Kulturbegriff

Kann Kultur berechnet werden?

Unser kleinster gemeinsamer Nenner heute ist, dass sich jede Kultur einer Gruppe, einer Generation, einer Profession, einer Sprache oder einer Region in den Kulturvergleich gestellt sieht.

Prof. Dr. Dirk Baecker
Lehrstuhl für Kulturtheorie & -analyse
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Dirk Baecker

    Prof. Dr. Dirk Baecker ist Inhaber des ZU-Lehrstuhls für Kulturtheorie und –analyse. Der studierte Soziologe und Nationalökonom forschte und lehrte in Bielefeld, Wien, Kalifornien, Maryland und London und wurde 1996 an die Universität Witten/Herdecke auf den Lehrstuhl für Unternehmensführung, Wirtschaftsethik und sozialen Wandel berufen. 2000 folgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an derselben Universität und die Mitbegründung des Management Zentrums Witten.  

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    Zum Weiterlesen: Dirk Baecker und sein Buch "Kulturkalkül"

    Der Kulturbegriff ist notorisch diffus. Doch der Grund für diese Unklarheit ist einfach. Der Begriff verweist auf ein »komplexes Ganzes«, wie bereits Edward B. Tylor festgestellt hat. In jeder Kultur verschränken sich körperliche Haltungen, mentale Befindlichkeiten und soziale Verhältnisse. Und jede Kultur vergleicht sich in dieser Verschränkung mit anderen Kulturen. Schlimmer noch, die Verschränkung fällt erst auf, wenn eine Kultur im Kulturkontakt auf sich aufmerksam wird. In dem Moment wird kontingent, was gerade noch selbstverständlich war. Wie formuliert man den Zusammenhang von Körper, Geist und Gesellschaft, wenn jedes dieser Elemente zu einer Variablen wird und jede dieser Variablen in einem eingeschränkten Funktionsbereich operiert? Die Kultur nimmt Maß an Natur, Geschichte und Technik, doch auch diese weichen aus in die Kontingenz. Dirk Baecker greift auf George Spencer-Browns Formkalkül zurück, um zu rekonstruieren, wie verschiedene kulturtheoretische Zugänge die Komplexität kultureller Phänomene als Formen der Selbstbeschreibung von Gesellschaft im Modus von Kritik und Affirmation, Tradition und Innovation, Identität und Diversität erfassen. Kultur ist reflektierte Selbstbeschreibung der Gesellschaft. Nichts daran ist beliebig. 

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Können Sie für den nicht mit der Materie vertrauten Leser in einigen Sätzen zusammenfassen, worum es in Ihrem Buch „Kulturkalkül“ geht?

Prof. Dr. Dirk Baecker: Man schreibt keine Bücher, um sie in wenigen Sätzen zusammenfassen zu können. Da wären Twitter-Tweets geeigneter. Aber ein Hinweis darauf, worum es geht, steckt bereits im Titel des Buches. Mich interessiert seit Jahren die Vermutung, dass die sogenannte und viel beklagte Diffusität (Studierende sagen: Schwammigkeit) des Kulturbegriffs kein Zufall, kein Ergebnis eines irgendwie nachlässigen Sprachgebrauchs ist, sondern System hat. Welches Kalkül steckt im Begriff der Kultur und in der Beobachtung der Gesellschaft als Kultur? Das ist die Frage, von der ich ausgehe. Es ist mit der Kultur wie bei Augustin mit der Zeit: Solange mich niemand fragt, weiß ich, worum es sich handelt. Mein Buch handelt davon, dass jede Kultur auf eine unruhige Reflexion darauf hinausläuft, welche Tradition noch etwas taugt, welche Integration noch funktioniert, welche künstlerischen Highlights noch immer überzeugen und was noch immer zum Glück und nicht vielmehr längst zum Unglück der Menschen beiträgt. Die Kulturkritik und der Kulturvergleich setzen einen Virus der Selbstbefragung frei, von dem wir bis heute nicht wissen, ob wir ihn je unter Kontrolle bekommen.

Kultur? Da geht's lang! - Ganz so einfach ist der Weg zum Kulturbegriff doch nicht. Trotzdem kommen wir seit Jahrhunderten immer wieder auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner rund um bestimmte Einstellungen und Wertehaltungen.
Kultur? Da geht's lang! - Ganz so einfach ist der Weg zum Kulturbegriff doch nicht. Trotzdem kommen wir seit Jahrhunderten immer wieder auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner rund um bestimmte Einstellungen und Wertehaltungen.

Auch in diesem Werk nimmt der „Beobachter“ eine Schlüsselstellung ein. Ist Ihre Forschung ohne Einbeziehung des Beobachters nicht mehr denkbar?

Baecker: Der Beobachter ist eine sozial- und kulturwissenschaftlich unverzichtbare Figur. Eine Wissenschaft, die nicht laufend darauf reflektiert, unter welchem jeweils beschränkten Gesichtspunkt sie "beobachtet", also Fragen stellt, Theorien entwickelt und Methoden einsetzt, ist für mich undenkbar. Die Sozial- und Kulturwissenschaften haben es darüber hinaus mit einem Gegenstand zu tun, der selber beobachtet, seien es Akteure, Institutionen oder ganze Völker. In diesen Wissenschaften beobachten wir daher nicht nur Gegenstände, Geschichten oder Beziehungen, sondern wir beobachten Beobachter. Das kann man negieren, um sich in eine vermeintliche Objektivität zu flüchten. Man kann es jedoch auch anerkennen und versuchen, mit den Beobachtern ins Gespräch zu kommen. Mich interessiert, wie die nicht gerade anspruchslose wissenschaftliche Beobachtung in die Beobachtungen der Akteure eingespeist werden kann. Sicher, es gibt gute Gründe, Wissenschaftlern nicht zuzuhören, die ja nur selten in den praktischen Problemen stecken, mit denen andere Akteure es tagtäglich zu tun haben. Aber unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind zu komplex, um darauf verzichten zu können, neben den eigenen Beobachtungen auch die Beobachtungen anderer zu berücksichtigen. Dank ihrer Erfahrungen mit der Isolation von Gegenständen und der Abstraktion von allgemeingültigen Sätzen, die beide unmöglich sind, ist die Wissenschaft gut positioniert, um auf Geflechte von Sachverhalten, Geschichten und Rücksichten aufmerksam zu machen, die andere übersehen müssen, weil das Tagesgeschäft dringlicher ist.

Zum Weiterlesen: Dirk Baecker und sein Buch "Kulturkalkül"


Von Prozessen und Variablen

George Spencer-Browns Formkalkül entspringt mathematischen Überlegungen. Kultur bedeutet doch aber, durch das Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren, ständige Veränderung. Lassen sich diese Veränderungen durch das Kalkül verständlicher, ja berechenbarer, machen?

Baecker: Der Formkalkül von Spencer-Brown ist vor allem geeignet, erstens funktionale Zusammenhänge zwischen Variablen, zweitens die Anzahl und Struktur dieser Variablen und drittens die hierarchische Ordnung dieser Variablen zu beschreiben. Dabei kommen die Prozesse, auf die die Variablen angewiesen sind, ihre jeweiligen Werte in Abhängigkeit von den Werten aller anderen Variablen zu finden, in der Tat etwas zu kurz. Das ist in ein theorietechnisch interessanter Punkt. Ich weiß nicht, wie man dieses Problem lösen kann und ob man es lösen muss. Im Moment denke ich, dass es ganz gut ist, die Prozesse einer gewissen undurchschaubaren Komplexität zu überlassen und sich darauf zu konzentrieren, sie dort wieder abzufassen und einzufangen, wo sie schließlich zu Lösungen kommen müssen. Das ist ja der Sinn dieses Kalküls. Wie jeder Kalkül beschreibt auch der Formkalkül Limits, wechselseitige Beschränkungen der Variablen. Das lässt viel Raum für prozessuale Abweichungen und damit für die Wirklichkeit.

George Spencer-Brown, ein mittlerweile 91jähriger Mathematiker, weckte mit seinen Gesetzen der Form aus dem Jahr 1969 das Interesse von Prof. Dr. Dirk Baecker, den Kulturbegriff aus den unterschiedlichsten Blickwinkel zu betrachten.
George Spencer-Brown, ein mittlerweile 91jähriger Mathematiker, weckte mit seinen Gesetzen der Form aus dem Jahr 1969 das Interesse von Prof. Dr. Dirk Baecker, den Kulturbegriff aus den unterschiedlichsten Blickwinkel zu betrachten.

Lassen sich kulturelle Entwicklungen, besonders im Hinblick auf den Kontakt der Kulturen untereinander, eigentlich vorhersagen?

Baecker: Man kann vorhersagen, dass Probleme der Verständigung auftreten werden, und vielleicht auch, dass kluge Leute auf die Idee kommen, diese Probleme auf "Kultur" zuzurechnen, um sie dort als einstweilen unbehandelbar auf sich beruhen zu lassen. Man kann auch einigermaßen vorhersagen, auf welche weiteren Lösungsideen eine Kultur kommt, wenn sie mit Überraschungen konfrontiert wird. Mary Douglas hat dazu sehr interessante Überlegungen vorgelegt, indem sie zwischen fatalistischen, hierarchischen, kommunitaristischen und liberalen Gesellschaften unterscheidet. Die fatalistischen brauchen keine Lösungen, denn es passiert so oder so, was geschrieben steht. Die hierarchischen vertrauen darauf, dass sie letztlich wissen, welche Grenzen auf keinen Fall überschritten werden dürfen. Die kommunitaristischen versuchen, auch die kleinste Änderung zu verhindern, weil sie der Anfang vom Ende sein kann. Und die liberalen gehen davon aus, dass jede Änderung Unternehmer auf den Plan ruft, die sie aufgreifen und ausbeuten, und weitere Unternehmer, die schädliche Nebenfolgen identifizieren und Gegenmittel auf den Markt werfen. Das sind natürlich Pauschalisierungen, die schon deswegen nicht stimmen, weil es für jede dieser Gesellschaften zahllose Ausprägungen gibt und die meisten von ihnen untereinander gemischt sind. Aber es zeigt sehr schön, dass unser Repertoire für den Umgang mit kulturellen Entwicklungen ebenso unterschiedlich wie begrenzt ist.

Die Möglichkeit mit Werten zu rechnen

1997 haben sie eine Rezension zu George Spencer-Browns Buch „Laws of Form. Gesetze der Form“ geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen, sich jetzt selbst eingehend mit diesem Themenkreis auseinanderzusetzen?

Baecker: Nein, für eine Rezension dieses Buches fehlt mir die mathematische Kompetenz. Aber ich habe mich mehrfach mit dem Buch auseinandergesetzt und immer wieder Kollegen zusammengerufen, sich über die Tragweite des Buches für die soziologische, mathematische, philosophische und therapeutische Forschung Gedanken zu machen. Mich fasziniert die Möglichkeit, mit semantischen Werten zu rechnen. Mich fasziniert die dialektische Fähigkeit, Unterscheidungen als Zusammenhänge zu sehen. Und mich fasziniert die Möglichkeit, jede Bezeichnung von etwas in den Kontext der mitlaufenden Unterscheidung dieses Etwas von einem unmarkierten Nichts, einer Leere, setzen zu können. Mir scheint kaum etwas unserer Conditio Humana angemessener zu sein. Während wir laufend unsere nächsten Möglichkeiten errechnen, begleitet uns ein Nichtwissen, das je nach Temperament ebenso beunruhigend wie beruhigend ist. Meinen Twitter-Account habe ich unter dem Namen @ImTunnel angemeldet, weil der Tunnel bei Spencer-Brown die einzige Möglichkeit darstellt, dieses Nichtwissen in das Wissen wieder einzuführen. Ich versuche herauszufinden, was das heißt, und erkunde die minimalen Bewegungen, die man in einem Tunnel machen kann.

Die Frage, was genau eigentlich "Kultur" ist, existiert wahrscheinlich seit der ersten Verwendung des Begriffs. Dementsprechend vielfältig sind die Ansätze, welche die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema bietet.
Die Frage, was genau eigentlich "Kultur" ist, existiert wahrscheinlich seit der ersten Verwendung des Begriffs. Dementsprechend vielfältig sind die Ansätze, welche die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema bietet.

Sind Sie der Meinung, dass sich trotz aller kultureller Gegensätze ein für die gesamte Menschheit geltender gemeinsamer Kulturbegriff erarbeiten lässt, ein kleinster gemeinsamer Nenner, um im mathematischen Sprachgebrauch zu verbleiben?

Baecker: Aber ja, natürlich. Diesen kleinsten gemeinsamen Nenner haben wir schon längst. Giambattista Vico, der napolitanische Rhetoriker, hat Mitte des 18. Jahrhunderts nach umfangreichen historischen Recherchen festgestellt, dass alle Völker dieser Erde ihre Toten begraben, ihre Ehen feierlich beschließen und eine Religion haben. Man verabschiedet die Toten und ehrt damit auch die Lebenden. Man begrüßt die Ehe und damit auch den Nachwuchs. Und man hat immer und überall das Gefühl, dass sich die Welt des Menschen nicht im Sichtbaren, Spencer-Brown würde sagen: im Markierbaren, erschöpft. Das gilt bis heute. Und für uns kommt noch etwas hinzu. Unser kleinster gemeinsamer Nenner heute ist, dass sich jede Kultur einer Gruppe, einer Generation, einer Profession, einer Sprache oder einer Region in den Kulturvergleich gestellt sieht. Darauf kann man sehr unterschiedlich antworten, kosmopolitisch neugierig ebenso wie fundamentalistisch abschottend. Aber der Unterschied der Antwort ändert nichts an der Gemeinsamkeit des Wissens. Wir agieren innerhalb einer Welt, die für alles, was wir tun, alternative Optionen bereitstellt. Und genau dazu gibt es inzwischen keine Alternative mehr.


Titelbild

Aaron Escobar / flickr.com

Bilder im Text

Scott Beale / flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

| Markus Heidingsfelder / www.markusheidingsfelder.de (CC BY-NC-ND 3.0)

Eva Holm / flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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