Postwachstum

Nachhall der Nachhaltigkeit

von Stephan A. Jansen | Zeppelin Universität
08.09.2012
Wir brauchen nun einen Anwalt der ungeborenen Generationen, einen Anwalt unserer Zukunft.

Prof. Dr. Stephan A. Jansen
 
  •  
    Zur Person
    Prof. Dr. Stephan A. Jansen

    Prof. Dr. Stephan A. Jansen wurde im Mai 2003 zum Gründungspräsidenten und Geschäftsführer der Zeppelin Universität berufen. Im gleichen Jahr wurde er durch das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg als Professor auf den Lehrstuhl für „Strategische Organisation & Finanzierung | SOFI“ ernannt. Mit 31 Jahren war er der jüngste deutsche Universitätspräsident. Nach einer Banklehre als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes absolvierte er ein Studium der Wirtschaftswissenschaft in Witten/Herdecke, an der New York University sowie Tokyo Keizai University mit Auszeichnung. 1997 bis 2003 schlossen sich weitere wissenschaftliche Stationen an der Stanford University sowie der Harvard Business School mit der Promotion (summa cum laude) an.

  •  
    Factbox
    Quellen

    Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Coase, Ronald (1960): The Problem of Social Costs, in: Jounral of Law and Econmics, 3, S. 1 -44.
    Rifkin, Jeremey (2000): Access – Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt am Main: Campus Verlag.
    Rosa, Harmut (2011): Über die Verwechslung von Kauf und Konsum, in: Ludger Heidbrink u.a. (Hrsg.): Die Verantwortung des Konsumenten, Frankfurt am Main.
    Reichel, A.; Seeberg, B.: The Ecological Allowance of Enterprise: An Absolute Measure of Corporate Environmental Performance, its Implication for Strategy, and a Small Case, Journal for Environmental Sustainability, 2011; Jg. 1 (1): 81-93.

  •  
     
    Hä...?
    Haben Sie Fragen zum Beitrag? Haben Sie Anregungen, die Berücksichtigung finden sollten?
    Hier haben Sie die Möglichkeit, sich an die Redaktion und die Forschenden im Beitrag zu wenden.
  •  
    Teilen
    Empfehlen


Sie kennen das Motto? „Es gibt keine Hoffnung, aber ich könnte mich ja irren.“ Mit der Nachhaltigkeits-Vokabel schwingt immer genau diese paradoxe Hoffnung auf eine logische Lösung mit, dass wir jeden Tag gegen unseren Willen doch mehr wollen. Die apokalyptische Stimmung eines sich deswegen weiter überschuldenden Konsum-Kapitalismus führt in einem nachweislich wohlstandssteigernden Wirtschaftssystem – unabhängig von der Art der Messgrößen – zu neuen Bedarfen im Ressourcen-, Reputations- und Konsumenten-Management. Und das alles kostet offenbar nicht einmal Umsatz.

Von Förstern und Holzhändlern

Das Denken über den Nachhaltigkeitsbegriff hatte seinen Ursprung im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft. Hans Carl von Carlowitz (1645 - 1714) gehört sicherlich zu den baumstarken Forstleuten in der nicht-forstlichen Wissenschafts- und Populärwissenschaftsliteratur. Zu diesem Ruhm verhalf ihm der Umstand, dass er in seiner sylvicultura oeconomica eine »continuirlich beständige und nachhaltende Nutzung« der Wälder zur Vermeidung einer »große(n) Noth« an Holz für dringend geboten erachtete. Das Prinzip: Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt werden, wie Bestände natürlich nachwachsen, d.h. einem Wald darf nur soviel Holz entnommen werden, wie zur gleichen Zeit nachwachsen kann. Damit wird der langfristig denkende Förster – analog des Ideals des Familienunternehmers, der das geliehene Erbe der nächsten Generation verantwortet – von dem Holzhändler unterscheidbar, der aufgrund der angestellten Kurzfristigkeit einfach Holz handeln muss.

Das Försterprinzip wurde im 19. Jahrhundert daher vergessen. In den späten 1960er Jahren wurde es wieder en vogue – Retro-Moden sind eben auch nachhaltig. Die Vereinten Nationen begannen sich in dieser Zeit mit ökologischen Belangen der Staatengemeinschaft auseinanderzusetzen. Entscheidend in der Bedeutung war 1987 der »Brundtland-Report«. 12 Jahre später war Nachhaltigkeit in der Endauswahl für das „Wort des Jahres“. Es wurde: „rot-grün“! Nachhaltigkeit könnte aber eben nicht eine in erster Linie politische Heimat haben, sondern eine in der „sozialen Bewegung“. Die derzeit noch so wendige Energiewende, verdankt sich weniger politischen oder ökonomischen Einsichten aus Tschernobyl oder Fukushima, sondern vielmehr der Reaktion auf die zivilgesellschaftlichen Spurenelemente in Deutschland seit den 1970er Jahren mit Sozialen Bewegungen gegen Atomkraft. Der Energiewende werden nachhaltige Mobilitätswenden, Lebensmittelwenden, Wasserwenden, Metropolenwenden und auch Kapitalismus- wie Konsumwenden folgen. Nur es geht einigen zu langsam und unkoordiniert, so haben am letzten Deutschen Nachhaltigkeitstag Alain Capparos, CEO der REWE und Kurt-Ludwig Gutberlet, Vorsitzender der BSH GmbH, einen nationalen Plan gefordert – bekamen viel Applaus ohne wirkliche Nachhaltigkeit.

Paradoxie der Knappheit und Tragödien der Übernutzung

Die Ökonomie ist eine Haushaltslehre, die unter der Bedingung der Knappheit – Ressourcen-Endlichkeit und Budgetrestriktion – das Wirtschaften rationaler, also effizienter und effektiver, gestalten will, und produziert so genau das Gegenteil: Jeder Zugriff auf knappe Güter, welcher der Minderung von Knappheit dient, steigert sie dadurch erst. Das Imitieren des Begehrens der anderen steigert den Konflikt mit dem Begehrenden. Nobelpreisträger Ronald Coase hat wie später die erste Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom diese Knappheit durch Übernutzung bei nicht zugteilten Eigentums- und Nutzungsrechten als „Tragödie der Allmende“ bezeichnet: Farmer und Viehzüchter geraten bei der gleichen öffentlichen Wiese in Konflikt – so wie die Fischer an den Seeufern. Um die Knappheit spürbarer zu machen, ist der Versuch der Internalisierung von den negativen externen Effekte der eigenen Wachstumsstrategie auf Kosten Dritter permanent virulent – auch weil er oft ein Versuch bleibt.

Schon wieder Ressourcen verschwendet: Schildkröten verspeisen einen toten Fisch.
Schon wieder Ressourcen verschwendet: Schildkröten verspeisen einen toten Fisch.

Paradoxie der kollektiven Verblödung bei individueller Einsicht

Das Grundgesetz beauftragt den Staat, „auch in Verantwortung für die künftigen Generation die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung zu schützen“. 


Seit 2002 gibt es eine Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Nach dem Statistischen Bundesamt und dem Umweltbundesamtes kommen wir aber nicht voran. Die Reaktanzforschung stellt sich die Frage nach den Ursachen für diese kollektive Verblödung bei dezentraler Einsicht – denn es sind ja nur wenige offen dagegen. Wir brauchen nun – so die nicht nur semantisch überzeugende Forderung – einen Anwalt der ungeborenen Generationen – unserer Zukunft.
Und wer das ist: Die einen plädieren für eine neues Amtsverständnisses des Bundespräsidenten, der Gesetze zur Sicherung der generationsübergreifenden Wohlstandskonformität zeichnen kann und nur der Kontrolle des Bundesverfassungsgerichts unterliegen würde. Andere wiederum sagen: das Kollektiv selbst, also wir – als Kunden und Wähler!

Doppelte Nachhaltigkeit des Umsatzes

Insbesondere die Werbeagenturen haben hier ein neues Feld identifiziert, was man wohl nicht mit Werbung, aber mit einer Markierung der Deutungshoheit über die Markenwahrnehmung Dritter zu tun hat: So sind Agenturen wie Serviceplan, Oekom Research oder Biesalski um die eigene Nachhaltigkeit in der Paradoxie einer authentischer Kommunikation (denn genau die kann man ja nicht kommunizieren) engagiert – mit Rankings, Ratings und auch Umsatzkorrelationen des Markenimage mit Nachhaltigkeit. Die Ergebnisse sind kausalistisch immer so: Nachhaltigkeit bringt nachhaltige Geschäfte, also zwischen 1,1% bei Drogerien über 5,2% bei Energieversorgern bis zu 9,5% bei Babynahrung. Frosta hat 2003 durch die Umstellung auf nachhaltige Fischereien die Preise deutlich anheben müssen, deren nach zunächst massivem Umsatzeinbruch nun 15,6% des dann gestiegenen Gesamtumsatzes erklären soll.

Ressourcen: Recycling, Vintage und Teilung durch Zugang statt Eigenturm

In den sozial bewegten und wachstumskritischen 1970er Jahren hat der Zukunftsforscher Alvin Tofler den Begriff der „Wegwerfgesellschaft“ erfunden. Zukunftsforscher können ja auch Müll publizieren, aber ein Beleg: Seit dem Jahr 1905 wurde in Großstädten der Abfall auf das Zehnfache gesteigert – der heute zu zwei Dritteln aus Verpackungen und Gütern mit Nutzungsdauern von unterhalb 3 Jahren besteht. Diese bis heute aufgehobene Beschreibung der Wegwerfgesellschaft wurde zeitgleich ergänzt durch eine „Aufbewahrungsgesellschaft“, die Hartmut Rosa von Staffan Linder recycelte: Wir verwechseln Kauf mit Konsum, weil wir keine Zeit mehr haben Gekauftes aufgrund der Komplexität der Nutzung zu konsumieren oder weil der Erwartungswert des Glücksgefühls beim Kauf grundsätzlich höher ist als bei Nutzung. Was nun? Was, wenn „(Ge-)Brauchen“ und „Haben“ auseinanderfällt? Da entstehen Geschäfte, Nachnutzungskonzeptionen und unternehmerische Verantwortlichkeiten.


Recycling ist selbst beim Weltmeister der Mülltrennung ein noch zu entwickelndes Konzept der geschäftigen Verantwortung. Wiedergewinnung von seltenen Erden sind die Vorreiter für noch seltene Logiken. „Vintage“ kommt durch die Globalisierung des Trödels gerade bei hochwertigen Produkten so nachhaltig in Mode, dass hier nicht nur mit Oldtimern, Uhren, Fahrrädern, Textil, Geschirr, Besteck und Möbeln ein nachhaltig günstiger wie wertsteigernder Bohème-Style zu beobachten ist – zumindest, wenn man nicht am Ende des jeweiligen Booms kauft. Friedensbedingt wird auch in Deutschland eine neue Nachnutzungslogik nützlicher Altprodukte eintreten. Aber auf den wesentlichen Aspekt der Nachhaltigkeit mit Blick auf das Knappheitsparadox ist die Umstellung des Nutzungsprinzips selbst – von Eigentum auf Zugang, von Selber-Haben auf das Teilen, wie Jeremy Rifkin das Zugangsparadigma formulierte. Und wie sieht eine Gesellschaft aus, die nicht mehr zwischen Kauf und Konsum unterscheidet, sondern zwischen Zugang und Eigentum? Was bedeutet das materiell und was finanziell - für Kunden wie Hersteller?

Wird die Vision der Postwachstumsökonomie erwachsen?

Diskurstheoretisch ist es wohl unglücklich, dass die Ökologie-Debatte als Verzichts-Debatte geführt wurde, denn das ist eine materielle Eigentumsdebatte. Pierre Bourdieu meint, dass diese Generation von Anfang an als Verlierer im symbolischen Spiel um "Nachhaltigkeit" feststünde. Die Chancen auf Anschlussfähigkeit sind so nur moralisiert denkbar. Wenn 1972 der junge MIT-Forscher Dennis Meadows, der die Grenzen des Wachstums aus dem römischen Club berichtete, dann sagte das eher etwas über Rom aus, als über die letzten 40 Jahre der Wachstumsgeschichte. Nun der Retro-Trend einer Postwachstums-Ökonomie, wie die wachsende Anzahl von Konferenzen zum Thema „degrowth“ belegen – auch von dem „European Center for Sustanaibilty Research (ECS)“ an der Zeppelin Universität. Die Herausforderung bleibt: Wie zahlen wir die Schulden für Konsum der letztjährigen vermeintlichen Wachstumsphase zurück?


Der Grund für den Nachhall der Nachhaltigkeit ist die ökonomische Sparrationalität, der durch Verschwendung erreichte Wohlstand und die Idee, dass nicht Verlierer- und Verzichtsspiele, sondern Innovationen mitgedacht werden müssen. Die unternehmerische Hausaufgaben: „Nutze die Ressourcen – auch wenn Du sie schon verkauft hast.“ „Entwickele Technologien, die die Nutzbarkeit von Ressourcen stärker steigert als das Wachstum sie verbraucht!“. Politisch: „Definiere Wachstum neu – und bilde komplexere Wohlstands- und Glücksindizes!“. Gesellschaftlich: „Überwinde die kollektive Verblödung – und spare durch teurere, also wertigere Produkte!“


Und wenn Wohlstandsgesellschaften mit Nachhaltigkeit korrelieren, dann müssten die deutschen Unternehmen und Politiker dies nur noch exportieren – denn das ist ja das nächste Paradox: nur wachsende Länder können sich das Thema Nachhaltigkeit leisten. Dann klopfen wir mal auf Holz!


Bild: eviltomthai (flickr)

Quellen


17
17
 
Leserbrief

Haben Sie Anmerkungen zum Beitrag?
Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten