Best Thesis Award

„Blinde Blindheit“

Eine Organisation, die nicht mehr souverän mit ihren eigenen Beobachtungsschwierigkeiten umgeht, gerät in Gefahr, die Kontrolle zu verlieren.

Maximilian Locher
Best Thesis Award Preisträger
 
  •  
    Zur Person
    Maximilian Locher

    Von 2000 bis 2013 studierte Maximilian Locher den Bachelor-Studiengang Corporate Management and Economics an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Neben seinem Studium war er Mitglied der Juso Hochschulgruppe und des Debating Clubs.
    Seit Januar 2014 arbeitet er als Junior Consultant bei Metaplan - Thomas Schnelle Gesellschaft für Planung und Organisation GmbH - in Hamburg.

  •  
    Factbox
    "Blinde Blindheit" zum Nachlesen | Die BA-Thesis von Maximilian Locher

    Bis vor Kurzem konnten Sie an dieser Stelle die Bachelor-Arbeit von Maximilian Locher finden. Für ihn geht es jetzt allerdings einen großen Schritt weiter in die Tiefen der Wissenschaft. Unter dem Titel "Blinde Blindheit: Ein organisationstheoretischer Erklärungsansatz für die Entstehung der Finanzkrise 2007/2008" erscheint seine Arbeit voll abgedruckt ab März in einem Herausgeberband von Birger Priddat mit dem Titel "Bewegungen in Unsicherheit / Unsicherheit in Bewegung: Ökonomische Untersuchungen" als Teil der Reihe "Institutionelle und Evolutorische Ökonomik", Band 49 im Metropolis-Verlag. Und darum geht's im Detail: 

    Ökonomische Prozesse haben nicht mehr die Eindeutigkeit und Gewissheit, wie wir sie bisher gelehrt bekamen. Das ökonomische Wissen simuliert Zusammenhänge, die wir - gerade wenn sie in die Zukunft weisen - nicht wissen, aber dennoch entscheiden. In drei weiteren Abhandlungen werden Entscheidungsfiktionen in Ungewissheitslagen thematisiert. Alle vier Abhandlungen zeigen - auf unterschiedliche Art - eine Verschränkung von Fiktion, Kommunikation und Entscheidung, die in der Ökonomik relativ neu ist. Alle Abhandlungen arbeiten mit neuen Unterscheidungen, verfolgen ungewöhnliche Fragen und gehen über die Begriffsraster der Ökonomik produktiv hinaus.

  •  
     
    Hä...?
    Haben Sie Fragen zum Beitrag? Haben Sie Anregungen, die Berücksichtigung finden sollten?
    Hier haben Sie die Möglichkeit, sich an die Redaktion und die Forschenden im Beitrag zu wenden.
  •  
    Teilen
    Empfehlen

Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine Abschlussarbeit, die bei fachfremden Professoren geschrieben wird, im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich Anerkennung findet, obwohl sie nicht typisch ökonomisch argumentiert, findet Maximilian Locher. Doch augenscheinlich beeindruckte die systemische Argumentationsweise Lochers das Auswahl-Komitee des Best Thesis Award genauso wie seinen Betreuer Prof. Dr. rer. soc. Dirk Baecker: „Eine bahnbrechende, innovative Bachelorarbeit, die es zum ersten Mal schafft, die Frage von Organisationsdynamiken und Marktdynamiken in der Generierung der Finanzkrise 2007/2008 zusammenzudenken. Das Innovative daran ist, dass Locher sich sehr gut mit Organisationstheorien, die auch irrationale Prozesse in Betracht ziehen, auskennt, sich aber auch Marktdynamiken genau angeschaut hat. Damit hat er erstmals eine kumulative Logik der Generierung einer Krise beschreiben können.“

Zum Nachlesen: die komplette BA-Thesis von Maximilian Locher


Geld ist nach Niklas Luhmann das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium  im Funktionssystem Wirtschaft.
Geld ist nach Niklas Luhmann das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium im Funktionssystem Wirtschaft.

Der Banker als organisationaler Akteur

Viele makroökonomische Erklärungen von Finanzkrisen versäumen es, das Verhalten der Wirtschaftsakteure auf mehr als seine ökonomische Rationalität hin zu untersuchen. Sowohl die neoklassische als auch die keynesianische Schule der Wirtschaftswissenschaften behandeln in ihren Untersuchungen individuelle Akteure nur als Zuschreibungsadresse für (ir)rationales Verhalten, welche sie in den Makro-Größen der Wirtschaft beobachten. Der Banker wird dabei als Privatperson gesehen und aus seiner institutionellen Einbettung entrissen. Indem er den Banker als Banker in seiner Organisation, der Bank, betrachtet und durch diese soziale Bedingtheit Rückschlüsse auf die Entscheidungsprämissen innerhalb der Organisation geben kann, schließt Locher eine Forschungslücke. Die Finanzkrise 2007/2008 beschäftigt ihn schon einige Jahre: „Schon während meiner Zeit bei der Schülerzeitung im Gymnasium 2007 fand ich die Finanzkrise unglaublich spannend. Während meines Bachelor-Studiums bin ich mit Niklas Luhmann und seiner systemischem Organisationstheorie in Kontakt gekommen. Mich hat interessiert, inwieweit die Finanzkrise sozial bedingt ist und auf welche sozialen Strukturen sie zurückzuführen ist. Der Banker ist Banker, wenn er im Investment-Banking Entscheidungen trifft. Gerade diese organisationalen Entscheidungsprämissen der Banker und nicht der Privatpersonen untersuche ich in meiner Arbeit.“

Im vergangenen Jahrzehnt transformierte sich das traditionelle Bankgeschäft durch die Möglichkeit des Weiterverkaufs von Krediten. Im Immobilienmarkt nehmen die dadurch entstehenden Verbriefungsketten ihren Anfang mit der Vergabe einzelner Hauskredite.
Im vergangenen Jahrzehnt transformierte sich das traditionelle Bankgeschäft durch die Möglichkeit des Weiterverkaufs von Krediten. Im Immobilienmarkt nehmen die dadurch entstehenden Verbriefungsketten ihren Anfang mit der Vergabe einzelner Hauskredite.

Die Blase platzt

Lochers Bachelor-Thesis in wenigen Sätzen zusammengefasst: „Die Finanzkrise 2007/2008 lässt sich mit ihrer organisationalen Bedingtheit im Investment-Banking über verschiedene Banken hinweg miterklären. Entscheidend ist dabei das Entscheiden der Bank, welches durch verschiedene Entscheidungsprämissen sehr redundant ausfiel. Die Einbettung des Investment-Bankings in Verbriefungsketten und die dadurch entstehenden Informationsasymmetrien wurde durch die Risikoverarbeitung der Bank nicht mehr reflektiert, was zu einer „blinden Blindheit“ und dem Auseinanderfallen von Produktmärkten und Finanzmärkten geführt hat.“ Die Banken rechneten mit zwei unterschiedlichen Preisen und Qualitäten, erklärt Locher. So entstand die Blase, die nur darauf warte, zu platzen.

Das Wichtige dabei sind nach Ansicht Lochers die homogenen Geschäftsprozesse in der gesamten Finanzbranche. Hier komme Baeckers Logik vom Wiedereintritt der anderen Entscheidung in die eigene Entscheidung zum Tragen. „Man wirkt bestärkt, in dem was man tut, da alle anderen das Gleiche tun“, sagt Locher und kann so erklären, warum der Erfolg mit Immobilienanleihen immer noch als sicher galt, als die Kreditqualität auf dem Produktmarkt schon längst zurückgegangen war.

Höher, weiter, schneller: Wenn Nicht-Erfolg keine Option mehr ist, verlieren Organisation leicht die Bodenhaftung.
Höher, weiter, schneller: Wenn Nicht-Erfolg keine Option mehr ist, verlieren Organisation leicht die Bodenhaftung.

Lieber gemeinsam verrückt als allein weise

„Die Banken wurden blind gegenüber ihrer eigenen Blindheit.“ (Locher 2013: 58) Diesen Satz findet Locher einen der gelungensten Sätze seiner Arbeit. Erst eine Nacht vor Abgabe ist der ihm eingefallen: „Nachdem ich die Arbeit eingereicht hatte, ist mir aufgefallen, dass der Titel den Kern der Arbeit auf den Punkt bringt. Eine Organisation, die nicht mehr souverän mit ihren eigenen Beobachtungsschwierigkeiten umgeht, gerät in Gefahr, dass sie sich auf etwas einlässt, was nicht mehr von ihr bestimmt wird und so nicht mehr kontrollierbar ist.“  


Ausgehend von seinen Ergebnissen kann Locher am Ende seiner Arbeit Schlussfolgerungen für Banken, die Politik und die Wissenschaft ziehen. Um die eigene Unsicherheitsabsorption der Banken – ihren blinden Fleck – immer wieder neu zu analysieren, schlägt er vor, Bankmitarbeiter einer wechselhaften Arbeitsumgebung auszusetzen und sie so Strukturen als transformierbare Prozesse auffassen zu lassen. Um die Funktionalität des Preissystems blasensicher und Finanzkrisen unwahrscheinlicher zu machen, könne die Politik durch die Erhöhung der Eigenkapitalquote regulativ in die Finanzmärkte eingreifen und so die Widerstandskraft der Banken erhöhen. Die Wirtschaftswissenschaften sollten verschiedene Schulen der Ökonomie miteinander verbinden und auch die Organisationstheorie sowie die soziale Bedingtheit der Wirtschaft mit in ihre Analysen einbeziehen. Doch trotz allem seien Krisen in der Wirtschaft als Wirtschaft der Gesellschaft unvermeidbar.

Organisationstheorie und Ökonomie als roter Faden

Wie viele andere Bachelor-Studierende hat Locher viel Arbeit in seine Thesis gesteckt. Zusätzlich zu einer Textanalyse führte er auch vier halbstrukturierte Interviews mit Bankern sowie zwei narrative Interviews mit ehemaligen Praktikanten in Verkaufs-Abteilungen großer Banken. Mittlerweile arbeitet Locher bei einer Organisationsberatung, die in ihrer Herangehensweise an die Organisationstheorie von Luhmann anschließt. Im Rahmen eines Master-Studiums möchte Locher an der Schnittstelle von Organisation und Wirtschaftswissenschaft weiterforschen. Derzeit ist er aber noch auf der Suche nach einem geeigneten Studiengang, der genauso fortschrittlich wie seine eigene Herangehensweise ist.



Titelbild: woodleywonderworks / Flickr.com

Bilder im Text: epsos.de / Flickr.com, woodleywonderworks / Flickr.com, 

Herve Bonay / Flickr.com 

6
6
 
Leserbrief

Haben Sie Anmerkungen zum Beitrag?
Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten