NeuZUgang Carmen Tanner

Moralische Geschäftsgebaren?

Es gibt Werte in der Welt, die nicht kompensierbar sind. Das ist ein Widerspruch zur klassischen Ökonomie.

Prof. Dr- Carmen Tanner
Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie & Führungsethik
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Carmen Tanner

    Carmen Tanner forscht in den Bereichen Ethical Decision Making und Behavioral Business Ethics. Unter anderem war sie an den Universitäten Bern, Fribourg, Zürich, und an der Northwestern University in Evanston, USA, tätig. Von 2004 bis 2010 hatte sie eine Professur am Psychologischen Institut der Universität Zürich inne. Sie ist Direktorin des 2011 gegründeten „Center for Responsibility in Finance“ (CRF) am Institut für Banking und Finance, an der Universität Zürich. Im Januar 2014 hat Tanner den am „Leadership Excellence Institute Zeppelin | LEIZ“ angesiedelten Lehrstuhl für Psychologie und Führungsethik angetreten. Ihre Lehrtätigkeit an der ZU wird sie ab Fall 2015 aufnehmen. Anfragen von ZU-Studierenden, die gerne ihre Abschlussarbeiten bei ihr schreiben würden, liegen ihr aber jetzt schon vor.

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    Factbox
    Literatur

    Tanner, C., & Christen, M. (2013). Moral Intelligence: A framework for understanding moral com¬petences. In M. Christen, J. Fischer, M. Huppenbauer, C. Tanner & C. van Schaik. (Eds.). Empirically Informed Ethics: Morality between Facts and Norms (pp. 119-136). Berlin: Springer.


    Gibson, R., Tanner, C., Wagner, A. (2013). Preferences for truthfulness: Heterogeneity among and within individuals. American Economic Review, 103(1), 532-548.


    Tanner, C. (2009). Geschützte Werte - Fluch oder Segen? Wissenswert, 3, 6-9

    Weitere Publikationen von Carmen Tanner

    Journal Articles, Bücher, Berichte

    Podcast zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Carmen Tanner | 19.10.2015

     

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ZU|Daily heißt Sie herzlich willkommen an der Zeppelin Universität!

Prof. Dr. Carmen Tanner: Danke. Ich freue mich.

Die American Psychological Association hat Sie kürzlich im Onlinemagazin gradPSYCH portraitiert – und zwar in der Rubrik „Odd Jobs“. Haben Sie einen schrägen Beruf?

Tanner: Wirtschaftspsychologie als Fach gibt es noch nicht so lange. Und dass eine Psychologin gerade an einem finanzwissenschaftlichen Institut ein Center eröffnet wie in Zürich, finden viele Leute ungewöhnlich. Es ist ein Feld, wo Psychologen noch nicht so häufig aufgetaucht sind.

Vom Homo oeconomicus zum Homo moralis oeconomicus: Prof. Dr. Carmen Tanner bringt eine ethische Komponente in die Wirtschaftstheorie.
Vom Homo oeconomicus zum Homo moralis oeconomicus: Prof. Dr. Carmen Tanner bringt eine ethische Komponente in die Wirtschaftstheorie.
Podcast zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Carmen Tanner | 19.10.2015


Wir leben in Zeiten von publik gewordenen Wirtschaftsskandalen und Wirtschaftsbetrügereien. Gibt es so etwas wie moralische Geschäftsgebaren überhaupt? Wie passt Ökonomie mit Begriffen wie Ehrlichkeit, Moral oder Ethik überhaupt zusammen?

Tanner: Es gibt Alltagssituationen, in denen Leute sich interessanterweise weigern, einen Wert gegen Geld auszutauschen, zu kompensieren. Ehrlichkeit ist ein solcher Wert.

Dieser Ansatz entspricht nicht der klassischen Wirtschaftstheorie, die den Menschen als Homo oeconomicus versteht, der immer nach seinem eigenen Nutzen handelt.

Tanner: Die klassische ökonomische Theorie besagt: Es ist alles verhandelbar und austauschbar. Im Fachjargon heißt es, „Trade-offs“ sind immer möglich. Darüber hinaus wird postuliert, dass man den Wert einer Sache herausfindet, indem man nach seinem Preis fragt. Ich nehme in Veranstaltungen oft das folgende Beispiel: „Stellen Sie sich vor, ich möchte Ihnen Ihr Fahrrad abkaufen. Es gefällt mir. Für wieviel Geld würden Sie Ihr Fahrrad verkaufen?“ Da findet sich meist mehr oder weniger einfach ein monetärer Gegenwert. Später frage ich dann diejenigen, die z.B. verheiratet sind und Kinder haben: „Und für wieviel Geld würden Sie Ihren Partner oder ihr Kind verkaufen? In Dollar, Euro, oder Schweizer Franken, egal.“ Die Reaktionen sind dann anders. Vorher war es praktisch kein Problem, einen Wert monetär zu übersetzen. Aber wenn ich mit dieser weiteren Frage komme, dann entsteht Ärger, die Leute sind erschrocken, wütend teilweise.

Das ist der Kern der Sache: Es gibt Werte in der Welt, die nicht oder zumindest nicht so leicht gegen Geld kompensierbar sind. Das ist ein Widerspruch zur klassischen Ökonomie. Wenn es um Menschenleben geht, um Kinder oder die Natur – dann sind oft sogenannte „Geschützte Werte“ (oder englisch „Protected Values“) im Hintergrund. Protected Values sind Werte, von denen Menschen denken, dass sie absolut, nicht verhandelbar oder austauschbar sein sollten, vor monetären Trade-offs „geschützt“ werden sollten. Empirische Evidenz zeigt, dass Geschützte Werte insbesondere auch dann involviert sein können, wenn es um ethische Werte wie Ehrlichkeit, Menschenrechte, oder zwischenmenschliche Werte wie Liebe, Ehre geht. Ich selber habe z.B. in Kooperation mit Finanzwissenschaftlern mehrere empirische Studien zum Thema Ehrlichkeit durchgeführt. Wir untersuchten, ob Menschen, wenn es um Ehrlichkeit geht, eher nach dem Prinzip vorgehen, „ich bin nur dann ehrlich, wenn es nichts kostet“ (das wäre die klassische ökonomische Sicht), oder „ich sehe Ehrlichkeit als Pflicht an, egal was es kostet“. Wir finden auch Evidenz für die zweite Sicht.

Wie haben Sie das herausgefunden?


Tanner: Wir haben in Experimenten Situationen simuliert, die praktisch relevant sind, folgende Merkmale aufweisen: Lügen oder Täuschung wird einem leicht gemacht und es sind finanzielle Anreize für unehrliches Verhalten vorhanden. In der Tat entspricht dies einem typischen Merkmal vieler Business-Situationen. Diese sind oft so strukturiert, dass Unehrlichkeit finanziell profitabel ist. Individuen stehen dann vor der Wahl, durch Täuschung, Betrügen einen persönlichen Gewinn herauszuholen oder durch ehrliches, tugendhaftes Verhalten Geld zu verlieren. Anders gesagt: Es geht um einen Trade-off zwischen Ehrlichkeit und Eigennutz. Solche Situationen haben wir im Labor simuliert. Personen erhielten für Betrügen reales Geld. Wir haben die finanziellen Anreize auch in der Höhe variiert: Mal gab es weniger, mal gab es mehr zu verdienen, wenn man sich unehrlich verhielt. Ergebnis: Einige Leute haben sich gewiss wie ein Homo oeconomicus verhalten. Gab es mehr zu verdienen mit Betrügen, dann haben sie auch häufiger betrogen. Aber wir fanden auch Leute, die das nicht machen, die nahezu immun, resistent waren gegen diese Anreize. Das waren Leute, die von sich sagen: „Ehrlichkeit ist nicht etwas, was man je nach Situation macht oder nicht macht. Es ist eine Pflicht.“ Das ist im Widerspruch zum klassischen Modell.

Ihre Ergebnisse lassen sich in Prozentzahlen ausdrücken. Wie viele der Probanden blieben ehrlich und wie viele haben eher ökonomisch gedacht?

Tanner: 30 Prozent der Leute waren absolut resistent. Die blieben durchgehend ehrlich, auch, wenn die Anreize stiegen. Für Ökonomen ist das schon eine erhebliche Zahl. Und wir haben mittlerweile wirklich viele Untersuchungen gemacht mit insgesamt rund 600 bis 700 Leuten und immer wieder ein bisschen das Design verändert. Und es sind immer so 25 bis 30 Prozent, die absolut resistent bleiben, d.h. immer Ehrlichkeit bevorzugen.

Strukturen verändern und Individuen verändern - so können Unternehmen ansetzen, um moralische Kompetenzen zu fördern. Ein langwieriger Prozess, ahnt Tanner.
Strukturen verändern und Individuen verändern - so können Unternehmen ansetzen, um moralische Kompetenzen zu fördern. Ein langwieriger Prozess, ahnt Tanner.

Der Laie kennt soziale, künstliche oder emotionale Intelligenz. Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist „moralische Intelligenz“. Was ist denn das?

Tanner: Die Fähigkeit, mit moralisch-ökonomischen Problemen umzugehen. Wir beschäftigen uns mit den motivationalen, wahrnehmungs-, entscheidungs- und handlungsbezogenen Prozessen, die moralische Intelligenz ermöglichen. Moralische Kompetenz ist lernbar wie andere Kompetenzen auch. Nicht angeboren, sondern eben trainierbar.

Warum sollten Unternehmen moralische Kompetenzen fördern?

Tanner: Es ist für die Reputation eines Unternehmens wichtig. Wenn nämlich ein Skandal herauskommt, kann das kostenmäßig große Auswirkungen haben. Es ist auch für Investoren nützlich, wenn sie wissen: Wir können auf die Leute im Unternehmen setzen und bauen, ihnen vertrauen. Und dann gibt es auch eine Pflicht: Nach meinem Verständnis sollte Wirtschaft im Dienste und nicht auf Kosten der Menschen agieren. Und dies schließt Tugenden und Werte und wie Anstand, Ehrlichkeit usw. ein. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine solche Haltung nicht überall selbstverständlich ist.

Was können Unternehmen tun, um ehrliches Verhalten zu fördern?


Tanner: Einerseits bei den Führungskräften und bei den Mitarbeitern ansetzen und Ethikkompetenzen neben fachlichen Fähigkeiten fördern. Das ist das eine. Da sind dann auch Psychologen gefragt, mitzuhelfen. Und das andere: Es braucht natürlich auch Strukturen, um das zuzulassen. Das ist ein anderer Forschungszweig, mit dem ich mich auch beschäftige: die Rolle der Unternehmenskultur. Beim Individuum frage ich: Was sind Bedingungen, die ethisches Verhalten begünstigen oder behindern? Bei der Unternehmenskultur frage ich auch: Welches sind Aspekte einer Unternehmensstruktur, die ethisches Verhalten zulassen oder behindern?

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie an Ihre Arbeit an der ZU denken?


Tanner: Ich freue mich sehr darauf, mit den anderen Kollegen vom LEIZ interdisziplinär zusammenzuarbeiten und unsere verschiedenen Kompetenzen zusammenzubringen. Die Probleme der Welt kommen ja nicht disziplinär daher. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, nicht nur praxisrelevante, sondern auch exzellente Forschung zu machen.


Titelbild: www.TheEnvironmentalBlog.org / flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0);

Bilder im Text: Marc Latzel / ZU;

 Penn State / flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

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Leserbrief
ZU Moralische Geschäftsgebaren
Ersti-Rallye (Gruppe 5) | 26.01.2015

Gemeinsam haben wir das Interview mit Frau Prof. Dr. Tanner interessiert gelesen. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Moral in dem Artikel ausschließlich zu einem wissenschaftlichen Forschungsfeld verkommt. Wir sehen Moral als selbstverständlich an, als eine Pflicht. Wir zählen uns zu den 30 Prozent.

Uns hat schockiert, dass tatsächlich 70 Prozent ihre moralischen Werte für Geld veräußern. Wir hätten uns gefreut, wenn die Studie noch weitergehend erläutert und mit weiteren Kennzahlen vertieft worden wäre.
Wir haben den Artikel vielschichtig diskutiert und festgestellt, dass Moral bei der Gewinnmaximierung eines Unternehmens durchaus zum Hindernis werden kann. Wir sehen es als unerlässlich an, dass auch Konsumenten moralisch denken und Unternehmen in die Pflicht nehmen, moralisch zu handeln.
Transparenz ist die Zukunft der Unternehmenskultur.
Wir freuen uns auf weitere Artikel zu diesem Thema!

Herzliche Grüße,
Ersti-Rallye (Gruppe 5)


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