Politische Kommunikation

Vom Geschichtenerzählen

Reden lassen sich nicht nacherzählen. Das ist die besondere Qualität von Geschichten: Man kann sie nacherzählen und sie erzählen sich von selbst weiter.

Professor Dr. Stephan A. Jansen
 
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    Zur Person
    Professor Dr. Stephan A. Jansen

    Professor Dr. Stephan A. Jansen wurde im Mai 2003 zum Gründungspräsidenten und Geschäftsführer der Zeppelin Universität berufen. Im gleichen Jahr wurde er durch das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg als Professor auf den Lehrstuhl für „Strategische Organisation & Finanzierung | SOFI“ ernannt. Mit 31 Jahren war er der jüngste deutsche Universitätspräsident. Nach einer Banklehre als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes absolvierte er ein Studium der Wirtschaftswissenschaft in Witten/Herdecke, an der New York University sowie Tokyo Keizai University mit Auszeichnung. 1997 bis 2003 schlossen sich weitere wissenschaftliche Stationen an der Stanford University sowie der Harvard Business School mit der Promotion (summa cum laude) an.

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    Factbox
    Zur Person: Steffen Seibert

    Staatssekretär Steffen Seibert ist sowohl Sprecher der Bundesregierung als auch Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Er untersteht Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der ehemalige Fernsehjournalist twittert unter dem Kürzel @RegSprecher und zog dort in den letzten Jahren vor allem mit zwei Meldungen Aufmerksamkeit auf sich: Mit einem Tweet am 22. März 2011, in dem Seibert eine USA-Reise der Kanzlerin ankündigte, in deren Rahmen sie die Auszeichnung „Medal of Freedom“ erhalten sollte. Die Hauptstadtjournalisten fühlten sich übergangen, es prasselte vielfach Kritik auf den Regierungssprecher ein. Viel Hähme erntete er außerdem mit einem Tweet am 2. Mai 2011, in dem ihm ein Tippfehler unterlief, der aus dem ermordeten Terroristen Osama bin Laden den amerikanischen Präsidenten machte: „#Kanzlerin: Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt."

    Harrison C. White

    Harrison Colyar White wurde am 21. März 1930 geboren und ist ein US-amerikanischer Wirtschaftssoziologe. Er gilt als einer der Gründer und bedeutenden Vertreter der Netzwerktheorie, von der ausgehend er die Struktur von Märken analysiert. Sein soziologisches Marktmodell ist eines der prominenten Beispiele für eine der Grundannahmen der soziologischen Forschungsrichtung „Neue Wirtschaftssoziologie“ und wurde vielfach in der Wissenschaft diskutiert.

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    US-Wahlkämpfe zeigen, wie interaktive Medien politische Kommunikation verändern. Das haben deutsche Politiker laut Junior-Professor Markus Rhomberg noch nicht verstanden.
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Um 5.32 Uhr am Morgen des 21. Novembers 2012 sendet der Regierungssprecher der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel 87 Zeichen in die Welt: Steffen Seibert informiert knapp und nüchtern über eine fünf Stunden später beginnende Haushaltsdebatte im Bundestag mit einer Rede seiner Chefin. Der frühe Twitterer fängt den Wurm. Und Seiberts Wurm soll der Bürger sein.

Neun Stunden zuvor unterstrich der Regierungssprecher in seinem Impulsvortrag beim Diskussionsformat RedeGegenRede der Friedrichshafener Zeppelin-Universität die veränderten Anforderungen an politische Kommunikation: „Die Bürgerwollen sich immer mehr aktiv beteiligen. Sie wollen ihr Wissen, ihre Ideen und Vorschläge an uns herantragen und wollen sie natürlich am besten auch von uns umgesetzt sehen.“ Die interaktiven Formate der Regierung auf Twitter und Youtube sollen den neuen Anforderungen an politische Kommunikation gerecht werden.

Regierungssprecher Seibert bei RedeGegenRede in Berlin.
Regierungssprecher Seibert bei RedeGegenRede in Berlin.
Zur Person: Steffen Seibert


„Deutschland fehlt eine gute politische Narration“

Niedrige Wahlbeteiligung, sinkende Mitgliederzahlen der Parteien und auch die Erfolge der Piraten legen nahe: Irgendetwas muss anders werden im politischen System. Ein Teil des Problems, so ZU-Präsident Professor Dr. Stephan A. Jansen in seinen fünf Thesen zu politischer Kommunikation, sei die fehlende Vermittlung von erklärenden Geschichten. Ein bewussterer Umgang mit den Möglichkeiten des Internets allein reiche eben nicht, um die Parteienverdrossenheit der Bürger abzuwenden: „Deutschland fehlt eine gute politische Narration“, sagt Jansen. Die Bedeutung von Bildern und Geschichten werde von der derzeitigen Regierung unterschätzt, so seine Gegenrede auf Regierungssprecher Seibert: „Bei allen Kanälen, die Sie aufgemacht haben, ist vor allem deutlich geworden, wie still die politischen Geschichtenerzähler geworden sind.“

Bilder erzählen Geschichten

Politischen Narrativen schreibt man die Fähigkeit zu, die Deutung der Welt zu vereinfachen und einen verständlichen Zugang zur immer komplexer und unsicherer werdenden Welt zu liefern. Gerade Bilder mit ihrer direkten Sprache sind dabei ein beliebtes und vor allem medienwirksames Element: Die Wahlentscheidung der Bürger für weitere vier Jahre Rot-Grün im Jahre 2002 ließ sich ein Stück weit darauf zurückführen, dass sich Gerhard Schröder in Gummistiefeln unter Blitzlichtgewitter auf Deichen positionierte. Den Propagandabildern des nordkoreanischen Diktators Kim-Jong Il widmete ein Internetnutzer, wenn auch ironisch, zu Lebzeiten eine eigene Website, die sogar den ungeliebten Staatsherren auch unter Unpolitischen zum Begriff werden ließ. Und als Osama Bin Laden im Mai 2011 getötet wurde, ging vor allem ein Foto um die Welt: Ein erschütterter Barack Obama, der neben seinem Vizepräsident Joe Biden und Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsteams auf Neuigkeiten harrt.

Die Aufnahme von US-Präsident Barack Obama und seinem Vize Joe Biden (1. v. l.), die auf Neuigkeiten des Manövers gegen Osama bin Laden warten, ging damals um die Welt.
Die Aufnahme von US-Präsident Barack Obama und seinem Vize Joe Biden (1. v. l.), die auf Neuigkeiten des Manövers gegen Osama bin Laden warten, ging damals um die Welt.

Das Fehlen derartiger Bilder und Geschichten auf Seiten der schwarz-gelben Regierung, so Jansen, sei auch deshalb problematisch, weil gerade das Narrative die Fähigkeit besäße, Bürger zu mobilisieren. Medienwirksam positioniert hat sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel jedoch vor allem unbewusst: durch Parodien auf ihre scheinbar zum Dreieck zusammengeklebten Finger und ihr zugeschriebene inhaltliche Parallelen zum Simpsons-Charakter Mr. Burns. Auch diese Bilder erzählen Geschichten – wie zuträglich diese einer konstruktiven politischen Mobilisierung der Bürger sind, ist jedoch fraglich. Laut dem Online-Portal „shortnews" stellt die Darstellung der Kanzlerin mit dem Simpsons-Fießling „sie und die CDU bloß".

Seibert kritisiert erzwungene Narration in den Medien

Gerade komplexe politische Probleme eigneten sich oft einfach nicht zum Geschichtenerzählen, sagt Seibert. Ohnehin sei es vielmehr Aufgabe der Politik, Problemlösungen aufzuzeigen und Rechenschaft abzulegen für das, was sie tut. Von den Medien werde die Rolle des Geschichtenerzählers aus seiner Perspektive zu ernst genommen, kritisiert der Regierungssprecher: „In den Medien wird ohnehin schon so vieles, was in der politischen Auseinandersetzung ganz normal ist, dramatisch zugespitzt. Jede Meinungsverschiedenheit ist ein Streit, jedes Treffen zur Klärung von Meinungsverschiedenheit ein Krisengipfel.“ Online-Überschriften seien reißerisch, weil sie nicht so sehr Inhalt transportieren als Klicks generieren wollen, die Grenze zwischen objektiver Meldung und subjektivem Kommentar verschwinde im Internet zunehmend. Dabei gehe auf der Suche nach ständig neuen Meldungen auch das Verständnis dafür verloren, dass manche Dinge Zeit brauchen, um zu reifen, zustande zu kommen und sich zu bewähren. Die „Sehnsucht nach dem Narrativ“, fordert Seibert, dürfe das nicht vergessen.

Geschichten als Grundlage für ökonomische Prozesse

Auch, wenn die Langfristigkeit politischer Entscheidungen nicht aus dem Blick geraten dürfe: „Reden lassen sich nicht nacherzählen“, sagt Jansen, „das ist die besondere Qualität von Geschichten: Man kann sie nacherzählen und sie erzählen sich von selbst weiter.“ Die Märkte, so der Wissenschaftler, haben das längst begriffen; sie funktionieren, zitiert er den Soziologen Harrison White, nicht als „Angebot und Nachfrage von Gütern, sondern von Angebot und Nachfrage von Geschichten“. Die ökonomische Erklärung sei simpel: „Der Kommunikationswert mancher Produkte ist höher als der Produktwert selbst“, so Jansen. Dies könnte für Jansen neue Perspektiven bei den vermutlich wichtigsten deutschen Politikthemen der Eurokrise und der Energiewende entwickeln.

Harrison C. White und die Neue Wirtschaftssoziologie


Ob das tatsächlich auch für politische Inhalte gilt, ist streitbar – zu hoffen ist es sicher nicht. Damit die Arbeit des Regierungssprechers gelingt, müssen die vermittelten Inhalte bei aller Sehnsucht nach schönen Geschichten Substanz haben. Trotz der berechtigten Debatte um die Herangehensweise an politische Kommunikation, sind auch Twitter und Youtube letztlich nur Kanäle. Und man kann um 5.32 Uhr noch so virtuos zwitschern: Falls die Inhalte fehlen, könnte die Melodie schnell hohl klingen.


Bilder: marshi/photocase.com; Daniel Pasche/ZU; The White House/flickr.com



Steffen Seibert (bis 23:20) und Stephan A. Jansen (25:00 bis 45:00) debattierten am 20.11.2012 über die Frage: Wie kann Kommunikation zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft gelingen? Die Veranstaltung fand am ZU-Hauptstadtcampus Berlin im Rahmen des Formats RedeGegenRede statt.


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Leserbrief

| 18.12.2012

Lieber Herr Kraus,

Danke für den Hinweis - es ist tatsächlich strittig, in welchem Moment des Manövers das Bild aufgenommen wurde und auf welchem Wissensstand sich die Regierungsspitze zu diesem Zeitpunkt befand. Inwieweit es also tatsächlich bereits um "Neuigkeiten über die Ermordung Osama bin Ladens" oder "Neugkeiten über das Manöver gegen Osama bin Laden" ging, ist unklar. Wir haben in der Bildunterschrift die erste Formulierung deshalb nun durch die letzte ersetzt.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Redaktion


Kurzkritik
Georg J. Kraus | 15.12.2012

Wie wir im letzten Kurs "Politik - Macht der Bilder" bei Prof. Weidenfeld erfahren durften, handelt es sich bei dem Bild, welches angeblich die Reaktion der US-amerikanischen Regierungsspitze auf die Ermordung Osama Binladens bzw. deren Nachricht zeigen soll, tatsächlich um einen Hubschrauberabsturz. Es scheint dann tatsächlich schon fast Ironie zu sein, dass gerade dieses Bild in diesem Artikel verwendet wird, der die Macht des "Narrativen" thematisiert und dann im selben Atemzug zeigt, wie Erzähltes der Wahrheit vorgezogen wird...


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