Prokrastination

Lenk mich nicht ab!

von Dr. Gloria Meynen | Zeppelin Universität
08.09.2012
Dass die Zerstreuung den Anfängen fast aller neuen Medien inhärent ist, weil Medien selten selbsterklärend sind, wird meist übersehen.

Dr. Gloria Meynen
 
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    Dr. Gloria Meynen

    Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Gloria Meynen vertritt den Lehrstuhl "Medientheorie und Kulturgeschichte". Ihre Arbeitsschwerpunkte sind eine Kulturgeschichte der Medientheorie und des Kalten Krieges.

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Schreibprogramme wie OmmWriter, Clean Writer oder WriteRoom versetzen uns in die Steinzeit der Computer. Sie lieben das Holozän der Schreibmaschine, das keine Font-Listen, Fenster und Icons kennt. Befreit vom Unrat gegenwärtiger Textverarbeitungen könne man mit WriteRoom "ohne Zerstreuung schreiben", betont der Entwickler Jesse Grosjean. Und auch die Programmierer von OmmWriter schreiben, dass man mit ihrem Programm endlich wieder allein mit seinen Gedanken sein könne. 


Mit der Einsamkeit der Gedanken werben auch die Entwickler von Programmen, die unseren Internetkonsum drastisch einschränken. Die Programme heißen Leech Block, Stealth Wiki, Freedom und Anti-Social. Einige blockieren Seiten, die lediglich versprechen, uns wertvolle Arbeitszeit zu stehlen. Mit anderen kann man einen Wecker für eine internetfreie Zeit stellen, um den sozialen Netzwerken für eine gewisse Zeit zu entkommen. Fred Stutzman, der Programmierer von Anti-Social, ruft mit dieser persönlichen Askese zum "Kampf gegen die Zerstreuung" auf: "When work needs to get done, our friends are often our biggest distraction. (…) Wouldn’t it be great if there was a way to turn off your friends when you’re trying to get work done?" In reizarmer, minimalistischer Umgebung sollen wir vom Stress der geteilten Aufmerksamkeit genesen. Zugleich suggerieren uns diese Programme, dass wir nicht Teil des Problems sind. Die Ursache für unsere Ablenkung und Zerstreuung suchen sie vielmehr in einer Technik, die sich verlässlich zum Schlechteren hin wendet.

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Als der Computer nur eine Schreibmaschine war und noch keine (raubkopierten) Lieder sang, als er ein Einzelgänger war und noch keine Protokolle las, als wir also arbeiteten und nicht spielten, saßen wir allein im bernsteinfarbenen Schein unserer Steinzeitcomputer, und die Welt war noch annähernd im Lot.
Dass die Zerstreuung den Anfängen fast aller neuen Medien inhärent ist, weil Medien selten selbsterklärend sind, wird dabei großzügig übersehen.

So ist etwa der Computer als Schreibmaschine selbst eine Erfindung, die mit dem Textverarbeitungsprogramm Bravo um 1974, vor annähernd vierzig Jahren, von Butler Lampson und Charles Simonyi bei Xerox PARC entwickelt worden ist. Bravo ist das erste Schreibprogramm, das auf dem ersten Personal Computer Alto – dank What you see is what you get – eine Schreibmaschine simulierte. Schlägt man heute das Benutzerhandbuch von Bravo auf, so merkt man schnell, dass die Bedienung der ersten digitalen Schreibmaschine für die Steinzeitmenschen des Digital Age keineswegs einfach und intuitiv ist. "The mouse is a small rectangular box next to the keyboard", klärt das Benutzerhandbuch sie auf. Zunächst musste man ihnen die Maus zeigen, die Bedienung erklären. Die Analogie zwischen den Bewegungen auf der Schreibtischoberfläche mit den Bewegungen des Cursors versteht sich im Steinzeitalter der Kommandozeilen keineswegs von selbst. Ganz zu schweigen von den Brüchen in der Benutzerillusion: "Unlike typing a typewriter, carriage returns are not used, to break a line", warnt die Bedienungsanleitung von Bravo. Die Größe der Bildschirme entspricht zwar nahezu dem amerikanischen Letter-Format. Doch die Auflösung von 72 dpi zerstört jede Illusion – der Bildschirminhalt ist keine perfekte Kopie der Papierseite und sollte es auch nicht sein. Man kann vermuten, dass die digitalen Steinzeitmenschen beim Erlernen der Akronyme und Shortcuts weniger mit dem Schreiben befasst waren, als mit den Widerständen ihrer neuen digitalen Spielzeuge. Noch ehe sie einen eigenen Gedanken fassen konnten, waren sie schon abgelenkt.

Die erste digitale Schreibmaschine war in ihrer Jugendzeit vermutlich ebenso böse wie Facebook, Twitter & Co. Insofern schafft nicht nur jede Technik ihre Unfälle, wie Virilio schreibt, sondern jede neue Computergeneration schickt die gegenwärtige Generation in den Ruhestand. Und so sehnte man vermutlich in der Schreibmaschinenzeit des Computers den metallischen Sound der Schreibmaschine herbei oder trauerte der ehrlichen Mechanik des Zeilenvorschubs hinterher. Jede Technik bringt ihre eigene Steinzeit hervor. Aber das ist kein Grund zur Sorge: Weil jede Gegenwart ihre eigenen, bösen Dinge hervorbringt, muss sich die jüngste Vergangenheit gegen sie desto heller absetzen. Darum gibt es sie noch, die guten alten Dinge. Und man kann heute schon sicher sein – das goldene Zeitalter von Facebook wird kommen: als App von Manufactum.


Bild: sunside (flickr)

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