Co-Kreation

In den Zentren der Peripherien

von Philipp Nicolai Hertel | Edition Colai Color und Christof Salzmann | Fuzzy Space
16.04.2021
Ich schätze die sogenannte Peripherie, weil in diesen entlegenen Regionen soziale Phänomene, die in globalen Zentren aufgrund der komplexen sozialen Verhältnisse eher untergehen, deutlicher sichtbar werden.

Christof Salzmann
Fuzzy Space
 
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    Zur Person
    Philipp Nicolai Hertel und Christof Salzmann

    Philipp Nicolai Hertel leitet das Kommunikationsdesign der Zeppelin Universität. 


    Christof Salzmann studierte Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität Konstanz und anschließend daran Kunst und öffentlichen Raum an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Er ist seit 1998 Editor FUZZY SPACE – Plattform für Kunst und öffentlichen Raum und unterrichtet seit 2018 an einer Haupt- und Werkrealschule in Pfullendorf.

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Philipp Nicolai Hertel (Edition Colai Color): Als aufmerksamer Rezipient könnte man sich die Frage stellen, warum wir in dieser Ausgabe (außer den redaktionellen Porträts) Fotografien vorfinden. Du beschäftigst Dich in Deiner künstlerischen Arbeit seit Langem mit der archivarischen Praxis. Welches Verhältnis hast Du zur Fotografie und weshalb finden Fotografien Eingang in diese Ausgabe?


Christof Salzmann (Fuzzy Space): Die Fotografie war seit dem Ende des vorletzten Jahrhunderts im Archivwesen eine anerkannte Methode, um ein möglichst genaues Abbild historischer Entwicklungen und Situationen zu generieren. Dabei dominierte lange die Vorstellung, dass das, was abgebildet wurde, dem entsprach, was sich historisch zugetragen hatte. Fotografien wurden in diesem Zusammenhang als zeithistorische Dokumente verstanden. Was die Fotografie mit dem Archiv lange Zeit verband, war der Versuch der Komplexitätsreduktion und Kontingenzerfahrung und -bewältigung. Anhand einzelner Momentaufnahmen sollten historische Entwicklungen sinnvoll verbunden werden. Mit jeder Aufnahme versuchten Fotografen und Archivare, sich im wahrsten Sinn des Wortes ein sinnstiftendes Bild von der Welt zu machen, um größere, komplexe historischen Zusammenhänge zu verstehen und einen objektiven Blick auf die „Wirklichkeit“ zu riskieren.


Heute ist uns bewusst, dass mit jeder Aufnahme (als subjektiver Blick des Fotografen auf die Wirklichkeit) der Grad der Komplexität weiter ansteigt: Indem wir einen Ausschnitt der Welt wählen und festhalten, erhöht sich gleichzeitig die Zahl möglicher Deutungs- und Interpretationsvarianten. Prinzipiell wirft jede Fotografie mehr Fragen auf, als diese Fragen zu beantworten vermag. Und genau davon lebt ein Archiv.


Gleichzeitig wird mit der stetig steigenden digitalen Bilderflut deutlich, dass das, was wir abbilden, nur einen Aspekt der Wirklichkeit darstellt. In der jeweiligen Aufnahme versichern wir uns zwar, dass das, was wir erlebt haben, sich auch wirklich so ereignet hat – jedoch erkennen wir vermehrt, das eine andere (Kamera-)Perspektive und ein alternativer Bildausschnitt eine ganz andere „Geschichte“ erzählen würden.


Insofern verbindet die Fotografie und das Archivwesen das gleiche absurde Schicksal: Je mehr wir uns um Komplexitätsreduktion und Kontingenzbewältigung mit technischen Mitteln bemühen, desto stärker steigt der Grad der Komplexität an und desto stärker wird uns bewusst, dass sich manches auch ganz anders zugetragen haben könnte.


Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die sogenannte „Dokumentarische Fotografie“ durchaus ihre Berechtigung hat, jedoch mit ihrem Anspruch der umfassenden Darstellung der Realität mit Vorsicht zu genießen ist. Ich favorisiere eine subjektive Fotografie mit dokumentarischem Anspruch, die deutlich macht, dass sie sich ihrer „Vagheit“ bewusst ist. Und genauso fanden die ausgewählten Aufnahmen Eingang in die aktuelle Ausgabe.

Erhalte ich einen Rabatt, wenn ich zur Buddha-Statue noch etwas von dem Carrara-Marmor kaufe? | Zeppelin Universität: Leadership Log #9, Umschlag Seite 3 | Archivnummer: r2586-200628, Aufnahmedatum: 28.06.2020
Erhalte ich einen Rabatt, wenn ich zur Buddha-Statue noch etwas von dem Carrara-Marmor kaufe? | Zeppelin Universität: Leadership Log #9, Umschlag Seite 3 | Archivnummer: r2586-200628, Aufnahmedatum: 28.06.2020

Hertel: Teilen wir eigentlich in unserer Arbeit die Vorliebe für eine humanistische Botschaft frage ich mich. Wie kommt es, dass auf Deinen Fotografien so gut wie nie und bei dieser Ausgabe im Speziellen nie Menschen abgebildet sind?


Salzmann: Was die „humanistische Botschaft“ betrifft, stimme ich Dir zu, allerdings müssten wir, wenn wir diesen Begriff weiterhin verwenden, vielleicht noch genauer klären, was wir jeweils darunter verstehen. Für mich ist jedoch klar, dass ich mich selbst nicht zu einem Vertreter der „humanistischen Fotografie“ zähle. Ich halte mich nicht mal für einen Fotografen.


Dass ich in meinen Fotografien auf die Abbildung von Personen meistens verzichte, hat mit unseren Sehgewohnheiten zu tun: Wenn Menschen in einem Bild agieren, fokussiert sich der Blick des Betrachters automatisch auf den „Handlungsspielraum“ dieser Personen im Bild. Ich bevorzuge Bilder, die eine Umwelt zeigen, die zwar auf menschliche Haltungen und Verhalten basiert, ohne dies exemplarisch anhand von Personen zu demonstrieren. Ich konzentriere mich auf die Dokumentation allgemeiner gesellschaftlicher Verhältnisse – das schließt eine Kommentierung sozialer, (inter-)kultureller, historischer, ökonomischer Verhältnisse durch das Bild durchaus mit ein.


Hertel: Wir könnten hier von einer Handlungsmaxime sprechen, die kulturelle Vielfältigkeit und komplexe Persönlichkeitsstruktur eines Individuums anerkennt und sogar fördert – auch im Arbeitskontext und den damit verbundenen Wertschöpfungsketten. Du hattest Dich dem Arbeitsethos in zeitgenössischen Arbeitswelten ja bereits öfters in Deiner künstlerischen Arbeit befasst.


Nachdem wir uns den thematischen Kern dieser Ausgabe gemeinsam erschlossen haben als Ausgangspunkt für die Kreation konnten wir große und kleine Gesten unabhängig vom tatsächlichen Medium skizzieren. Was bedeutet das Medium und die Peripherie hier eigentlich für Dich?

Zum Weiterlesen: Der „Leadership Log“ der Zeppelin Universität


Salzmann: Ich begreife die aktuelle Ausgabe als klassisches Ausstellungsformat. Die Aufnahmen sind als eigenständiger Beitrag in ein klar umrissenes thematisches Feld integriert. Das wird vor allem auch in Deiner Art der Gestaltung dieser Ausgabe deutlich. Die unterschiedlichen Rahmenlinien verleihen den einzelnen Aufnahmen eine klassische und autonome Aussagekraft – es wird völlig klar, dass es sich weder um einen illustrativen Beitrag noch um Reise- oder Reportagefotografie handelt. Die Anordnung der einzelnen Aufnahmen auf jeweils einer Einzelseite lassen sie zudem als künstlerischen Beitrag hervortreten, der thematische Inhalte aufgreift, vertieft oder (ironisch) reflektiert.


Ich schätze die sogenannte Peripherie, weil in diesen entlegenen Regionen soziale Phänomene, die in globalen Zentren aufgrund der komplexen sozialen Verhältnisse eher untergehen, deutlicher sichtbar werden. Im Zusammenhang mit der Ausgabe wird dies etwa beim Thema „Interkulturalität“ deutlich: Wenn das einzige Chinarestaurant in einer abgeschiedenen oberschwäbischen Kleinstadt den vermessenen Namen „Chinatown“ trägt, so lassen sich daran unterschiedliche kulturelle Stereotype ablesen: Zum einen kann man sich natürlich fragen, an welche ((klein-)bürgerlichen) schwäbischen Vorstellungen der Inhaber des Lokals appelliert, zum anderen entspricht die Inneneinrichtung des Lokals dem jahrzehntelangen tradierten westlichen Blick, wie ein authentisches Chinarestaurant in den „Chinatowns“ dieser Welt eben auszusehen hat: rote Lampions, rötliche Holzverkleidungen, grell beleuchtete Wandbilder. Du hast einmal angemerkt, dass der ironische Bruch in der Aufnahme vor allem in dem an der Hauswand angebrachten kleinen Wegweiser besteht: Die geografische Distanz zwischen „Chinatown“ und „Kirchplatz“ ist in so einer Kleinstadt in der Peripherie sehr gering, dennoch liegen die kulturellen Bilder, die man sich von anderen macht und ihre realen Bedingungen immer noch Welten auseinander.

Ist der Fußweg zwischen Chinatown und dem Kirchplatz die letzten Jahrzehnte wirklich kürzer geworden? | Zeppelin Universität: Leadership Log #9, S.1 (Ausschnitt) | Archivnummer: 2667-200628, Aufnahmedatum: 28.06.2020
Ist der Fußweg zwischen Chinatown und dem Kirchplatz die letzten Jahrzehnte wirklich kürzer geworden? | Zeppelin Universität: Leadership Log #9, S.1 (Ausschnitt) | Archivnummer: 2667-200628, Aufnahmedatum: 28.06.2020

Hertel: Von der Peripherie ins Medium – die Renaissance der tradierten künstlerischen Gestaltung auf Basis von Doppelseiten finde ich in dem Zusammenhang bemerkenswert, vor allem auch die Kultur der Zines, die seit einigen Jahren einen neuen Hype in vielen europäischen Ländern erlebt.


Der grafischen und typografischen Ausprägung dieser besonderen Ausgabe liegen – aufgrund des erweiterten Spielfelds durch Deine künstlerische Intervention – gestalterische Überführungen zugrunde, die ich immer wieder mit dem inhaltlichen Kosmos abgeglichen habe. Die Bildrahmen mit dem überhöhten Fett-Fein-Kontrast sind eine direkte Ableitung des wesentlichen Merkmals klassizistischer Schriftarten (der extreme Wechselzug) und insbesondere von dem in diesem Metier prägendsten Stempelschneider Giambattista Bodoni in seinem „Manuale Tipografico“ eingeführt. Warum bringe ich hier den Klassizismus (in der Inszenierung durch Bodoni) ins Spiel? Weil er entgegen der Wahrnehmung der damaligen als auch heutigen Zeit tatsächlich eine humanistische Botschaft in seiner Formgebung hatte, also nicht für Reichtum und Luxus stand, vielmehr für Lebensfreude, Tüchtigkeit (insbesondere Perfektion) und Bildung („Schrift kommt vom Schreiben“ – das sieht man sehr eindrücklich in seinen kursiven Formen). Für mich persönlich eine visuelle Interpretation des „Manifesto“ auf einer Metaebene.

Giambattista Bodoni: Manuale Tipografico (1818), Titelseite und exemplarische Innenseite (Montage: Zeppelin Universität)
Giambattista Bodoni: Manuale Tipografico (1818), Titelseite und exemplarische Innenseite (Montage: Zeppelin Universität)

Hertel: Hast Du Dir während der Arbeit an dieser Ausgabe für Dich selbst und eventuell auch für den Betrachter ersichtlich Metaebenen erschlossen?


Salzmann: Die diversen Metaebenen werden für mich in unserer Arbeitsweise deutlich. Wir haben bewusst darauf verzichtet, den im „Manifesto“ beschriebenen Diskurs anhand von Aufnahmen der unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in global agierenden Produktionsstätten zu illustrieren.


Die gewählte Herangehensweise, mit wenigen Aufnahmen, die in einem eher vertrauten Umfeld (Kleinstadt) entstanden sind, eine offenere narrative Struktur zu entwickeln, die sich dennoch explizit auf unterschiedliche Aspekte des Diskurses beziehen, erscheint mir produktiver, da ich davon überzeugt bin, dass sich daraus vielfältigere Zugänge zu den unterschiedlichen Themenbereichen für die Leser und Leserinnen ergeben werden.

Titelbild: 

Balázs Kétyi / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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