Portrait eines Zeitgenössischen

Was macht die Kunst?

Ich habe mich sehr viel mit Kunst und künstlerischen Positionen beschäftigt, das schlägt sich auch in meiner Arbeit im LIKWI nieder.

Prof. Dr. Stephan Schmidt-Wulffen
Honorarprofessor und Leiter des LikWi
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Stephan Schmidt-Wulffen

     Stephan Schmidt-Wulffen (geb. 1951) leitet seit 2013 das Labor für implizites und künstlerisches Wissen der Zeppelin Universität. Er ist seit 2011 Rektor der New Design University St. Pölten. Nach einer Theaterausbildung studierte Stephan Schmidt-Wulffen Philosophie, theoretische Linguistik und Kommunikationsästhetik in Köln, Konstanz und Wuppertal (Promotion 1987). Von 1992 – 2000 Leitung des Kunstvereins in Hamburg, Teilzeitprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg; von 2002 bis 2011 Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien, Dozent für ‚Geschichte des Ausstellungswesens‘.
    


    Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Formen künstlerischer Praxis, Geschichte und Theorie des Ausstellungswesens sowie Subjektkonstruktionen in Architektur und Kunst.

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    Factbox
    "Die Aufteilung des Sinnlichen" (Jacques Ranciére 2006)

    Jacques Rancière (* 1940 in Algier) ist ein französischer Philosoph, der vor allem für seine Arbeiten zur politischen Philosophie und zur Ästhetik bekannt ist. Von 1969 bis 2000 lehrte er an der Universität Paris VIII (Vincennes und Saint-Denis).


    Seit Beginn der 1990er Jahre beschäftigt sich Rancière vor allem mit Fragen der Ästhetik, schreibt u. a. Texte über Malerei und Filmtheorie. Sein Ansatzpunkt hierbei ist eine Kritik des Prinzips der Repräsentation, wie es auf Aristoteles’ Mimesis-Begriff fußt. Mit dem Entstehen einer modernen Literatur im 19. Jahrhundert, so Rancière, kam es auch zu einer Veränderung der Wahrnehmung, einer Emanzipation des geschriebenen Wortes von jedweder Abbildungsfunktion. In diesem Spannungsfeld verortet er das Aufkommen des Mediums Film, welches sowohl Repräsentation als auch enthierarchisierter Diskurs ist.
    Le destin des images (2003) unterstreicht die sinnliche Qualität von Bildern: Sie sind nicht nur Darstellung (Repräsentation), sondern auch unmittelbar erfahrbar, keiner Ordnung unterworfen. Gerade solche Überlegungen sind es, die Rancière zu einer gewissen Popularität in der Theater- und Medienwissenschaft verhelfen; Hans-Thies Lehmann etwa, der bekannteste Theoretiker des postdramatischen Theaters, beruft sich in seinen Essays wiederholt auf ihn.


    Jacques Rancière

    Reihe polypen
    Die Aufteilung des Sinnlichen
    Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien
    Herausgegeben von Maria Muhle
    2006 · 100 S. · 10 € · ISBN 3-933557-67-4

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Was ist zeitgenössisch?

„Kunst muss zu einem Publikum sprechen, das schafft für Künstler eine sehr problematische Situation der Besserwisserei“, scherzt Schmidt-Wulffen zu Beginn des Gesprächs mit ZU|Daily im Hangar der Container Uni. Nach acht Stunden Philosophie-Seminar wirkt er überraschend wach. Im Rahmen eines Blockseminars über Ästhetik liest und diskutiert er gemeinsam mit Studierenden fünf Tage lang das Buch „Die Aufteilung des Sinnlichen“ des Philosophen Jacques Ranciére. Dessen Vorstellungen der gesellschaftlichen Wirkung von Kunst unterscheiden sich deutlich von jenen der bürgerlichen Epoche und ihrem Geniegedanken. „Bei Ranciére wird, kurz gefasst, praktisch jeder zum Kulturproduzenten und die Kunst zu einer Form der kommunikativen Strategie, mit der man sich permanent in der Öffentlichkeit neu verortet und kritisch interveniert“, erklärt der Kunsttheoretiker.

Es überrascht nicht, dass dieses Neudenken der Kulturproduktion als eines dann auch kollektiven Prozess Schmidt-Wulffen besonders interessiert. Sein Blick auf die Kunst und dessen Institutionen war stets sehr kritisch und selten affirmativ, wie Prof. Dr. Karen van den Berg in der Einführung seiner Antrittsvorlesung bemerkte. Schmidt-Wulffen fragt sich vor allem, ob die Kunst sich nicht unbemerkt drastisch verändert hat und mittlerweile ganz andere Wege geht als die der etablierten Vermittlung in Museen oder Theatern. „Daraus ergibt sich schnell die Frage, wenn man selbst als Kurator oder beispielsweise als Regisseur tätig ist, an welcher Stelle man sich sinnvoll an der Kulturproduktion beteiligen kann?“

Mehr zu "Die Aufteilung des Sinnlichen" (Jcques Ranciére 2006)


In seinem Seminar "Ästhetik und Kunsttheorie" bespricht Schmidt-Wulffen mit CCM-Studierenden das Werk "Die Aufteilung des Sinnliches" des Philosophen Jacques Ranciére. Darin versteht er Apollonio's' "Torso von Belvedere" dient Ranciére zur Veranschaulichung als einen Bruch zwischen der Adäquatheit von Körper und Tätigkeit. Im ästhetischen Regime der Kunst ist die Kunst für Ranciére der Ort, der die Dinge verbindet, indem sie einen gemeinsamen Ort schafft, an dem mannigfaltige Tätigkeiten stattfinden können. Dabei ist die Statue selbst ein nutzloser, zerbrechlicher Gegenstand.
In seinem Seminar "Ästhetik und Kunsttheorie" bespricht Schmidt-Wulffen mit CCM-Studierenden das Werk "Die Aufteilung des Sinnliches" des Philosophen Jacques Ranciére. Darin versteht er Apollonio's' "Torso von Belvedere" dient Ranciére zur Veranschaulichung als einen Bruch zwischen der Adäquatheit von Körper und Tätigkeit. Im ästhetischen Regime der Kunst ist die Kunst für Ranciére der Ort, der die Dinge verbindet, indem sie einen gemeinsamen Ort schafft, an dem mannigfaltige Tätigkeiten stattfinden können. Dabei ist die Statue selbst ein nutzloser, zerbrechlicher Gegenstand.

Schafft Kunst Öffentlichkeit?

Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit beschäftigte den Kurator schon während seiner Zeit als Direktor des Hamburger Kunstvereins in den 1990er Jahren: „Es ging darum, zu zeigen, dass das Museum ein Instrument sein könnte, um verschiedene Arten von Öffentlichkeit zu produzieren.“ Anstatt von Ausstellung zu Ausstellung immer neue künstlerische Positionen zu zeigen, versammelte Schmidt-Wulffen eine kleine Gruppe internationaler Künstler in seinem Haus und machte es so vor allem zu einer Produktionsstätte. Die Besucher sahen nicht nur fertige Produkte, sondern konnten am Arbeitsprozess teilnehmen. Die Ausstellungen zielten damit vor allem auf ein interessiertes Stammpublikum ab,  für die der Kunstverein nicht nur momentaner Genuss, sondern auch Lernprozess darstellen sollte. "Das könne man heute aufgrund der immer stärkeren Kommerzialisierung nicht mehr riskieren", stellt Schmidt-Wulffen bedauernd fest. „Überhaupt haben die Kunstvereine in den letzten zehn Jahren stark an Bedeutung verloren, da die Museen ihre Geldknappheit durch Nachahmung des Konzepts der Kunstvereine, das der preiswerten und zeitgenössischen Ausstellung,  kompensiert haben.“

Von 1992 bis 200 leitete Schmidt-Wulffen den Hamburger Kunstverein. Dort setzte er sich als Kurator vor allem mit der Frage nach Kunst und ihrer Beziehung zur Öffentlichkeit auseinander.
Von 1992 bis 200 leitete Schmidt-Wulffen den Hamburger Kunstverein. Dort setzte er sich als Kurator vor allem mit der Frage nach Kunst und ihrer Beziehung zur Öffentlichkeit auseinander.

Im Laufe der Zeit begann der Kurator immer stärker, an der Kommunikationsform des Ausstellens zu zweifeln: „Angesichts eines kulturellen Paradigmas, das sehr stark vom Bewegtbild geprägt ist, - nicht nur durch das Kino, sondern durch das, was über alle Screens saust - ist äußerst fraglich, ob das Museum überhaupt noch der Ort für die Kunst ist.“ Schmidt-Wulffen kuratierte ein Programm für Kunst im öffentlichen Raum, das zu einem Umdenken in der Hamburger Kulturpolitik beitrug. Aus dem Interesse für diese Art der öffentliche Positionierung von Kunst heraus veröffentlichte er den kritischen Artikel „Die Kunst von heute braucht kein Haus“ (Die Zeit vom 25. März 1999; Anmerkung der Red.). Zu Beginn des neuen Jahrzehnts begann Schmidt-Wulffen seine neue Aufgabe als Rektor der Akademie der Künste in Wien. Hier liess sich die Frage nach dem öffentlichen Wirken von Kunst aus Sicht der Kunstausbildung und vor allem der künstlerischen Forschung weiterverfolgen. Schmidt-Wulffen etablierte an der Akademie eines der ersten Programme zu einem praxisbasierten PhD-Programm und geriet dabei in heftige Debatten über die Rolle der Künstler und ihrer Ausbildung.

Wie schafft Kunst implizites Wissen?

"Um die eigene (Selbst-)Wahrnehmung stärker zu entwickeln, gibt es während der "Kreative Performanz"-Seminare immer die Notwendigkeit Protokoll zu führen. Man lernt sehr rasch, dass sich im Wechselspiel von Belichten und Beleuchten die Erfahrung artikuliert", erklärt Schmidt-Wulffen während seiner Antrittsvorlesung.
"Um die eigene (Selbst-)Wahrnehmung stärker zu entwickeln, gibt es während der "Kreative Performanz"-Seminare immer die Notwendigkeit Protokoll zu führen. Man lernt sehr rasch, dass sich im Wechselspiel von Belichten und Beleuchten die Erfahrung artikuliert", erklärt Schmidt-Wulffen während seiner Antrittsvorlesung.

An der Zeppelin Universität hatte der Kunsttheoretiker es leichter.  Als es dort um Kunst als eine alternative Form von Praxis und Wissen ging, fanden Schmidt-Wulffens Ideen, der bereits als Beirat des CCM-Departments am Hause war, einige Unterstützer, vor allem auch Präsident Prof. Dr. Stephan A. Jansen. Der konnte seinen Rektorskollegen aus Niederösterreich tatsächlich für die Leitung des neuen Labors für implizites und künstlerisches Wissen (LIKWI) gewinnen. Film, Bild, literarischer Text sind als Forschungsmethode allmählich etabliert und erlauben die Produktion neuer Formen von Wissen. Davon ausgehend schaffen Schmidt-Wulffen und sein LIKWI-Team im Seminar „Kreative Performanz“ einen experimentellen Rahmen, in dem die Praxis der ästhetischen Wissensproduktion lebendig erfahren werden kann. Dabei spielen Konzepte der Karnevalisierung, Entregulierung und Entautomatisierung erprobter Handlungsweisen eine Rolle. Mittlerweile akzeptieren auch eher zielorientierte Studierenden die Veranstaltung besser. „Was mache ich nur mit diesen Wirtschaftswissenschaftlern“, wandte er sich in den Anfangsphasen halb im Spaß an Jansen, der aufmerksam die Entwicklung des Projekts verfolgt. Diese wollten immer erst ein Ziel, dabei gehe es doch um die Erfahrung, das Neue nebenbei passieren zu lassen. In interdisziplinären Gruppen erproben die Studierenden auf verschiedene künstlerische Weise – Zeichnen, Yoga, Performance, emotionale Erfassung eines Raums – neue Formen des Wahrnehmens. Vor allem die Erfahrung, im Kollektiv etwas artikulieren zu können, empfindet Schmidt-Wulffen dabei als wichtig. Die Inhalte des Seminars werden von von ihm ständig hinterfragt: „Es ist das Spannende, den Habitus zu ändern und nicht in starre Haltungen zu verfallen.“

„Zu wissen, dass die Wörter nur Wörter sind und die Schauspiele nur Schauspiele sind, kann uns helfen, besser zu verstehen, wie die Wörter und die Bilder, die Geschichten und die Performance etwas an der Welt ändern können, in der wir leben.“ (Schmidt-Wulffen nach Jacques Ranciére)
„Zu wissen, dass die Wörter nur Wörter sind und die Schauspiele nur Schauspiele sind, kann uns helfen, besser zu verstehen, wie die Wörter und die Bilder, die Geschichten und die Performance etwas an der Welt ändern können, in der wir leben.“ (Schmidt-Wulffen nach Jacques Ranciére)

Muss sich Kunsttheorie immer an der Praxis messen?

Wo hat Schmidt-Wulffen sich seine Art der Wissensproduktion angeeignet? Als „missglückter Schauspieler, der statt an die Akademie an die Universität gegangen ist, um ein guter Konzeptkünstler zu werden“, studierte er zunächst Sprachwissenschaft und Philosophie Anfang der 1970er Jahre in Köln. Für das Hauptstudium zog es ihn aber an die für ihn „äußerst spannende“ Gründungsuniversität in Konstanz, wo sich die Avantgarde der Philosophen versammelte und auch die Linguistik auf zeitgenössischen Niveau vertreten war. Seine Dissertation „Die Institution Kunst zwischen Moderne und Postmoderne“ schrieb er an der Universität Wuppertal. Einige Jahre haderte Schmidt-Wulffen angesichts der Mischung aus Theorie und deren praktischer Erprobung, die zu keiner der konventionellen Laufbahnen passte. Schon gar nicht für die Kunst, die in den achtziger Jahren keine Konzeptkünstler, sondern Maler brauchte.

Was ist die Politik der Kunst?

In ihrer Filmtriologie "And Europe will be stunned" erfindet die israelische Videokünstlerin Yael Bartana eine polnische Politikbewegung, die die Rückkehr von drei Millionen Juden nach Polen fordert. Durch geschickte Brüche in der von ihr benutzten Propaganda-Ästhetik schafft sie Ambivalenz und lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen.
In ihrer Filmtriologie "And Europe will be stunned" erfindet die israelische Videokünstlerin Yael Bartana eine polnische Politikbewegung, die die Rückkehr von drei Millionen Juden nach Polen fordert. Durch geschickte Brüche in der von ihr benutzten Propaganda-Ästhetik schafft sie Ambivalenz und lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen.

„Wie wäre das denn, wenn Yael Bartana keine Künstlerin wäre, sondern eine Politologin, Psychologin oder Soziologin? Könnte es sein, dass eine Politologin, die Filme macht, politische Theorie so wie Bartana artikuliert?“ Mit diesen Fragen zu Möglichkeiten der Neuorganisation überkommener Rollen steigt Schmidt-Wulffen am 4. März 2014 in seinen Vortrag im Rahmen der Vorlesungsreihe „Meisterwerke ohne Meister“ ein. Mit seiner Analyse des Werks „And Europe will be stunned“ der israelischen Künstlerin Yael Bartana kommt er als erster Vortragender der Ringvorlesung so richtig in der Gegenwart an. Schmidt-Wulffen hat diese Position ausgewählt, da er belegen will, dass sich in den drei Filmen der Konzeptkünstlerin eine radikale Veränderung künstlerischen Arbeitens abzeichnet: Sowohl die Identität des polnischen als auch die des israelischen Staates sowie nationale Identität als generelles Konstrukt werden hier neu ausgehandelt und in Frage gestellt. Die drei Filme „Alptraum“, „Mauer und Turm“ und „Mord“ lassen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und spielen mit der Ästhetik von Propagandafilmen. Diese wird jedoch immer wieder gebrochen, analysiert Schmidt-Wulffen: „Das Werk ist voller Widersprüche und sagt nicht, worum es eigentlich geht. Man hat das Gefühl, dass man selbst Position beziehen muss und das verrät eigentlich, dass man als Betrachter selbst schon Produzent ist.“

Bei Schmidt-Wulffen, der hauptberuflich Rektor der New design-University in St. Pölten ist, geht es um neue Formen kreativen und ästhetischen Schaffens. Die aber gehören nicht mehr exklusiv den Künstlerinnen und Künstlern, sondern werden mehr und mehr zum Repertoire aller, die an der Entwicklung von Kultur und Ökonomie beteiligt sind, also auch von Wissenschaftlern, Unternehmern oder Ingenieuren. „Social Design“ ist das Stichwort. Schmidt-Wulffen ist streng mit der Kunst und treibt sie aus ihrem sicheren Ort – für die nächsten Jahre auch von der ZU aus – heraus in die Welt.


Bildrechte:

Titelbild: LIKWI / Zeppelin Universität

Bilder im Text: Joao Maximo / Flickr; Igowherehgo / Flickr; 

LIKWI / ZU; LIKWI / ZU; UCI UC Irvine / Flickr  

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