Entwicklung des Islamischen Staates

Multimedia-Terroristen statt Kameltreiber

Das sind keine Kameltreiber, die aus ihren Zelten kommen, dahinter stehen riesige Finanzströme.

Dr. Patrick Keller
Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik der Konrad-Adenauer-Stiftung
 
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    Zur Person
    Dr. Patrick Keller

    Dr. Patrick Keller wurde 1978 geboren und ist Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Zuvor war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politik und Zeitgeschichte sowie am Nordamerikastudienprogramm der Universität Bonn. Er hat Politikwissenschaft, Amerikanische Sprache und Literatur sowie Neuere deutsche Literatur in Bonn und an der Georgetown University in Washington, D.C. studiert. Er war Fellow an der Johns Hopkins University in Washington und Associate der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin. An der Zeppelin Universität lehrt er seit 2010 den Kurs Außen- und Sicherheitspolitik.

    Seine Essays zu amerikanischer Politik, Internationalen Beziehungen und internationaler Sicherheitspolitik sind in zahlreichen deutschen und amerikanischen Zeitungen und Fachzeitschriften erschienen, darunter The Wall Street Journal, Neue Zürcher Zeitung oder die tageszeitung. Außerdem publizierte er zahlreiche Studien und Forschungspapiere für die Konrad-Adenauer-Stiftung und das NATO Defense College in Rom. In den vergangenen drei Jahren hielt er über 100 öffentliche Vorträge und wurde vom Magazin Capital zweimal zu einem der vielversprechendsten außenpolitischen Talente unter 40 Jahren gewählt.

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Es ist Sonntagmorgen, der 16. November 2014. Nach 15 Minuten und 53 Sekunden herrscht die Gewissheit, mit der sich Familien, Angehörige, Politiker und Beobachter bereits abgefunden hatten. Peter Kassig ist tot. Das neue Hinrichtungs-Video des Islamischen Staates zeigt die bereits vor Wochen angekündigte Enthauptung der fünften bekannten, westlichen Geisel. Doch seine Machart ist anders: Wie in einer Orgie sterben über ein Dutzend syrische Gefangene, nachdem die Geschichte des Islamischen Staates über mehrere Minuten hinweg gefeiert wurde. Den traurigen Schlusspunkt bildet der Tod von Kassig, Gründer einer kleinen Hilfsorganisation für die Unterstützung der Menschen in Syrien. Wie konnte es soweit kommen, dass sich der US-Amerikaner in die traurige Liste von James Foley, Steven Sotloff, David Haines und Alan Henning einreihen musste?

Drei Kämpfer des Islamischen Staates an der Grenzen zwischen Syrien und dem Irak. Hier treffen High-Tech-Gewehre auf barbarische Säbel, während einer der Kämpfer seinen Pass in die Kamera hält und stolz berichtet, ohne Kontrollen innerhalb des Islamischen Staates reisen zu können.
Drei Kämpfer des Islamischen Staates an der Grenzen zwischen Syrien und dem Irak. Hier treffen High-Tech-Gewehre auf barbarische Säbel, während einer der Kämpfer seinen Pass in die Kamera hält und stolz berichtet, ohne Kontrollen innerhalb des Islamischen Staates reisen zu können.

Rückblick. Am Ende des Jahres 2003 gründet Abu Musab az-Zarqawi die „Gemeinschaft für Tauhīd und Dschihad“ — den Vorgänger der Organisation, die heute als Islamischer Staat bekannt ist. Im Dezember 2005 erkennt al-Qaida-Oberhaupt Osama bin Laden die Gruppe an und kürt ihren Gründer zu seinem Stellvertreter im Irak. Für tausende Tote zeichnet die äußerst radikale Unterorganisation seitdem verantwortlich. Doch im April 2013 beginnt das gute Verhältnis zwischen den Armen des Terrornetzwerks zu bröckeln. Nach mehreren Fusionen, Namenswechseln und Kursänderungen ist aus der Gemeinschaft von 2003 nach zehn Jahren der „Islamische Staat in Syrien“ — kurz ISIS — entstanden. Ihr äußerst radikaler Anführer Abu Bakr al-Baghdadi strebt nun eine Expansion nach Syrien an, um auf diesem Territorium ein Kalifat, einen Islamischen Staat, zu errichten. Mit diesem Bestreben gelangt die Bedrohung erstmal vollständig auf die westlichen Radarschirme, denn im vom Bürgerkrieg zerrütteten Staat stoßen die islamistischen Ideen schnell auf fruchtbaren Boden.

Die Wahl „zwischen schlimm und schlimmer“

Genau hier konnte sich der Islamische Staat etablieren, glaubt auch Dr. Patrick Keller, Gastdozent an der Zeppelin Universität und Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Der IS hat an Stärke gewonnen, weil gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad nicht rechtzeitig eingegriffen wurde, als es die Möglichkeit gab. Die Demokratiebewegung, die dort von Mittelschichten und Gebildeten getragen wurde, wäre ein Anlass zum Eingriff gewesen. Diese Gelegenheit haben wir verpasst“, urteilt Keller. Ohne westlichen Beistand habe sich der Bürgerkrieg in Syrien nun so entwickelt, dass man nur noch die Wahl „zwischen schlimm und schlimmer“ habe. Denn die Freie Syrische Armee spielt militärisch schließlich keine Rolle mehr. 

  

Denn im Osten Syriens und im Nordwesten des Iraks rief die mittlerweile nur noch als „Islamischer Staat“ agierende Organisation am 29. Juni 2014 ein Kalifat aus. Keller spricht hier von einem „Spill-Over-Effekt“ und führt diesen vor allem auf die schwache Regierung im Irak zurück. „Diese hat nicht integrativ genug gehandelt und hatte daher kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Auch funktionierende Sicherheitskräfte fehlten, um den Islamischen Staat zu stoppen.“ Daraus ließe sich zwar eine Teilverantwortung der Amerikaner rekonstruieren, Schuldzuweisungen hält Keller aber dennoch für übersteuert: „Ein Auslöser für die momentane Situation war eher das Zögern des Westens gegen Assad in Syrien, als der Sturz Saddam Husseins durch die Vereinigten Staaten.“

Die Stadt Kobane am 08. Oktober 2014. Die Explosion sei eine Folge der US-Luftschläge, beanspruchen die Amerikaner. Hier sei der Märtyrer Abu Talha al-Ansari im Heiligen Krieg gestorben, halten die IS-Terroristen dagegen.
Die Stadt Kobane am 08. Oktober 2014. Die Explosion sei eine Folge der US-Luftschläge, beanspruchen die Amerikaner. Hier sei der Märtyrer Abu Talha al-Ansari im Heiligen Krieg gestorben, halten die IS-Terroristen dagegen.

Doch genau auf diese Schuldzuweisungen, die Dramatisierung des Konflikts haben sich etliche westliche Medien spezialisiert. Denn neben den schwarzen Fahnen und den brutalen Blockbuster-Videos des Islamischen Staats ist auch die hart umkämpfte Stadt Kobane in das Zentrum der Berichterstattung gerückt. „Ich glaube, dass die wesentlichen Medien Kobane mit großer Symbolkraft aufladen“, erläutert Keller. Man versuche, darin ein Srebrenica des Nahen und Mittleren Osten zu sehen, befürchtet er weiter. Doch trotzdem nutze man die Möglichkeit, die Stadt vor der Vernichtung zu bewahren, nicht entschieden genug: „Man bewegt sich nicht rechtzeitig, aus Feigheit, aus politischen Gründen. Versteckt sich zu lange hinter rechtlichen Vorgaben, um tatsächlich zum Schutz von Kobane Partei zu ergreifen,“ sagt Keller. Diese Situation sei auch ein Beispiel für die Streitigkeiten innerhalb der NATO, zwischen der Türkei und anderen Alliierten. Den Beobachtern geht es mehr um das „politische Drumherum“ als um die Frage, welche rote Linie man dem Islamischen Staat ziehen muss, die er nicht überqueren kann. Letztendlich landet auch Keller wieder bei der Frage, wie man auf den syrischen Bürgerkrieg eingeht: „Welche Zukunft stellen wir uns vor? Wollen wir mit oder ohne Baschar al-Assad arbeiten? Und haben wir überhaupt rechtzeitig gehandelt oder nicht?“

Ein Schandmal für den Westen

Doch trotz all dieser Fragen und Mahnungen bleibt die Symbolkraft der Stadt Kobane ungebrochen. 90.000 Ergebnisse listet die Nachrichten-Suche beim Anbieter GoogleNews. Und so warnt auch Keller: „Es wäre ein Schandmal für den Westen, wenn Kobane fällt.“ Am 15. September 2014 griffen Truppen des Islamischen Staates die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze erstmals an. 45.000 Menschen flohen in den folgenden Tagen aus den benachbarten Dörfern und Städten in Richtung der Türkei. Der Terror war damit endgültig an den Außengrenzen des Westens angekommen. Erst am 27. September flog ein US-geführtes Bündnis erstmals Luftangriffe auf Dörfer in der Nähe von Kobane. Noch immer tobt der Kampf um die Stadt, und für eine mögliche Niederlage prophezeit auch Keller düstere Konsequenzen: „Wenn wir Kobane verlieren, hätten wir gezeigt, dass wir nicht Willens waren, mehr als eine Handvoll Flüge am Tag zu starten, um den Islamischen Staat zu stoppen.“ Dies würde auch politisch-moralische Auswirkungen auf die aktuelle Debatte im Westen nach sich ziehen, ahnt der Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik der Konrad-Adenauer Stiftung. „Vielleicht würde es aber auch die Bereitschaft steigern, in der Region einzugreifen. Ganz ähnlich wie es auf dem Balkan nach dem Massaker von Srebrenica der Fall war, könnte es so leichter zu einer Intervention kommen.“ Doch auch für die Region müssen eventuelle militär-taktische Folgen bedacht werden. „Der Islamische Staat würde die Eroberung als einen großen Erfolg feiern und zusätzlichen Zulauf von islamistischen Kämpfern aus aller Welt bekommen. Wir würden uns das Problem nicht leichter machen“, erklärt Keller.

Silvio K. ist einer der Deutschen, der über die sozialen Netzwerke des Islamischen Staates radikale Botschaften in die Bundesrepublik trägt. Das fließende Deutsch und die professionelle Machart finden auch hier ihre Anhänger. 7.000 radikale Islamisten könnten es bis Jahresende sein.
Silvio K. ist einer der Deutschen, der über die sozialen Netzwerke des Islamischen Staates radikale Botschaften in die Bundesrepublik trägt. Das fließende Deutsch und die professionelle Machart finden auch hier ihre Anhänger. 7.000 radikale Islamisten könnten es bis Jahresende sein.

Mit dem Zulauf aus aller Welt hat Keller einen empfindlichen Punkt getroffen. „Hast Du schon gehört, dass einer von diesen IS-Kämpfern vom Bodensee kommt?“, hörte man Friedrichshafener Bürger wie Studenten in den letzten Wochen gleichermaßen fragen. Wie Silvio K. aus Solingen, der heute immer wieder in Propaganda-Videos auftritt, ging es in den letzten Jahren mehr als 3.000 Europäern, die an der Seite des Islamischen Staates in den heiligen Krieg zogen. Im neusten Hinrichtungsvideo beteiligen sich offenbar auch zwei Europäer an den grausamen Taten. Die Frage, wie es gelingt, eine solch große Faszination auszuüben, lässt den Westen sprachlos zurück. Auch Keller kann sich kaum vorstellen, was diese Menschen begeistert. „Die betroffenen Europäer sind oftmals integriert, haben die Staatsbürgerschaft in ihrem Land und sprechen die Landessprache. Sie waren vorher weder auffällig, noch gewalttätig oder islamistisch“, so Keller. Für einen möglichen Erklärungsversuch spricht er von einer „Selbstbewusstseins-Krise des Westens“. In der heutigen Zeit „ist die liberale Gesellschaft so permissiv geworden und erfordert gleichzeitig so viel Stärke vom Individuum sich ständig abzugrenzen, zu entscheiden, sich neu zu erfinden“, erläutert er. „Wer das Gefühl bekommt, in dieser liberalen Gesellschaft nicht klar zu kommen, Misserfolge erlebt und seinen Chancen nicht nutzen kann, wird vom klaren Weltbild, der einfachen Sicht der Dinge und der klaren Hierarchie, die von dieser pervertierten Form des Islam ausgeht, abgeholt. Sie bietet Stabilität, Sicherheit, Klarheit und ein deutliches Feindbild in Einem“, führt Keller aus. Schnell sei man so auch bei den immer wiederkehrenden Fragen nach Antisemitismus und den anti-imperialen Reflexen gegen die Vereinigten Staaten angekommen.

„Brüder steht auf, wir holen uns unser’n Sieg“

Wer sich mit den Videos der IS-Terroristen beschäftigt, beginnt zu verstehen, warum die gezeigten Bilder die Zuschauer nicht nur entsetzt sondern auch staunend zurücklassen. Der Islamische Staat hat es endgültig geschafft, den Terrorismus im Internet zu verankern. Verschiedene Videoversionen mit Muttersprachlern in der Hauptrolle, Untertiteln, Sound- und Grafikeffekten, eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Wer recherchiert, stößt auf das „Al Hayat Media Center“, das die Öffentlichkeit regelmäßig mit der Dokumentation der Gräueltaten versorgt. „Brüder steht auf, wir holen uns unser’n Sieg“, singt dort ein junger Mann mit langem Bart in akzentfreiem Deutsch. Hinter dem Krieg der Islamisten stecken Millionen.
Um den Islamischen Staat zu stoppen, scheinen militärische Mittel nicht zu reichen. Denn das Geld sprudelt weiter — trotz Verlusten. Öl, Erpressung, Schmuggel. Die Liste der Geldquellen ist lang. Experten sind sich sicher, dass sogar ganze Staaten wie das Emirat Katar den islamistischen Terror sponsern. Wie eine Steuer treiben die Kämpfer von Ladenbesitzern in besetzten Städten Schutzgeld ein. Nur ein paar hundert Dollar pro Jahr, doch die Einnahmen summieren sich. Wenn mehr Geld fließen muss, werden ausländische Geiseln verkauft. Entführungen mit Lösegeldforderungen gehören zum Geschäft. So sollen Medienberichten zufolge allein im April 2014 rund 18 Millionen Dollar für die Freilassung französischer Geiseln geflossen sein.
„Das sind keine Kameltreiber, die aus ihren Zelten kommen, dahinter stehen riesige Finanzströme“, erklärt auch Keller und richtet seinen Blick nach Deutschland. Denn bereits an der salafistischen Bewegung in Deutschland werde klar, dass hier mit großen Summen operiert werde. Die professionellen Videos seien schlussendlich nur ein Ergebnis eines ausgeklügelten Rekrutierungsprozesses. „Hinter den Bildern stecken moderne und clevere Strategien, die auf eine virale Verbreitung im Internet setzen, um über soziale Netzwerke neue Kämpfer zu erreichen. Die große finanzielle Unterstützung im Rücken ist sicherlich ein Teil des Erfolges“, urteilt Keller.

Wer nach Syrien und den Irak reist, um in den Heiligen Krieg - den Dschihad - zu ziehen, begibt sich in die Hände von radikalen Predigern und grausamen Soldaten. Zusammen bilden sie das mächtige Fundament des Islamischen Staates.
Wer nach Syrien und den Irak reist, um in den Heiligen Krieg - den Dschihad - zu ziehen, begibt sich in die Hände von radikalen Predigern und grausamen Soldaten. Zusammen bilden sie das mächtige Fundament des Islamischen Staates.

Deutschland. Auch hier ist der Terrorismus des Islamischen Staates angekommen. Nicht nur über das Internet, sondern auch ganz menschlich und greifbar: 6.300 Salafisten zählt der Verfassungsschutz nach aktuellen Angaben in der Bundesrepublik. Seit kurzem ist die Terrorgruppe in Deutschland zwar verboten, doch die Zahl ihrer Anhänger steigt weiter rasch an — bis Jahresende könnten es 7.000 Menschen sein. Vor wenigen Jahren waren es nicht mal halb so viele. Mindestens 450 deutsche Personen, die sich dem IS und anderen islamistischen Gruppen in Syrien angeschlossen hätten, seien dem Verfassungsschutz namentlich bekannt. Zusätzlich tauchen immer Leute auf, die in Deutschland vorher niemandem bekannt waren. Die Dunkelziffer ist hoch. Bis zu zehn deutsche Dschihadisten sollen bereits Selbstmordanschläge verübt haben, 150 Rückkehrer wurden in Deutschland registriert. Der überwiegende Teil von ihnen ist zwischen 18 und 25 Jahren alt, passt in das salafistische Beuteschema der vier M’s: Männlich, Muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolg.

Ausweisen? Einsperren? Passentzug?

Wie geht man mit diesen Menschen um, fragen sich Politiker, Experten, Journalisten gleichermaßen. „Ausweisen“ fordern die einen, „Einsperren“ die nächsten, „Pass wegnehmen“ die anderen. Die Fronten in der Diskussion sind hart, der Kampf gegen die ferne und doch so nahe Bedrohung wird mit harten Bandagen geführt. „Erst wenn man den Menschen wirklich Verbrechen im Dschihad nachweisen kann, gibt es die Möglichkeit zum Pass-Entzug“, erläutert Keller. „Ich glaube die aktuelle Situation zeigt uns, mit welchem besonderen Problem wir konfrontiert sind. Europäer, teils deutsche Staatsbürger, reisen über die Türkei und ihre offenen Grenzen nach Syrien und in den Dschihad. Dort lernen und praktizieren sie das Terrorhandwerk.“ Wer dann aus den Kriegsgebieten zurückkommt, kann auch für die Bundesrepublik zur Gefahr werden. „Manche kommen traumatisiert zurück oder sind desillusioniert und somit keine Bedrohung mehr. Wer radikalisiert wieder einreist, will sein Handwerk aber auch hier betreiben“, warnt Keller. Gegen diese Rückkehrer habe man zunächst nichts in der Hand, um sie an der Einreise zu hindern oder sie in ihren Freiheiten zu beschneiden. „Warum auch?“, fragt Keller, „die haben schließlich einen europäischen Pass.“ Ein entscheidendes Problem sei, dass man diesen Leuten nicht nachweisen könne, was sie getan und wo sie sich aufgehalten haben. Die Nachvollziehbarkeit sei zu gering, die Grenzen zu durchlässig. Unweigerlich führen fast alle Gedankengänge über den Umgang mit Dschihadisten in Deutschland zurück zu einer Allzeit-Debatte um Freiheit und Sicherheit. Wie viel Einfluss darf dabei der Verfassungsschutz bekommen? Welche Gruppen wollen wir mit welchen Mitteln überwachen? Und vor allem, so Keller, stellt sich eine entscheidende Frage: „Wie viel wollen wir aufgaben, um unsere Sicherheit zu erhöhen?“ Wohin man aktuell in der Europäischen Union blicke, seien alle in dieser Debatte an Bord: „Die Innenminister der EU-Staaten arbeiten an einer gemeinsamen Lösung — und die reicht vom Passentzug bis zur Markierung verdächtiger Personen“, berichtet Keller, der sich vor allem für eine bessere europäische Zusammenarbeit ausspricht. Auch hier weist er der Türkei wieder eine Schlüsselrolle im Konflikt zu: „Wir müssen auch hier die Kooperation verbessern und ein Verständnis dafür finden, wer in die Türkei reist und wer über die Türkei wieder zurückkommt. Vor allem die Kooperation mit den Sicherheitsbehörden muss intensiver werden“, fordert Keller.

Wer in seinen Städten und Dörfer zurückbleibt, dem drohen Tod, Folter und Sklaverei. Wer flieht, dem droht das Elend. Kinder hinter militärischem Klingendraht. Türkische Sicherheitskräfte haben die Grenze zu Syrien in der kurdischen Region Kobane abgesperrt. Wohin man im Konflikt blickt: Die Rolle der Türkei ist mehr als dominant.
Wer in seinen Städten und Dörfer zurückbleibt, dem drohen Tod, Folter und Sklaverei. Wer flieht, dem droht das Elend. Kinder hinter militärischem Klingendraht. Türkische Sicherheitskräfte haben die Grenze zu Syrien in der kurdischen Region Kobane abgesperrt. Wohin man im Konflikt blickt: Die Rolle der Türkei ist mehr als dominant.

Doch Kooperation dauert — und bis sich diese Mechanismen eingespielt haben, bleibt der Islamische Staat eine Bedrohung für die Welt. Das kann fast verwundern, handelt es sich doch eigentlich um einen Kampf, der innerhalb der islamischen Welt tobt, gibt Keller zu bedenken: „Wir sind nur als Stellvertreter, aufgrund der geographischen Nähe oder als einfache Zielscheibe überhaupt betroffen.“ Denn im Kern ginge es aktuell um die Frage, wie sich islamische Gesellschaften selbst organisieren wollen und welche Strömungen die machtpolitische Oberhand gewinnen. „Von diesem Kampf, der sich zum Teil vor, zum Teil hinter den Kulissen abspielt, wird es abhängen, welche Reaktionen es auf den Islamischen Staat und weitere mögliche Entwicklungen wie ein stabiles Kalifat gibt“, erklärt Keller. Fragen, wie sich Saudi-Arabien positioniert, wie der Iran handelt oder wie Ägypten reagiert, könne man heute noch gar nicht beantworten.

Mehr PR-Arbeit als politische Realität

Was allerdings feststeht, ist die Bewegung, in der sich die Grenzen im Nahen und Mittleren Osten befinden. Die post-koloniale Phase sei hier immer noch nicht abgeschlossen, bestehende Interessen wie das Verlangen der Kurden, einen eigenen Staat zu gründen, noch nicht geklärt, erörtert Keller. Die Haltung der Bundesregierung in diesen Fragen sei durchaus vernünftig: „Jede Art der Veränderung von Grenzen ist per se problematisch. Denn wenn man damit einmal anfängt, gerade in so einer dynamischen Region, findet man kein Ende mehr“, warnt Keller und spricht sich für den Status Quo und die völkerrechtlich anerkannten Bedingungen aus. Doch außerhalb der Regierungsverantwortung könne man immer etwas spekulieren, wie die Weltkarte des Nahen und Mittleren Osten in zehn Jahren aussehen könnte, sagt Keller. Die interne Organisation der islamischen Welt, die Haltung Saudi-Arabiens und des Irans, aber auch die neue irakische Regierung oder der Verbleib des syrischen Diktators Assad, werden erhebliche Auswirkungen auf die Grenz-Ziehung haben, vermutet er. „Mit einem echten Islamischen Staat, einem Kalifat, würde ich nicht so bald rechnen. Das ist mehr PR-Arbeit als völkerrechtliche oder politische Realität.“

Zwei F-15E Jets der US-Armee auf ihrem Weg über den Nordirak. Gerade haben sie Luftschläge über Syrien ausgeführt. Präsident Obama erlaubte im Herbst 2014 humanitäre Hilfe und Luftschläge zum Schutz von amerikanischen Staatsbürgern vor dem Islamischen Staat. Jetzt zeigen die Angriffe erste Wirkung.
Zwei F-15E Jets der US-Armee auf ihrem Weg über den Nordirak. Gerade haben sie Luftschläge über Syrien ausgeführt. Präsident Obama erlaubte im Herbst 2014 humanitäre Hilfe und Luftschläge zum Schutz von amerikanischen Staatsbürgern vor dem Islamischen Staat. Jetzt zeigen die Angriffe erste Wirkung.

Und so bleibt wenigstens eine Hoffnung bei allen Spekulationen, möglichen Maßnahmen, terroristischen Drohungen. Peter Kassig ist zwar tot, eine weitere Hinrichtung haben die Männer rund um den bekannten Henker „Jihadi John" nicht angekündigt. Kein Gefangener wird am Ende der 15 Minuten und 53 Sekunden ins Bild gezerrt. Kein orangener Overall ist auf dem Bildschirm zu sehen. Nach vierzehn perfiden Minuten im Hollywood-Stil hat die Szenerie gewechselt. Nur noch eine Kamera filmt Kassig in seinen letzten Minuten, die Qualität ist schlecht, die eigentliche Hinrichtung nicht zu sehen. Keine Effekte, keine aufwendige Produktion. Es scheint, als musste Kassig schnell sterben, als sei etwas schief gegangen, als seien die Macher in Eile oder auf der Flucht. Möglicherweise zeigen die Kämpfe der unermüdlichen Rebellen Wirkung. Möglicherweise leisten Waffenlieferungen, Militärschläge und Truppen des Westens ihren Dienst. Wir werden es wohl zeitnah erfahren — denn auch dafür wird der Islamische Staat wohl oder übel sorgen.

Titelbild: Screenshot / Video des Islamischen Staates

Bilder im Text: (2 x) Karl Ludwig Poggemann / flickr.com (CC BY 2.0)

Fraktion DIE LINKE. im Bundestag / flickr. com (CC BY-NC-SA 2.0)

US-Department of Defense Current Photos / flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Official U.S. Air Force / flickr.com (CC BY-NC 2.0)

Screenshot / Video des Islamischen Staates


Hinweis: Bei Screenshots aus Videos des Islamischen Staates wurde bewusst auf die Angabe eines Quellverweises verzichtet / Die Redaktion


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm und Alina Zimmermann

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