Politiker auf Deichkronen

Aktionismus mit Sandsäcken

Das schweißtreibende Schleppen von Sandsäcken in der Öffentlichkeit gilt wohl als gesellschaftlich wertvoller als jener kleine Federstrich , mit dem man Gelder für jene Dämme bewilligt hätte, die jetzt das Sandsackschleppen überflüssig machen würden.

Dr. Joachim Landkammer
 
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    Zur Person
    Dr. Joachim Landkammer

    Dr. Joachim Landkammer studierte in Genua und Turin; seit 2004 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zeppelin Universität am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Anwendungs- und Grenzbereichen der Philosophie; neben politischer Philosophie setzt er sich unter anderem mit Ästhetik und Bildungstheorie auseinander.

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    Die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe

    Als äußerst aufschlußreiche und unterhaltsame Lektüre zur Geschichte der Trockenlegung und Besiedlung der Pontinischen Sümpfe um Latina und Sabaudia ist zu empfehlen der 2012 auch ins Deutsche übersetzte, mit dem Premio Strega preisgekrönte Roman von Antonio Penacchi mit dem Titel „Canale Mussolini“ (Hanser Verlag, München). Dort wird auch sehr anschaulich geschildert, wie sich der Duce wirksam zusammen mit „seinen“ Siedlern in Szene setzte, sei es bei den Gründungskundgebungen in den neuen Städten (die markigen Sprüche stehen bis heute an den Stadttürmen) oder bei den Erntearbeiten, oder aber auf dem Traktor, beim Ziehen der heiligen allerersten Ackerfurche um die Stadt Aprilia, wie weiland Remus um Rom.  

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In Sabaudia, einer kleinen, erst 1934 gegründeten Stadt in der Region Latium, 100 km südlich von Rom, sieht man an der Fassade der Ortskirche, der Chiesa dell´Annunziata, ein großes Mosaik; unter dem namensgebenden Verkündigungsengel und neben der ebenso namensgebenden Maria sind nicht nur die Gebäude der Stadt zu sehen, sondern auch zwei männliche Figuren, die mit dem Bündeln und Verladen von Getreidehalmen beschäftigt sind. Die Einbindung weltlicher Motive und Personen in religiöse Gemälde hat eine lange ikonographische Tradition; nicht zuletzt die Stifter und Sponsoren des Werks ließen sich schon immer gern, in natürlich bescheiden verkleinerter Form, vom Künstler mitverewigen. Trotzdem mag die bis heute unangetastete, weithin gut erkennbare Identität gerade dieser beiden Gestalten verwundern: neben dem damaligen Leiter des für die Urbarmachung der Pontinischen Sümpfe (denn in diesen befinden wir uns hier) verantwortlichen Aufbauwerks sehen wir, kahlgeschoren-männlich in weißem T-Shirt, den Duce Benito Mussolini persönlich, als fleißigen Erntehelfer.

Lesenswertes zur Geschichte der Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe


Nun ist diese Darstellung keineswegs bloße Fiktion; es gibt auch Fotographien, die zeigen, wie der italienische Faschistenführer zusammen mit den von der Partei angesiedelten und mit Grundstück, Häuschen und Werkzeug ausgestatteten, ihm treu ergebenen Neu-Farmern der dem Sumpf und der Malaria „abgetrotzten“ Agrarregion arbeitet, Traktor fährt und eine einfache Mahlzeit einnimmt; trotzdem sind diese Bilder, v.a. im Kontext eines treuherzigen Heiligenbildchens, eine ziemlich fiese Propagandalüge. Aber warum reagiert man kaum mit annähernd vergleichbarer Entrüstung, wenn in den aktuellen Zeitungen die Fotos unserer  - anders als Mussolini demokratisch legitimierten (Anm. d. Red.) - Minister und PolitikerInnen von der Flut- und Überschwemmungskatastrophenfront auftauchen, wo sie sich eifrig in die Menschenkette zur Sandsackweitergabe eingereiht haben?

Hochwasser am Terrassenufer in Dresden 2013
Hochwasser am Terrassenufer in Dresden 2013

Fotos sollen Tatkraft beweisen

Die Demonstration forsch-zupackender Volksnähe im Moment des Bedarfs, sei es im akuten Moment der Katastrophe oder beim saisonalen Ritual der Kollektivarbeit, war wohl immer schon ein von Politikern jeglicher Couleur gern gesehenes und gern genutztes Mittel der öffentlichen Selbstdarstellung. Zu vermuten ist, dass hier die seltene Chance ergriffen werden muss, ein leider allzu gängiges Politiker-Vorurteil zu widerlegen; die Bilder sollen uns den (von einer soliden Automobilfirma erprobten) Slogan nahelegen „die tun was“, und uns beweisen, Politiker „sind da, wenn man sie braucht“ - weil damit die gegenteilige Meinung untergraben werden soll, sie täten nie etwas und seien nie da, vor allem nicht, wenn man sie „braucht“. In einer technologisch aufgerüsteten Welt wie der heutigen, wo aufgrund der abnehmenden Handwerklichkeit die Sichtbarkeit dessen, was man „tut“, gegen Null tendiert und wo aufgrund der elektronischen Vernetzung die Relevanz von persönlicher Präsenz ebenfalls zerbröckelt, erwartet man ausgerechnet von Politikern noch gutes altes „Hand-Anlegen“ und „Präsenz-Zeigen“, und sei es für die Dauer des dafür anberaumten Pressetermins. Auch vergleichbare Anwesenheitsrituale wie „Spatenstiche“ und andere Einweihungszeremonien lassen offenbar selten Zweifel aufkommen, ob der Zusammenhang zwischen dem öffentlich Vorgeführten und Gezeigten, also zwischen dem „handelnden Politiker vor Ort“, und dessen realer Mitwirkung bei dem, was nun wirklich geschehen muss (bzw. hätte geschehen sollen, um das aktuelle Desaster zu verhindern) nicht ein völlig beliebiger und völlig anders interpretierbarer ist. Das schweißtreibende Schleppen von Sandsäcken in der Öffentlichkeit gilt wohl als gesellschaftlich wertvoller als jener kleine, in irgendeinem stickigem Hinterzimmer oder Hochhausbüro getane Federstrich, mit dem man Gelder für jene Dämme bewilligt hätte, die jetzt das Sandsackschleppen überflüssig machen würden.

Es ist freilich müßig, hier noch einmal die anhaltende und den Faschismus offenbar lange überlebende Medialisierung und Theatralisierung von Politik anzuprangern; und man wird auch zugestehen müssen, dass solche „Gesten“ aktionistischer Präsenz Vertrauen schaffen und Verpflichtungen erzeugen, die tatsächlich relevante reale Folgen zeitigen können. Wer „sich selbst ein Bild verschafft“ und „mit eigenen Augen gesehen“ hat, mag – auch wenn das so Gesehene reichlich selektiv und kontingent bleibt – mehr und Besseres für die mit der Anwesenheit Beglückten veranlassen als ein ewig ferner Zentral-Organisator in seinem Hauptstadtbüro. Aber es ist nicht nur, dass politisch einschlägig ja eigentlich nur ein „Gesamtbild“ sein kann, das eben mit persönlichen Eindrücken nichts zu tun haben muss; dass immer noch ganz prinzipiell davon ausgegangen wird, dass die reichlich abstrakten Visualisierungs-Faktoren „Präsenz“ und „Handeln“ die Garantie dafür bieten, dass auch das Richtige getan wird, ist eine völlig ungesicherte, zunehmend obsolete Vorannahme. Vielleicht würde es zu weit gehen, dem aktuellen – tendenziell „faschistischen“ – Kult der aktiven Präsenz das vergessene – tendenziell „christliche“ – Ideal des abwesenden Nichts-Tuns entgegenzustellen, so wie es die alte Geschichte vom Verlorenen Sohn erzählt. Als er endlich heimkommt, arm und mittellos, war er „nicht da“ und hat „nichts getan“: und doch hat er sich offenbar „richtig verhalten“ und das generöse Begrüßungsmahl des Vaters sehr viel mehr verdient als sein ständig anwesender, bieder arbeitender Bruder.

Das Tun der vielen realen Helfer bei der aktuellen Flutkatastrophe, deren Präsenz nicht vom medialen Rampenlicht abhängt, wird man nicht genug loben können; all die anderen, die dort nichts verlieren werden, haben dort auch nichts verloren. Für sie sollte die Devise gelten, die auch zur vorlesungsfreien Zeit an der ZU zu passen scheint: jetzt einfach mal „nicht da sein“ und „nichts tun“.


Fotos: florian_1_1_2 (Titel), larsmlehman (Text)

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