Über national betriebenen Fußball

Kicken unter Landesfarben – oder warum eigentlich „Länderspiele“?

von Dr. Joachim Landkammer
27.06.2024
Auch der Autor, bekennender Sportabstinenzler und Fußballlaie, notiert sich die Länderspieltermine der deutschen Nationalmannschaft schon Wochen und Monate vorher im Kalender. Aber warum eigentlich? Über gute Gründe für das schlechte Gewissen beim Länderspielgucken – und mögliche politische Anschlussfragen.

Dr. Joachim Landkammer
Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis
 
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Wie immer die spielerische Qualität dieses Turniers und der mitunter ja eher auch gedämpfte Enthusiasmus der Zuschauer sich noch entwickeln wird, eine These soll jetzt schon gewagt werden, auch auf das Risiko hin, vom weiteren Verlauf des Sommerloch-Großereignisses (scheinbar) widerlegt zu werden – eine These, die man vorsichtshalber als Frage formuliert: Könnte es sein, dass die mittelmäßige bis schlechte, ja manchmal unterirdische spielerische Qualität des auf allen Bildschirmen Gezeigten damit zusammenhängt, dass bei dieser eminenten Mannschaftssportart schlicht die „falschen Leute“ miteinander (und dann ja erst auch gegeneinander) spielen müssen? Erreicht das Ballgeschiebe von Millionengagen einstreichenden Superstars so oft nur knapp Bezirksliganiveau, weil sie in einem mehr oder weniger ad hoc zusammengewürfelten Kollektiv miteinander agieren müssen, das sich nicht, wie ihre jeweiligen (oft: ausländischen!) „Heimatclubs“, durch monatelanges, tägliches Training und wöchentlich regelmäßiges Spiel zusammengefunden hat, sondern das nur unter dem Druck einer mit fragwürdigen Emotionen aufgeheizten Öffentlichkeit und nur nach Maßgabe des wohl zufälligsten und überholtesten aller denkbaren Kriterien zustandekommt: nämlich dem gleichen Geburtsland oder Pass. In anderen Worten: Ist nicht hier, wie anderswo eben doch auch so oft, das Nationale das Fatale?


Kein halbwegs vernünftiger Trainer der Welt würde doch, wenn er an der Verwirklichung und Umsetzung einer Strategie und einer Spielidee, also an einer wirklichen einheitlichen, gut zusammenpassenden „Mannschaft“ interessiert wäre, bei der Zusammenstellung seiner Leute auf so ein extrinsisches und gestriges gemeinsames Merkmal achten wie die nationale Zugehörigkeit jedes Einzelnen. Genauso sinnvoll wie gemäß der gleichen nationalen Herkunft könnte man versuchen, Mannschaften zu bilden aus lauter Männern mit der gleichen Haarfarbe, mit der identischen Blutgruppe, mit dem gleichen Sternzeichen oder mit dem gleichen Anfangsbuchstaben im Nachnamen – oder auch mit der gleichen Präferenz in der Frage „Butter unter die Nutella – ja/nein?“. Falls zum Beispiel Männer mit auffälliger Zahnstellung für die Bildung einer (dann von einem Dentalbedarf-Unternehmen gesponserten) Mannschaft gesucht würden, könnte man derzeit einen norddeutschen Mittelstürmer empfehlen…

Ist ihnen doch gar nicht so wichtig: Nur ein Drittel der „fußballinteressierten“ Deutschen hält Länderspiele für wichtiger als Klubfußball. Muss man dann mit Blick auf die vollen Fanzonen nicht folgern: Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft interessieren in Deutschland offenbar vor allem die nicht-„fußballinteressierten“ Deutschen?
Ist ihnen doch gar nicht so wichtig: Nur ein Drittel der „fußballinteressierten“ Deutschen hält Länderspiele für wichtiger als Klubfußball. Muss man dann mit Blick auf die vollen Fanzonen nicht folgern: Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft interessieren in Deutschland offenbar vor allem die nicht-„fußballinteressierten“ Deutschen?

Katrin Göring-Eckhardts begeistert-naiver (und schnell wieder gelöschter) Tweet, der zum Ausdruck bringen wollte, die Hautfarbenvielfalt der deutschen Nationalmannschaft sei ein Faktor des sportlichen Erfolgs und eine „rein weiße“ Mannschaft stünde wohl sehr viel schlechter da, ist nicht nur wegen ihres unterschwellig rassistischen Antirassismus problematisch, sondern auch, weil sie die grundsätzliche Frage nach der ja zumindest ebenso fragwürdigen Legitimität der landsmannschaftlichen Zusammengehörigkeit der „Auswahl“ dann offensichtlich nicht stellt. Warum dürfen da nur junge(!) Männer(!) zusammen die gleichen Trikots tragen, bei denen im Personalausweis neben anderen Zufallseinträgen wie „röm.-kath.“, „1.85 cm“, „kastanienbraun“ und „graublau“ auch noch das Wort „deutsch“ steht?

Gerade die ausschweifende Rhetorik über die angeblich menschenschöpferischen Fähigkeiten der Trainer, aus den so sachfremd zusammengeholten Spielern (von denen viele ja nicht einmal in dem Land leben und arbeiten, das sie nun „repräsentieren“ sollen) „eine“ Mannschaft zu „formen“, sagt, was wahre Fußballexperten schon immer sagen und gewusst haben: Wirklich ernsthafter Fußball ist einzig und allein der Klubfußball auf nationaler wie internationaler Ebene, also das Aufeinandertreffen von jahrelang eingespielten, durch permanente Zusammenarbeit, täglichem Kontakt und gut erprobter und bewährter gemeinsamer Spielerfahrung zusammengewachsenen Teams. Hingegen kann ein unter dem temporären Druck eines nationalen Aufmerksamkeitshypes mit heißer Nadel zusammengestricktes Verlegenheitshäuflein doch immer nur aus Zufall rein fußballerisch überzeugen (für diese Zufälligkeit wird dann der Begriff der „Turniermannschaft“ aus der Phrasenkiste geholt) – und von „nationalen“ Fußballstilen ernsthaft zu sprechen, wagen heute sowieso nur noch hoffnungslose Nostalgiker und laienhafte Boulevardjournalisten.

Im Vergleich zum avancierten, variantenreichen, differenzierten und hochentwickelten Fußball der großen Klubs müssten bekennende Kennerinnen und Kenner (wenn sie denn den Mut zur Wahrheit hätten) jeden Nationalmannschaftsfußball eigentlich als populistische Degeneration, als rohes Ballgetrete für den biertrinkenden, gröhlenden, fahnenschwenkenden Pöbel ansprechen – oder, etwas weniger naserümpfend formuliert, als „niedrigschwelliges“ Vergnügungsangebot für die ganze Familie, football light im Gegensatz zum schwer durchschaubaren wöchentlichen Klubwettkampf für die feinsinnigen Genießer. Die Europameisterschaft wäre dann wie ein Open-Air-Sommer-Festival für die sogenannte „klassische“ Musik: André Rieu fiedelt vor fünftausend Leuten Mozart auf der Waldbühne, das Publikum hat Stullen und Bierdosen dabei und klatscht immer an den falschen Stellen.

Aber auch diesseits solcher elitaristischen Expertenüberheblichkeit wird man, wenn „National“-Mannschaften spieltechnisch eigentlich unsinnig sind, sich fragen dürfen, welche sozialtechnische Funktion sie stattdessen tatsächlich erfüllen; und wird relativ schnell fündig werden bei anderen sachfremden Begründungen und Motivlagen, und zwar bei solchen, die man auch nicht wirklich gutheißen können wird. Der gern genannte „Kommerz“ benennt dabei wahrscheinlich nur das Oberflächenphänomen, das von den zugrundeliegenden Massenhaltungen und -bedürfnissen profitiert und sie freilich auch mit allen Marketingtricks befördert. Aber der Identifikationswille und die Begeisterungsfähigkeit für eine Mannschaftssportart, die unter solch sachlich sinnwidrigen, einzig das „Nationalgefühl“ befriedigenden Bedingungen und Restriktionen vorgeführt wird, darf vielleicht gerade vor dem Hintergrund des gegenwärtigen politischen „Rechtsrucks“ in Europa bedenklich stimmen.

Stecken auch dahinter immer „kluge Köpfe“? Jedenfalls sieht man so vor lauter Nationalfahne doch das Spiel gar nicht mehr.
Stecken auch dahinter immer „kluge Köpfe“? Jedenfalls sieht man so vor lauter Nationalfahne doch das Spiel gar nicht mehr.

Freilich soll es hier nicht um spielverderberische Bedenkenträgerei gehen, die allzu voreilig hinter den als „Fankulturen“ verbrämten Potenz- und Gewaltritualen gleich die „hässliche Fratze“ des nationalistischen Revanchismus und der ethnischen Überlegenheitsbehauptung entdecken will. Es geht um die fragwürdige, vom nationalen Spielmodus suggerierte Vermutung, dass so etwas wie Einheit und Gemeinschaftsleistung einfach dadurch zu erzielen sei, dass man einzelne „Player“ nach willkürlichen Zusammengehörigkeitskriterien zusammenbringt, ihnen gleichfarbige Leibchen überzieht und unter der gleichen Flagge antreten lässt. Jede mißlungene, langweilige, uneffektive Performance der in diesen Tagen allabendlich zu besichtigenden sog. „Nationalmannschaften“ könnte nur insofern instruktiv sein, als sie zeigt, dass gemeinsames, einheitliches, aufeinander abgestimmtes und erfolgreiches Handeln von Akteuren, die außer der gleichen Staatsangehörigkeit nichts eint als die externe Erwartung, dass das auch gelingt, hoch unwahrscheinlich ist.

Der Sport demonstriert ad oculos, in seiner jegliches Gerede vor und nach dem Spiel widerlegenden Real-(In)-Effizienz, daß es eben nicht genügt, die gleichen Farben zu tragen, um sinnvoll gemeinsam zu agieren. Und das gilt für die drei Farben einer beliebigen Flagge genauso wie zum Beispiel für die drei Farben einer Ampel: Die gleichen Leute, die der aktuellen Regierungskoalition permanent vorhalten, wie uneinheitlich, unabgestimmt, heterogen, widersprüchlich sie sich äußert und handelt und die daher lieber zu Protestparteien laufen, die als „Alternative“ zu diesem angeblichen „Chaos“ Homogenität, Einheit, Schlagkraft und „Machen statt Diskutieren“ propagieren, sehen dann großzügig darüber hinweg, dass den elf „für Deutschland“ antretenden Männern auf dem Rasen noch sehr viel weniger Koordination und Kooperation gelingt. Das Schwarz-Rot-Gold nobilitiert jede Schwäche und Einfallslosigkeit, während das Rot-Gelb-Grün ohne Hemmungen für alles verantwortlich gemacht wird, was im Land nicht funktioniert.

Es braucht heutzutage eine eigene Zeitschrift und eine Website, um uns schon in ihrem Titel daran zu erinnern, daß wir zum Fußballspielen „elf Freunde“ sein müssen, und dass eine gute Portion selbstironischer kritischer Abstand zur Sache „dem Spiel gut tun würde“, um es mit der Kommentatorenfloskel zu sagen. Normalerweise sind wir aber weder zu permanenten Scherzen aufgelegt noch eben miteinander „befreundet“ (und wollen es auch gar nicht sein), müssen aber trotzdem miteinander irgendwie einen „gemeinsamen“ Weg finden. Und der ist eben dann das, was viele Fußballspiele, vor allem eben die unter überhöhten Erwartungen in Nationalfarben vorgeführten, in der Zuschauerperspektive auch sind: unansehnlich, langweilig, ineffizient, einfallslos.

„Der Plüschtrampel sieht aus, als ob man einen behaarten Fußball auf eine Tonne geschraubt hätte und blickt aus riesigen wässrigen Augen der EM entgegen.“ (Berliner Zeitung, Einfach albärn: Das Maskottchen der EM 2024 ist eine Scheußlichkeit, 16.05.2024). Die bunte Farbmischung und die Tapetenmuster des Trikots sollen wohl neutrale Internationalität signalisieren; erkennbar Schwarz-Rot-Gold sind nur die klobigen Sofapantoffel: rechts wie links gleicherweise national eingefärbt, zum Kicken eher ungeeignet. Vermutlich mußte Albärt deswegen vor allem Kopfbälle spielen und hat nun keinen Hals mehr?
„Der Plüschtrampel sieht aus, als ob man einen behaarten Fußball auf eine Tonne geschraubt hätte und blickt aus riesigen wässrigen Augen der EM entgegen.“ (Berliner Zeitung, Einfach albärn: Das Maskottchen der EM 2024 ist eine Scheußlichkeit, 16.05.2024). Die bunte Farbmischung und die Tapetenmuster des Trikots sollen wohl neutrale Internationalität signalisieren; erkennbar Schwarz-Rot-Gold sind nur die klobigen Sofapantoffel: rechts wie links gleicherweise national eingefärbt, zum Kicken eher ungeeignet. Vermutlich mußte Albärt deswegen vor allem Kopfbälle spielen und hat nun keinen Hals mehr?

Das fußballtechnisch sinnlose nationale Zusammengehörigkeitskriterium soll darüber hinwegtäuschen, dass wirkliche und effektive Einheit und Zusammenarbeit nur Produkt hochintensiver, aufwendiger Vorbereitung, mühevollen Trainings und ausreichender Spielpraxis sein können. Die vorübergehende, langfristig weitgehend folgenlose Phasen-Nationalisierung des Fußballs zu Zeiten von Europameisterschaft und Weltmeisterschaft schadet der Gesellschaft, weil sie der Übertragung falscher, da an extrinsische Zusammengehörigkeitskriterien geknüpfter Einheitserwartungen auch auf andere Bereiche Vorschub leistet. Der oft so trostlos schlechte Nationalfußball entzaubert zumindest diese Illusion; dafür wird man ihm gerade an enttäuschenden, gähnend langweiligen Länderspielabenden dankbar sein müssen.

Oder so: „Fußballverdrossenheit“ ist normal und einfach zu erklären, und niemand gründet deswegen gleich eine Partei zur Abschaffung von Länderspielen. Warum reagiert man hingegen auf jeden Anflug von „Politikverdrossenheit“ mit Extremismus, Hetze und Rechtsruck?

Überarbeitete Fassung eines Textes, der am 27.06.2024 hier veröffentlicht wurde.

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