Martin Sonneborn

„Wir teilen in alle Richtungen aus“

von Fabio Sommer | freier Autor
29.03.2022
Satire speist sich aus einem Unwohlsein, aus einer Bedrücktheit an diesem System, in dem wir leben – das wird ja nicht besser.

Martin Sonneborn
Bundesvorsitzender der Satirepartei „Die PARTEI“ und Mitglied des Europäischen Parlaments
 
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    Zur Person
    Martin Sonneborn

    Martin Sonneborn, geboren 1965 in Göttingen, verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist seit 2004 Vorsitzender der Satirepartei Die PARTEI und seit 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments. Er ist Mitglied im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres und in der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel. Zudem ist er stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für konstitutionelle Fragen. Sonneborn absolvierte nach Abitur und Wehrdienst eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann und studierte anschließend Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft in Münster, Wien und Berlin. Von 2000 bis 2005 war er Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, sowie Mitarbeiter beim SPIEGEL und bei der ZDF-heute-show.

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Ob Martin Sonneborn am 15. Mai 1965 in Göttingen tatsächlich unter der Sonne geboren wurde, bleibt womöglich auf ewig ein Mysterium – sein Nachname lässt es jedoch stark vermuten. Als Sonnengebürtiger zog es ihn daher logischerweise an Orte der Erleuchtung: Der junge Sonneborn besuchte ein katholisches Privatgymnasium in Osnabrück, an dem er sein Abitur ablegte. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, bevor er anschließend den Weg der höheren Bildung einschlug.


In Münster, Wien und Berlin widmete sich Sonneborn dem Studium der Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaften, das in seiner Magisterarbeit über „die absolute Wirkungslosigkeit moderner Satire“ gipfelte. Zunächst war Sonneborn von seiner Ausgangsthese selbst überzeugt gewesen, hat sie dann aber im Laufe der Arbeit „aus Versehen“ widerlegt. Dieses Versehen sollte seinen späteren Lebensweg aber entscheidend prägen: „Ich würde heute nicht im Europaparlament sitzen, wenn es keine Wirkungsmöglichkeit von Satire gäbe“, sagt der Magister.


Noch während seines Studiums absolvierte Sonneborn ein Praktikum beim Satiremagazin EULENSPIEGEL, verbrachte dann aber drei Tage bei der Konkurrenzzeitschrift TITANIC, danach war er sich sicher: „Ich wollte im Leben nie etwas anderes machen als bei TITANIC zu arbeiten“ – und so kam es dann auch. Von 1995 bis 2000 arbeitete Sonneborn als Redakteur für das Magazin, bevor schließlich die Erkenntnis in ihm reifte, dass es gut ist, „alle fünf Jahre etwas Neues auszuprobieren“. Zunächst gewillt, dieser Erkenntnis zu folgen, wurde dann aber der Posten des Chefredakteurs der TITANIC frei, den er dann für weitere fünf Jahre bis Oktober 2005 ausübte – ohne das Magazin dabei zu versenken.

„Das ZDF hat damals gut gezahlt“

Kurz zuvor legte er zusammen mit weiteren TITANIC-Redakteuren den Grundstein für seine spätere politische Karriere: Am 2. August 2004 gründeten sie die Partei „Die PARTEI“. Seitdem ist Martin Sonneborn der amtierende Bundesvorsitzende der „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Doch bis er im Namen der PARTEI ein erstes politisches Amt bekleiden würde, sollte es noch beinahe zehn Jahre dauern.


Nachdem Sonneborn seinen Posten als Chefredakteur bei TITANIC niedergelegt hatte – man könnte auch sagen: der Kapitän ging von Bord –, zog es ihn von der deutschen Finanzhauptstadt Frankfurt am Main in die deutsche (Politik-)Hauptstadt Berlin. Spiegeln anscheinend doch nicht so abgeneigt, wie es seine erste Berufsentscheidung zwischen den besagten beiden Satiremagazinen vermuten ließ, begann Sonneborn 2006 als Externer für den SPIEGEL zu arbeiten – vielleicht hat er aber auch lediglich eine Vorliebe für Organisationen mit in Caps Lock geschriebenen Namen.


Im Jahr 2009 wurde Sonneborn dann von Oliver Welke angerufen, woraus sich eine ebenfalls fünfjährige Zusammenarbeit als Außenreporter für die heute-show ergab – unter anderem auch, da „das ZDF damals gut gezahlt hat“. Sein wenig später im Oktober 2009 folgender Aufruf in der Sendung „Zimmer frei!“ zum Boykott der GEZ-Gebühren erscheint in diesem Zusammenhang zwar eher kontraintuitiv; als erklärter Vertreter eines Existenzmaximums, dessen Einführung einigen ZU-Eltern sicherlich missfallen würde, kann man diesen Aufruf allerdings auch als einen selbstlosen Akt interpretieren.

Der Einzug in das Europaparlament im Jahr 2014 war ein Wendepunkt in Martin Sonneborns Karriere. Über seine vorige Arbeit als Satiriker für TITANIC, SPIEGEL und heute-show sagt er: „Es war keine journalistische Arbeit, sondern Satire. Natürlich gab es ein Erkenntnis- und Aufklärungsinteresse, aber es war keine Faktenrecherche, sondern Überzeichnung, Polemisierung und Witze machen“.
Der Einzug in das Europaparlament im Jahr 2014 war ein Wendepunkt in Martin Sonneborns Karriere. Über seine vorige Arbeit als Satiriker für TITANIC, SPIEGEL und heute-show sagt er: „Es war keine journalistische Arbeit, sondern Satire. Natürlich gab es ein Erkenntnis- und Aufklärungsinteresse, aber es war keine Faktenrecherche, sondern Überzeichnung, Polemisierung und Witze machen“.

Am 25. Mai 2014 war es dann soweit: 184.709 Wahlberechtigte setzten bei der Europawahl 2014 in Deutschland ihr Kreuz bei „Die PARTEI“, bescherten ihr damit einen Stimmenanteil von 0,6 Prozent und dem Spitzenkandidaten Martin Sonneborn damit einen Sitz im Europaparlament. Der darauffolgende Umzug von Berlin nach Brüssel, der in höheren Politikerkreisen zwar eher als politische Abschiebung betrachtet wird, bedeutete für den nun MdEP Martin Sonneborn allerdings den Sprung in die aktive Politik.


Seine Agenda für die erste Legislaturperiode seiner noch jungen Politikerkarriere formulierte er damals präzise und bestand aus genau drei Punkten. Erstens: Transparenz herstellen für interessante, komische und korrupte Dinge, die er in der EU sieht; zweitens: dicke, alte, weiße Männer ärgern, die für die aktuelle Situation der EU verantwortlich sind; und drittens: große Reden „vor meistens leerem Haus“ schwingen.


Seiner Agenda ist er dann auch nachgekommen, denn während seines Vortrages spielt Sonneborn einige dieser „großen Reden“ vor: von seiner Begrüßungsrede für Ursula von der Leyen als neue Präsidentin der EU-Kommission, deren Team er als eine „Parade aus Inkompetenz und moralischer Wurstigkeit“ bezeichnete, über eine Rede über Militärinterventionen in Syrien, in der er vorschlägt, kaputte Leopard II-Panzer als Ersatz für Marschflugkörper auf Assads Palast fallen zu lassen, bis hin zu einer Rede über den „Irren vom Bosporus“ (gemeint ist natürlich der Präsident der Republik Türkei Recep Tayyip Erdoğan), die er um 22.47 Uhr im Slot zu „Themen von minderer politischer Bedeutung“ vor insgesamt 18 Abgeordneten hielt.

„Wir haben eben eine große Fresse in Wahlkämpfen“

Wie diese Beispiele vielleicht schon zeigen, haben Sonneborns Reden zwar immer einen wahren Ausgangskern, sind in der Regel aber nur so durchzogen von satirischen Stilmitteln, weshalb er sich selbst als den „unseriösesten Abgeordneten des EU-Parlaments“ bezeichnete – zumindest solange, bis von der Leyen ihn in dieser Funktion ablöste, wie Sonneborn in seiner Rede damals konstatierte.


Der nun nur noch zweit-unseriöseste EU-Abgeordnete erzählt auch abseits seiner großen Reden aus dem Nähkästchen, aus dem heraus er in regelmäßigen Abständen für Nadelstiche in den Organen der Europäischen Union sorgt. Gelegentlich sticht Sonneborn dabei aber auch zu fest zu, sodass er alles andere als frei von Kritik ist. Für die eben genannte von der Leyen-Rede wurde Sonneborn beispielsweise kritisiert, laut ihm aber nur, weil „moralische Wurstigkeit“ für einen Simultanübersetzer nur sehr schwer in Echtzeit zu übersetzen sei.


Erst vor kurzem trat Nico Semsrott, der 2019 neben Sonneborn für „Die PARTEI“ ins EU-Parlament einzog, aus dieser aus, nachdem sich Sonneborn von einem vielfach kritisierten Witz nicht distanzieren wollte. 


Auf die Frage eines CIP-Mitglieds, ob er mittlerweile nicht das Gespür dafür verloren habe, sich in heiklen Situationen richtig mitzuteilen, erklärt Sonneborn sein Satireverständnis: „Ich glaube, dass sich die Zeiten geändert haben und ich noch ein Satireverständnis haben, das davon ausgeht, dass die Leute ungefähr wissen, was ich mache: dass ich humanistische Ideale habe, dass ich Pazifist bin, dass ich nicht korrupt bin und dass ich nichts Böses will.“ Aber er und seine Partei teilen nun mal in alle Richtungen aus. „Wir haben eben eine große Fresse in Wahlkämpfen – und auch sonst“, sagt er dazu.

„Satire speist sich aus einem Unwohlsein, aus einer Bedrücktheit an diesem System, in dem wir leben – das wird ja nicht besser“, sagt Sonneborn über die Gründe, sich der Satire zu bedienen. In der Fragerunde nach seinem Vortrag an der Zeppelin Universität sind es Aussagen wie diese, die flüchtige Einblicke hinter seine satirische Maske zulassen, welche er in seinem öffentlichen Auftreten sonst nur selten fallen lässt.
„Satire speist sich aus einem Unwohlsein, aus einer Bedrücktheit an diesem System, in dem wir leben – das wird ja nicht besser“, sagt Sonneborn über die Gründe, sich der Satire zu bedienen. In der Fragerunde nach seinem Vortrag an der Zeppelin Universität sind es Aussagen wie diese, die flüchtige Einblicke hinter seine satirische Maske zulassen, welche er in seinem öffentlichen Auftreten sonst nur selten fallen lässt.

Allerdings lässt Sonneborn gerade in der späteren Fragerunde durchscheinen, dass Satire für ihn nicht nur „Wirkungsmöglichkeit“ ist, sondern vor allem auch ein gutes – wenn nicht das beste – kompensatorische Mittel, um irgendwie mit der scheinbar immer schiefer werdenden Weltlage klarzukommen. „Es ist eigentlich unsere Verarbeitung dieses zunehmend irrer werdenden kapitalistischen Systems – und man kann einfach besser mit Situationen umgehen, wenn man einen Witz darüber machen kann“, sagt Sonneborn über die Satire.


Auch sein Einzug in das Europaparlament änderte an dieser Einstellung nur wenig – im Gegenteil: „Ich habe quasi nie eine Situation erlebt, in der ein Abstimmungsergebnis wirklich am Wohl der Bürger orientiert war – es ging immer um Wirtschaftsinteressen. Die EU ist ein Wirtschaftsverbund“, behauptet Sonneborn. Andererseits sei das aber auch sehr wichtig, denn ohne eine florierende Wirtschaft würden die ZU-Studierenden später natürlich keine gut dotierten Jobs erhalten – der Elitenförderung muss schließlich auch wortwörtlich Rechnung getragen werden.


Um den letzten Satz richtig einzuordnen, war vielleicht etwas Satirekompetenz nötig. Eine Kompetenz, die in der Gesellschaft stetig abnehme, wie Sonneborn beobachtet. Im Netz würde selbst Kunst, Poesie und Literatur oft gar nicht mehr verstanden – und Satire damit noch weniger: „Wenn ich heute etwas ins Netz schreibe, dann habe ich immer irgendwelche Leute, die das 1:1 nehmen und damit nicht umgehen können“, erzählt Sonneborn.

Blick hinter die satirische Maske bleibt in Erinnerung

Doch ein mangelndes Satireverständnis in der Gesellschaft wird Sonneborn nicht davon abhalten weiterzumachen, denn nicht nur in der EU gilt es, Hürden zu überwinden. In der deutschen Politik ist das erklärte Ziel der PARTEI, die 5-Prozent-Hürde zu reißen, wofür Sonneborn eine Rückbesinnung auf die Kernkompetenz seiner Partei anstrebt: „Das ist Satire. Das ist Polemik. Aber das wird uns Mitglieder und Sympathien kosten.“ Denn es gibt viele Menschen, die in den vergangenen Jahren mit der PARTEI sympathisiert haben oder ihr sogar beigetreten sind, weil diese sich über die CDU als Regierungspartei lustig gemacht hat. Allerdings würden diese wieder vergrault werden, wenn die PARTEI nun gegen SPD, Grüne und FDP als die aktuellen Regierungsparteien schießt – denn wie er bereits sagte: „Wir teilen in alle Richtungen aus.“


Was aber bleibt nun nach dem fast zweistündigen Besuch des Herrn Magister MdEP Martin Sonneborn? Natürlich sind es einerseits seine satirischen Kommentare, die er auf gewohnt trockene und mühelose Art und Weise in seine Ausführungen einzustreuen weiß. Aber diese Seite seiner Persönlichkeit – für manche sicherlich seine Sonne(bor)nseite – kennt man dank des Internets bereits zur Genüge.


Was viel eher hängen bleibt, das ist der Blick hinter seine satirische Maske, die ihm normalerweise zur zweiten Haut geworden zu sein scheint; so, als ob er mit dem Abnehmen seiner physischen Atemschutzmaske zu Beginn seines Vortrages auch seine metaphorische Satiremaske abgenommen hat. Hinter Letzterer bekommen wir nämlich einen Martin Sonneborn zu Gesicht, der im Kern kein Satiriker, sondern Idealist ist. Einen Mann, der einen klaren Blick auf das aktuelle System hat, das allerdings weder seinem noch dem nach außen propagierten Idealbild entspricht, und der in der Satire daher ein Mittel mit Wirkungsmöglichkeit gefunden hat – sicherlich auch, um mit der Diskrepanz zwischen Ideal und Realität selbst besser klarzukommen.


Und wenn er in seiner Antwort auf die studentische Frage aus dem Publikum, wie man denn am besten mit den frustrierenden Dingen und Prozessen dieser Welt umgehen solle, die Satire als „Notwehr“ bezeichnet, dann wirkt es schon fast so, als ob die Satire ein – um es im Merkeljargon auszudrücken – alternativloses Mittel ist.

Titelbild: 

| Samuel Groesch / Zeppelin Universität (alle Rechte vorbehalten)


Bilder im Text: 

| Samuel Groesch / Zeppelin Universität (alle Rechte vorbehalten)


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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