Globaler Wandel

Der Machtverlust des Westens

Man muss sagen, dass der Wandel in vielen Teilen der Welt positiv bewertet und als Befreiung von westlicher Vorherrschaft und Vormundschaft begrüßt wird.

Professor Dr. Volker H. Schmidt
 
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    Zur Person
    Professor Dr. Volker H. Schmidt

    Professor Dr. Volker H. Schmidt ist Associate Professor of Sociology an der National University of Singapore und seit 2012 Gastprofessor im Department Communication & Cultural Management an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Er studierte Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Marburg, Birmingham und Bielefeld. 1995 promovierte er an der Universität Bremen.
    Das akademische Jahr 1997/98 verbrachte er als J.F. Kennedy Memorial Fellow am Center for European Studies der Harvard University; 2008/2009 war er Fellow am Münsteraner Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind Gesundheits- und Sozialpolitik, Gerechtigkeit und soziale Ungleichheit, Globale Modernisierungsforschung und Gesellschaftstheorie.

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    Der soziale und technologische Wandel der letzten Jahrzehnte

    Die Größenordnung und Tragweite des sozialen und technologischen Wandels, der sich in den letzten rund zwei bis drei Jahrzehnten zugetragen hat, übersteige, so Schmidt, in mehreren Dimensionen diejenige aller vergleichbaren Phasen früheren Wandels. Das Gros dieses Wandels konzentriere sich jedoch auf Weltgegenden außerhalb des entwickelten Westens. Als Beispiel dafür führt der Soziologe den Anstieg des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens an: Nach Berechnungen des US-Wissenschaftlers Dr. Alfres Eckes von der Ohio University wuchs dieses zwischen 1980 und 2009 in Indien um 230 Prozent, in Südkorea um 360 Prozent, in der Asien-Pazifik-Region um 594 Prozent und in China sogar um 1.083 Prozent. Daneben verblassen, so Schmidt, die 62 Prozent der USA und auch Großbritanniens 74 Prozent.

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    Mit den Ursachen und Konsequenzen der Machtverschiebungen setzte sich Professor Dr. Schmidt seit September auch öffentlich im Internet auseinander: Bis Ende Oktober 2012 verfasst er Beiträge zum Thema für den Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

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Sie vertreten die These, Europa erlebe einen Machtverlust und es breche ein neues, postweltliches Zeitalter an. Was bedeutet das denn für uns als Bürger?

Professor Dr. Volker H. Schmidt: Die Machtverschiebungen zwischen West und Rest haben für die Bürger wahrscheinlich viel weitreichendere Folgen, als ich selbst mir vorzustellen vermag. Es gibt auf diese Frage meines Erachtens keine einfache und vor allem keine vollständige Antwort. Die Entwicklung ist auch noch nicht sehr weit fortgeschritten.

Eine Form, in der die veränderten Verhältnisse sich jetzt schon direkt für die Bürger geltend machen, ist sicherlich die wachsende Konkurrenz auf Arbeitsmärkten; eine andere aber auch die Zunahme von exit-Optionen, also die Ausweitung der räumlichen Grenzen von Arbeitsmärkten, womit sich neue Chancen auftun. Die stehen freilich nur denen offen, die über global nachgefragte Qualifikationen verfügen.

Und wie sollten wir mit den Veränderungen umgehen?

Schmidt: Wichtig scheint mir zunächst einmal die Kenntnisnahme der veränderten Lage: Freunde und Kollegen in Singapur berichten mir immer wieder von ihrem Eindruck, bei den Europäern sei die Botschaft von der neuen geopolitischen Konstellation noch nicht angekommen. Sie neigten zur Realitätsverweigerung, dazu, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als ginge sie das alles nichts an oder in der Hoffnung, der Spuk werde schon bald wieder aufhören. Das schiene mir, wenn es die europäischen Mentalitäten zutreffend beschriebe, unrealistisch und auch wenig hilfreich. Verdrängte Probleme verschwinden nicht aus der Welt, sondern werden nur dringlicher, wenn man sich ihnen nicht stellt.

Der soziale und technologische Wandel der letzten Jahrzehnte


Sie sprechen von neuen Gravitationszentren, auf die sich die Macht verlagern könnte – und nennen das autoritäre China als eines dieser neuen Zentren. Welche Rollen spielen eigentlich die Regierungsformen der jeweiligen Länder in diesem Positionierungskampf?

Schmidt: Ob es ein Kampf wird, muss sich erweisen. Aber was die Frage nach dem Regierungssystem betrifft, so wird man sich wohl zumindest von der Vorstellung verabschieden müssen, politische Demokratien seien allen Alternativen jederzeit in jeder Hinsicht unzweifelhaft überlegen.

Autoritäre Regimes könnten also einen Vorteil haben?

Schmidt: Man muss da sehr differenzieren. Aber selbst, wenn man bei nüchterner Abwägung aller ihrer Stärken und Schwächen zu dem Schluss käme, dass andere Regierungsformen, etwa bestimmte Formen von autoritären Regimes, unter bestimmten Umständen Vorteile gegenüber Demokratien haben, folgte daraus meines Erachtens keineswegs automatisch ihre grundsätzliche Vorzugswürdigkeit.

Was andererseits autoritäre Regimes angeht, so können diese sowohl zu Prozessen nationaler Entwicklung als auch zur Zementierung von Elitenherrschaft und Ausplünderung von Ländern genutzt werden. Einige der am wenigsten korrupten Länder der Welt – zum Beispiel Singapur – praktizierten zumindest milde Varianten von Autoritarismus, aber viele autoritäre Regimes sind hochgradig korrupt. Das gilt freilich umgekehrt auch für manches – formal – demokratische Land wie beispielsweise Indien oder Brasilien. Und Korruption ist, wenn sie ein bestimmtes Maß übersteigt, fast immer ein Entwicklungshemmnis.

Außerdem scheinen autoritäre Regimes dort, wo sie als wirkliche sogenannte Entwicklungsdiktaturen fungieren, regelmäßig unter Demokratisierungsdruck zu geraten. Das gilt zum Beispiel für alle bislang erfolgreichen Modernisierer in Ostasien. Es hat daher den Anschein, als seien derartige Regimes nicht dauerhaft stabilisierbar.

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Und trotzdem: Die Gewinner dieser Veränderungen scheinen längst festzustehen; selbst dem kriselnden Europa wird es wohl gelingen, die Arena nicht als geschlagener Verlierer zu verlassen…

Schmidt: Was Europa betrifft, neige ich in der Tat nicht zu übertriebenem Pessimismus oder Alarmismus. Auch die Erfahrung des einen oder anderen kleinen Spielers innerhalb Europas – etwa der Schweiz oder Skandinaviens – zeigt, dass man durchaus gut leben oder auch einflussstark sein kann, ohne eine regionale oder globale Supermacht sein zu müssen. Gleichwohl stellt der Gewichtsverlust Europa vor ganz neue Herausforderungen. Ich würde mir wünschen, dass man eine breite, ergebnisoffene Diskussion über die Frage führt, was der Aufstieg der anderen für uns bedeutet und wie wir uns künftig in der Welt positionieren wollen.

Was bedeutet der Wandel denn für die Länder, die überhaupt nicht direkt an ihm beteiligt sind oder sogar unter ihm leiden?

Schmidt: Man muss sagen, dass der Wandel in vielen Teilen der Welt positiv bewertet und als Befreiung von westlicher Vorherrschaft und Vormundschaft begrüßt wird. Und tatsächlich scheinen auch viele, die unter westlicher Vorherrschaft gelitten haben und denen sich unter dieser Vorherrschaft kaum je echte Entwicklungschancen boten, in bestimmten Hinsichten von den neuen Verhältnissen zu profitieren. Aber dennoch: Wer leidet, der leidet, und dem ist auch nicht damit geholfen, dass es anderen auf einmal unerwartet besser geht. Mancherorts – zum Beispiel in Teilen Afrikas – gibt es auch schon Stimmen, die vor erneuten Abhängigkeiten und Neokolonialismus – diesmal unter chinesischen Vorzeichen – warnen.


Bild: SmokingPermitted / Flickr

Audiobeitrag: Globaler Wandel und die Folgen. Einige Beobachtungen und Spekulationen | Volker H. Schmidt


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