Wutbürger

Die Rebellen-Rentner

von Rainer Böhme | Zeppelin Universität
20.03.2013
Kaum eine Bürger-Initiative kommt ohne die neuen Alten aus oder wird nicht gar von ihrem Engagement getragen.

Rainer Böhme
Buchautor und ZU-Pressesprecher
 
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    Zur Person
    Rainer Böhme

    Rainer Böhme ist Lehrbeauftragter für Journalistik und Leiter Universitätskommunikation an der Zeppelin Universität sowie Buchautor („Die Altersrevolution – Wie wir in Zukunft alt werden“, gemeinsam mit Petra und Werner Bruns, Aufbau Verlag Berlin). Zuvor war er über zwei Jahrzehnte in leitenden Funktionen, unter anderem als stellvertretender Chefredakteur, für verschiedene Regionalzeitungen in Deutschland wie etwa dem Münchner Merkur tätig. Dabei wurden seine Redaktionen dreimal mit dem renommierten „Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung“ ausgezeichnet.

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    Factbox
    Die "neuen Alten": Masse und Klasse

    Nicht nur über ihre große Anzahl in Parteien, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen wächst die Einflussnahme der "neuen Alten" auf gesellschaftliche Prozesse: Auch die Cicero-Intellektuellenliste der einflussreichsten deutschen Meinungsführer, Denker und Visionäre liest sich wie ein „Who ist Who“ dieser Generation (und sie prägender Personen) mit Namen wie die Schriftsteller Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger und Elfriede Jelinek, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, die Journalistin Alice Schwarzer, die Philosophen Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk. Gerade ein einziger Vertreter der jüngeren Generation schaffte es in die Top 10: der Journalist Frank Schirrmacher. Desgleichen in der Politik: Mit Joachim Gauck hat das Land den bei Amtsantritt ältesten Bundespräsidenten, die SPD mit Peer Steinbrück ihren bisher ältesten Kanzlerkandidaten – und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erklärte anlässlich seines 70. Geburtstages schlicht, er fühle sich noch zu jung zum Aufhören.

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Gesellschaftlich tendierten ältere Menschen in Deutschland bisher dazu, sich möglichst „unsichtbar“ zu machen und alle Positionen ihres Lebens nach und nach aufzugeben – ob nun beruflich, als Vereinsvorsitzender oder Präsident des örtlichen Lions-Clubs. Sie begnügten sich bestenfalls mit der Rolle der Großmutter oder des Großvaters. Das heißt: Sie akzeptierten neben dem biologischen auch das entsprechende soziale Alter. In einer Gesellschaft, die großen Wert auf Jugend und Vitalität legt, neigten bisher ältere Menschen zum Rückzug in das Private. Diese Zeiten sind passé.


In Deutschland geht in diesen Jahren eine Generation in Rente, die sich nicht in Schrebergärten und Seniorenheime zurückzieht, die weder sparsam noch angepasst die verbleibenden Jahre ihres Lebens verbringen. Stattdessen macht sich eine zahlenmäßig große – rechnet man allein die Jahrgänge bis 1950, so sind dies acht Millionen Bundesbürger – anspruchsvolle und protesterfahrene Generation daran, den letzten Teil ihres Lebenszyklus, ja Elemente der Gesellschaft umzugestalten.


Dieser Generation wird nicht zuletzt der gesellschaftliche Aufbruch der späten 60er Jahre zugeschrieben. Nun, gut 40 Jahre später, soll diese Generation eigentlich die Institutionen verlassen, durch die zu marschieren sie angetreten war und in denen sie gewirkt hat: Politik, Wirtschaft, Justiz, Bildung, Kultur. Sie hat es dabei geschafft, gegenüber anderen Generationen eine Führungsrolle zu übernehmen und das kulturelle, politische und soziale Deutschland mehr verändert als andere Altersgruppen. Stets wollte sie „die Gesellschaft“ verändern – wer geglaubt hatte, dies würde sich im Alter ändern, hat sich einer Illusion hingegeben.

Alter bedeutet nicht Gebrechlichkeit

Den Altersrekord bei der Besteigung des Mount Everest hält inzwischen mit 76 Jahren der Nepalese Min Bahadur Sherchan, den bei den Weltumseglern der 77-jährige Japaner Minoru Saito. Flugschüler im Rentenalter sind längst keine Seltenheit mehr. Und wer zu einem Harley-Davidson-Treffen fährt, hat den 60. Geburtstag meist längst hinter sich. Mehr als 30 000 Senioren sind mittlerweile an deutschen Universitäten als Spät-Studierende eingeschrieben. Und sie sorgen selbst noch einmal für Nachwuchs. Allein in Baden-Württemberg ist die Zahl derjenigen, die im Alter zwischen 55 und 70 Jahren erstmals oder noch einmal Vater geworden sind, binnen der vergangenen zehn Jahre um mehr als 40 Prozent gestiegen – die der 20- bis 25-jährigen Väter hingegen hat sich halbiert. Selbst bis ins kriminelle Milieu spielt der Wandel hinein: Mitte des vergangenen Jahrzehnts sorgte eine Rentner-Gang in Nordrhein-Westfalen für Schlagzeilen, die bei sechs Bahnüberfällen, bewaffnet mit Pistolen, Vorschlaghammer und Handgranaten rund 400 000 Euro erbeuteten – die Missetäter waren zur Tatzeit 63, 72 und 74 Jahre alt.

Rentner Dietrich Wagner, hier bei einer Anti-Atomkraft-Demo, wurde im Rahmen der S21-Proteste bekannt. Doch politisches Engagement im Alter ist kein Einzelfall.
Rentner Dietrich Wagner, hier bei einer Anti-Atomkraft-Demo, wurde im Rahmen der S21-Proteste bekannt. Doch politisches Engagement im Alter ist kein Einzelfall.

Die Macht der Rentner

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik“ kommt zu dem Schluss: „Im Zuge des demographischen Wandels bilden die Älteren in der Gesellschaft ein immer größeres Machtpotential. Sie repräsentieren einen steigenden Anteil der Wahlberechtigten, stellen eine wachsende Minderheit in Großverbänden wie den Gewerkschaften, gründen zunehmend eigene Organisationen und sind in Parteien und Seniorenbeiräten präsent.“ Inwieweit dieses Potential zu einem tatsächlichen Machtfaktor werde, hänge jedoch davon ab, ob die Älteren bzw. Teilgruppen unter ihnen sich als eine Gesellschaftsgruppe mit eigenem Interesse begriffen. „Sie verfügen aber in zunehmendem Maße sowohl über die körperlichen und kognitiven als auch über die materiellen Voraussetzungen eines politischen Engagements. Dies zeigt sich etwa an dem stark ausgeprägten politischen Interesse sowie an dem steigenden Anteil der in der Gesellschaft oder Politik aktiven, neuen Alten‘“, heißt es weiter in dem Bericht.


Entgegen kommt diese neuen Alten dabei, dass in den Parteien, Gewerkschaften, aber auch Nichtregierungsorganisationen der Anteil älterer Menschen wächst und dadurch ein Druck der Partizipation der Alten entsteht. Zugleich haben sie es mit einer Generation von Nachwachsenden zu tun, die ihnen kaum entgegentritt. Wer sich heute auf einem Parteitag der „Piraten“ umschaut, trifft dort durchaus auf tiefgrau melierte Netzaktivisten, deren vorheriger politischer Werdegang über Jahrzehnte die Stationen SPD, Grüne und Linkspartei einschließt. Kaum eine Bürger-Initiative – sei es gegen Fluglärm um Frankfurt oder den neuen Flughafen Berlin/Brandenburg, gegen neue Starkstromtrassen, gegen Windkraftanlagen oder Mobilfunkmasten, gegen Versuchsfelder für genmanipulierte Pflanzen, gegen Umgehungsstraßen – kommt ohne sie aus oder wird nicht gar von ihrem Engagement getragen.

Die "neuen Alten": Masse und Klasse


Finanzielles und kulturelles Kapital erleichtert Engagement der Generation

Die neuen Alten verfügen jedoch nicht nur über den Willen zum bürgerschaftlichen und/oder politischen Engagement, sondern auch über die Mittel. Sie haben das notwendige ökonomische Kapital wie Eigentum aus Bar- und Sachvermögen, Erbschaften, Einkünften aus Abfindungen und Personen. Laut der Studie von Margot Berghaus „Die 68er-Generation: Zwischen Cola und Corega-Tabs“ im Auftrag der Zeitungsgruppe BILD zeigt sich folgende Situation: 87 Prozent von ihnen werden eine Rente oder Pension beziehen, hinzu kommen zu 36 Prozent Zinseinnahmen, zu 33 Prozent Einnahmen aus einer Lebensversicherungsrente, zu 22 Prozent Einnahmen aus einer betrieblichen Altersversorgung und zu 18 Prozent Einnahmen aus Häusern, Wohnungen und Grundstücken. Das Erbschaftspotential, das auf diese Generation übergegangen ist oder übergehen wird, beziffern Experten des Statistischen Bundesamtes auf rund eine Billion Euro. Das entspricht dem Dreifachen des Bruttosozialproduktes der Schweiz oder dem jährlichen Bruttosozialprodukt von Dubai.


Neben dem ökonomischen Kapital verfügen die neuen Alten auch über das notwenige kulturelle Kapital wie Gruppen- und Protesterfahrungen aus Studentengremien, Versammlungen, Vorständen und Aufsichtsräten; Konflikterfahrungen aus Parteien, Bürgerbewegungen, Demonstrationen, Hausbesetzungen, Elternbeiräten, Psychotherapien, Parlamenten, Behörden und Synoden. Und schließlich verfügen sie über soziales Kapital wie die Netzwerke von alten Weggefährten, Selbsterfahrungsgruppen, Verbands- und Parteizugehörigkeiten, Medienzirkeln, Rotary- und Lions-Clubs.

Ruhestand heißt nicht Rückzug - im Gegenteil

Trotzdem wird das Potential, das viele von ihnen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren aufweisen, immer noch teils grob unterschätzt. Es gebe heute „ein langes Leben nach 65 Jahren, das nach sinnvoller Beschäftigung schreit“, stellt der Journalist und ZEIT-Mitherausgeber Josef Joffe fest. Ähnlich sieht es schon der 5. Altenbericht der Bundesregierung: „Weil der Anteil der Menschen im höheren Lebensalter steigt, der Anteil jüngerer Menschen hingegen rückläufig ist, werden es die Älteren sein, die die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsaufgabe maßgeblich mitschultern müssen.“ 


Die Umwälzungen vom „alten“ Rentner zum „neuen“ Rentner sind in vollem Gange. Das tatsächliche Altsein ist längst nicht mehr abhängig vom Eintritt in den Ruhestand. Die Definitionskriterien der Sozialsysteme (was ist das Renteneintrittsalter?) werden der tatsächlichen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Menschen nicht mehr gerecht. Deshalb werden die neuen Alten schon bald nicht nur bis 67 Jahre arbeiten (müssen und so manche auch wollen), sondern bis 70 und selbst darüber hinaus, und sie werden sich im Ruhestand neue Formen von (selbständiger) Arbeit oder anderer Aktivitäten suchen. Es ist schließlich auch eine Generation, die nicht per Gesetz „alt“ sein und von der Gesellschaft mit einem Stigma bedacht werden möchte, dessen Ausprägungen nicht mit der Realität übereinstimmen. Und sie hat es gelernt, ihre Rechte einzufordern – für sich selbst und „die Gesellschaft“.

Der Archetyp der „neuen Alten“

Die neuen Alten legen großen Wert auf Selbstständigkeit, Selbstbestimmtheit, Sinnhaftigkeit und Unabhängigkeit. Ihre Lebensweise ist geprägt von Vitalität („70 ist das neue 50“), Konsum- und Lebensfreude. Inzwischen hat dies auch die Werbebranche entdeckt. Nur ein Beispiel: Wie die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ermittelt hat, liegt die Reiselust der heute 60-Jährigen um 85 Prozent höher als noch vor 40 Jahren, die der über 70-Jährigen sogar um 91 Prozent. Etwa mit der Konsequenz, dass der Reiseveranstalter „Studiosus“, in den 50er Jahren ursprünglich für Studenten gegründet, heute zu 80 Prozent von „Best-Agern“ gebucht wird. Es ist eine wesentlich aktivere und agilere Generation als noch die ihrer Väter, ohne sie verlören Zeitungsverlage die wichtigsten Abonnenten, Konzerthäuser, Theater und Museen den Großteil der Besucher, Gartencenter, Tierhandlungen, Drogerien und Apotheker müssten um ihre Existenz bangen, und Vereine hätten schlichtweg keine Zukunft mehr.

Man sieht: Dietrich Wagner ist keineswegs nur Symbolfigur für „Stuttgart 21“, sondern vielmehr auch so etwas wie ein Archetyp der neuen Alten – dass „ausgerechnet“ er, ein Rentner, zu bundesweiter Berühmtheit gelangte, ist alles andere als eine Laune der Geschichte oder gar Zufall. Seine Generation wird den sozialen Wandel der nächsten Jahrzehnte aktiv mitbestimmen, sie wird zum Umgestalter und Manager des Alters. Sie werden einen ganzen Lebensabschnitt neu definieren, so wie es der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf in seinem Buchtitel zum Ausdruck gebracht hat: „Grau ist bunt“. 




Bilder: flickr/informatique (Titel), flickr/dielinkebw (Text)

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