Gehirn und Gesellschaft

Neurosoziologie - Ein Versuch

Die Menschheit verdankt ihre Intelligenz der Beobachtung von Versuchen, sich gegenseitig hereinzulegen.

Prof. Dr. Dirk Baecker
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Dirk Baecker

    Professor Dr. Dirk Baecker ist Inhaber des ZU-Lehrstuhls für Kulturtheorie und –analyse. Der studierte Soziologe und Nationalökonom forschte und lehrte in Bielefeld, Wien, Kalifornien, Maryland und London und wurde 1996 an die Universität Witten/Herdecke auf den Lehrstuhl für Unternehmensführung, Wirtschaftsethik und sozialen Wandel berufen. 2000 folgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an derselben Universität und die Mitbegründung des Management Zentrums Witten.  

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    Das Buch "Neurosoziologie - Ein Versuch" von Prof. Dr. Dirk Baecker erschien am 10. März 2014 im Suhrkamp Verlag. Die Soziologie hat den steilen Aufstieg der Hirnforschung, der mit dem Aufkommen neuer bildgebender Verfahren seinen Ausgang nahm, bislang eher zögernd beobachtet. Eine soziologische Theorie des Gehirns fehlt, ähnlich wie die Schwerkraft oder den Sauerstoff setzte man das Vorhandensein dieses Organs einfach voraus. Ausgehend von den Berührungspunkten in den Überlegungen, die Autoren wie Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Niklas Luhmann zu geschlossenen Systemen anstellten, lässt sich Dirk Baecker nun erstmals auf dieses interdisziplinäre Wagnis »hart an der Grenze der Kompetenzüberschreitung« ein. Man könne, so Baecker, die Neuropublizisten, die aus fragwürdigen Forschungsergebnissen noch fragwürdigere Konsequenzen für den Reformbedarf von Schulen, Gerichten, Sendeanstalten und Internetdiensten ableiten, schließlich nicht ungestraft aus den Augen lassen.

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Können Sie für den Leser ohne größere Vorkenntnisse beschreiben, worin es in Ihrem Buch geht?


Prof. Dr. Dirk Baecker: Es geht um den Versuch, die Bedingungen zu beschreiben, unter denen man annehmen kann, dass das Gehirn des Menschen seine Anatomie und seine Leistungsfähigkeit auch dem Umstand verdankt, dass der Mensch sich sozial behaupten muss. Oder anders formuliert: Es geht um die Frage, ob die Tatsache, dass das Gehirn des Menschen nur im Plural auftritt, Konsequenzen für die Operationen jedes einzelnen Gehirns hat. In der Sprache der Neurowissenschaften könnte man sagen, dass es darum geht, zusätzlich zur Erste-Person-Perspektive, also mein Verhältnis zu meinem, für mich unzugänglichen Gehirn, und zur Dritte-Person-Perspektive, dem Verhältnis des Neurophysiologen zu einem Gehirn auf seinem Seziertisch oder unter seinem Scanner, auch eine Zweite-Person-Perspektive einzuführen. Eine soziologische Theorie des Gehirns fragt nach der Rolle des Du beim Aufbau und bei den neuronalen Operationen des Gehirns.

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Welche Grundthesen vertreten Sie?


Baecker: Ich vertrete nur eine Grundthese. Diese Grundthese muss ich mithilfe von Immanuel Kant entwickeln, weil die Soziologen sich bisher trotz Alexandr R. Lurija zu wenig mit dem Gehirn beschäftigt haben. Und diese These lautet, dass es soziologisch unmöglich ist, ein Gehirn zu verstehen, wenn man nicht davon ausgeht, dass das Gehirn mit einem dreifach Unbedingten arbeitet: dem kategorial Unbedingten des Subjekts, eine Ichkonstruktion, dem hypothetisch Unbedingten einer Reihenbildung, der Objektkonstruktion und dem disjunkt Unbedingten eines Systems, einer Weltkonstruktion. So Kant in der Kritik der reinen Vernunft im Abschnitt über die transzendentale Dialektik. Subjekt, Objekt und die Aufteilung der Welt in ihre Teile, heute würde man sagen es geht um die Setzung von Unterscheidungen, müssen jederzeit zur Disposition stehen, andernfalls würden wir uns in unseren eigenen Fallstricken verfangen.

So sieht das Gehirn für einen Neurowissenschaftler aus. Wie verändert sich aber die Betrachtung, wenn ein Soziologe sich die Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Gehirn und seinem gesellschaftlichen Umfeld ansieht?
So sieht das Gehirn für einen Neurowissenschaftler aus. Wie verändert sich aber die Betrachtung, wenn ein Soziologe sich die Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Gehirn und seinem gesellschaftlichen Umfeld ansieht?

Für einen Neurowissenschaftler besitzt ein gesundes Gehirn im bildgebende Verfahren wahrscheinlich stets einen ähnlichen Aufbau. Trotzdem denken und fühlen Menschen sehr unterschiedlich. Werden soziologische und psychologische Aspekte in der Hirnforschung zu wenig beachtet?


Baecker: Nein, tatsächlich ist es so, dass das Gehirn eines Menschen im Aufbau seines neuronalen Aufbaus so individuell, also unverwechselbar ist wie ein Fingerabdruck. Wir bilden unser neuronales Netzwerk im Laufe unseres Lebens aus. Unser Gehirn ist zum einen biologisch gegeben und zum anderen ein Ergebnis unserer Übung. In den Neurowissenschaften spielt die Psychologie daher schon lange eine große Rolle, zumal man hier viele Effekte, für die man sich interessiert, im Labor und im Experiment testen kann. Die Soziologie spielt in den Neurowissenschaften bisher in der Tat eine geringe Rolle. Immerhin gibt es jüngst eine vielversprechende Forschungsrichtung namens Critical Neuroscience und in den USA seit den 1970er Jahren auch eine Neurosoziologie, die der einzigartigen Rolle positiver Gefühle beim Aufbau menschlicher Gesellschaften nachgeht. Mit der tatsächlichen Komplexität menschlichen Verhaltens in entwickelten Gesellschaften hat das jedoch noch nicht sehr viel zu tun.

Dringend gesucht: Theorien und Experimente

Muss die Hirnforschung neben neurobiologischen und – chemischen Erkenntnissen soziale Prozesse, besonders auch die Interaktionen zwischen Gehirnen, in eine seriöse Forschung einbeziehen und wie könnte eine solche Einbeziehung aussehen?


Baecker: Sie müsste sich überlegen, wie ein experimentelles Setting aussehen kann, dass der Rolle des Unbedingten, also immer wieder neu und hoch irritabel neu zu Bedingenden für die menschliche Vorstellungskraft und in der menschlichen Urteilsfindung auf die Spur kommt. Die Soziologie kommt den Neurowissenschaften hier entgegen, indem sie ihrerseits expliziter nach Körper, Sprache und Emotionen fragt, als sie dies bisher getan hat. Soziales Verhalten kommt im Kontakt zwischen Organismus, Psyche, Technik, Kultur und sozialer Umwelt zustande. Wir brauchen einerseits eine genauere theoretische Grundlage, die die genannten Determinanten als Variablen aufeinander zu beziehen vermag. Und wir benötigen andererseits experimentelle Verfahren, die Daten produzieren, in denen wir uns auf die Suche nach Korrelationen machen können. Auch hier machen die Neurowissenschaften jüngst durchaus Fortschritte.

Neurowissenschaftliche Tests und Studien messen die Gehirnströme mit aufwendiger Technik, können aber keinen Einblick in die soziologische Perspektive liefern. Woran es der Neurosoziologie mangelt, versucht Dirk Baecker in "Neurosoziologie - Ein Versuch" zu erklären.
Neurowissenschaftliche Tests und Studien messen die Gehirnströme mit aufwendiger Technik, können aber keinen Einblick in die soziologische Perspektive liefern. Woran es der Neurosoziologie mangelt, versucht Dirk Baecker in "Neurosoziologie - Ein Versuch" zu erklären.

Hersteller unterschiedlichster Produkte und Internetdienste versuchen, sich die Erkenntnisse der Hirnforschung zu Nutzen zu machen, ohne soziologischen Theorien einzubeziehen. Sehen Sie hierin eine Gefahr?


Baecker: Nicht wirklich. Die Menschheit verdankt ihre Intelligenz der Beobachtung von Versuchen, sich gegenseitig hereinzulegen. Nicht zufällig sind Märkte und Theater in menschlichen Gesellschaften parallel entwickelt worden. Auf dem einen Feld lernt man zu beobachten, wie man auf dem anderen Feld betrogen werden kann. Solange die Gesellschaft hinreichend differenziert ist und nicht alle das Gleiche machen, mache ich mir nicht wirklich Sorgen um unsere wechselseitige Beobachtungsfähigkeit und daher auch Kritikfähigkeit.


Was bringt einen Kulturtheoretiker dazu, sich mit einem solchen Thema zu beschäftigen?


Baecker: Die Neugier, die Faszination und der Eindruck, dass die kulturelle Reflexion der Spielräume sozialen Verhaltens eine ihrerseits lange unterschätzte Kodeterminante unseres Lebens ist.


Titelbild: Emilio Garcia / flickr.com
Bilder im Text: Reigh LeBlanc / Ars Electronica / flickr.com

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