Hochschulen

Was die Exzellenzinitiative verändert

Die Exzellenzinitiative hat die formale Konstruktion von Forschung verändert.

Dr. Volker Meyer-Guckel
 
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    Zur Person
    Dr. Volker Meyer-Guckel

    Dr. Volker Meyer-Guckel ist seit 2005 stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes – einem Zusammenschluss von rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbänden, Stiftungen und Privatpersonen, um Wissenschaft, Forschung und Bildung voranzubringen. Er leitet dort den Bereich Programm und Förderung.

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    Factbox
    Exzellenzinitiative und neue Organisationseinheiten

    Im Jahr 2006 startete die Exzellenzinitiative. In der ersten beiden von drei Auswahlrunden standen 1,9 Milliarden Euro Fördermittel zur Verfügung. Im Juni 2012 wurden zum dritten und letzten Mal im Rahmen der Exzellenzinitiative Fördergelder mit einer Laufzeit von fünf Jahren vergeben.

    Die Vergabe teilt sich auf in drei Förderlinien. Dazu zählen die Graduiertenschulen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die Exzellenzcluster zur Etablierung international sichtbarer und konkurrenzfähiger Forschung und die Förderung von Zukunftskonzepten an Universitäten zur Stärkung ihres Forschungsprofils.

    Sowohl durch die politischen Strukturvorgaben als auch durch wissenschaftsinterne  Veränderungen entstehen somit neue Organisationseinheiten in Forschung und Lehre. Dazu gehören Graduiertenkollegs, Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche, oder auch Forschungseinheiten mit Unternehmen als Hauptpartner. Die Wichtigkeit von Interdisziplinarität und Kooperationen wird sichtbar. In der Lehre entstehen Kollegs und Akademien zur Vermittlung propädeutischen und fächerübergreifenden Wissens. Auf Bachelorebene gibt es ebenso transdisziplinäre Lehrangebote, um nur einige der neuen Organisationseinheiten zu nennen. 

    Neun Spannungsfelder der Universitätsentwicklung
    1. Je größer die Spezialisierung, desto größer die Notwendigkeit die eigene Expertise in Kooperationsprojekten zu ergänzen.
    2. Hochschulentwicklung in Deutschland wird beständig durch externe Akteure forciert: Politik, Forschungsförderer und Unternehmen.
    3. Die Autonomie von Hochschulen wurde gestärkt, aber dennoch sind sie zur ständigen Kooperation mit Partnern, die oftmals mit besseren Ressourcen ausgestattet sind, gezwungen.
    4. Wie kann eine nachhaltige Entwicklung von Hochschule gewährleistet werden, wenn sie abhängig ist von Projektförderungen.
    5. Die Autonomie des Professors wird eingeschränkt, wenn er gezwungen ist, sich in Kooperationen zu begeben, die andererseits einen Mehrwert generieren.
    6. Im regionalen Kontext müssen Universitäten anwendungsorientiert arbeiten, im internationalen Kontext eher grundlagenorientiert, um bei Spitzenforschung mitzuhalten.
    7. Die zunehmende Notwendigkeit der Spezialisierung von Bachlor-Masterprogramme erschweren die Mobilität und erfordern erneute Standardisierung.
    8. Die profilbildenden Einheiten wurden zu gut ausgestattet, so dass es auch Verlierer in der Forschungslandschaft gibt, was wieder eine stärkere Grundfinanzierung nötig macht.
    9. Die Frage, wen Universitäten eigentlich ausbilden, ob für die Wissenschaft oder den Beruf, bleibt weiterhin problematisch.
    Friedrichshafener Bildungsgespräche mit Dr. Volker Meyer-Guckel

    Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft, sprach am 14.11.2012 in der Zeppelin Universität zum Thema "Das Ende der Fakultäten? Wie sich akademische Forschung und Lehre heute und in Zukunft organisieren kann". 

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    Mehr ZU|Daily
    Jeden Tag vergieße ich eine Träne...
    Die Kritik der Bologna-Reform richtet laut Thomas Sattelberger großen Schaden in der deutschen Hochschullandschaft an. Er rät den Reformgegnern an Universitäten, Mitverantwortung zu übernehmen.
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Sechs Jahre ist sie alt, die Exzellenzinitiative zur Förderung des Wissenschaftsnachwuchses, der Spitzenforschung und der Profilierung deutscher Universitäten. Im Juni 2012 wurden die letzten Fördergelder im Rahmen der Initiative an 39 Universitäten aus 13 Ländern verteilt. Die veränderte Finanzierungsstruktur von Forschung hat dabei erhebliche Auswirkungen auf Hochschulen. Die Grundfinanzierung wird verringert und die antragsbasierte Vergabe von variablen Mitteln erhöht, um die Profilierung von Universitäten in Themenbereichen zu fördern.

Exzellenzinitiative und neue Organisationseinheiten


Der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Dr. Volker Meyer-Guckel, resümiert: „Die Exzellenzinitiative hat die formale Konstruktion von Forschung verändert.“ Denn mit der Vergabe von Fördergeldern gehen auch Strukturvorgaben von Seiten der Politik einher. Das führt zur Etablierung neuer Organisationseinheiten wie Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Studienkollegs. Diese neuen Organisationsstrukturen sollen einerseits den Wissenschaftsnachwuchs fördern, andererseits antworten sie auf die gestiegenen Ansprüche an Hochschulen, sich an der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme zu beteiligen. Dies macht eine Orientierung an Themen und weniger an Forschungsdisziplinen notwendig.

Themen statt Disziplinen werden Forschung dominieren

Wie sich Universitäten konkret ausdifferenziert haben, hat die aktuelle Studie „Jenseits der Fakultäten. Hochschuldifferenzierung durch neue Organisationseinheiten für Forschung und Lehre“ des Stifterverbandes in Kooperation mit der Deloitte Stiftung analysiert. Sybille Reichert, Mathias Winde und Volker Meyer-Guckel betrachten, in welchen Spannungsfeldern sich die Universität in der heutigen Zeit befindet und wie sich die Etablierung neuer Organisationseinheiten in Forschung und Lehre jenseits der Fakultäten gestaltet. „Die zentrale These ist, dass sich die Hochschule in einer Transitionsphase hin zu einem neuen Modell befindet“, sagt Meyer-Guckel. Dieses sei weniger disziplinbasiert sondern themenorientiert, nicht an fachgemeinschaftlichen sondern an gesellschaftlichen Zielen ausgerichtet und nicht expertengeführt sondern managementgesteuert. Außerdem zeichne sich dieses Modell nicht mehr durch eine pauschale Grundfinanzierung aus, sondern durch die Finanzierung von Forschungsprojekten, die sich gesellschaftlich relevanten Themen annehmen. 

Publikation des Stifterverbandes: Jenseits der Fakultäten


Für Meyer-Guckel ist die stärker werdende Differenzierung der Hochschullandschaft zu begrüßen, wenn sie auch zu einer Binnendifferenzierung in den Universitäten führt. Denn die neuen gut finanzierten Organisationseinheiten verändern das Machtgefüge innerhalb der Hochschule. Im Wettbewerb um Forschungsgelder und durch das notwendig gewordene Themenmanagement an den Universitäten gewinnt auch die Hochschulleitung an Einfluss. Meyer-Guckel stellt fest, dass sich gar ein neues Berufsfeld des Hochschulmanagements herausbildet.

Fakultäten müssen sich arrangieren

Am stärksten könnte unter dieser aktuellen Entwicklung die klassische Fakultät leiden, weil sie für die Ausrichtung der Forschung nach Disziplinen steht. Meyer-Guckel prognostiziert aber, dass sie weiterhin wichtig bleiben: „Karrierewege werden wahrscheinlich eher in der Disziplin definiert und die Fakultät ist auch der Heimatbereich der Lehre.“ Langfristig könnte sie aber an Bedeutung verlieren.

Die aktuelle Situation zeigt, welche Folgen eine veränderte Finanzierung von Hochschulen auf die organisationalen Strukturen hat. Die Hochschullandschaft bekommt durch den Wettbewerb um Fördergelder eine neue Dynamik, gleichzeitig hat die Politik die Möglichkeit, die Erforschung gesellschaftlich relevanter Themen in Universitäten zu forcieren.

Neun Spannungsfelder der Universitätsentwicklung


Und dennoch reißt die Kritik an der Exzellenzinitiative seit ihrem Beginn nicht ab. Insbesondere nachdem die Universitäten in Karlsruhe, Göttingen und Freiburg ihren Elitestatus nach der dritten Förderrunde abgeben mussten, wird deutlich, dass die Wissenschaft durch den stärkeren Wettbewerb um Forschungsgelder mit einer Prekarisierung konfrontiert wird. Die Gewerkschaft ver.di betont, dass die Fixierung auf wenige Spitzeneinrichtungen von den zentralen Problemen des Hochschulsystems nicht ablenken dürfe. „Herausragende Hochschulen wird es auf Dauer nicht geben, indem man die Standards auf breiter Front absenkt – im Gegenteil: Nur eine in der Breite gut aufgestellte Hochschullandschaft bildet den geeigneten Nährboden für immer neue exzellente wissenschaftliche Impulse“, kommentierte ver.di-Bereichsleiterin der Bildungspolitik Renate Singvogel die Situation. Besorgniserregend sei die Entwicklung der Arbeitsbedingungen: 85 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter erhielten nur noch befristete Stellen. 


Dass sich der Alltag der Wissenschaftler gewandelt hat, sieht auch ZU-Lehrstuhlinhaberin Professorin Dr. Karen van den Berg. Sie berichtet, es gebe unter Kollegen eine Hysterie an Anträgen, eine unglaubliche Unruhe und eine Prekarisierung von Positionen, weil jeder sich dauernd irgendwo bewerbe. Das Stellen von Anträgen lenke letztlich von der Forschung ab. Sie gibt zu bedenken, ob diese Förderlogik noch der Entwicklung von Forschung und Lehre diene und ob Forscher gerade dadurch den Blick für gesellschaftlich relevante Themen verlören.

Stifterverband-Vertreter Meyer-Guckel, der die Entwicklung der Universitätslandschaft schon lange begleitet, teilt die Bedenken. Dennoch hat er Verständnis für die politischen Entscheidungen. „Vor 15 bis 20 Jahren hatten wir kein dynamisches System der Wissenschaft." Die Motivation der Politik war letztlich, dieses Manko zu beheben, wenn auch mit ungewissem Ausgang.


Bild: krockenmitte / photocase.com



Vortrag von Dr. Volker Meyer-Guckel vom 14.11.2012 an der ZU anlässlich der Friedrichshafener Bildungsgespräche zum Thema: Das Ende der Fakultäten? Wie sich akademische Forschung und Lehre heute und in Zukunft organisieren kann.


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