Psychologie

Die DNA des Bauchgefühls

Aufgrund von unseren Ergebnissen könnte man vermuten, dass es dafür, ob man rational oder aus dem Bauch heraus entscheidet, eine genetische Basis gibt.

Professorin Dr. Anja Achtziger
 
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    Zur Person
    Professorin Dr. Anja Achtziger

    Im August wurde Professorin Dr. Anja Achtziger auf den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie der Zeppelin-Universität berufen. Sie verstärkt dabei neben der Forschung auch die Studienprogramme im Bereich der Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften an der ZU. Zuvor vertrat sie an der Uni Konstanz mehrfach die Professur für Sozialpsychologie und Motivation. Im Jahr 2008 habilitierte sie sich zum Thema „Erfolgreiches Handeln aus einer sozialkognitiven Perspektive: Rubikonmodell, Vorsatztheorie und mentales Kontrastieren“.

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    Factbox
    Interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Psychologie von Entscheidungen

    Ein interdisziplinärer Verbund von sechs Teilprojekten unter Beteiligung von Professorin Dr. Achtziger arbeitet momentan in einem dreijährigen Forschungsprojekt unter anderem zur Psychologie von Entscheidungen. Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird es mit 1,7 Millionen Euro gefördert. Achtziger befasst sich darin mit dem Thema „Ökonomische Rationalität und konkurrierende Verhaltensregeln“. Mit Achtziger arbeiten Carlos Alós-Ferrer, Mikroökonom der Universität Konstanz, der kognitive Psychologe Marco Steinhauser von der Universität Eichstätt und die Psychologin Sabine Hügelschäfer, die an der Schnittstelle von Psychologie, Ökonomie und Neurowissenschaft bei Achtziger promovierte und nun ebenfalls in Konstanz tätig ist. Die Teilprojekte der Forschergruppe werden federführend an den Universitäten Konstanz und Köln bearbeitet.

    Der Versuchsablauf

    In den Versuchsmodellen werden den Probanden auf einem Bildschirm zwei mit schwarzen und weißen Kugeln gefüllte Urnen präsentiert. Der Proband zieht eine Kugel aus einer der Urnen und soll anhand der gezogenen Farbe abschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Farben der Kugeln in den beiden Urnen verteilt sind. Er bekommt im Anschluss Aufgaben, deren finanzielle Vergütung bei rational richtigen Entscheidungen höher ausfällt als bei irrationalen.

    Ein möglicher Versuchsablauf könnte so aussehen: Proband 1 zieht aus Urne A eine weiße Kugel und bekommt die Aufgabe, weitere weiße Kugeln zu ziehen. Sein erster Zug könnte ein Hinweis darauf sein, dass beim nächsten Zug die Wahrscheinlichkeit, eine weiße Kugel zu ziehen, in Urne B höher ist. Weil er aber mit Urne A bereits einmal Erfolg hatte, ignoriert er diesen rationalen, analytischen Denk- und Entscheidungsmodus und zieht stattdessen intuitiv aufgrund seiner Lerngeschichte erneut aus Urne A.

    Spontanes Verstärkungslernen

    Eines der Grundprinzipien menschliches Lernens ist es, erfolgreiches Verhalten – also Verhalten, das etwas Positives auslöst – zu wiederholen, und Verhalten, das keinen Erfolg gebracht hat, nicht zu wiederholen. Bestimmte Formen dieses Verstärkungslernens, die innerhalb weniger Millisekunden stattfinden und dem Betroffenen nicht bewusst sind, bezeichnet man als spontanes Verstärkungslernen.

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Sie sind Teil eines Forschungsteams, das sich unter anderem mit neurologischen Prozessen beschäftigt, die hinter ökonomischen Entscheidungen stehen. An der ZU haben Sie den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie inne. Wie passt das zusammen?

Professorin Dr. Anja Achtziger: Die ganze Zeit hatte ich in meiner Forschung einen Schwerpunkt Richtung Handlungsstrategie und Selbstregulationsforschung. Das heißt, ich habe untersucht, welche Strategien man Menschen vermitteln kann, damit sie im Erreichen von Zielen besser werden. In den letzten vier Jahren kam dann viel Entscheidungsforschung dazu. Also: Was sind typische Entscheidungsfehler? Entscheiden wir uns unter Stress, unter Zeitdruck anders, als wenn wir ganz entspannt sind? Und diese ganze Entscheidungsforschung ist jetzt reingeschwappt in den Neurobereich. Das passt insofern gut zur Sozial- und Wirtschaftspsychologie, weil diese sich intensiv mit menschlichem Entscheidungsverhalten auseinandersetzt.

Woran genau forschen Sie denn zur Zeit?


Achtziger: Aktuell werten wir aus, welche spontanen Verstärkungsprozesse bei Entscheidungen im Gehirn stattfinden. Das mache ich zusammen mit Carlos Alós-Ferrer und Sabine Hügelschäfer von der Universität Konstanz und mit Marco Steinhauser von der Universität Eichstätt.

1,7 Millionen Euro von der DFG für interdisziplinäre Forschung


Grafik Entscheidungsfehler

Und wie gehen Sie diese neurologische Forschung an?

Achtziger: Zunächst suchen wir klassische Paradigmen aus der Ökonomie, um bestimmte Entscheidungsfehler zu testen. Dann adaptieren wir die Verfahren so, dass wir diese Paradigmen anhand von PCs in Elektroenzephalografie-Laboren präsentieren können. Dort werden elektrische Aktivitäten des Gehirns - sogenannte elektrokortikale Aktivitäten - der Probanden gemessen und derart verstärkt, dass wir sie analysieren und grafisch darstellen können. Wir untersuchen, ob wir aufgrund von unterschiedlichen elektrokortikalen Aktivitäten der Probanden vorhersagen können, wer sich innerhalb der nächsten zwei Sekunden rational entscheiden wird und wer nicht. Und da haben wir tatsächlich eine ziemlich gute Vorhersagekraft bestimmter spontaner elektrokortikaler Reaktionen gefunden.

Der Versuchsablauf


Entscheidungsfelder

Das heißt, wenn jemand über eine Entscheidung nachdenkt, messen Sie dessen Hirnaktivität, und können dann anhand des Bildes der dargestellten Hirnströmungen sagen, ob die Person die rational richtige oder falsche Entscheidung treffen wird?

Achtziger: Wir können das noch nicht im Moment der Messung sagen. Wir können aber aufgrund der Auswertungen elektrokortikaler Daten ganz gut prognostizieren, welche Entscheidung als Nächstes getroffen wird. Man kann somit beispielsweise auch sehen, welche Zusammenhänge es zwischen spontan und aus dem Bauch heraus getroffenen Entscheidungen und bestimmten Formen von elektrokortikaler Aktivität gibt. Und eben auch die Zusammenhänge zwischen bestimmten Gehirnaktivitäten und rationalen Entscheidungen ein Stück weit beleuchten.

Und was bedeuten diese Beobachtungen für unseren Alltag?

Achtziger: Langfristig geht es darum, genauer zu bestimmen, wie man optimales Entscheidungsverhalten erreichen kann. Also: Hat es Sinn, die eigenen Emotionen möglichst gut zu kontrollieren, wenn man sich in einer wichtigen Entscheidungssituation befindet? Hat es Sinn, ganz aktiv zu versuchen, die eigenen bisherigen Entscheidungen zu ignorieren, um sich möglichst mit offenem Geist der nächsten Entscheidungssituation zuzuwenden?

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?


Achtziger: Wenn man sein Auto verkaufen will, dann schätzt man eine Wahrscheinlichkeit dafür ein, dass man damit einen bestimmten Preis erzielt. Das können manche Leute sehr gut und gehen da sehr analytisch vor; die durchdenken das und kombinieren viele Wahrscheinlichkeiten präzise durch. Andere benennen aus dem Bauch heraus schnell irgendeine Zahl und kommen nicht zum optimalen Ergebnis. Wir wissen zumindest zu einem Teil: Was tut sich da im Gehirn, was steckt neuronal hinter der Entscheidung? Entscheidungen aus dem Bauch zum Beispiel basieren häufig auf "spontanem Verstärkungslernen" und lassen sich innerhalb von weniger als 300 Millisekunden bei Darbietung von Entscheidungssituationen im Gehirn beobachten.

Der Prozess des spontanen Verstärkungslernens


Aufgrund von unseren Ergebnissen könnte man sogar vermuten, dass es dafür, ob man rational oder aus dem Bauch heraus entscheidet, eine genetische Basis gibt. Dass es Leute gibt, die von Geburt an dazu neigen, eher spontane und nicht unbedingt optimale Entscheidungen zu treffen.


Das klingt ganz schön spekulativ.

Achtziger: Ist es nicht wirklich. Von den neuronalen Parametern, die wir in dem Zusammenhang untersucht haben, wird in der aktuellen Forschung stark vermutet, dass sie eine bestimmte genetische Grundlage haben. Das könnte dazu führen, dass diese unterschiedlich stark zu Verstärkungslernen neigen. Es ist möglich, dass bestimmte Entscheidungsfehler an bestimmte Gene gekoppelt und deshalb unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das ist ein indirekter Schluss, aber kein völlig unplausibler.

Das würde dann aber auch heißen, dass wir es nicht beeinflussen oder trainieren können, ob wir rational richtige Entscheidungen treffen…

Achtziger: Das ist das, was wir im nächsten Schritt untersuchen möchten. Ob es möglich ist, die Leute zu trainieren, ihre möglicherweise angeborene physiologische Basis auszuhebeln, um beispielsweise mit bestimmten motivationalen Strategien für sich auf die Dauer mehr optimale Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel, indem man eher langsam reagiert und bewusst versucht, Entscheidungssituationen aufzudröseln und zu analysieren, bevor man sich entscheidet. Ob es hilft, bestimmte Regeln ein Stück weit zu befolgen. Da wäre dann aber die Frage, ob die, die genetisch eher geprägt sind, immer aus dem Bauch heraus zu reagieren, es schaffen, sich selbst zu beherrschen – und damit wären wir wieder bei meinen früheren Forschungsschwerpunkten wie Selbstkontrolle und Motivation gelandet.

Gibt es Anhaltspunkte, die das vermuten lassen?


Achtziger: Die Forschung, die ich vor der aktuellen betrieben habe, handelt davon, wie wir Willensschwäche kontrollieren können. Wenn wir uns einen bestimmten Willensakt vorstellen, steuert das auch unsere unbewusste Wahrnehmung und kann unsere Erreichung von wichtigen Zielen erleichtern. Das stimmt – das konnten wir mit unserer Forschung belegen. Wir konnten aber auch zeigen, dass unsere Handlungsstrategien, also „Wenn-Dann Pläne“ oder „Vorsätze“, im angewandten Bereich funktionieren: Man kann zum Beispiel mit solchen Willensstrategien Diätverhalten unterstützen oder das Verhalten in Wettkampfsituationen im Sport fördern. Diese Art von Strategien versuchen wir jetzt auch für den Bereich der Entscheidungsforschung zu nutzen. Wir versuchen herauszufinden, welche Strategien Menschen im Kopf haben müssen, um optimal für sich selbst zu entscheiden.



Grafiken: Achtziger, A., Alós-Ferrer, C., Hügelschäfer, S., & Steinhauser, M. (in press). The neural basis of belief updating and rational decision making. Social Cognitive and Affective Neuroscience. DOI: 10.1093/scan/nss099

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