Entscheidungen

Vom Risiko zur Möglichkeit

Besonders heikel sind Entscheidungen, wenn sie es erforderlich machen, eine gegebene Ordnung auf den Punkt zu bringen, Latentes oder Ungesagtes offen zu legen – ohne die Ordnung selbst grundsätzlich ändern zu wollen.

Professorin Dr. Maren Lehmann
 
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    Zur Person
    Professorin Dr. Maren Lehmann

    Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit dem Schwerpunkt auf Organisationstheorie an der Zeppelin Universität. Professorin Dr. Maren Lehmann studierte Design an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, später Erziehungswissenschaften und der Soziologie an den Universitäten Halle/Wittenberg und Bielefeld. Nach ihrer Promotion und Habilitation in Soziologie arbeitete sie in Forschung und Lehre an den Universitäten Halle/Wittenberg, Leipzig, der Bauhaus-Universität Weimar, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Duisburg-Essen.

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Sie erforschen Formen der Kommunikation der Unsicherheit und sprechen von dem Zerbrechlichen als Kommunikationsproblem. Wird es darum gehen, wie Unsicherheiten umgangen werden können?

Professorin Dr. Maren Lehmann: Man sollte vor allem anderen daran erinnern, dass Zerbrechlichkeit nicht in dem Sinne problematisch ist, dass sie zu vermeiden wäre. Im Gegenteil – sie ist problematisch, weil sie Kommunikation attraktiv macht, obwohl Kommunikation nichts sicherer macht, als es ist. Aber wozu sollte man sich auf Kommunikation einlassen, wenn ohnehin alles sicher, stabil und verlässlich wäre? Und wozu sollte man sich auf Kommunikation einlassen, wenn durch Kommunikation alles nur noch sicherer, noch stabiler und noch verlässlicher würde? Kommunikation ermöglicht also Zerbrechlichkeit, weil sie selbst zerbrechlich ist und trotzdem gelingen kann. Es geht also um die Unsicherheit, die Kontingenz, die durch Kommunikation sowohl bewältigt als auch ermöglicht wird.

Wie kann man derlei erforschen?

Lehmann: Ich arbeite in der Regel so, dass ich eine Arbeitshypothese bilde wie etwa die, dass „heikle Ereignisse“ Entscheidungen sind. Darauf aufbauend, bilde ich einen möglichst abstrakten Anfangsbegriff wie etwa den, dass es sich bei Entscheidungen um Formen der Kommunikation über Kontingenz handelt. Und dann arbeite ich mittels dieser konzeptionellen Abstraktion Literaturen – Texte – und andere Konzepte – Begriffe – durch, prüfe sie aneinander und diskutiere sie an historischem Material, wobei ich immer annehme, dass Texte und Begriffe selbst zu diesem historischen Material gehören. Also dass Texte und Begriffe selbst heikel sind.

"Es ist immer heikel, das Mögliche zu wagen."
"Es ist immer heikel, das Mögliche zu wagen."

Was kann man sich unter einem „heiklen Ereignis“ vorstellen?

Lehmann: Heikle Ereignisse sind Entscheidungen beziehungsweise entscheidende Momente. Eine Entscheidung riskiert als Kommunikationsform immer das Ende einer Diskussion, ermöglicht also zwar den Anfang von etwas Neuem, riskiert aber damit auch immer die Verlässlichkeit des Gegebenen. Sie lässt sich auf anderes, also auf Unsicheres ein. Sie markiert auf diese Weise immer die Grenze zwischen Ordnung im Sinne des Gegebenen und Unordnung im Sinne des Unsicheren. Im Moment der Entscheidung ist damit auch das Gegebene aktuell unsicher. Und genau solche Momente sind heikle Ereignisse.
Anders gesagt: Entscheidungen sind Kommunikationsformen, die das Mögliche in die Form einer Unterscheidung bringen, Entscheidungsoptionen benennen, in denen nicht nur die gegebene Ordnung, sondern auch deren andere Seite – das heißt: deren ungeordnete Umgebung – zur erreichbaren Alternative wird. Damit das gelingen kann, müssen sie also die gegebene Ordnung auf den Punkt bringen. Das entzieht natürlich der gegebenen Ordnung jede Selbstverständlichkeit, und das ist heikel. Entscheidungen – heikle Ereignisse – sind Zuspitzungen des Möglichen im Kontext des Unmöglichen.

Aber ganz konkret, was wäre ein Beispiel für ein „heikles Ereignis“?

Lehmann: Grundsätzlich ist jede Entscheidung ein solches Beispiel, auch jeder Entschluss zu handeln. Es ist immer heikel, das Mögliche zu wagen und in Kauf zu nehmen, dass es ein Misserfolg wird.
Besonders heikel sind Entscheidungen, wenn sie es erforderlich machen, eine gegebene Ordnung auf den Punkt zu bringen, Latentes oder Ungesagtes offen zu legen – ohne die Ordnung selbst grundsätzlich ändern zu wollen. Also wenn eine Ordnung situativ riskiert werden muss, danach aber wieder zu sich selbst zurückfinden soll.
Das klassische Beispiel dafür sind Kooperationsentscheidungen, und deren einfachster Fall sind Personalentscheidungen. Es bleibt immer unsicher, ob eine Person erstens die Festlegung auf eine Position erträgt – sei es, dass sie auf eine neue Position versetzt wird, sei es, dass sie auf ihrem Platz bleiben muss. Und es bleibt außerdem immer unsicher, ob der Zusammenhalt der übrigen Personen und Positionen durch diese Festlegung gefährdet ist.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem demnächst erscheinenden Buch "Unwahrscheinliche Ereignisse“?

Lehmann: Es geht um Formen der Kommunikation über Kontingenz. Drei Fallstudien, wenn diese Bezeichnung angebracht ist, sind dabei aus der Arbeit am und im Material herausgekommen, die allesamt die Zuspitzung der Differenz von Möglichem und Unmöglichem zum Gegenstand haben: eine über das Glücksspiel, eine über Revolutionen und eine über Krisen. Alle drei Begriffe begleiten nämlich die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft und ihrer formalen Organisationen seit dem 17. Jahrhundert. Deshalb scheinen sie mir geeignet, nach der Gesellschaftsform der Organisation einerseits und nach der Kommunikationsform der Entscheidung andererseits zu fragen.

Glücksspiel, Revolution und Krise – warum haben Sie konkret diese Phänome gewählt?

Lehmann: Man kommt mit ihnen gewissermaßen durch die jüngsten Jahrhunderte. Das Glücksspiel beschäftigt vor allem das 18. Jahrhundert, in dem sich der Gedanke durchsetzt, dass Menschen nicht mehr unausweichlich in ihren sozialen Status hineingeboren und auf ihn festgelegt sind. Man sieht dann, dass das auch für berufliche Positionen und ordentliche Laufbahnen gilt und dass daneben auch Karrieren – unwahrscheinliche Aus-, Um- und Aufstiege – möglich sind. Im Glücksspiel können Karrieren geprobt und Laufbahnen riskiert werden; man spielt mit der Möglichkeit, dass die angeborene und unvermeidliche Statusgewissheit in einem Moment verloren sein könnte. Das ist ein heikles Ereignis, ein Grenzfall zwischen Ordnung und Unordnung.

Und wie stehen die beiden anderen Phänomene damit in Verbindung?

Lehmann: Die Revolution, über die dann vor allem das 19. Jahrhundert nachdenkt, ist eine politische Inszenierung dessen, was am Roulettetisch passiert. Es geht, wenn man so will, um die Chancen, die soziale Ordnung nicht in ihren angestammten Arrangements zu lassen. Revolutionäre wetten auf die andere Seite der ökonomischen und politischen Ordnung, und sie nutzen dazu die Unruhe, die sich im Raum der Ordnung immer dann bildet, wenn die Grenzen dieser Ordnung erkennbar werden.
Es ist diese Unruhe, die sich gesellschaftlich als Kritik – das heißt: als Vergleich von Möglichkeiten – artikuliert. Spitzt sich solche Kritik zu, kann das in Krisen münden, in denen über die verschiedenen Möglichkeiten entschieden werden muss. Als Krise kann man dann sowohl den gedehnten Zeitraum beschreiben, in dem diese Entscheidung erwartet wird, ohne bereits gefallen zu sein, als auch den scharf zugespitzten Moment der Entscheidung selbst.

Bild: Bertram Rusch

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