E-Books

Revolution auf dem Buchmarkt

Jetzt können Bücher unabhängig von den erwarteten Kaufzahlen erscheinen und dabei neue Trends setzen: Die „50 Shades of Grey“-Reihe beispielsweise wäre wahrscheinlich nie von einem großen Haus verlegt worden.

Tim Fahrendorff
BA-Absolvent Kommunikations- und Kulturwissenschaften
 
  •  
    Zur Person
    Tim Fahrendorff

    Tim Fahrendorff absolvierte 2012 seinen Bachelor der Kommunikations- und Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Zuvor war er Praktikant im Verlag Klaus Wagenbach in Berlin und beim Offline/Online-Buchhändler Chapitre.com in Paris. Momentan arbeitet er beim Karrierenetzwerk careerloft in Berlin; nebenbei ist er Vorstandsvorsitzender des Literaturförderungsnetzwerks Schreibende Schüler e.V.

  •  
    Factbox
    Akustisches Lesen

    In dem Reader von Booktrack wird die eigene Lesegeschwindigkeit vom Programm berechnet. Davon ausgehend bekommt die Geschichte im Folgenden eine musikalische Untermalung, die eben zu den Zeilen passt, die man liest. Was hier geschieht ist eine Erweiterung der Substanz; weg von der Alleinstellung der Form des Mediums der Schriftzeichen, hin zu einem Dualismus von Schrift und Musik.
    Liest man die folgenden Zeilen aus Oscar Wildes Selfish Giant:
    “It was a large lovely garden, with soft green grass. Here and there over the grass stood beautiful flowers like stars, and there were twelve peach-trees that in the spring-time broke out into delicate blossoms of pink and pearl, and in the autumn bore rich fruit.”
    So hat man vom Text zunächst nicht mehr, als die Beschreibung des Gartens. Jeder Leser beginnt, ausgehend von seinen Erfahrungen, das Gelesene zu imaginieren. Mit der Musik wird dies erweitert. Booktrack fügt hier Vogelgesang, dezentes Glockenspiel und Streichinstrumente hinzu. Es wird also vermittels der Musik die Stimmung auf einer anderen Ebene beschrieben. Dadurch beginnt sich das Leseerlebnis auf der wahrgenommenen Ebene zu erweitern, Lesen wird gleichzeitig zum Hören.

    Quelle: Fahrendorff, Tim (2012): E-Books, ein Versuch über das neue Lesen

    Interaktives Lesen

    In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) stellte Jakob Biazza euphorisch fest, dass „Chopsticks“ das erste eigenständige Werk der sehr jungen E-Book-Literatur sei: Das von ihm behandelte Werk ist ein über die Maßen interaktives E-Book, das die Geschichte, genauer gesagt, die Liebesgeschichte zweier Teenager, erzählt.
    Die Hauptdarstellerin ist eine junge Pianistin, die von ihrer Mutter zu Höchstleistungen angetrieben wird und den Verlust zur Realität zu verlieren droht, den sie über die Bekanntschaft mit einem Jungen wiederfinden kann. Das Buch wurde nicht von einer Autorin allein verfasst, sondern ist aus der Zusammenarbeit zwischen Autorin und einem Designer entstanden. Laut Biazza baut das Ergebnis dieser Zusammenarbeit das E-Book zur „eigenständigen Kunstform“ aus. Es collagiert Fotografien, Videofilme, Standbilder und Musik.
    Beispielsweise werden SMS oder Chatnachrichten eingeblendet, die sich die Hauptpersonen schicken, auch Youtube Links zu Liedern aus der Playlist werden angezeigt. Die FAZ-Rezension schließt mit der denkwürdigen Formulierung, das „was sonst ein gelungener Schreibstil ist, wird hier durch die stimmige Ästhetik von Bildern, Videos und Musik ersetzt“.

    Quelle: Fahrendorff, Tim (2012): "E-Book, ein Versuch über das neue Lesen"

  •  
    Dossier
    E-Books, ein Versuch über das neue Lesen
    Tim Fahrendorff (2012)
  •  
     
    Hä...?
    Haben Sie Fragen zum Beitrag? Haben Sie Anregungen, die Berücksichtigung finden sollten?
    Hier haben Sie die Möglichkeit, sich an die Redaktion und die Forschenden im Beitrag zu wenden.
  •  
    Teilen
    Empfehlen

Seitdem E-Books auf dem Markt sind, stehen sie auch in der Kritik: Autoren und Verlage schauten skeptisch, als Kopien der Bücher illegal im Netz zum Download angeboten wurden; Datenschützer wurden hellhörig, als die Vertreiber der E-Book-Reader anfingen, Lesegeschwindigkeit und Lesermarkierungen zu analysieren. Nach der Befürchtung um den Verlust des mündigen Lesers durch individualisierte Buchempfehlungen wurden mit den ersten in die Texte eingebetteten Bilder, Kurzfilme und Musikstücke Klagen um den Verlust des konzentrierten Lesens und der Aura des Buches laut.
Aber was passiert eigentlich, wenn wir Bücher nicht mehr klassisch sondern auf einem Bildschirm lesen? Damit hat sich der ZU-Absolvent Tim Fahrendorff in seiner Bachelorarbeit auseinandergesetzt. Er unterscheidet zwei Arten von Büchern, die als E-Books erscheinen: Bei der ersten geht es nur darum, den Text 1:1 zu digitalisieren, bei der zweiten wird zusätzlich aktiv in den Text eingegriffen. „Natürlich“, sagt Fahrendorff, „ändert sich die Leseerfahrung auch schon durch den Medienwechsel. Vor allem aber wird sie beeinflusst, wenn E-Books Verknüpfungen ermöglichen, die in gedruckten Büchern nicht möglich sind - sei es, weil man in einer Community liest, Teil des Autorengespanns ist oder Bilder, Videos und Tonspuren mit dem Text verbunden sind.“

Akustisches Lesen: Die musikalische Untermalung von Booktrack


Lesen wird interaktiv

Die Erfahrung des Hineingezogen-Seins verschwindet laut Fahrendorff dabei. „Lesen war vor den E-Books zudem meist eine subjektive Texterfahrung, da der einzelne Leser die Leerstellen, die ein Buch zwangsläufig lässt, mit seiner eigenen Imagination füllt. Lässt der Text diese Leerstellen nicht oder werden sie in Diskussionen in Foren gemeinsam gefüllt, könnte man eher von einer ‚kollektiven Texterfahrung‘ sprechen.“ Zu vermuten, dass der Leser dabei verlernt, selbst zu denken, hält er aber für zu kulturpessimistisch: „Dieses neue Lesen kann ganz klar eine Bereicherung sein – auch, weil dabei für und vor allem mit dem Leser ein eigenes Universum geschaffen wird. Man hat viel mehr Anknüpfungspunkte, sich mit einem Buch auseinanderzusetzen und selbst kreativ zu werden.“ Als Beispiel nennt er das Entstehen so genannter "Fan Fictions", bei denen die Leser nach der Lektüre die Geschichte gemeinsam weiterspinnen.

Interaktives Lesen: Das E-Book „Chopsticks“


E-Books, so Fahrendorff, verändern aber eben nicht nur das Verhältnis des Lesers zum Buch, sondern auch das der Autoren: „Lange war es so, dass der Autor einen Text quasi im stillen Kämmerchen schreibt und ihn dann aus der Hand gibt. Mit den E-Books wird das an verschiedenen Stellen geändert. Einerseits lassen Beobachtungen des Leseverhaltens detailliertes Feedback zu. Gleichzeitig stellen viele Autoren ihre Texte unfertig ins Netz und gehen schon während des Schreibens auf Kommentare zum Fortgang der Geschichte ein. Es wird dabei immer wahrscheinlicher, dass die Autoren aus ihren gewohnten Bahnen ausbrechen, weil sie durch die Leser neue Blickwinkel bekommen.“
Hinzu kommt, dass es heutzutage keinen Verleger mehr braucht, um Bücher zu veröffentlichen: „Jeder kann ein Buch über Amazon oder iBooks vertreiben. Auch wenn es hin und wieder ein paar mutige Verleger gibt, ist es heute doch so, dass die großen Häuser meist Mainstream-Literatur veröffentlichen, bei der schon klar ist, dass sich dafür Leser finden. Jetzt können Bücher unabhängig von den erwarteten Kaufzahlen erscheinen und dabei neue Trends setzen: Die „50 Shades of Grey“-Reihe beispielsweise wäre wahrscheinlich nie von einem großen Haus verlegt worden.“ Insgesamt, beobachtet Fahrendorff, verkaufe sich Erotikliteratur für die Reader auffallend gut - „wohl auch, weil bei den Geräten keiner sieht, was man gerade liest.“

Ein Wandel im Verlagswesen

Dabei wird laut Fahrendorff nicht nur das Themenspektrum veröffentlichter Bücher größer, es wandelt sich auch das Verlagswesen: „In Verlagen sind vor dem Druck immer Lektoren zwischengeschaltet, die die Texte verändern oder mit dem Autor diskutieren. Weil die Verlage für die Veröffentlichung von E-Books nicht zwingend gebraucht werden, fällt auch die Arbeit der klassischen Lektoren weg – und die Rolle der Feedback-Geber wird zunehmend von den Lesern selbst übernommen“. In diesem Prozess, vermutet Fahrendorff, wird sich auch die Preisspanne von Büchern ändern: „Die reinen Produktionskosten bei einem Buch sind wirklich gering; der Preis eines E-Books dürfte sich also von dem eines gedruckten Buchs nicht unbedingt unterscheiden. Das ändert sich erst dann, wenn das E-Book nicht über den Verlag vertrieben wird und dadurch viele Kosten einfach wegfallen – unter der Prämisse, dass eben auch bestimmte Aufgaben, die vorher vom Verlag übernommen wurden, nicht mehr erledigt werden.“

Zum Download: "E-Books, ein Versuch über das neue Lesen"


Finanzierungsmodelle ungeklärt

Aber wer bezahlt eigentlich wen, wenn Ideen für Romane gemeinsam gesponnen, Verlage zunehmend übergangen und die Leser zu Lektoren werden? Auch, wenn es möglich ist, dass der Ursprungsautor nach der Einflussnahme der Community das Buch als Gemeingut zur Verfügung stellt, vermutet Fahrendorff, dass dieses Vorgehen eher die Ausnahme bleiben wird: „Als Autor könnte man ja selbst, wenn man die Ideen der Leser miteinbezieht, argumentieren, dass es am Ende trotzdem eine Person gibt, die wirklich schreiben muss. Irgendwie müssen die Autoren auch noch leben können.“ Doch wo die Grenzen zwischen Autor, Lektor und Leser zunehmend verschwimmen, ist es fraglich, ob dieses Argument auch in Zukunft tragen wird.



Bild: Jules Holleboom

6
6
 
Leserbrief

Haben Sie Anmerkungen zum Beitrag?
Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten