Journalismus

Zwischen Schwarzmalerei und Schönfärberei

Interview: Sebastian Paul | Redaktion
03.08.2022
Negative Nachrichten immer noch positiv einzurahmen, halte ich für verfehlt.

Prof. Dr. Klaus Schönbach
Honorarprofessur für Medienwissenschaft
 
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    Prof. Dr. Klaus Schönbach

    Klaus Schönbach ist Honorarprofessor für Medienwissenschaft an der Zeppelin Universität, Distinguished Adjunct Professor an der Northwestern University in Qatar und Honorary Fellow an der Amsterdam School of Communication Research (ASCoR), Universität Amsterdam.

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Herr Schönbach: Ukraine, Inflation, Corona. Halten Sie es eigentlich noch aus, jeden Tag die Nachrichten zu schauen?


Prof. Dr. Klaus Schönbach:
Ja, natürlich – ich bin einfach zu neugierig.

Wie schafft man es, den richtigen Umgang mit Nachrichten für sich zu finden?

Schönbach: Dafür gibt es, fürchte ich, kein Rezept – etwa nach dem Motto: Nur zweimal am Tag im Internet eine Nachrichtenseite anklicken. Wer so interessiert ist an Nachrichten wie ich, hat den ganzen Tag die Online-Ausgaben beispielsweise von Zeitungen offen. Wer die schlechten Nachrichten nicht aushält, wird hoffentlich von selbst darauf kommen, wie oft er oder sie sich ihnen aussetzt.

Und wie schafft man es auf der anderen Seite, Krieg, Krise und Krankheit nicht einfach als langweilige Gegebenheiten hinzunehmen?

Schönbach: Das kann eigentlich nie langweilig sein, weil es uns ja persönlich betrifft. Was ich allerdings befürchte, ist Abstumpfung oder Ignoranz. Gerade Ignoranz wird ja nicht nur durch die Fülle schlechter Nachrichten begünstigt, sondern leider auch dadurch, dass sie bewusst ausgeblendet werden, sobald sie einem nicht in den Kram passen – nach dem Motto: Die Ukraine soll sich doch endlich mal ergeben, damit bei uns wieder Normalität einkehrt; oder: Covid-19 gibt es doch gar nicht.

Digitaler Wandel, ökonomische Krise und medialer Vertrauensverlust: Nicht nur Leserinnen und Leser stehen vor großen Herausforderungen – auch Medienschaffende stehen aktuell immens unter Druck. Das Ergebnis: Journalistinnen und Journalisten sind immer stärker gestresst. Das zeigt die Studie „Arbeitsdruck – Anpassung – Ausstieg“, die die Otto Brenner Stiftung erstellt hat. Laut der aktuellen Studie sagen rund 60 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten, Einsparungen ihres Medienunternehmens hätten ihre persönliche Arbeitssituation verschlechtert. Die allermeisten Medienschaffenden bestätigen, dass ein Vertrauensverlust des Journalismus – häufig aufgrund des Vorwurfs der einseitigen Berichterstattung – als weitere Herausforderung des Wandels vorliege. Während in den qualitativen Interviews mehr als die Hälfte der Befragten die Publikumskritik für bedingt richtig hält und damit eine Mitverantwortung der Medien an der Vertrauenskrise konstatiert, weist in der Online-Befragung die Mehrheit dies von sich. Ein großer Teil der Journalistinnen und Journalisten insgesamt stellt jedoch fest, dass der Journalismus im Kontext des digitalen und gesellschaftlichen Wandels an Qualität (48 Prozent), Bedeutung (50 Prozent), Renommee (84 Prozent) und Attraktivität (66 Prozent) verloren hat. Immerhin ein Gutes hat diese Bestandsaufnahme allerdings für die Bürgerinnen und Bürger im Land: Mehrheitlich versuchen die Medienschaffenden, so ein weiterer Befund der Autoren, den gravierenden beruflichen Herausforderungen sachorientiert zu begegnen – zum Beispiel in Form einer noch sorgfältigeren Recherche (59 Prozent).
Digitaler Wandel, ökonomische Krise und medialer Vertrauensverlust: Nicht nur Leserinnen und Leser stehen vor großen Herausforderungen – auch Medienschaffende stehen aktuell immens unter Druck. Das Ergebnis: Journalistinnen und Journalisten sind immer stärker gestresst. Das zeigt die Studie „Arbeitsdruck – Anpassung – Ausstieg“, die die Otto Brenner Stiftung erstellt hat. Laut der aktuellen Studie sagen rund 60 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten, Einsparungen ihres Medienunternehmens hätten ihre persönliche Arbeitssituation verschlechtert. Die allermeisten Medienschaffenden bestätigen, dass ein Vertrauensverlust des Journalismus – häufig aufgrund des Vorwurfs der einseitigen Berichterstattung – als weitere Herausforderung des Wandels vorliege. Während in den qualitativen Interviews mehr als die Hälfte der Befragten die Publikumskritik für bedingt richtig hält und damit eine Mitverantwortung der Medien an der Vertrauenskrise konstatiert, weist in der Online-Befragung die Mehrheit dies von sich. Ein großer Teil der Journalistinnen und Journalisten insgesamt stellt jedoch fest, dass der Journalismus im Kontext des digitalen und gesellschaftlichen Wandels an Qualität (48 Prozent), Bedeutung (50 Prozent), Renommee (84 Prozent) und Attraktivität (66 Prozent) verloren hat. Immerhin ein Gutes hat diese Bestandsaufnahme allerdings für die Bürgerinnen und Bürger im Land: Mehrheitlich versuchen die Medienschaffenden, so ein weiterer Befund der Autoren, den gravierenden beruflichen Herausforderungen sachorientiert zu begegnen – zum Beispiel in Form einer noch sorgfältigeren Recherche (59 Prozent).

Wie wichtig ist es, über die Bilder und Geschehnisse, die man täglich sieht, mit anderen Menschen zu sprechen?

Schönbach: Auch das hängt von jedem Einzelnen ab – wie sehr die schlechten Nachrichten sie oder ihn verstören. Einerseits helfen Gespräche beim Verarbeiten; andererseits lassen sie Ängste, die ja schon die Nachrichten selbst ausgelöst haben, wieder aufleben, verstärken sie vielleicht sogar.

Welche Rolle kommt dabei dem Journalismus zu? Fast scheint es so, als würden immer brutalere, härtere, tränenreichere Artikel erscheinen.

Schönbach: Das kommt noch immer ganz auf das Medium an. In verschiedenen Leitmedien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sehe ich diese Entwicklung nicht, während etwa ein Blatt wie die Bild-Zeitung dafür ja schon immer bekannt war.

Welche Rolle spielt dabei Paid Content – also kostenpflichtiger Journalismus? Er braucht möglichst heftige, hintergründige oder dramatische Berichterstattung schließlich als Verkaufsargument.

Schönbach: Das trägt sicherlich zur Dramatisierung der auf diese Weise zu verkaufenden Texte oder Filme bei. Aber Paid Content kann mich natürlich auch mit guter Recherche und gründlichen Analysen versorgen.

Warum Journalismus die Gesellschaft beunruhigen muss

Ein Gegenentwurf dazu wäre sogenannter „Constructive Journalism“ – also eine Art hoffnungsvoller Journalismus, der über Lösungen anstatt Konflikte berichten will. Kann das funktionieren?

Schönbach: Ich glaube nicht. Es ist ja schon immer eine der wichtigsten Aufgaben des Nachrichtenjournalismus gewesen, die Gesellschaft zu beunruhigen, sie auf Krisen und Probleme aufmerksam zu machen. Was natürlich nicht ausschließt, auch öfter mal darauf hinzuweisen, dass etwas funktioniert hat oder sich zum Besseren hin entwickelt. Aber Vorsicht: Auch das ist ja strenggenommen Krisenberichterstattung – nur umgedreht. Denn offenbar gibt es ja erst einmal die Missstände, die behoben oder gemildert werden. Aus einem solchen Nachrichtenstil aber ein Konzept zu machen – also auch Negatives immer noch positiv einzurahmen –, halte ich für verfehlt.


Gibt es im deutschsprachigen Raum gute Beispiele dafür?

Schönbach: Nicht, dass ich wüsste.

Ich beobachte indes eine dritte Kategorie Journalismus im Moment: „den verkappten Kommentar“. Aus vielen Berichten scheint die Meinung des Autors immer stärker durch – für oder gegen Russland, die Corona-Maßnahmen, die Ampelkoalition. Der klassische, ausgewogene Bericht scheint auszusterben. Stimmt das?

Schönbach: Das beobachte ich auch. Ein Grund dafür könnte sein, dass wir heutzutage die reinen Nachrichten ja schon in Echtzeit bekommen. Was sollen die klassischen Medien Presse, Fernsehen und Radio also noch machen? Wozu brauchen wir sie? Zur Einordnung und Analyse. Aber wenn man schon mal am Analysieren ist, ist die Verführung groß, auch die eigene Meinung einfließen zu lassen.

Und gibt es eigentlich eine Reportage oder Dokumentation, die Sie zuletzt besonders berührt, beeindruckt oder interessiert hat?

Schönbach: Ja, als Merkel-Fan fand ich den Perspektivwechsel verstörend, der sich ausgerechnet in der Spiegel-Kolumne „Merkelscherben“ von Sascha Lobo findet.

Titelbild: 

| Marcus P. / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bild im Text: 

| AbsolutVision / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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