Lebenslanges Lernen

Wer komplex denkt, hat es einfacher

Die durch die erhobenen Daten gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen, die Rolle des sogenannten ,Learning-on-the-Job‘ besser zu verstehen und bestätigen die signifikante Bedeutung des Lernumfelds im Berufsalltag neben anderen Lernphasen wie dem frühkindlichen Lernen und verschiedener Stufen formeller Bildung.

Dr. des. Silvia Castellazzi
Gastforscherin am Center for HUman capital, Growth & INnovation | HUGIN
 
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Was war das Ziel des Forschungsprojektes „LLLight’in’Europe“?

Ziel des Forschungsprojektes war es, Zusammenhänge zwischen lebenslangem Lernen, beruflichem Einkommen und Innovation anhand umfangreicher wissenschaftlicher Forschung mit Berufstätigen und Unternehmen zu identifizieren und zu belegen. Dabei war es von enormer Bedeutung, stets Praxisrelevanz zu wahren, um in Zukunft mit den bereitgestellten Projektresultaten die zielgerichtete Ausrichtung von strategischen Maßnahmen in Unternehmen und auf nationaler wie EU-Ebene zu ermöglichen.

Was wurde genau untersucht?


Ein besonderer Fokus lag darauf, zu untersuchen, inwieweit sich Berufe und Arbeitsmarktanforderungen bereits verändert haben, und zu bestimmen, welche Kompetenzen jedem einzelnen Berufstätigen dabei helfen können, den sich stetig ändernden Anforderungen auch in Zukunft noch besser gewachsen zu sein. Durch die gezielte Untersuchung von Fähigkeiten und Kompetenzen von Arbeitnehmern ließ sich zugleich eine bessere Aussage über die Qualität des Humankapitals treffen als durch die Verwendung rein quantitativer Angaben wie zum Beispiel „Bildungsjahre“ oder „Jahre der Berufserfahrung“. Das Projekt ist damit von hoher Relevanz für die europäischen Entscheidungsträger sowie Organisationen wie die OECD, welche ebenfalls den Kernthemen dieses Projektes nahe stehen und Daten zur Gestaltung von Bildungs- und Arbeitsmarktrichtlinien sammeln.

Welche Methoden kamen dabei zum Einsatz?

Die für die Forschung maßgeblichen Erkenntnisse konnten durch die Annäherung an die Kognitionswissenschaften und Psychologie und die Verwendung der dort bereits verwendeten Messinstrumente gewonnen werden. So entwickelte die University of Luxembourg, einer der vielen Projektpartner, eine Software zur Messung der spezifischen Kompetenz zur Lösung komplexer Probleme. Im Rahmen einer breit angelegten empirischen Studie konnte bei teilnehmenden Berufstätigen der Grad an eben dieser Kompetenz ermittelt werden, um daraus einen Complex Problem Solving-Wert (CPS-Wert) zu bestimmen. Es gab zwar schon in der Forschung Hinweise darauf, dass insbesondere auf den zukünftigen Arbeitsmärkten der Grad an CPS den Erfolg im Berufsleben positiv beeinflusst. Jedoch fehlte bislang eine Studie, in der diese Kompetenz bei Berufstätigen in unterschiedlichen Ländern, Industrien, Berufsgruppen und Hierarchielevels gemessen werden konnte.

Aktives Lernen

Wie wurde das Datenmaterial erhoben und welche Erkenntnisse ließen sich daraus ableiten?

Wir haben mit mehr als 70 Organisationen in 15 Ländern zusammengearbeitet und im Rahmen dieser Kooperationen die CPS-Fähigkeiten von Mitarbeitern erhoben, die in einer eigens eingerichteten Datenbank gespeichert und verwaltet werden. Dabei kam heraus, dass Arbeitnehmer, die über ein höheres Maß an Kompetenz zur Lösung komplexer Probleme verfügen, bei weitem besser in der Lage sind, organisatorische Veränderungsprozesse zu steuern und sich erfolgreicher mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Die durch die erhobenen Daten gewonnenen Erkenntnisse gehen aber noch weiter. Sie ermöglichen, die Rolle des sogenannten „Learning-on-the-Job“ besser zu verstehen und bestätigen die signifikante Bedeutung des Lernumfelds im Berufsalltag neben anderen Lernphasen wie dem frühkindlichen Lernen und verschiedener Stufen formeller Bildung. Denn nur Berufstätige, die sich mit komplexen Sachverhalten und Problemlösungen beschäftigen, werden diese Kompetenz langfristig und in zunehmendem Maße auch ausbauen. Eben diese Opportunitäten des fortwährenden Lernens im Berufsleben spielen eine immens wichtige Rolle.

Es wurde bereits die Zusammenarbeit mit Disziplinen wie Kognitionswissenschaften und Psychologie erwähnt. Es scheint, dass das Forschungsprojekt „LLLight’in’Europe“ ein sehr interdisziplinäres war…


…ja, das Forschungsprojekt „LLLight’in’Europe“ war ein stark interdisziplinär orientiertes Projekt. Kognitionsforscher, Soziologen, Lernforscher, Ökonomen und Wissenschaftler, die sich mit Unternehmertum und Innovation beschäftigen, arbeiteten aktiv zusammen. Aus all diesen Forschungsrichtungen stammen weitere Ergebnisse von „LLLight’in’Europe“. Hierzu gehören insbesondere eine Zusammenstellung maßgeblicher Kompetenzen und Fähigkeiten für Unternehmertum und Innovation; ein Vergleich von EU-Regionen basierend auf dem vorhandenen Humankapital; die Entwicklung und Umsetzung eines Lernmodells zur Erklärung der gegenseitigen Zusammenhänge und Mechanismen des Lernens und des Aufgabenbereiches am Arbeitsplatz; eine Untersuchung von Personalstrategien, die am ehesten lebenslanges Lernen fördern sowie eine unternehmensethische Analyse, die aufzeigt, wie Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können, indem sie ihre Mitarbeiter den Zugang zu Weiterbildungen ermöglichen.

Testfragen und Musterantwort

Wie wurden die Forschungsergebnisse bislang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?

Die beteiligten Projektteilnehmer waren zuletzt auf mehreren internationalen Konferenzen vertreten und publizierten einige Dutzend wissenschaftliche Arbeiten in relevanten Journalen. Zudem gelang es, die Forschungsergebnisse im Hinblick auf die Praxisrelevanz von Unternehmen und europäischen Entscheidungsträgern zu gewährleisten und zu kommunizieren.

Welchen Mehrwert haben die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im Rahmen des Forschungsprojektes „LLLight’in’Europe“ gewonnen wurden, und wer profitiert davon?

Unsere gewonnen Erkenntnisse werden die in Zukunft getroffenen Maßnahmen der Europäischen Kommission zu den Themen Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen vorantreiben. Darüber hinaus können Unternehmen von den erstellten Modellen und Instrumenten, welche öffentlich zugänglich und auf den Internetseiten des Projektes zu finden sind, Gebrauch machen und dadurch bei zukünftigen Ausrichtungen der Personalstrategie und notwendigen Veränderungen der Arbeitsorganisation profitieren. Zudem nahmen bereits mehrere Hundert Berufstätige an einem „Mentored Open Online Courses“(MOOC) teil und erhielten die Möglichkeit, kostenlos ihren Grad an komplexer Problemlösungskompetenz zu testen und dann – basierend auf den Ergebnissen – zu verbessern.

Textmarker

Wie gehen die Forschungen auf diesem Gebiet weiter?

Das Forschungsprojekt „LLLight’in’Europe“ endete zwar offiziell im September 2015, aber die initiierte Forschung geht natürlich weiter, zum Beispiel im Rahmen anderer Projekte der Europäischen Kommission und der OECD. Außerdem werden in China, Luxemburg und in den USA CPS-Testzentren gegründet, und es wird auch in Zukunft weitere onlinegestützte Kursprogramme zu den relevanten Themen des Projektes geben.


Titelbild: Dennis Skley / flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Bilder im Text: Dennis Skley / flickr.com (CC BY-ND 2.0); Martin Fisch / flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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