Geld und Banken

Eine unheilvolle Liaison?

von Professor Dr. Marcel Tyrell | Zeppelin Universität
27.02.2013
Die Beschränkung auf Geldwertstabilität reicht nicht aus, um mit mächtigen Finanzmärkten, neuen Finanzinstitutionen und neuartigen Finanzprodukten umgehen zu können.

Prof. Dr. Marcel Tyrell
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Marcel Tyrell

    Seit 2009 leitet Prof. Dr. Marcel Tyrell das Buchanan Institut für Unternehmer- und Finanzwissenschaften der Zeppelin Universität. Vorher lehrte er unter anderem an der Universität Frankfurt, der University of Pennsylvania und der European Business School. Schwerpunktmäßig forscht er an Veränderungen von Finanzsystemstrukturen, mikro – und makroökonomischen Auswirkungen von Finanzkrisen und der Verschuldungsdynamik von Volkswirtschaften.

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    AUF - das Magazin der ZU für Zwischenfragen

    Dieser Artikel ist in AUF, dem Magazin für Zwischenfragen der Zeppelin Universität, in Papierversion zu lesen. #04 beschäftigt sich mit "Stabile Fragilität. Fragile Stabilität." und kann online bestellt werden.

    Mehr zu Nominalgeld

    Als Nominalgeld bezeichnet man Geld, dessen Nennbetrag höher ist als der Materialwert/Eigenwert. So liegt der Nennbetrag eines Geldscheins beispielsweise bei zehn Euro, der Materialwert dieses Scheins beträgt jedoch nur wenige Cent. Ist Geld nur noch in Form digitaler Ziffern vorhanden, spiegelt es gar keinen materiellen Wert mehr wider.

    Zwischenfrage an Marcel Tyrell

    Welche konkreten Konsequenzen sollte die Politik ziehen?

    „Sie sollte der EZB explizit das Mandat geben, in ihren geldpolitischen Zielkatalog auch das Ziel ,Makroökonomische Finanzstabilität‘ aufzunehmen, ansonsten jedoch sich die Politik heraushalten. Die EZB sollte dann zudem
    über die Einhaltung dieses Ziels Rechenschaft ablegen müssen.“

    Zwischenfrage an Marcel Tyrell

    Hat die jüngere Entwicklung auf den Finanzmärkten auch Ihr persönliches Verhalten im Umgang mit Banken verändert?

    „Nein, ich bin Stoiker!“

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AUF - das Magazin der ZU für Zwischenfragen


Werfen wir einen Blick zurück. In einer Naturaltauschwirtschaft ohne Geld werden Güter – wenn überhaupt – meist unorganisiert getauscht. In dieser Wirtschaftsform ist die einzelne Person weitgehend auf sich alleine gestellt, denn Informationen über Tauschmöglichkeiten und Tauschverhältnisse zwischen einzelnen Gütern sind schwer zu erhalten und höchst unvollkommen. So kann sich das Tauschverhältnis von Eiern und Brot beispielsweise durch Angebots- und Nachfragebedingungen laufend ändern. Aber selbst ein konstantes Tauschverhältnis Eier-Brot sagt noch nichts über das Tauschverhältnis Eier-Schuhe. Ein erster Schritt, um der Informationsund somit auch der Tauschproblematik entgegenzuwirken, besteht nun darin, ein Gut einzuführen, anhand dessen man allen Tauschverhältnissen einer Volkswirtschaft eine einheitliche Rechengröße zugrunde legt. Somit weiß man beispielsweise immer, wie viele Eier man für ein Stück Brot bekommt. Optimal wäre es natürlich, wenn dieses Gut gleichzeitig auch als Zahlungsmittel fungiert. Dann müsste man sich nicht mehr einen Handelspartner suchen, der einerseits das gewünschte Gut in der gewünschten Menge bereithält und andererseits auch das eigene Gut in der vorhandenen Menge als Gegenleistung akzeptiert. Durch die Einführung eines Gutes, welches als einheitliche Rechengröße für alle Tauschverhältnisse herangezogen werden kann und gleichzeitig selbst als Zahlungsmittel dient, verbessern sich somit die Tauschmöglichkeiten der Individuen enorm. Wirtschaftssubjekte können in der Realwirtschaft ihre durch Spezialisierung gewonnenen Wettbewerbsvorteile nutzen, Skaleneffekte in der Produktion können durch Tausch leichter realisiert werden und der Lebensstandard der Gesellschaften erhöht sich. Kurzum, die Einführung der Geldwirtschaft verspricht eine gewaltige ökonomische Effizienzsteigerung.

Aber welche Eigenschaften sollte dieses Gut besitzen, welches wir gemeinhin als Geld bezeichnen, damit es in einer Ökonomie als Zahlungsmittel akzeptiert wird? Es sollte haltbar, homogen und teilbar sein – sowie nicht beliebig vermehrbar, um größere Schwankungen seiner Kaufkraft zu vermeiden. Denn auch die Wertbeständigkeit ist von zentraler Bedeutung. Geld wird nur verwendet, wenn man mehr Vertrauen in seine Wertbeständigkeit und Qualität hat als in den potenziellen Tauschpartner. Insofern verwundert es nicht, dass in früheren Zeiten Güter wie Salz, Vieh oder Metalle (Gold, Silber …) als Warengeld fungiert haben.

Der Übergang zu Papiergeld (zum Beispiel Banknoten) und stofflosen Geld (Buchgeld) sollte die mit Geld verbundenen Transaktions-, Produktions- und Informationskosten weiter senken. Wirtschaftssubjekte akzeptieren jedoch einen Gegenstand, der keinen oder kaum einen eigenen Wert hat, nur dann als Geld, wenn sie ihm das Vertrauen entgegenbringen, dass er auch in Zukunft seine Funktionen erfüllt. Letztlich wird Nominalgeld gerade deswegen akzeptiert, weil es jeder andere auch tut – es ist eine gesellschaftliche Konvention (Übereinkunft). Um es in den Worten des verstorbenen Nobelpreisträgers James Tobin (1918– 2002) auszudrücken: Geld ist eine gesellschaftliche Institution und ein öffentliches Gut.

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Weil Geld ein öffentliches Gut ist, nimmt man gemeinhin an, dass die Geldschöpfung, also die Schaffung von Geld, Aufgabe des Staates sei. Dies ist, soweit man den Druck von Banknoten und die Schaffung von Münzen betrachtet, auch richtig. Allerdings machen heutzutage die Bargeldbestände, also Münzen und Scheine, nur einen verschwindend geringen Teil der Gesamtmenge des Geldes aus. Hinzu kommt, dass in den Geldschöpfungsprozess nicht nur die jeweilige Notenbank beziehungsweise der Staat involviert sind, sondern auch private Finanzinstitutionen. Außerdem sind gesellschaftliche Konventionen prekär – sie können jederzeit individuell aufgekündigt werden. Wie also entsteht in unserer modernen Gesellschaft Geld und wie wird dessen Stabilität gewährleistet?

Moderne Geldschöpfung

Neben Notenbanken spielen auch private Finanzinstitutionen eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von Geld. Deshalb haben Ökonomen die Unterscheidung in Außengeld („outside money“) und Innengeld („inside money“) vorgenommen. Beides zusammengenommen definiert die Geldmenge, an deren Wachstum Zentralbanken (auch) ihre Geldpolitik ausrichten. Außengeld (beispielsweise Banknoten und Münzen) bezeichnet das Geld, welches die privaten Finanzinstitutionen vom Staat und den Zentralbanken bekommen. Es wird ihnen somit von außen zur Verfügung gestellt. Im Gegensatz dazu ist Innengeld der Teil der Geldmenge, welcher sich aus privater Verschuldung speist. Es bezeichnet die im privaten Kreditsystem geschaffenen Depositen (Sicht- und Termineinlagen von Kreditinstituten). Innengeld ist damit Buchgeld, welches von den privaten Kreditinstituten selbst geschaffen wird.

Hier kommt der Prozess der Geldschöpfung ins Spiel, der im Prinzip wie folgt abläuft: Man stelle sich vor, dass einem Kreditinstitut zusätzliches Geld von der Zentralbank zur Verfügung gestellt wird. Dies könnte beispielsweise dadurch geschehen, dass die Zentralbank dem Kreditinstitut Wertpapiere (zum Beispiel Staatsanleihen) abkauft. Dieses Zentralbankgeld kann vom Kreditinstitut zur Kreditvergabe an Kunden verwendet werden. Kunden der Bank erhalten also einen Kredit in Höhe des zusätzlichen Zentralbankgeldes, welchen diese wiederum beispielsweise zur Ausgabentilgung nutzen. Dadurch fließen Einlagen von der Bank ab, und es kommt zur sogenannten einfachen Geldschöpfung. Das Geld bleibt jedoch dem Bankensystem im Ganzen erhalten, auch wenn es bei jener Bank abgezogen wird, die es zuerst von der Zentralbank erhalten hat. Denn entweder wird es als Bargeld wieder bei einer anderen Bank eingezahlt oder im Rahmen der Ausgabentilgung als Zentralbankguthaben zwischen Banken weitergegeben.

Im letzteren Fall startet ein neuerlicher Geldschöpfungsprozess, denn jetzt entsteht bei einer anderen Bank Innengeld (Depositen), welches wiederum für eine neuerliche Kreditvergabe genutzt werden kann. Im Prinzip könnte die durch den anfänglichen Impuls der Zentralbank in die Wege geleitete multiple Geldschöpfung dazu führen, dass eine unbegrenzte Geldmenge entsteht, es sei denn bei den vielfältigen Transaktionen im Bankensystem bleibt jedes Mal etwas Zentralbankgeld „hängen“. Damit würde dann der nächsten Bank etwas Zentralbankgeld zur Kreditvergabe fehlen. Tatsächlich gibt es auch genau solche Regelungen, die zu einer Begrenzung des Geldschöpfungsprozesses führen. Die Bargeldhaltung der privaten Bankkunden oder die Verpflichtung, einen Teil der Kundeneinlagen auf einem Konto bei der Zentralbank zu hinterlegen, die sogenannte Mindestreservepflicht, begrenzen den Geldschöpfungsprozess. Auch die Eigenmittelanforderungen an Banken bei risikobehafteten Geschäften wirken einschränkend.

Festzuhalten bleibt indes, dass durch den Geldschöpfungsprozess Kredite und Einlagen im Gesamtbankensystem parallel steigen. Als treibende Kraft ist jedoch die Kreditaktivität anzusehen, denn nur durch das Kreditgeschäft mit Nichtbanken bauen Kreditinstitute zusätzliche Aktiva auf, die wiederum in Bankeinlagen münden – und damit Innengeld darstellen. Die umlaufende Geldmenge steigt; aus der Kreditschöpfung resultiert ein zusätzliches Geldangebot.

Geld und Kredit

Es zeigt sich also, dass Geld und Kredit (untrennbar?) durch den Geldschöpfungsprozess miteinander verbunden sind. Davon gingen auch die sogenannten Monetaristen um Milton Friedman aus. Ihre These war, dass Schwankungen des Geldangebots für Schwankungen in der Realwirtschaft mitverantwortlich sind. Ihr Ansatz zur Stabilisierung realwirtschaftlicher Aktivität und der Beschäftigung war demnach, die Schwankungen des Geldangebots weitestgehend zu eliminieren. Notenbanken beeinflussen den Monetaristen zufolge durch das von ihnen ausgegebene Zentralbankgeld bei stabilen Verhältnissen die gesamte Geldmenge (Innen- und Außengeld). Dadurch wären Notenbanken in der Lage, sämtliche anderen Einflüsse auf den Wirtschaftsablauf zu dominieren. Die Kernaufgabe der Geldpolitik bestand für sie darin, die Geldwertstabilität über die Geldmengensteuerung zu sichern. Inflationsbekämpfung sollte somit das vorrangige Ziel von Notenbanken sein.

Interessanterweise erfährt diese Sichtweise Unterstützung durch finanzhistorische Analysen, wenn auch nur in einer bestimmten Epoche. Schularick und Taylor (2011) konnten in einer Untersuchung, die gerade in der führenden Fachzeitschrift American Economic Review veröffentlicht wurde, auf der Grundlage von Daten aus 14 Industrienationen nachweisen, dass in der Zeit von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg der Zusammenhang von Geldmenge, Kreditvolumen und wirtschaftlicher Aktivität sehr eng war. Beide Größen, Geld und Kredit, schwankten zwar erheblich, aber ihre Beziehung zueinander und zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt als Indikator für die realwirtschaftliche Aktivität war stabil. Insofern kann man diese Epoche getrost als Zeitalter des Geldes bezeichnen.

Dieser enge Zusammenhang brach jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Kredite wuchsen sehr viel schneller als die Bankeinlagen – somit haben sich Kreditvolumen und Geldmenge voneinander abgekoppelt. Das bedeutet, Banken beschritten nun andere Wege der Geldschöpfung als die Kreditvergabe. Sie konnten beispielsweise neues Geld durch die Ausgabe eigener Wertpapiere (zum Beispiel kurzfristige Wertpapiere an Geldmarktfonds) schöpfen. Diesen Weg haben nicht nur Investmentbanken und sonstige Institute des „Schattenbanksektors“ beschritten, sondern vermehrt auch Geschäftsbanken, um dem Wettbewerbsdruck seitens der Schattenbanken zu begegnen. Als Folge daraus hat sich die Verschuldungsbereitschaft des gesamten Finanzsektors nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit 1990 extrem erhöht. Finanzierungsstrukturen wurden fragiler, die Gefahr von Finanzkrisen stieg. So konnte in einer Vielzahl von Untersuchungen gezeigt werden, dass ein starkes Wachstum von Krediten den meisten Finanzkrisen vorausging; wobei allerdings im Umkehrschluss nicht zwangsläufig auf deren Wachstum eine Finanzkrise folgte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Deregulierung der Finanzmärkte, die Schaffung neuer Finanzprodukte und neuartiger Finanzinstitutionen sowie die zunehmende Bereitschaft von Zentralbanken, als „Kreditgeber der letzten Instanz“ zu fungieren, dieses „gefährliche“ Kreditwachstum erst ermöglicht und die Rolle des Kredits für die Gesamtwirtschaft vergrößert haben. Insoweit befinden wir uns jetzt im Zeitalter der Kredite.

Zwischenfrage an Marcel Tyrell


Und die Notenbanken und Aufsichtsbehörden sollten deren Entwicklung in Zukunft genauer analysieren, als sie es in der Vergangenheit getan haben. Dies bedeutet jedoch, dass die Geldpolitik nun auch die Aufgabe haben sollte, die Risikoneigung des Finanzsektors zu beeinflussen. Eine größere Risikoneigung liefert den Vorschub für spekulative Blasen auf Vermögensmärkten wie beispielsweise dem Immobilienmarkt. Durch die Analyse von Geld- und Kreditmengen kann eine Notenbank erkennen, ob die Voraussetzungen für die Bildung von spekulativen Blasen erfüllt sind. Dadurch lassen sich frühzeitig Hinweise darauf gewinnen, ob bestimmte Entwicklungen zu einer Gefahr für die Finanzstabilität werden können.

Letztlich bedeutet dies, dass Notenbanken in Zukunft nicht nur die Geldwertstabilität im Auge haben sollten, sondern auch die Finanzstabilität. Das ist die Forderung einer immer größer werdenden Gruppe von prominenten Ökonomen. Die Beschränkung auf Geldwertstabilität reicht nicht aus, um mit mächtigen Finanzmärkten, neuen Finanzinstitutionen und neuartigen Finanzprodukten umgehen zu können.

Zwischenfrage an Marcel Tyrell


Zukünftige Entwicklungen im Finanzsektor sind jedoch heute weder überschaubar noch besteht die Möglichkeit, diese im Vorfeld zu sanktionieren. Deshalb sollten Notenbanken auf Indikatoren reagieren dürfen, die auf ein wachsendes Bedrohungspotenzial für die Stabilität des Finanzsystems hindeuten. Ein übernatürlich schnelles Wachstum von Geld- und Kreditmengen und bestimmte strukturelle Veränderungen bei der Kreditvergabe sind hierbei nach heutigem Erkenntnisstand die entscheidenden Faktoren.

Ausblick

Um jedoch einen solchen „Boom and Bust“-Zyklus unterbrechen zu können, muss die Notenbank rechtzeitig handeln. Aus bestimmten strukturellen Veränderungen in der Geld- und Kreditvergabe des Finanzsektors müssen sich einfache Regeln für geldpolitische Maßnahmen ableiten lassen. Diese zu finden, ist eine zentrale Herausforderung an Wissenschaft und geldpolitische Praktiker. Nur, wenn sie gefunden werden, können sich Notenbanker der zuweilen „tödlichen“ Umarmung seitens der Politik und der Banken erwehren; sonst werden diese im Ernstfall immer fordern können, dass die Notenbanken das Bankensystem ohne Rücksicht auf die eigene Glaubwürdigkeit retten müssen. Ein Beharren auf Regeln aus der guten alten Zeit, als sich Zentralbanken allein um die Geldwertstabilität kümmern mussten, wird Notenbanken jedoch zwangsläufig in die politische Abhängigkeit führen – denn damit werden sie ökonomisch angreifbar, und dies zu Recht. Die Geldpolitik von morgen muss auch auf die makroökonomische Finanzstabilität ausgerichtet sein, damit die eigentlich sinnvolle Liaison von Geld und Banken nicht unheilvoll endet.


Erschienen in der 2. Ausgabe des AUF-Magazins zum Thema „Positive Distanz"


Bild: 401(K) 2013 / flickr.com

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