Thema überhaupt glaubwürdig vertreten kann und wie es sich in den ‚Kosmos’ der Sendung einpassen lässt. All dies geschieht, um ein möglichst authentisches Bild des Themas zeigen zu können und so dem Zuschauer des Thema näherzubringen und zu erklären.

Joe Bausch spielt im Tatort den Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth. Im wirklichen Leben ist er Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl.
Joe Bausch spielt im Tatort den Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth. Im wirklichen Leben ist er Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl.

Wie geht es weiter, Herr Herbers?


Martin R. Herbers: Ich plane, weiterhin im Bereich der politischen Unterhaltungsproduktion im Fernsehen zu forschen und hier andere Sendungen in den Blick zu nehmen – etwa Comedy-Angebote wie die "heute-show", "Die Anstalt", oder "StandUpMigranten". Generell plane ich, auch andere Zweige der sog. "Entertainment Industries" in den Blick zu nehmen, um die dort vorherrschenden Produktionsprozesse mit Bezug auf die politische Ebene zu erforschen, etwa im Bereich der Videospiele, der Comics oder der Musik.


Titelbild: BR (Pressematerial)

Bilder im Text: BR (Pressematerial);

Joe bausch hamm“ von Dirk Vorderstraße - Eigenes Werk. 

Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons.

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