US-Wahl

Der unerwartete Krimi

Einmal öffnete ein älterer Herr mit Gewehr im Anschlag die Tür und rief mir zu, ich solle verschwinden.

Juri Schnöller
temporärer Mitarbeiter bei der Obama Campaign
 
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    Factbox
    Die Insider im Portrait

    Juri Schnöller, Student der Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Zeppelin Universität, kennt sich bestens im politischen Betrieb in Washington D.C. aus. Im Rahmen eines einjährigen Forschungsaufenthaltes arbeitete er unter anderem mehr als sieben Monate als Youth & Social Media Koordinator für die Obama Campaign. 


    Caroline Keim, ebenfalls Studentin der Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Zeppelin Universität, verbrachte im Sommer 2012 zwei Monate in Washington D.C., wo sie in verschiedenen Stationen des Wahlkampfes Erfahrungen sammelte. Sie arbeitete sowohl für ein Umfrageinstitut, welches von dem republikanischen Kandidaten mit Umfragen und Meinungsforschung beauftragt wurde, als auch für verschiedene Wahlkampfagenturen.

    Daten und Fakten zum Wahlkampf

    Die Präsidentschaftswahl 2012 ist der teuerste Wahlkampf aller Zeiten: Stündlich verschicken die Wahlkampfteams von Demokraten und Republikaner Millionen von Nachrichten an ihre Zielgruppen, tausende Mitarbeiter planen die Strategie beider Kandidaten rund um die Uhr. Besonders im Zentrum stehen dabei jährlich die TV-Duelle der Kandidaten: Bei den insgesamt drei Debatten, die auf zwölf Sendern übertragen wurden, schauten teilsweise mehr als 67 Millionen US-Amerikaner zu.
    Finanziell ist der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten sogar das wohl teuerste Ereignis der Welt. Bis zum 17. Oktober 2012 konnte Barack Obama 644.613.946 Dollar an Spenden verbuchen und verzeichnete auf der Gegenseite Ausgaben in Höhe von 553.249.453 Dollar. Herausforderer Romney konnte 413.141.498 Dollar durch Spenden einnehmen und sah sich Kosten in Höhe von 360.443.911 Dollar gegenüber. Größter deutscher Finanzier im US-Wahlkampf ist die Bayer AG mit 261.000 Dollar Spenden für die Republikaner.

    Die Präsidentschaftswahl 2008

    Am 04. November 2008 wählten die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten den heute amtierenden Demokraten Barack Obama zum Präsidenten der USA. Mit knappen 53 Prozent eroberte Obama dabei 365 der 538 Wahlmännerstimmen. Auf seinen republikanischen Gegenkandidaten John McCain entfielen mit knappen 46 Prozent lediglich 173 Wahlmänner. Alle anderen Kandidaten konnten lediglich marginale Stimmanteile von unter einem Prozent verbuchen. Barack Obama wurde am 20. Januar 2009 als 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt.

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Morgen wird in den USA die 57. Präsidentschaftswahl stattfinden und die deutschen Medien blicken gebannt in die Vereinigten Staaten: Der Focus ist dem „Rätsel Romney“ auf der Spur, der Spiegel ruft die „Stunde der Krisen-Manager“ aus. Und die BILD stürzt sich auf den „Wahlkampf-Wahnsinn“. Für die deutschen Medien ist es das Ereignis des Jahres. Die beiden Studierenden der Zeppelin Universität (ZU) Juri Schnöller und Caroline Keim haben im Wahlkampf vor Ort mitgewirkt – bei Demokraten und Konservativen – und können die Fakten einordnen. Schnöller war mehrere Monate als Youth & Social Media Koordinator Teil des demokratischen Obama-Wahlkampfteams und sagt: „Betrachtet man die deutschen Leitmedien, so könnte man meinen, in den USA herrsche eine Woche vor der Wahl ein historischer Ausnahmezustand.“ Doch laut Schnöller ist das skeptisch zu betrachten. In den meisten Teilen des Landes ist die Situation viel weniger aufgeregt als in Deutschland: Grund dafür ist das us-amerikanische Wahlsystem mit dem Wahlmännerprinzip: „In fast dreiviertel aller Bundesstaaten existiert deshalb keinerlei Bedarf für einen Kandidaten-Wahlkampf, da diese ohnehin bereits als sichere Stimmenbringer für ein Lager gelten“, sagt Juri Schnöller.

Factbox: Die Insider im Portrait


Auch Caroline Keim, die den US-Wahlkampf aus Perspektive des konservativen Romney-Teams kennt, beobachtet ein ähnliches Phänomen. Zwei Monate arbeitete Keim für von den Republikanern beauftrage Umfrageinstitute und Wahlkampfagenturen. „Die Situation in den letzten Tagen vor den US-Wahlen bildet die Gespaltenheit des Landes ab. Nur 2 Prozent der Wähler sind noch unentschieden und es geht in den letzten Tagen für beide Kandidaten darum, vor allem ihre Stammwähler in den Swing States zu motivieren.“

Doch auch wenn das Wählerverhalten bereits als eingefahren gilt, an den politischen Inhalten liegt das keinesfalls, weiß Juri Schnöller: „Es ist äußerst emotional, es geht fast ausschließlich um die Person, um Liebe oder Hass.“ Nur 20 Prozent der Wähler machten ihre Stimme von politischen Inhalten abhängig, so Schnöller. „Die weißen Amerikaner der älteren Generation gehen alle wählen – und geben ihre Stimme Mitt Romney“, schätzt Schnöller aufgrund seiner Erfahrungen vor Ort.

Viele Bundesstaaten gelten bereits als sicher

Unumstritten ist demnach, dass in den Vereinigten Staaten viele Bundesstaaten bereits als sicher gelten – auch bei den Kandidaten: So war Obama seit seiner Wahl vor vier Jahren kein einziges Mal im erzkonservativen Bundesstaat Oklahoma zu Besuch. Gegenkandidat Mitt Romney lässt sich laut Schnöller auch nur in New York blicken, wenn ein spendenfreudiges Dinner an der Wall Street lockt. „Die für amerikanische Verhältnisse vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit, stagnierende Löhne und exponentiell steigende soziale Ungleichheit heizen das politische Klima an und tragen zur stärkeren Polarisierung der beiden Parteien bei“, sagt Schnöller.

Factbox: Daten und Fakten zum Wahlkampf


Dabei schien bis vor wenigen Tagen eine Vorentscheidung im Wahlkampf unrealistisch, alle Welt schaute auf den finalen Wahltag. Doch dann kam Hurricane Sandy, der größte Teile der Westküste in einen Ausnahmezustand versetzte: In mehreren Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen, Kraftwerke explodierten und der New York Marathon musste aufgrund des Wirbelsturms mit rund 1.500 Kilometer Durchmesser abgesagt werden. Eine ähnliche Tendenz ließ sich im Bundestagswahlkampf 2002 beobachten, als Gerhard Schröder als souveräner Katastrophenmanager im überfluteten Ostdeutschland auftrat, Gummi-Stiefel inklusive. „Schröder-Effekt“, nennt Schnöller diesen Vorgang und ist sich sicher: „Sturm Sandy hat es gut mit Obama gemeint.“


Auch für Caroline Keim ist Obama als amtierender Präsident hierbei im Vorteil: „Obama hat qua Position ein deutlich besseres Bild abgegeben. Oft wurde er während des Wahlkampfes von den Republikanern kritisiert, dass es ihm an Tatkraft mangele: Das Gegenteil kann er hier beweisen.“ Erst kürzlich sprach sich sogar der parteilose New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg für Präsident Obama aus; zwei Drittel der republikanischen Wähler lobten den amtierenden Präsidenten für seine Arbeit – eine herbe Niederlage für den republikanischen Gegner. Mit seinen Äußerungen zur Abschaffung der nationalen Katastrophenschutzagentur FEMA müsse sich Romney gerade jetzt viel zusätzliche Kritik anhören, erklärt Schnöller und verweist vor allem auf die Bedeutung einzelner Staaten, den Swing States, in denen der Wahlausgang bis zum Schluss unklar zwischen Demokraten und Republikanern schwankt: „Besonders im wichtigsten Swing State Florida könnten diese kleinen Unterschiede am Ende wahlentscheidend sein.“

„Early-Voting“ wird für Obama zum Problem

Trotzdem hat die Naturkatastrophe nicht nur Vorteile für Obama gebracht. Keim erklärt, dass für den Amtsinhaber besonders das „Early Voting“ – der Vorwahlprozess bei der Präsidentschaftswahl – nun skeptisch zu betrachten ist: „Problematisch für ihn könnte werden, dass er in seiner Kampagne auch viel auf das in einigen Staaten mögliche ‚Early Voting’ gesetzt hat, um möglichst früh möglichst viele Stimmen zu bekommen. Einige dieser Staaten an der Ostküste, so wie der hart umkämpfte Staat Virginia, sind von Hurricane ‚Sandy’ so sehr betroffen, dass das ‚Early Voting’ momentan ausgesetzt werden musste.“

Factbox: Die Präsidentschaftswahl 2008


Eine frappierende Strategieänderung lässt dabei insbesondere bei Obama aufmerken. 2008 gelang es dem Demokraten Obama, im Zuge der „Hope“ und „Change“ Welle, sehr viele Neuwähler zum Urnengang zu motivieren. „Im Unterschied zu dieser Vision, mit der Obama seine Wahl 2008 vorangetrieben hatte, wurde in diesem Wahlkampf vermehrt zu ‚negative ads’ gegriffen“, erklärt Keim. Wie auch Romney versucht er, „die Furcht vor einem Amerika mit dem jeweils anderen an der Spitze zu schüren“, beschreibt Keim die Vorgehensweise. Mit dieser Furcht versuchen beide Kandidaten die Bürger an die Wahlurnen zu treiben. „Ich habe für Umfrageinstitute und Agenturen gearbeitet. Da bekommt man ein sehr genaues Bild, wie eine US-Wahlkampagne funktioniert“, erklärt Keim die Wahlmanöver der beiden Bewerber für das weiße Haus. Juri Schnöller sagt hingegen, dass Obama nach wie vor an seinen wesentlichen Strategien festhält: „Ich habe vor Ort für den Gedanken des Sozialstaats geworben und die Gesundheitsreform angepriesen“, zwei Elemente, an denen Obama nach 2008 weiterhin festhielt.

Links Obama, rechts Romney: Der polarisierte Wahlkampf hat in den USA viele Humoristen auf den Plan gerufen.
Links Obama, rechts Romney: Der polarisierte Wahlkampf hat in den USA viele Humoristen auf den Plan gerufen.

Die Methoden auf der Zielgerade

Besonders spannend ist für Beobachter wie Kandidaten traditionell die letzte Phase des Wahlkampfes. Eine besondere Bedeutung misst Caroline Keim hierbei dem „Micro Targeting“ bei, einer Methode beruhend auf Konsumdaten der Kreditbankenfirmen. Diese erlaubt es beiden Parteien, speziell auf bestimmte Kreise zugeschnittene Wahlwerbespots zu senden. PR-Firmen haben dafür im Voraus genau die Wirksamkeit der Botschaften untersucht. Hier wird laut Keim deutlich: „Negative Wahlwerbungen hinterlassen oft einen nachhaltigeren Eindruck und werden so vor allem in den letzten Tagen vermehrt ausgestrahlt.“


Besonders Juri Schnöller kennt sich mit den Wahlkampfmethoden aus. Beliebt sind auch regelmäßige Telefonaktionen, in denen auch Schnöller mitwirkte: „Die Frage ‚Können Sie sich vorstellen, Barack Obama zu wählen?’ habe ich in tausenden Telefonaten gestellt“, beschreibt Schnöller seine Arbeit. Anders als in Deutschland ist auch das typische „Klinkenputzen“ in den Vereinigten Staaten noch von Bedeutung, so Schnöller weiter: „Einmal öffnete ein älterer Herr mit Gewehr im Anschlag die Tür und rief mir zu, ich solle verschwinden“, erinnert sich Schnöller an seine Zeit vor Ort. Aber auch an den Händedruck mit dem Präsidenten erinnert sich Schnöller noch mit den Worten: „Wow, das war schon cool!“ – „Das sind Geschichten, von denen ich noch meinen Enkeln erzählen werde.“

Negative Wahlwerbung, ein Wirbelsturm und „Micro Targeting“ schüren den Kampf um das Weiße Haus in den letzten Stunden vor der Wahl. Die aktuellen Ereignisse und die Wahlkampfmethoden auf der Zielgerade heizen die Stimmung in einem Wahlkampf, der eigentlich unspektakulär scheinen könnte, wieder gewaltig an: „Die Welt schaut gebannt auf die sicherlich spannendste Wahlnacht seit Gore versus Bush vor zwölf Jahren“, sagt Schnöller. Und auch, wenn nur noch wenige Wähler unentschlossen sind, fügt er noch schnell ein „Und das zu Recht“, hinzu.



Bilder: Juri Schnöller, Caroline Keim; DonkyHotey / Flickr; misterQM / Photocase

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