30 Jahre DAX

Spieglein, Spieglein an der Börse

Auch wenn gerüchteweise mittlerweile einige Hedgefonds durch Leerverkäufe von DAX-Titeln auf einen DAX-Crash wetten, gibt es keine eindeutigen Anzeichen für einen Crash, jedoch herrscht eine gewisse Unsicherheit vor insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Konjunktur, Inflation und Zinsen in den USA. Aber auch die Unsicherheit über diese Unsicherheit ist unsicher.

Prof. Dr. Franziska Peter
Lehrstuhl für Empirische Kapitalmarktforschung & Ökonometrie
 
  •  
    Zur Person
    Prof. Dr. Franziska Peter

    Prof. Dr. Franziska Peter ist seit 2016 Inhaberin des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung und Ökonometrie an der Zeppelin Universität. Nach ihrem Studium in „International Economics“ in Tübigen und Newcastle führte sie ihr Weg zunächst an das Department of Statistics, Econometrics and Empirical Economics ihrer Alma Mater in Baden-Württemberg. 2011 promovierte sie sich mit einer Dissertation mit dem Titel „Where is the Market? Three Econometric Approaches to Measure Contributions to Price Discovery“. Nach postdoktoraler Forschung in Tübingen zog es Peter 2016 schließlich nach Friedrichshafen.  

  •  
    Mehr ZU|Daily
    Im Hirn des Börsenhändlers
    Aus Angst vor dem Fremden legen Aktienanleger ihr Geld besonders gerne in ihrem Heimatland an, erklärt Professor Dr. Peter Kenning in seiner Studie zur Anlagenverzerrung (Home Bias). Die Stuttgarter Zeitung blickt ins „Gehirn des Börsenhändlers".
    Millisekunden, Millionengewinne
    Schneller, höher, weiter – so könnte das Motto für Hochfrequenzhandel lauten – der Handel von Wertpapieren durch extrem schnelle Computer. Millionendeals in Millisekunden – eine Gefahr für Märkte und Verbraucher? Prof. Dr. Franziska Peter wagt einen Ausflug aufs digitale Börsenparkett.
    Kaufen, Kaufen, Kaufen!
    Eine Welle von angekündigten Aktienrückkaufprogrammen schwappte in den letzten zwei Jahrzehntnen über die weltweiten Märkte. Woran das liegt hat ZU-Prof. Dr. Mark Mietzner grundlegend untersucht.
  •  
     
    Hä...?
    Haben Sie Fragen zum Beitrag? Haben Sie Anregungen, die Berücksichtigung finden sollten?
    Hier haben Sie die Möglichkeit, sich an die Redaktion und die Forschenden im Beitrag zu wenden.
  •  
    Teilen
    Empfehlen

Was genau ist der DAX?


Prof. Dr. Franziska Peter: Der Deutsche Aktienindex (DAX) bildet die 30 umsatzstärksten und der Marktkapitalisierung nach größten Aktien – die sogenannten Blue Chips – der Frankfurter Börse ab. Zugleich ist der DAX das bekannteste Börsenbarometer und repräsentiert rund 80 Prozent der Marktkapitalisierung börsennotierter deutscher Aktiengesellschaften. An sich ist er ein mathematisches Konstrukt und wird mithilfe der Indexformel nach Étienne Laspeyres berechnet – basierend auf der Gewichtung der einzelnen DAX-Titel nach der Marktkapitalisierung der sich im Streubesitz befindlichen Aktien.


Mittlerweile wird der DAX als sogenannter Real-Time-Index sekündlich von der Deutschen Börse AG während der regulären Handelszeiten und basierend auf den aktuellen Kursen des elektronischen Handelssystems XETRA herausgegeben. Der DAX wurde am 31. Dezember 1987 auf 1000 Indexpunkte normiert und am 1. Juli 1988 mit 1163,52 Punkten zum ersten Mal veröffentlicht, wobei tägliche Rückrechnungen bis 1959 existieren. Seine Zusammensetzung unterliegt dabei einer quartalsweisen Anpassung, die heutzutage rein quantitativ und voll automatisch nach klaren Regeln durchgeführt wird. Dabei spielen die bereits erwähnte Marktkapitalisierung und der Umsatz an der Frankfurter Wertpapierbörse die größte Rolle.

Die Frankfurter Börse – hier ist der Dax zuhause. Doch während der Dow Jones schon vor 122 Jahren gegründet wurde, hob die Frankfurter Wertpapierbörse den Dax erst am 1. Juli 1988 aus der Taufe. Er beendete ein wildes Durcheinander von Indizes, die allesamt Orientierung geben sollten. Es gab einen Index der Börsen-Zeitung, einen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und einen der Commerzbank. „Wir wollten ein nach außen wirkendes Symbol haben – vergleichbar dem Dow Jones“, erklärt Rüdiger von Rosen, der damals mit an der Erfindung des Dax beteiligt war. Anfangs tat sich der Dax noch schwer. Er stand in Konkurrenz zur Parkettbörse. Erst mit der Einführung des Xetra-Handels im November 1997 begann sein Siegeszug. Der Mega-Börsengang der Deutschen Telekom sorgte für eine Börseneuphorie in den späten 1990er-Jahren, die den Dax bis auf das Rekordhoch von 8.136 Punkte im März 2000 trieb.
Die Frankfurter Börse – hier ist der Dax zuhause. Doch während der Dow Jones schon vor 122 Jahren gegründet wurde, hob die Frankfurter Wertpapierbörse den Dax erst am 1. Juli 1988 aus der Taufe. Er beendete ein wildes Durcheinander von Indizes, die allesamt Orientierung geben sollten. Es gab einen Index der Börsen-Zeitung, einen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und einen der Commerzbank. „Wir wollten ein nach außen wirkendes Symbol haben – vergleichbar dem Dow Jones“, erklärt Rüdiger von Rosen, der damals mit an der Erfindung des Dax beteiligt war. Anfangs tat sich der Dax noch schwer. Er stand in Konkurrenz zur Parkettbörse. Erst mit der Einführung des Xetra-Handels im November 1997 begann sein Siegeszug. Der Mega-Börsengang der Deutschen Telekom sorgte für eine Börseneuphorie in den späten 1990er-Jahren, die den Dax bis auf das Rekordhoch von 8.136 Punkte im März 2000 trieb.

Welche Gründe haben zu seiner Entstehung geführt?


Peter: Vor der Einführung des DAX herrschte eine gewisse Unübersichtlichkeit im Börsenhandel, da verschiedene Indices mit abweichender Methodik für den deutschen Markt berechnet wurden, unter anderen der Index der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ-Index) und der Börsen-Zeitung (BZ-Index). Die Entstehung des DAX geht maßgeblich auf den Börsenjournalist Frank Mella zurück, der als Redakteur der Börsen-Zeitung in Frankfurt am Main einen Index für den Handelsplatz Deutschland entwickeln sollte – dieser wiederum sollte handelbar sein und somit als Basiswert für Terminkontrakte herangezogen werden können.


Mit dem Aktienhype der 1990er-Jahre nahm der DAX seinen Einzug in die tägliche Berichterstattung und festigte seinen Status als deutsches Börsenbarometer. Mittlerweile gibt es eine ganze DAX-Familie, das heißt Indices, die ähnlich dem DAX aber nach anderen Auswahlkriterien oder für spezifische Branchen berechnet werden wie der TecDAX, der 30 der größten Technologiewerte beinhaltet. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der VDAX, der DAX-Volatilitätsindex, welcher die in DAX-Optionen implizierte, erwartete Preisschwankung des DAX misst und somit die Risikoneigung der Anleger widerspiegelt.

Der DAX ist ein Performance-Index

In manchen börsennahen Medien kursiert die Kritik, dass uns der DAX zu einer verzerrten Wahrnehmung verleitet: Können Sie diese Kritik näher erläutern?

Peter: Es wird oft ignoriert, dass der DAX ein Performance-Index ist. Das bedeutet, dass Dividendenausschüttungen und sonstige Auszahlungen an die Aktionäre in das fiktive Portfolio reinvestiert werden. Da diese in der Regel zu Kursabschlägen führen, misst der DAX nicht die reine Kursentwicklung, sondern überzeichnet diese tendenziell. Dadurch spiegelt der DAX im Grunde genommen ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Zustandes der deutschen Wirtschaft wider. Wer internationale Vergleiche anstellen möchte, sollte daher vorsichtig sein. Betrachtet man den DAX zusammen mit anderen Leitindices wie dem US-amerikanischen Dow Jones Industrial Average, dem europäischen EURO STOXX 50 oder dem französischen CAC 40, vergleicht man Äpfel mit Birnen, da diese als Kursindex berechnet werden. Wer solch einen Vergleich anstrebt, sollte auf den DAX-Kursindex zurückgreifen, der in identischer Zusammensetzung zum DAX konzipiert ist, dessen Berechnung aber ohne Berücksichtigung von Dividenden und Boni erfolgt.


Ein weiterer möglicher Kritikpunkt liegt darin, dass der DAX nur die größten 30 Titel enthält. Auch wenn er damit einen Großteil der Marktkapitalisierung abbildet, lässt er kleinere Unternehmen außen vor. Da mittelständische Unternehmen aber gerade in Deutschland für den Arbeitsmarkt eine wesentliche Bedeutung haben, stellt sich die Frage, inwiefern der DAX tatsächlich die gesamte Wirtschaftslage abbildet. Durch die Gewichtung der Titel in der Berechnung des DAX ergibt sich zusätzlich eine Dominanz der größten Konstituenten. So kann es passieren, dass Kursschwankungen von wenigen Unternehmen den DAX maßgeblich schwanken lässt, obwohl der größere Teil der Titel friedlich vor sich hindümpelt.


Wer sich ein breiteres Bild über die Marktlage machen möchte, sollte daher weitere Indices aus der DAX-Familie in die Analyse mit einbeziehen wie den MDAX oder den SDAX, welche auf Basis der Aktienkurse von Unternehmen mittlerer (Mid Cap) oder kleiner (Small Cap) Marktkapitalisierung berechnet werden.

Großes Vorbild Wall Street? Hier im Herzen des New Yorker Finanzdistrikts ist der US-Aktienindex Dow Jones zuhause. Charles Dow stellte den Index 1884 zusammen, um die Entwicklung des US-amerikanischen Aktienmarktes zu messen. Der Dow-Jones-Index an der New York Stock Exchange ist nach dem Dow Jones Transportation Average der älteste noch bestehende Aktienindex der USA und setzt sich heute aus 30 der größten US-Unternehmen zusammen. Am 12. Januar 1906 stieg der Dow Jones mit einem Schlussstand von 100,25 Punkten zum ersten Mal über die Marke von 100 Punkten. Auf Grundlage des bis 1885 zurückgerechneten Index wurde die Grenze von 100 Punkten am 22. September 1916 mit einem Schlussstand von 100,77 Punkten erstmals überwunden. Weitere Meilensteine in der Entwicklung des Dow Jones waren die Überwindung der 1.000-Punkte-Marke 1972 und der 10.000-Punkte-Marke 1999.
Großes Vorbild Wall Street? Hier im Herzen des New Yorker Finanzdistrikts ist der US-Aktienindex Dow Jones zuhause. Charles Dow stellte den Index 1884 zusammen, um die Entwicklung des US-amerikanischen Aktienmarktes zu messen. Der Dow-Jones-Index an der New York Stock Exchange ist nach dem Dow Jones Transportation Average der älteste noch bestehende Aktienindex der USA und setzt sich heute aus 30 der größten US-Unternehmen zusammen. Am 12. Januar 1906 stieg der Dow Jones mit einem Schlussstand von 100,25 Punkten zum ersten Mal über die Marke von 100 Punkten. Auf Grundlage des bis 1885 zurückgerechneten Index wurde die Grenze von 100 Punkten am 22. September 1916 mit einem Schlussstand von 100,77 Punkten erstmals überwunden. Weitere Meilensteine in der Entwicklung des Dow Jones waren die Überwindung der 1.000-Punkte-Marke 1972 und der 10.000-Punkte-Marke 1999.

Wie anfällig ist das deutsche Börsenbarometer für einen erneuten Börsencrash?


Peter: Der DAX ist wie bereits erwähnt ein mathematisches Konstrukt. Er dient als Instrument, das eventuelle Crash-Tendenzen widerspiegeln kann. Doch die internationalen Verflechtungen auf politischer, realwirtschaftlicher und finanzwirtschaftlicher Ebene bilden ein hochkomplexes Konstrukt an möglichen Auswirkungen auf den Aktienmarkt. Neben solchen Fundamentaldaten spielen auch technische und menschliche Faktoren eine große Rolle: So verstärken panische Reaktionen der Anleger bei jedem Zucken des DAX nach unten und systematische Handelsstrategien meist insbesondere negative Kursschwankungen. Dafür kann der DAX an sich nichts.


Auch wenn gerüchteweise mittlerweile einige Hedgefonds durch Leerverkäufe von DAX-Titeln auf einen DAX-Crash wetten, gibt es keine eindeutigen Anzeichen für einen Crash, jedoch herrscht eine gewisse Unsicherheit vor insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Konjunktur, Inflation und Zinsen in den USA. Aber auch die Unsicherheit über diese Unsicherheit ist unsicher.


Warum stehen die DAX-Unternehmen besonders bei ausländischen Investoren hoch im Kurs?


Peter: Viele der DAX-Titel sind multinationale Unternehmen mit einer großen Bedeutung für den globalen Markt. Diese erzielen einen beachtlichen Teil ihres Umsatzes im Ausland und sind daher sichtbar und interessant für ausländische Anleger. Tatsächlich übersteigt der Anteil der ausländischen Investoren in den DAX-Titeln den der heimischen Aktionäre um Längen, wobei es sich hier meist um institutionelle Anleger, wie Pension- und Investmentfonds oder Kreditinstitute, handelt. Privatanleger haben eine geringere Bedeutung.


Insbesondere die heimischen Anleger machen ihrem Ruf als Aktienmuffel nach wie vor alle Ehre. Der deutsche Anleger trägt sein Geld lieber auf die Bank, wo es langsam aber sicher durch niedrige Zinsen und Inflation an Wert verliert. Über die Gründe für dieses verhalten lässt sich nur spekulieren. Ein wesentlicher Grund könnte in der Tatsache liegen, dass Aktien traditionell wenig in den Investitionsentscheidungen der Deutschen verankert sind. In den USA oder auch in den Niederlanden und Schweden spielen Aktien eine substantielle Rolle in den Pensionsplänen und haben damit auch im Alltag der privaten Haushalte ihren Platz. Durch das Fehlen dieser Tradition im deutschen Markt findet wenig Wissenstransfer im Hinblick auf Aktien als Investitionsinstrument statt, so dass sich der motivierte deutsche Privatanleger mit recht hohen Informationsbeschaffungskosten konfrontiert sieht, die bei dem einen oder anderen die Motivation wieder schrumpfen lassen.

Wer Rendite will, muss Risiko in Kauf nehmen

Welche Möglichkeiten der Aktienanlage gibt es und was empfehlen Sie dem blutigen Anfänger?


Peter: Diese Frage lässt sich ohne Kenntnisse der Risikoeinstellung und Investitionsziele eines Investors im Grunde genommen nicht beantworten. Wer nach einer hohen Rendite strebt, muss in der Regel ein hohes Risiko in Kauf nehmen. Wer sein Geld sicher anlegen möchte, erzielt meist eine geringe Rendite und sollte auf ein gut diversifiziertes Portfolio setzen. Grundsätzlich gelten die DAX-Titel als recht solide und eignen sich für den unerfahrenen Investor durchaus, setzen aber bei einer Investition in einzelne Aktien voraus, dass sich der Anleger über die Eckdaten des Unternehmens informiert und auf dem Laufenden hält.


Kleinanleger, die in die DAX-Titel investieren möchten, können dies im Rahmen von sogenannten DAXETFs (Exchange Traded Funds) tun. Das sind auf der Börse gehandelte Indexfonds mit geringen Mindestkapitalanforderungen, die den DAX gemäß der Gewichtung aus den einzelnen Aktien nachbauen. Diese sind meist passiv gemanagt, so dass Anleger mit geringen Abschlägen und/oder Spesen rechnen müssen und verhältnismäßig kostengünstig und ohne substantiellen Zeitaufwand in den DAX investieren können.

Titelbild: 

| PIX1861 / Pixabay.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text:

| Pythagomath / Eigenes Werk (CC BY-SA 4.0) | Link

| Rick Tap / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

1
1
 
Leserbrief

Haben Sie Anmerkungen zum Beitrag?
Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten