Forschungsprojekt

TAKsi zum Theater der Zukunft?

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir, inwiefern sich das Theater nicht nur thematisch mit Gesellschaft und Gemeinschaft beschäftigt, sondern auch in der Lage ist, derartiges zu erschaffen.

Matthias Hermann
 
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    Zur Person
    Matthias Hermann, Giordano Blume und Frederic Thywissen

    Blume, Hermann und Thywissen studieren gemeinsam im 4. Semester des Studiengangs Kulturmanagement und Kommunikationswissenschaften an der Zeppelin Universität. Im Rahmen des obligatorisch zu organisierenden Kulturprojektes konzeptionierten sie gemeinsam das theaterwissenschaftliche Forschungsprojekt TAKsi.

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    Factbox
    Liechtenstein

    Liechtenstein sei ein Land der Glückseligen, sagte Student Giordano Blume im Interview. Dieser Eindruck kann durchaus entstehen angesichts des Bruttoinlandproduktes pro Kopf, das das weltweit höchste ist. Und dennoch war damit die offene Gelassenheit der Liechtensteiner gemeint, von der die drei Studenten beeindruckt sind. Das Fürstentum, das als eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer Grundlage verfasst ist, ist mit 36.000 Einwohnern und 160 Quadratkilometern der viertkleinste Staat Europas. Seit den 50er Jahren entwickelte sich das stark agrarisch geprägte Land zwischen Schweiz und Österreich zu einem erfolgreichen Wirtschaftsstandort.  

    TAK Theater Liechtenstein

    Das TAK Theater Liechtenstein in Schaan, Liechtenstein, wurde 1970 gegründet und steht seit 2006 unter der künstlerischen Leitung von Barbara Ellenberger. Das TAK verfügt über kein eigenes Ensemble sondern bringt führende Theater des deutschsprachigen Raumes und ausgewählte internationale Projekte, und ebenso Musiker und Orchester nach Liechtenstein. Der Schwerpunkt bei der Auswahl liegt auf der Auseinandersetzung mit aktuellen Theaterentwicklungen, wobei auch Wert auf ein großes Angebot an Kinder- und Jugendtheater gelegt wird. Im aktuellen Spielzeitthema „teile mit…“ soll ein Dialog über die ungleiche Verteilung von Reichtum und Bildung, die Knappheit endlicher Ressourcen und das Teilen als Voraussetzung menschlicher Gemeinschaft stattfinden.

    Leitfadeninterview

    Die Studenten wählten für ihr Forschungsprojekt eine offene Befragungstechnik der qualitativen Sozialforschung: das Leitenfadeninterview. Das Besondere an dieser Technik ist seine weniger strikte Ausgestaltung. So können vorher festgelegte Fragen frei und ohne feste Antwortmöglichkeiten beantwortet werden, die dem Interviewten die Möglichkeit geben, eigene Schwerpunkte zu setzen. Dies wird zusätzlich dadurch erleichtert, dass die vorher festgelegten Fragen nicht in einer bestimmten Reihenfolge gestellt werden müssen.  So ist es möglich, die persönlichen Beziehungen der Theaterbesucher zum TAK detailreich einzufangen. 

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    Mehr ZU|Daily
    „Kunst hat erstmal keine Funktion"
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Seit dem ersten Besuch im TAK Theater Liechtenstein (TAK) waren drei ZU-Studenten fasziniert von der besonderen Atmosphäre, die in der dortigen Spielstätte herrscht. Tritt man durch die Glastür und schiebt den roten schweren Samtvorhang zur Seite, eröffnet sich das Foyer des Theaters. Ein gemütliches Wohnzimmer mit ausladenden Ledersofas, Sesseln und tiefen dunklen Holztischen. Das deckenhohe hölzerne Bücherregal, voll mit unterschiedlichsten Büchern und Bildbänden, lädt zum Schmökern ein. Kaum ist man in einem der tiefen Sessel versunken, könnte man vergessen, dass man sich in einem Theaterfoyer befindet.

Die Forscher: Matthias Hermann, Frederic Thywissen und Giordano Blume (v.l.)
Die Forscher: Matthias Hermann, Frederic Thywissen und Giordano Blume (v.l.)

Inspiriert von ihren Theaterbesuchen im TAK fragten sich somit die drei Kommunikationswissenschafts - und Kulturmanagementstudenten Giordano Blume, Frederic Thywissen und Matthias Hermann von der Zeppelin Universität, welche Bedeutung das Theater für die Liechtensteiner Gesellschaft hat und konzeptionierten unter Anleitung von Juniorprofessor Dr. Martin Tröndle am Lehrstuhl Kulturbetriebslehre & Kunstforschung ein außergewöhnliches Forschungsprojekt in einem außergewöhnlichen Land.

Liechtenstein


Das Liechtensteiner Theater provoziert den Diskurs

In Liechtenstein kennt man sich untereinander. Anonymität ist hier ein Fremdwort und umso spannender ist die Frage, welche Funktion ein Theater einnimmt in einer Gesellschaft, die kaum Rückzugsorte vor der Beobachtung anderer bietet. Matthias Hermann betont, dass die Liechtensteiner auch noch lange nach der Vorstellung im Theater verweilen, um sich auszutauschen. Der Chefdramaturg am TAK, Jan Sellke, führt aus: „Das Wichtigste ist, dass das Theater ein Gesprächsraum ist. Ein Wohnzimmer, in dem gesellschaftlicher Diskurs stattfinden kann.“ Bei der Auswahl der Stücke versuchen sie daher vor allen Dingen für Liechtensteiner relevante Themen aufzugreifen.

Der Anspruch der künstlerischen Leiterin des TAK, Barbara Ellenberger, ist dabei, am Puls des aktuellen Theaters zu sein und Zeitgenössisches zu zeigen. Dafür muss sie Erwartungen auch mal enttäuschen: „Traditionelle Inszenierungen werden oft gewünscht, aber ich möchte auch, dass sich die Zuschauer auf das Erlebnis des neuen Theaters einlassen“. Sie ist überzeugt, dass es helfen kann, das Leben zu bewältigen, Gedankenräume zu öffnen, die Welt auf den Kopf zu stellen und Horizonte zu sprengen.

TAK Theater Liechtenstein


Können kulturelle Institutionen Gemeinschaft bilden?

Der Student Matthias Hermann erklärt: „In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir, inwiefern sich das Theater nicht nur thematisch mit Gesellschaft und Gemeinschaft beschäftigt, sondern auch in der Lage ist, derartiges zu erschaffen.“ Konkret gehe es darum, ein Verständnis dafür zu gewinnen, inwiefern kulturelle Institutionen Gemeinschaft und Identität bilden können. Mitforscher Frederic Thywissen betont: „Wir haben hier die Möglichkeit, herauszufinden, wie ein Theater in einem so bestimmten Setting vielleicht auch anders funktioniert. Deswegen geht es auch darum, was man aus der besonderen Situation dieses Theaters lernen kann und ob es als Austauschort eine Überlebensstrategie für das Theater generell sein kann“. Und Giordano Blume, fügt hinzu, dass es nicht nur spannend sei, zu hinterfragen, warum ausgerechnet das Theater Ort des Austausches in Liechtenstein ist, sondern auch, was dieses von anderen Orten des Austausches unterscheidet. 

Das Foyer des TAK Theater Liechtenstein.
Das Foyer des TAK Theater Liechtenstein.

Ein ungewöhnlicher Forschungsort: Die Taxifahrt

Zur Erforschung dessen befragen die Studenten bis zum Ende dieses Jahres 14 Theaterbesucherpaare in einem besonderen Kontext. Gemeinsam mit dem Liechtensteiner Taxifahrer Otto holen sie die Theaterbesucher, meist Abonnenten, im Auto direkt von ihrem Wohnort ab und bringen sie nach dem Theaterstück auch wieder zurück. Auf diesen beiden Fahrten findet ein qualitatives Leitfadeninterview statt, in dem die Studenten ein bewusst offen gehaltenes Gespräch führen, um insbesondere das individuelle Verhältnis der Theaterbesucher zum TAK einzufangen. Frei nach dem Motto der aktuellen Spielzeit „teile mit…“, teilen sie die Fahrt mit den Besuchern und diese ihre Geschichten mit den drei Studierenden.

Leitfadeninterview


Den Theaterbesuchern ist die Kunst besonders wichtig

Die Idee, die Forschung im Auto durchzuführen, entstand ebenso aus einer persönlichen Erfahrung der drei Studenten: „Wir haben gemerkt, dass wir auf unseren Rückfahrten immer unheimlich interessante Gespräche geführt haben. Das sind fruchtbare Momente, in denen man viel mitnimmt“, meint Frederic Thywissen. So ließe sich auch die sonst nutzlos verstrichene Zeit sehr sinnvoll verbringen. „Außerdem ist das Auto die perfekte, unausweichliche Umgebung, um Euphorie, Stimmungen und die vielen Eindrücke aus dem Theaterstück einzufangen und miteinander zu teilen“, so Matthias Hermann.

In ihren bisherigen Interviews stellten die Studenten vorläufig fest, dass die Besucher das TAK zwar als ein Stück Heimat und einen wichtigen Ort für sozialen Austausch beschreiben, aber dass sie es hauptsächlich besuchen, um in den Genuss der Kunst zu kommen, berichtet Giordano Blume. Eine gute Nachricht für die künsterische Leiterin Barbara Ellenberger in Liechtenstein, denn ihre Devise lautet: „Das Theater ist ein Ort für alle “. Endgültige Ergebnisse wird es allerdings erst nach der Durchführung aller Interviews und deren Auswertung zu Beginn des nächsten Jahres geben.


Titelbild: „Der Geizige - Ein Familiengemälde nach Molière", eine Produktion des „Schauspielhaus Wien", wird im November im TAK zu sehen sein. (Pressefoto Schauspielhaus Wien)
Weitere Bilder: Bertram Rusch und Jenny Fadranski

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