Open Innovation

Toffifee für die Spülmaschine

Die Spülmaschinentabs von Henkel werden auf einer Maschine hergestellt, deren Technik ursprünglich bei der Toffifee-Produktion zum Einsatz kam. Das ist ein typisches Beispiel für Cross-Industry-Innovation.

Karoline Bader
 
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    Zur Person
    Karoline Bader

    Karoline Bader machte ihren Master in "Corporate Management and Economics" an der ZU und schrieb ihre Masterarbeit über Strategic Archetypes of Open Innovation. In ihrer Forschung als Akademische Mitarbeiterin und Doktorandin am Dr. Manfred Bischoff Institut der EADS beschäftigt sie sich mit Aspekten der Open Innovation und Cross-Industrie-Innovation, außerdem gibt sie dazu eine Lehrveranstaltung.

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    Factbox
    Open Innovation und Cross-Industry-Innovation

    Der Begriff Open Innovation stammt vom US-amerikanischen Ökonom Henry Chesbrough und steht für die Öffnung von Innovationsprozessen für andere Stakeholder - im Normalfall den Kunden oder Lieferanten. Ziel ist die strategische Nutzung von externem Wissen, um neue Innovationen zu ermöglichen. Cross-Industry-Innovation bezeichnet eine Spezialform der Open Innovation, bei dem Ideen oder Konzepte adaptiert werden, die nicht aus der eigenen Branche stammen.

    Was bedeutet Crowdsourcing?

    Zusammengesetzt aus Crowd und Outsourcing beschreibt die Wortschöpfung Crowdsourcing das Auslagern einer normalerweise intern und gegen Entgelt erbrachten Leistung an eine Masse von freiwilligen Akteuren. Das Aufkommen des Internet, insbesondere des Web 2.0, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich heute viele Unternehmen die "Schwarmintelligenz" ihrer Kunden zu Nutze machen und von der leichten Erreichbarkeit der User profitieren. Eines der bekanntesten Beispiele für Crowdsourcing ist das Onlinelexikon Wikipedia. Dort befindet sich auch ein guter Artikel mit vielen weiterführenden Informationen.

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Wenn sich ein Profi-Skifahrer wie Felix Neureuther die berüchtigte Streif hinabstürzt, erreicht er Geschwindigkeiten von weit über 100 km/h. Die Ski unter seinen Füßen müssten bei diesem Tempo eigentlich wie wild anfangen zu flattern. Aber in diesem Moment profitiert er davon, dass er auf nicht auf gewöhnlichen Holzbrettern steht, sondern auf hochmoderner Technik.

Zwar haben kraftstrotzende Skiprofis und filigrane Geigenspieler auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam, und doch nutzen sie für ihre Berufsausübung teilweise die gleiche Technik. Der Ski-Hersteller Fischer hat sich das Know-how eines Instrumentenbauers zu Nutze gemacht. Um das Schwingungsverhalten bei hohen Geschwindigkeiten zu optimieren, kommt ein Gitternetz aus Metallgranulat zum Einsatz, das auch den Klang von Geigen, Bratschen und Celli verbessert.

Moderne Technik macht's möglich: Felix Neureuther rast hinab ins Tal - und unter seinen Füßen flattert nichts.
Moderne Technik macht's möglich: Felix Neureuther rast hinab ins Tal - und unter seinen Füßen flattert nichts.

„Das ist ein typisches Beispiel für Cross-Industry-Innovation, das zeigt, wie Unternehmen von Erkenntnissen aus völlig anderen Branchen profitieren können“, sagt Karoline Bader vom Dr. Manfred Bischoff Institut für Innovationsmanagement der EADS. An der Zeppelin untersucht sie das Innovationsmanagement von Organisationen. Ein Forscherteam um Professorin Ellen Enkel hat in einer zweijährigen Untersuchung mit zwölf Unternehmen herausgefunden, dass Cross-Industry-Innovation die Entwicklungszeit neuer Produkte halbieren und die Kosten um ein Drittel senken kann. „Allmählich begreifen Unternehmen, dass die besten Ideen nicht immer aus den eigenen Reihen oder der eigenen Branche kommen müssen“, beschreibt Bader, wie sich Konzerne nach und nach gegenüber externem Wissen öffnen. „Dementsprechend ist in den letzten Jahren ein echter Hype um den Begriff Open Innovation entstanden.“

Open Innovation und Cross-Industry-Innovation


Zwar gibt es den Ausdruck Open Innovation erst seit zehn Jahren, der dahintersteckende Gedanke ist aber schon länger in der Welt. Bereits 1986 hat Eric von Hippel, ein bekannter Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Lead-User-Methode beschrieben. Dabei suchen Unternehmen nach besonders innovativen Kunden und lassen deren Ideen in die Entwicklung neuer Produkte mit einfließen.

Das Wissen soll fließen - in beide Richtungen

„Heute würde man die Lead-User-Methode dem Outside-In-Prozess zuordnen“, sagt Bader. „Dabei wird externes Wissen punktuell in den Innovationsprozess integriert. Das muss nicht zwangsläufig von Kunden des Unternehmens kommen; auch Zulieferer oder andere Partner wie etwa Universitäten können an der Produktentwicklung beteiligt werden.“ Doch der Wissensfluss ist keine Einbahnstraße: Beim Inside-Out-Prozess soll internes Wissen vermarktet werden, indem man zum Beispiel Patentrechte anbietet und dafür Lizenzgebühren einstreicht. „Und als dritte Erscheinungsform von Open Innovation gibt es noch den sogenannten Coupled-Prozess“, ergänzt Bader. „Damit sind langfristige Forschungs- und Entwicklungsprojekte zwischen zwei oder mehr Partnern gemeint. Das kann bis hin zu kooperativen Geschäftsmodellen gehen.“


Diesen Weg sind beispielsweise der niederländische Elektrokonzern Philips und der US-Konsumgüterhersteller Sara Lee gegangen. Zusammen entwickelten sie 2001 das Portionskaffeesystem Senseo; Philips übernahm die „Hardware“, also die Kaffeemaschinen, Sara Lee kümmerte sich um die „Software“, die Kaffeepads.

Für solche Fans kann man Philips und Sara Lee nur beglückwünschen: eine sandige Hommage an die Kaffeepadmaschine Senseo.
Für solche Fans kann man Philips und Sara Lee nur beglückwünschen: eine sandige Hommage an die Kaffeepadmaschine Senseo.

Andere Unternehmen haben Open Innovation gar zur offiziellen Strategie erhoben. Im Jahr 2000 sah es wirtschaftlich schlecht aus für Procter & Gamble. Als der Aktienkurs nach miesen Quartalszahlen um 60 Prozent eingebrochen war, brachte das Innovationsprogramm Connect+Develop die Rettung – so zumindest lautet die Erfolgsgeschichte, die heute von der Pressestelle gerne erzählt wird. Man wollte künftig die Hälfte aller Produkte auf Grundlage externer Erfindungen entwickeln. Dieses Ziel ist mittlerweile erreicht; während die Forschungsausgaben von Procter & Gamble gesunken sind, tragen Ideen von außerhalb mit jährlich mehreren Milliarden US-Dollar zum Umsatz bei.

Nicht verzagen, Innocentive fragen!

Möglich wird das nicht zuletzt dank Crowdsourcing-Plattformen wie Atizo oder Innocentive. Dort stellen Konzerne Forschungsfragen, an denen sich die eigenen Mitarbeiter die Zähne ausbeißen. Die Lösung belohnen sie mit einem Preisgeld, meist zwischen 10.000 und 100.000 Dollar. Für die Entwicklung eines Mittels zur Früherkennung der tödlichen Nervensystemerkrankung ALS wurde gar eine Million US-Dollar ausgeschüttet. Knapp 300.000 sogenannte Solver tüfteln an den Problemen der Seeker. Vorschläge darf jeder einsenden, Studenten und Professoren, Hausfrauen und Rentner. Über 40 Millionen US-Dollar haben die Unternehmen bislang an die Freizeitforscher überwiesen – gut investiertes Geld, denn an einer Innocentive-Lösung verdienen sie im Schnitt 20-mal mehr, als sie dem Erfinder zahlen.

Was bedeutet Crowdsourcing?


Angesichts solcher Erfolgsgeschichten scheint es unverständlich, warum manche Firmen noch immer davor zurückschrecken, ihren Innovationsprozess für externes Wissen zu öffnen. Doch auch dafür gebe es Gründe, sagt Karoline Bader: „Die Formel je offener, desto besser ist nicht immer richtig. Um von Open Innovation zu profitieren, müssen Strategie und Kultur des Unternehmens dazu passen.“ Mitarbeiter sollten bereit sein, Ideen von außen anzunehmen. Diese Offenheit lasse sich nicht von heute auf morgen verordnen.

Wie das funktionieren kann, zeigt der deutsche Großkonzern Henkel. Dort gibt es seit 2005 den internen „Borrow with Pride“-Award. „Damit werden Teams belohnt, die eine unternehmens- oder sogar branchenfremde Technologie erfolgreich für Henkel adaptieren“, erklärt Bader. „Mitarbeiter lassen sich von Lösungen und Konzepten aus anderen Branchen inspirieren und übertragen diese auf ihre eigenen Probleme. Zum Beispiel werden Spülmaschinentabs auf einer Maschine hergestellt, deren Technik ursprünglich bei der Toffifee-Produktion zum Einsatz kam.“ Bei beiden Produkten würden drei verschiedene Rohstoffe miteinander verbunden. Also habe sich Henkel auf der Anuga, der größten Food-Messe der Welt, inspirieren lassen und einfach Schokolade, Karamell und Nuss-Nougat-Creme durch Reiniger, Klarspüler und Spülmaschinensalz ersetzt.

Henkel hat die drei Toffifee-Zutaten durch durch Reiniger, Klarspüler und Spülmaschinensalz ersetzt - und produziert mit derselben Technik Spülmaschinentabs.
Henkel hat die drei Toffifee-Zutaten durch durch Reiniger, Klarspüler und Spülmaschinensalz ersetzt - und produziert mit derselben Technik Spülmaschinentabs.

Für die Unternehmen macht sich der Blick über den brancheneigenen Tellerrand hinaus in barer Münze bezahlt. Den Kunden wird es freilich egal sein, dass sie gerade eine umfunktionierte Schoko-Praline in ihre Spülmaschine stecken. Ebenso dürfte sich Felix Neureuther kaum dafür interessieren, dass er vom Know-how eines Geigenbauers profitiert, wenn er ins Tal hinab rast. Hauptsache, die Gläser sind sauber und der Ski flattert nicht.

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