PISA-Studie

Gut, aber nicht gut genug

Interview: Sebastian Paul | Zeppelin Universität
12.12.2013
Die Aufteilung der Schüler auf unterschiedliche Schulzweige und die Zuwendung der besseren Lehrkräfte auf die leistungsstärkeren Schüler sind die Grundpfeiler der deutschen Klassengesellschaft.

Hon-Prof. Dr. Peer Ederer
HUGIN Center for HUman capital, Growth & INnovation
 
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    Zur Person
    Hon-Prof. Dr. Peer Ederer

    Peer Ederer studierte in Tokio und Havard, forschte und arbeitete unter anderem bei der Deutschen Bank und der Unternehmensberatung McKinsey. Als Wissenschaftler beschäftigt er sich mit den Zusammenhängen zwischen Humankapital, Wachstum und Innovation. Peer Ederer leitet an der Zeppelin Universität das HUGIN Center for HUman capital, Growth & INnovation.

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In der jüngst veröffentlichen PISA-Studie schneidet Deutschland besser ab als zuletzt. Wie beurteilen Sie dies?

Hon-Prof. Dr. Peer Ederer: Das bessere Abschneiden der deutschen Schüler in der aktuellen PISA-Studie ist ein Beleg dafür, dass die bisher eingeführten Schulreformen zumindest einzelner Bundesländer langsam Früchte tragen. Anscheinend haben Bund und Länder teils die richtigen Lehren gezogen und Reformen begonnen, was durchaus positiv anzusehen ist. Allerdings verlaufen die Reformbemühungen in den jeweiligen Bundesländern in vielen kleinen Schritten und in unterschiedlichem Tempo.

Gibt es Grund zum Jubeln?

Ederer: Nein. Auch wenn sich die Leistungen der deutschen Schüler im Vergleich zu den Vorjahren verbessert hat: Sie sind nach wie vor Mittelmaß im internationalen Vergleich, der Abstand zur Spitzengruppe hat sich gar vergrößert. Und ein Blick zu unseren europäischen Wettbewerbern wie Polen, die Niederlande und die Schweiz verrät, dass deren Schulen und Schulreformen effizienter voranschreiten. Deutschland bewegt sich zwar in die richtige Richtung, ist aber noch lange nicht dort angekommen, wo es als wettbewerbsorientierter und exportgetriebener Staat hingehört.


Wie sehen Sie die PISA-Studien grundsätzlich?

Ederer: Ich stehe den PISA-Studien sehr positiv gegenüber. Abseits jeglicher Ideologien werden hier harte Fakten und Zahlen geschaffen und präsentiert, die sichtbar werden lassen, in welchen schulischen Bereichen Defizite vorliegen. Dadurch wird den teilnehmenden Ländern evidenzbasiert vor Augen geführt, was funktioniert und was nicht. Zwar gab es auch vor PISA Schulreformen und jahrzehntelange Debatten, aber erst mit den Erhebungen wurden wissenschaftlich unumstrittene Fakten hervorgebracht.

Die Ergebnisse der PISA-Studie 2006 für Naturwissenschaften: Finnland vorn, Deutschland immerhin in den Top 10. Eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum 20. Platz bei der ersten Untersuchung aus dem Jahr 2001.
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2006 für Naturwissenschaften: Finnland vorn, Deutschland immerhin in den Top 10. Eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum 20. Platz bei der ersten Untersuchung aus dem Jahr 2001.

Weiterhin dominieren in der Studie asiatische Länder – China, Singapur, Hongkong, Japan. Was macht man dort anders, besser?

Ederer: In den asiatischen Ländern herrschen andere Kulturmechanismen als in den europäischen: Die Kultur ist ausgerichtet auf strenge Meritokratie, was sich auch auf die Lehr- und Lernkultur auswirkt. Bildung wird viel höher angesehen und die Anstrengungsbereitschaft der Schüler ist wesentlich größer. Denn der Status des Individuums in der asiatischen Gesellschaft hängt ganz stark vom erreichten Bildungsgrad ab. Das gesamte Schulsystem, das Handeln und Denken der Eltern, Lehrer und Schüler ist vom Schulbeginn an auf ein Ziel ausgerichtet: der Erwerb eines Universitätsabschlusses an einer guten Universität.

Daraus ergibt sich für manch einen die Frage, ob wir das asiatische Bildungssystem nicht nachahmen müssten, um ähnliche Werte in den PISA-Studien zu erreichen? Darauf antworte ich mit einem entschiedenen Nein. Man kann weder mehrere tausend Jahre Kultur kopieren noch ist das nötig. Außerdem zeigen Länder wie die Niederlande, dass es auch möglich ist, in einem europäischen Kulturkontext hohe PISA-Werte zu erzielen.

Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea stehen wieder an der Spitze des PISA-Rankings. Zumindest was die Quantität des Wissenserwerbs angeht, ist das Bildungssystem in den ostasiatischen Ländern vorbildlich...
Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea stehen wieder an der Spitze des PISA-Rankings. Zumindest was die Quantität des Wissenserwerbs angeht, ist das Bildungssystem in den ostasiatischen Ländern vorbildlich...

Welche zusätzlichen Erkenntnisse liefern die PISA-Studien noch?


Ederer: Neben den allgemein bekannten Testergebnissen hat die OECD als Herausgeber der PISA-Studien Empfehlungen ausgearbeitet, die auf den langjährig erhobenen Daten und den Merkmalen leistungsstarker Bildungssysteme basieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse können den schlecht abschneidenden Ländern dazu dienen, ein erfolgreiches Bildungssystem zu etablieren: Für sie ergibt sich die Möglichkeit, die in anderen Staaten angewandten Grundsätze und Vorgehensweisen im Rahmen politischer Vorgaben zu übernehmen, um die Kenntnisse und Fähigkeiten der eigenen Schüler nach und nach zu verbessern.


Wie sehen die Empfehlungen der OECD konkret aus?


Ederer: Eine These der OECD besagt, dass Schulsysteme, die hohe Leistungen und eine ausgewogene Verteilung der Bildungserträge aufweisen, in der Regel integrativ sind. Daher spricht sie sich dafür aus, dass vom Leistungsniveau her unterschiedliche Schüler möglichst lange gemeinsam unterrichtet werden sollen. Eine unabdingbare Voraussetzung für eine derartige Unterrichtsgestaltung stellt jedoch die hohe Qualifikation der Lehrkräfte dar. So empfiehlt die OECD eine stärkere Ausrichtung der Lehrerausbildung auf die Bereiche Pädagogik und Didaktik. Dadurch würde sich nicht nur ihre individuelle Lehrfähigkeit erhöhen, sondern durch ihr Handeln könnten sie auch die Lernmotivation und -bereitschaft der Schüler stärker aktivieren und fördern.


Die OECD hat zudem herausgestellt, dass der sozioökonomische Hintergrund der Schüler einen starken Einfluss auf die Lernerträge ausübt. Das Ziel einer jeden Schulpolitik und -praxis sollte daher sein, diese Bildungshindernisse abzubauen und effektivere Strategien zur Verbesserung des Engagements, der Motivation und der Einschätzung der eigenen Lernfähigkeiten der leistungsschwächeren Schüler zu entwickeln. Das kann aber nur gelingen, wenn die begabtesten Lehrkräfte in den schwierigsten Kontexten unterrichten, damit auch die benachteiligten Schüler in den Genuss eines leistungsfördernden Umfelds kommen.

Inklusion? Nicht in deutschen Schulen!

Wie wurden die Empfehlungen der OECD in Deutschland bisher umgesetzt?


Ederer: Die Empfehlungen der OECD sind in Deutschland zu wenig beachtet und umgesetzt worden. Auch wenn nach dem „PISA-Schock“ 2001 in einzelnen Bundesländern Schul- und Lehrplanreformen durchgeführt wurden, ist zumeist auch heute noch das deutsche Schulsystem von der starren Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulzweige gekennzeichnet. Von einem flächendeckenden Aufbau eines integrativen Schulsystems kann also keine Rede sein. Des Weiteren konzentriert sich die fachliche Ausbildung der Lehrkräfte zu sehr auf die reine Stoffvermittlung, die Bereiche Pädagogik und Didaktik spielen nach wie vor eine untergeordnete Rolle.


Noch dramatischer ist der Umstand, dass an den Universitäten die Qualität der Lehrerausbildung vom jeweiligen Lehramtsstudium abhängt. Die Lehrkräfte, die an den deutschen Gymnasien unterrichten, sind besser geschult als diejenigen, die an den Real- und Hauptschulen lehren. Die dortigen Schüler sind daher doppelt benachteiligt, da sie selbst einen sozioökonomisch ungünstigen Hintergrund haben und zudem eine Schule besuchen, in der die Qualität der Lehrkräfte geringer ist.

...doch viele Pädagogen kritisieren den hohen Druck, unter dem Schüler stehen. Disziplin geht vor Kreativität, die Autorität der Lehrer wird nicht angezweifelt, kritische Fragen sind selten. Ein Vorbild, das es nachzuahmen gilt?
...doch viele Pädagogen kritisieren den hohen Druck, unter dem Schüler stehen. Disziplin geht vor Kreativität, die Autorität der Lehrer wird nicht angezweifelt, kritische Fragen sind selten. Ein Vorbild, das es nachzuahmen gilt?

Obwohl Bildungspolitik hierzulande föderal verankert ist, differenziert die Studie nicht nach Bundesländern. Halten Sie das für schädlich oder nützlich?

Ederer: Dreimal, im Jahr 2000, 2003 und 2006 wurde die PISA-Studie so durchgeführt, dass Vergleiche zwischen den Bundesländern möglich waren. Für den Stadtstaat Bremen eine besonders bittere Erfahrung: Auf den letzten Platz im Ländervergleich reagierten Politik und Medien mit Hohn und Spott. Seither sind die Kultusminister an den neuen Erkenntnissen der PISA-Erhebungen weitaus weniger interessiert, obwohl die Möglichkeit eine Auswertung nach Bundesländern durchaus bestünde. Selbst die vorhandenen PISA-Daten aus den Jahren 2000 bis 2006 gibt die Kultusministerkonferenz sogar dann nicht mehr heraus, wenn ein Wissenschaftler zu Forschungszwecken auf diese zugreifen möchte. Das erzeugt meines Erachtens mehr Schaden als Nutzen: Denn damit vergeben die Bundesländer die Chance, sich zu verorten und aneinander zu messen. Und sie untergraben einen großen Vorteil des Föderalismus: die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

Durchlässigkeit nur nach unten

Was müsste sich vordringlich ändern, damit sich das deutsche Schulsystem in der Spitzengruppe etabliert?

Ederer: Im deutschen Bildungssystem müsste ein generelles Umdenken stattfinden. Das deutsche Schulkonzept, in dem Kinder nach nur vier Jahren Grundschule auf Gymnasium, Real- und Hauptschule aufgeteilt werden, verbaut zu viele Perspektiven. Hinzu kommt die mangelnde Durchlässigkeit: Es werden fast nur Schüler nach unten durchgereicht, kaum einer schafft den Wechsel etwa von der Realschule auf das Gymnasium. Das zeigen auch die PISA-Studien: Die schulischen Leistungen der Haupt- und Realschüler fallen gegenüber den Gymnasiasten drastisch ab.

Integrative Schulen könnten dem entgegenwirken. Das funktioniert aber nur in Kombination mit einer weiteren Änderung: Die leistungsschwächeren Schüler müssen in ihrer persönlichen und schulischen Entwicklung stärker gefördert werden als die leistungsstärkeren. Weiterhin muss die Ausbildung der Lehrkräfte an den deutschen Universitäten inhaltlich breiter und vielfältiger sein: Weg von reiner Stoffvermittlung hin zu stärkerer Fokussierung auf Pädagogik und Didaktik. Und auch während ihres Schuldienstes sollten Lehrer immer wieder auf ihre Lehrfähigkeit hin überprüft und neu akkreditiert werden. Regelmäßig stattfindende Lehrerfortbildungen und sogenannte „Peer-Reviews“, also die Begutachtung der Lehrkräfte durch Dritte, sind im deutschen Schulsystem bis heute nicht verankert. Ein weiteres Manko des deutschen Bildungssystems ist, dass das hochqualifizierte Lehrpersonal nicht an den Real- und Hauptschulen unterrichtet. Denn es sind gerade die leistungsschwächeren Schüler, die mehr Aufmerksamkeit und fachliche Unterstützung brauchen.

Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Ederer: Möglicherweise liegen die Gründe auf einer tieferen, soziologischen Ebene. Meine These ist: Die Aufteilung der Schüler auf unterschiedliche Schulzweige und die Zuwendung der besseren Lehrkräfte auf die leistungsstärkeren Schüler sind die Grundpfeiler der deutschen Klassengesellschaft. Das Abitur ist nur dann wertvoll, wenn es noch einen Real- und Hauptschulabschluss darunter gibt. Das Wort „darunter“ verrät, worum es geht: die soziale Einklassifizierung. Kaum ein Wähler würde sich gegen bessere Schulen wehren, aber die Mehrheit sich dagegen auflehnen, dass die deutsche schulabschlussdefinierte Klassengesellschaft aufgegeben wird. Deswegen kommen wir mit den Schulreformen nicht weiter – es ist nämlich ein außerschulisches Problem.

Titelbild: krockenmitte / Photocase

Bilder im Text: Jens-Olaf Walter | Renato Ganoza | Dan Woods

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