Bildungsgerechtigkeit

„Noch hat man gar nichts erreicht“

von Prof. Dr. Richard Münch | Zeppelin Univeristät
08.06.2022
Der Zwang, durch Bildung einen auskömmlichen und angesehen Status zu erlangen, ist größer als je zuvor. Die Wahrscheinlichkeit, dass das auch wirklich gelingt, ist jedoch geringer als je zuvor.

Prof. Dr. Richard Münch
Seniorprofessur für Gesellschaftstheorie und komparative Makrosoziologie
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Richard Münch

    Richard Münch, Jahrgang 1945, studierte von 1965 bis 1970 Soziologie, Philosophie und Psychologie an der Universität Heidelberg und erwarb dort 1969 den Grad des Magister Artium und 1971 den Grad des Dr. phil. Die Habilitation für das Fachgebiet Soziologie erfolgte 1972 an der Universität Augsburg, wo er von 1970 bis 1974 am Lehrstuhl für Soziologie und Kommunikationswissenschaft als wissenschaftlicher Assistent beschäftigt war. Von 1974 bis 1976 lehrte er als Professor für Soziologie an der Universität zu Köln, von 1976 bis 1995 an der Universität Düsseldorf, von 1995 bis 2013 an der Universität Bamberg, wo er 2013 zum Emeritus of Excellence ernannt wurde.

    Seit 2015 ist er Seniorprofessor für Gesellschaftstheorie und komparative Makrosoziologie an der Zeppelin Universität. Er war mehrfach als Gastprofessor an der University of California in Los Angeles tätig und gehörte zur Herausgeberschaft des American Journal of Sociology, der Annual Review of Social Theory, von Sociological Theory, Zeitschrift für Soziologie und Soziologische Revue. Von 2002 bis 2012 war er Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten interdisziplinären Graduiertenkollegs „Märkte und Sozialräume in Europa“ an der Universität Bamberg. Er war Mitglied und zuletzt Vorsitzender des Fachbeirats am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit der deutschen Gesellschaft?


Prof. Dr. Richard Münch: Der Begriff der Bildungsgerechtigkeit hat mindestens drei Dimensionen. Erstens ist damit gemeint, dass alle Heranwachsenden unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die gleichen Chancen auf die bestmögliche Bildung haben. Etwas vereinfacht gesagt, kann das der höchstmögliche Bildungsabschluss sein. Zweitens kann darunter aber auch verstanden werden, dass Leistungsunterschiede im Bildungsprozess – wodurch sie auch bedingt sein mögen – auch zu entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen in den erworbenen Bildungszertifikaten führen (Noten, mehr oder weniger hochwertige Zertifikate). Und drittens kann daran gedacht werden, wie weit sich höhere Bildungsleistungen auch in höheren Bildungsrenditen in Form von erzielten Einkommen auszahlen.


In Deutschland wird in allen drei Dimensionen nicht der Idealzustand erreicht. Erstens erklärt die soziale Herkunft unter allen messbaren Faktoren am meisten den Bildungserfolg. Zweitens gibt es aber auch zunehmend Klagen über Noteninflation bei den Bildungsabschlüssen, was eben auch bedeutet, dass Leistungsunterschiede nicht durchgehend in Noten- und Zertifikatsunterschiede umgesetzt werden. Und drittens ist zu beobachten, dass höhere Bildungsabschlüsse nicht zwangsläufig höhere Renditen erbringen. Sie variieren nach Fächern, und sie werden durch den von der sozialen Herkunft geprägten Habitus bestimmt, aus dem sich mehr oder weniger Chancen auf Zusatzqualifikationen, wie das Studium an Elitehochschulen, längere Auslandsaufenthalte und hilfreiche soziale Beziehungen, ergeben. Darin unterscheidet sich Deutschland von anderen vergleichbaren Ländern jedoch nur graduell, aber nicht grundsätzlich.


Inwieweit ist die soziale Herkunft immer noch entscheidend für den Bildungsverlauf?


Münch: In allen hochentwickelten Industrieländern und in den ihnen nachfolgenden Schwellenländern hat seit den 1960er Jahren eine enorme Bildungsexpansion stattgefunden. Das heißt, der Anteil der Heranwachsenden, die eine Hochschulzugangsberechtigung erreichen, ein Hochschulstudium aufnehmen und ein Hochschulstudium absolvieren, ist kontinuierlich größer geworden. Das hat zwangsläufig mit sich gebracht, dass die Zahl von Bildungsaufsteigern erheblich gewachsen ist und sich dementsprechend der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg abgeschwächt hat. Die Schule ist dabei zu derjenigen Instanz geworden, die für mehr Chancengleichheit gesorgt hat. Das ist eine große Erfolgsgeschichte in der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im ersten genannten Sinn. Allerdings ist damit auch ein gewisses Maß der Leistungsnivellierung und der Differenzierung der Bildungsrenditen im zweiten und dritten Sinn von Bildungsgerechtigkeit einhergegangen.


Nachdem aber die Bildungsexpansion ihren Höhepunkt erreicht hat, zeigt sich ein neu verstärkter Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg, vor allem auf die erzielten Bildungsrenditen. Auch neueste, zum Teil aufwendig mit großen Langzeitdatensätzen für die vergangenen fünf Jahrzehnte durchgeführte empirische Studien zeigen, dass auf der ganzen Welt, nicht nur in Deutschland, die soziale Herkunft maßgeblich über den Bildungserfolg bestimmt, und zwar umso mehr, je ungleicher die Haushaltseinkommen verteilt sind. Ein wesentlicher erklärender Faktor der neu verstärkten Reproduktion der Klassenstruktur nach Bildungsabschluss ist die zum Standard gewordene bildungshomogene Heirat.

Ungleiche Voraussetzungen: Nach einer aktuellen Auswertung der Paritätischen Forschungsstelle sind 30 Prozent aller Studierenden in Deutschland von Armut betroffen. Von den alleinlebenden Studierenden sind es sogar vier von fünf, die in Armut leben. Studierende sind nach der Auswertung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (16,8 Prozent) nicht nur besonders häufig, sondern auch besonders schwer von Armut betroffen. So liegt das mittlere Einkommen armer Studierender bei 802 Euro. Der Abstand zur Armutsschwelle beträgt damit 463 Euro. Überproportional von Armut betroffen seien dabei nicht nur Ein-Personen-Haushalte (80 Prozent), sondern auch Studierende im BAföG-Bezug (45 Prozent). Die Analyse stützt sich auf aktuellste Daten des Sozio-ökonomischen Panels aus dem Jahr 2020 sowie Erhebungen des Deutschen Studentenwerkes zur wirtschaftlichen und sozialen Lage Studierender in Deutschland.
Ungleiche Voraussetzungen: Nach einer aktuellen Auswertung der Paritätischen Forschungsstelle sind 30 Prozent aller Studierenden in Deutschland von Armut betroffen. Von den alleinlebenden Studierenden sind es sogar vier von fünf, die in Armut leben. Studierende sind nach der Auswertung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (16,8 Prozent) nicht nur besonders häufig, sondern auch besonders schwer von Armut betroffen. So liegt das mittlere Einkommen armer Studierender bei 802 Euro. Der Abstand zur Armutsschwelle beträgt damit 463 Euro. Überproportional von Armut betroffen seien dabei nicht nur Ein-Personen-Haushalte (80 Prozent), sondern auch Studierende im BAföG-Bezug (45 Prozent). Die Analyse stützt sich auf aktuellste Daten des Sozio-ökonomischen Panels aus dem Jahr 2020 sowie Erhebungen des Deutschen Studentenwerkes zur wirtschaftlichen und sozialen Lage Studierender in Deutschland.

Woran liegt es, dass in Deutschland hohe Anteile von über 40 Prozent der an sich Hochschulzugangsberechtigten gar nicht zu einem Hochschulabschluss kommen?


Münch: Das hat nach meiner Einschätzung drei Gründe. Erstens macht sich in diesem Punkt die Inflation von Bildungstiteln im zweiten Sinn von Bildungsgerechtigkeit bemerkbar. Eine wachsende Zahl von ausgestellten Hochschulzugangsberechtigungen befähigt nicht tatsächlich zu einem erfolgreich abgeschlossenen Hochschulstudium. Zweitens hat Deutschland in den 1970er Jahren den Fehler begangen, die Universitäten weit mehr auszubauen als die Fachhochschulen. Das führte in erheblichem Maß zu einer Fehlallokation sowohl auf der Seite des Hochschulzugangs als auch auf der Seite des Hochschulabgangs. Das heißt, zunehmend wurde ein Universitätsstudium ohne die notwendigen Qualifikationen aufgenommen und das auch noch in Fächern, für die der Arbeitsmarkt nicht in ausreichendem Maße passende Beschäftigungen geboten hat. Ein stärkerer Ausbau der Fachhochschulen statt der Universitäten hätte diese Fehlallokation in engeren Grenzen gehalten. Der dritte Faktor sind die in Deutschland im internationalen Vergleich einzigartigen Möglichkeiten der dualen Berufsausbildung außerhalb eines Hochschulstudiums. Die wachsende Zahl dualer Studiengänge bietet neue Chancen, diesen Weg weiterzuführen.


Dass die Expansion des Schulsystems mehr Kinder aus allen sozialen Schichten zum Abitur bringt, bedeute zwar mehr Chancengleichheit, aber auch mehr soziale Ungleichheit. So heißt es zumindest aus der Bildungsforschung. Können Sie uns das erklären?


Münch: Die Bildungsexpansion hat – wie oben schon festgestellt – mehr Chancengleichheit gebracht. Zugleich wurde dadurch aber auch die Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand individualisiert. Solange noch ein großer Teil der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert war, haben die Gewerkschaften durch Flächentarifverträge und Lohnabschlüsse mit hohen Sockelbeträgen für eine kollektiv breit geteilte Teilhabe am Wohlstand gesorgt. Inzwischen ist die Mitgliedschaft in Gewerkschaften massiv geschrumpft. Dementsprechend driften die erzielten Einkommen in Abhängigkeit vom individuellen Leistungsvermögen weiter auseinander und dies insbesondere in der mit der Bildungsexpansion gewachsenen Dienstleistungswirtschaft, in der sich die Einkommen extrem breit vom Stardesigner bis zur einfachen Hilfskraft spreizen. In diesem Sinn kann man sagen, dass mit der Bildungsexpansion zwangsläufig eine wachsende Ungleichheit der Haushaltseinkommen einhergeht. Die schon erwähnte bildungshomogene Heirat trägt zusätzlich dazu bei.

Das Kennzeichen der nivellierten Mittelstandsgesellschaft

Was bedeutet das nun für die Frage nach der sozialen Mobilität der deutschen Gesellschaft?


Münch:
Die Bildungsexpansion hat für mehrere Jahrzehnte die soziale Mobilität erhöht, interessanterweise mit mehr Aufwärtsmobilität als Abwärtsmobilität, weil zugleich eine Aufwertung der Berufsstruktur und der entsprechenden Beschäftigungsverhältnisse stattgefunden hat. Es ist einfach mit der Zahl der höher qualifizierten Personen auch die Zahl der höher bezahlten Stellen gewachsen. Das war das Kennzeichen der sogenannten nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Das heißt die Mitte der Gesellschaft in gut bezahlter beruflicher Stellung ist immer größer geworden, während sich die Oberschicht im Umfang wenig verändert hat und die Unterschicht stark geschrumpft ist. Jetzt sprechen wir schon seit geraumer Zeit von einer schrumpfenden Mittelschicht und einer neu wachsenden, sehr heterogenen Unterschicht und auch von dem Phänomen sogenannter Winner-Take-All Markets.


Zur Vergrößerung der Mittelschicht gehörte auch die sogenannte Verbürgerlichung der Arbeiterklasse, sinnbildlich im Einkommen und in der Lebensführung des hochqualifizierten Facharbeiters zum Ausdruck gebracht. Mit dem schrumpfenden Anteil des produzierenden Gewerbes und dem steigenden Anteil der Dienstleistungswirtschaft sinkt die Zahl der sicheren und gut bezahlten Beschäftigungsverhältnisse und es wächst die Zahl der weniger sicheren bis sehr prekären Beschäftigungsverhältnisse. Wenigen hochbezahlten Stars stehen viele schlecht bezahlte Dienstleistungskräfte gegenüber. Die soziale Mobilität ändert ihren Charakter. Sie wird vielfältiger. Man kann ein Start-up gründen und reich werden, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber auch Pleite gehen und nie auf einen grünen Zweig kommen. Es gibt wenige Aufstiege zu unternehmerisch erreichtem Reichtum, nicht wenige Abstiege in prekäre Verhältnisse, selbst mit Hochschulstudium, und geringe Aufstiegschancen in der Breite.


Der Effekt der Bildung auf die soziale Stellung schwächt sich also ab?


Münch: Ja, weil höhere Bildung ein Massenphänomen ist, garantiert sie noch gar nichts. Aber ohne Bildungsqualifikation ist erst recht gar nichts möglich. Das heißt der Zwang, durch Bildung einen auskömmlichen und angesehen Status zu erlangen, ist größer als je zuvor. Die Wahrscheinlichkeit, dass das auch wirklich gelingt, ist jedoch geringer als je zuvor. Es bedarf der richtigen Studienwahl, des Talents, der notwendigen Zielstrebigkeit und eben auch der Unterstützung durch die Familie, was natürlich umso leichter möglich ist, je mehr Bildungskapital in der Familie vorhanden ist.

Sorgenvoll blicken junge Menschen in Deutschland in die Zukunft – und wenig begeistert: Die Unzufriedenheit mit der Politik geht bei jungen Menschen in Deutschland weit über die Tagespolitik hinaus. Das belegt eine Studie der Vodafone Stiftung Deutschland. Obwohl die Mehrheit der jungen Menschen (66 Prozent) ihre Generation als eine wahrnimmt, die politisch etwas verändern möchte, hat weniger als ein Drittel (29 Prozent) das Gefühl, Politik beeinflussen zu können. Drei Viertel (75 Prozent) erleben die deutsche Demokratie als zu schwerfällig, um aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu lösen. Entsprechend pessimistisch blicken junge Menschen nach vorne: 86 Prozent machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Nur 8 Prozent haben die Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen. Themen, die den Nachwuchs dabei besonders beschäftigen, sind die Lösung der Klimakrise und die Hoffnung auf ein besseres Bildungssystem. Doch genau daran dürfte es künftig haken, glauben die Befragten: Lediglich 23 Prozent erwarten, dass Deutschland den Klimawandel bis 2050 im Griff hat. Weniger als ein Drittel (30 Prozent) denkt, dass Deutschland bis dahin sozial gerechter sein wird als heute und nur 28 Prozent sind überzeugt, dass das deutsche Bildungssystem zu diesem Zeitpunkt erstklassig sein wird.
Sorgenvoll blicken junge Menschen in Deutschland in die Zukunft – und wenig begeistert: Die Unzufriedenheit mit der Politik geht bei jungen Menschen in Deutschland weit über die Tagespolitik hinaus. Das belegt eine Studie der Vodafone Stiftung Deutschland. Obwohl die Mehrheit der jungen Menschen (66 Prozent) ihre Generation als eine wahrnimmt, die politisch etwas verändern möchte, hat weniger als ein Drittel (29 Prozent) das Gefühl, Politik beeinflussen zu können. Drei Viertel (75 Prozent) erleben die deutsche Demokratie als zu schwerfällig, um aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu lösen. Entsprechend pessimistisch blicken junge Menschen nach vorne: 86 Prozent machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Nur 8 Prozent haben die Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen. Themen, die den Nachwuchs dabei besonders beschäftigen, sind die Lösung der Klimakrise und die Hoffnung auf ein besseres Bildungssystem. Doch genau daran dürfte es künftig haken, glauben die Befragten: Lediglich 23 Prozent erwarten, dass Deutschland den Klimawandel bis 2050 im Griff hat. Weniger als ein Drittel (30 Prozent) denkt, dass Deutschland bis dahin sozial gerechter sein wird als heute und nur 28 Prozent sind überzeugt, dass das deutsche Bildungssystem zu diesem Zeitpunkt erstklassig sein wird.

Die häufige Klage, dass in Deutschland zu wenig Nachwuchs von Nichtakademikern die Hochschulen erreicht, ist also unberechtigt?


Münch: Wie ich oben schon festgestellt habe, hat es ja im Zuge der Bildungsexpansion mehrere Jahrzehnte einen Bildungsaufstieg von Kindern aus nichtakademischen Familien bis zum Hochschulabschluss gegeben, in Deutschland aber weniger als in anderen vergleichbaren Industrieländern. Dass das in Deutschland etwas weniger der Fall war als in anderen Industrieländern, lag sowohl an dem gegliederten Schulsystem als auch an dem viel größeren Anteil der Produktionsindustrie im Vergleich zum Dienstleistungsgewerbe an der Wertschöpfung und an der damit verbundenen einzigartigen dualen, betrieblich-schulischen Berufsbildung. In Deutschland war es lange Zeit möglich, auf diesem Weg in die Mittelschicht, in Einzelfällen sogar bis in die Vorstandsetagen von Dax-Konzernen aufzusteigen. Mit dem in Deutschland verzögerten Schrumpfen des produzierenden Gewerbes, der gleichzeitigen Akademisierung der Berufe und der erwähnten Bildungshomogenität der Heiraten sind die Aufstiegschancen für Kinder aus nichtakademischen Haushalten massiv gesunken.


Was ist dran an dem Vorwurf der OECD, dass in Deutschland nur ein geringer Anteil von Kindern aus den sogenannten bildungsfernen Schichten Abitur macht?

Münch: Die Antwort auf diese Frage habe ich teilweise schon gegeben. Dass das in Deutschland der Fall war, das hatte auch den positiven Grund, dass wir einen viel umfangreicheren Produktionssektor als andere Länder hatten und, wenn auch verringert, noch haben, in dem es Facharbeiter ohne Abitur weiter bringen konnten als Sozialarbeiter mit Abitur. Und wie ich schon festgestellt habe, war eine Folge der Bildungsexpansion eine Bildungsinflation mit abnehmenden Bildungsrenditen bis hin zur Herausbildung eines neuen akademischen Prekariats beziehungsweise Proletariats mit hoher Arbeitslosigkeit. Was das bedeutet, kann man gut in Südeuropa beobachten. Dort gibt es schon lange mehr Abiturienten, Hochschulstudierende und -absolventen als in Deutschland, aber auch viel mehr arbeitslose junge Menschen mit Hochschulabschluss.


Die OECD war in diesem Punkt völlig falsch gelegen und hat angesichts der hier kurz skizzierten Fakten inzwischen auch eine Kehrtwende vollzogen und ist zu einem glühenden Verfechter der deutschen dualen Berufsbildung geworden, nur leider zu spät, weil sich das Rad der Geschichte niemals zurückdrehen lässt und auch eine tief in einem Land verwurzelte Tradition nicht in andere Länder verpflanzt werden kann, wo dafür alle Voraussetzungen fehlen.


Früher ging es darum, die Bildungschancen einer Mehrheit zu verbessern. Heute die einer besonders benachteiligten Minderheit. Was kann die deutsche Bildungspolitik tun?


Münch: Aus meinen bisherigen Ausführungen lässt sich ableiten, dass man mit der Verbesserung von Bildungschancen heute noch gar nichts erreicht hat. Wir befinden uns nicht mehr in den 1970er Jahren, in denen sich an den Bildungsaufstieg nahtlos auch ein beruflicher Aufstieg angeschlossen hat. Dieser Nexus besteht so heute nicht mehr. Die besonders benachteiligte Minderheit gibt es ja auch, weil inzwischen eine so hohe Zahl von Hochschulabsolventen um Stellen kämpft, die ihrer Bildungsqualifikation entsprechen, also das Feld besetzen, in das es für Aufsteiger vorzudringen gilt.


Die schon mehrfach erwähnte bildungshomogene Heirat hat dazu noch die Rate der Vererbung des Bildungsstatus erhöht. Wo beide Elternteile einen Hochschulabschluss haben, wird alles getan, dass das auch die Kinder erreichen, wenn auch mit unsichereren beruflichen Aussichten. Haben beide Eltern keinen Hochschulabschluss, ist gegen diesen Wettbewerbsvorteil überhaupt nicht anzukommen.


Das im internationalen Vergleich inzwischen schon nahezu einzigartige gegliederte Schulsystem verstärkt in Deutschland sicherlich diese Ungleichheit. Ein Blick auf die vielen Länder mit einer Einheitsschule lehrt jedoch, dass man von der Abschaffung des gegliederten Schulsystems keine Wunderdinge erwarten darf. Auch in diesen Ländern existiert eine dauerhaft ausgegrenzte Minderheit. Selbst in Finnland, das in dieser Hinsicht lange Zeit als vorbildlich gelten konnte, ist das inzwischen der Fall, erst recht in Schweden, einem weiteren skandinavischen Land mit einer tief verwurzelten egalitären Tradition.
Trotzdem: All diese Schwierigkeiten ändern nichts an der Pflicht, unsere Schulen so mit pädagogischer und sozialpädagogischer Kompetenz auszustatten, dass sie Benachteiligungen durch die soziale Herkunft ausgleichen können, wie schwer das in der Praxis auch sein mag.

Titelbild:

| Joanna Kosinska / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text:

| Kenny Eliason / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link

| Robo Wunderkind / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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