Berlin Valley vs. Silicon Valley

Stadt der Gegensätze

In San Francisco, im Silicon Valley und an der Ostküste spielt die Start-up-Musik am lautesten. Wenn man es dann noch schafft, seine gebotene Chance im großen amerikanischen Markt zu nutzen, dann kommt oft der Erfolg.

Jonas Eichler
Studierender eMA DIP | Executive Master of Arts in Digital Pioneering
 
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    Zur Person
    Jonas Eichler

    Jonas Eichler, geboren 1990 in Tübingen, studiert seit 2015 im Executive Master of Digital Pioneering | eMA DIP an der Zeppelin Universität. Sein Bachelorstudium absolvierte Eichler an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg im Studiengang International Business Administration – unterstützt von seinem Praxispartner,  der Robert Bosch GmbH. Dort stieg er 2014 nach erfolgreichem Studienende als Controller ein und startete mit Unternehmensunterstützung in sein zweijähriges Masterprogramm am Bodensee. 

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Ein Flug, Begegnungen und das Silicon Valley. Am Ende steht ein Kulturerlebnis, zusammengefasst in der Geschichte eines Franzosen Namens Vincent.


Venture Capital: rund vier Milliarden zu über 30 Milliarden. Eher tech-orientierte Investoren zu allgemeiner Konsumgüterindustrie. Uber mit rund 51 Milliarden Dollar bewertet, Xiaomi rund 46 Milliarden Dollar, Airbnb rund 25 Milliarden Dollar, Palantir rund 20 Milliarden Dollar und Snapchat rund 16 Milliarden Dollar.


Wir starten in den Nachthimmel, die Turbinen des Airbus rauschen unter Volllast. Das Silicon Valley verschwindet allmählich in der Dunkelheit. „Finance“ ist mein Job, Zahlen und Analysen sind mein tägliches Brot und dennoch wollen sie für den Vergleich der Start-up-Welten San Franciscos und Deutschlands nicht das von mir gewonnene Gefühl wiedergeben. Mein Sitznachbar wendet sich mir zu, ich verwerfe all meine Gedanken an Daten, Fakten und wissenschaftlichen Artikeln. Sein Name ist John. Über den Abgasskandal – er war einst enthusiastischer Fan seines VW Jetta Diesel –, Reisen und besuchte Länder kommen wir auf das Thema kulturelle Unterschiede und die Lebensgeschichte von Nitin. Sie kennen sich seit vielen Jahren und John beginnt zu erzählen. Nitin wurde in den 60er-Jahren in Indien geboren. Seit der Schulzeit wollte er in Harvard studieren. Nach Abschluss seines Bachelorstudiums zieht es ihn nach Amerika um seinen Traum zu verwirklichen. Er wird abgelehnt. Über Umwege am Massachusetts Institute of Technology klappte es nach Jahren doch. Nitin Nohria ist heute der zehnte Dekan der Harvard Business School. In diesem Moment erkenne ich: Wenn wir von einem Kulturvergleich sprechen, geht es um das Gefühl und die Leute, denen es innewohnt. Ein Kulturvergleich lässt sich nicht mit Fakten und Zahlen darstellen, deshalb erzähle ich Vincents Geschichte.

6,7 Millionen Menschen, Top 15 der größten US-Märkte. Pulsierend, multikulturell, Wiege der modernen Gründerkultur: San Francisco und seine Bay Area gelten als Mekka für Erfinder, Start-up-Gründer, Visionäre. Einen passenderen Ort für eine Exkursion im berufsbegleitenden Masterstudiengang in Digital Pioneering kann es kaum geben. Im Silicon Valley, rund 70 Kilometer von der Metropole entfernt, liegen Technikgiganten wie Apple, Google oder Facebook in unmittelbarer Nähe zueinander. Marktwert in Billionenhöhe auf engstem Raum. In jeder Hinsicht ist die Region ein Ort der Superlative: Allein der Internetgigant Google verbraucht mit 5.7 Terawattstunden jährlich für den Betrieb seiner Server so viel Energie wie ganz San Francisco.
6,7 Millionen Menschen, Top 15 der größten US-Märkte. Pulsierend, multikulturell, Wiege der modernen Gründerkultur: San Francisco und seine Bay Area gelten als Mekka für Erfinder, Start-up-Gründer, Visionäre. Einen passenderen Ort für eine Exkursion im berufsbegleitenden Masterstudiengang in Digital Pioneering kann es kaum geben. Im Silicon Valley, rund 70 Kilometer von der Metropole entfernt, liegen Technikgiganten wie Apple, Google oder Facebook in unmittelbarer Nähe zueinander. Marktwert in Billionenhöhe auf engstem Raum. In jeder Hinsicht ist die Region ein Ort der Superlative: Allein der Internetgigant Google verbraucht mit 5.7 Terawattstunden jährlich für den Betrieb seiner Server so viel Energie wie ganz San Francisco.

Das Verhältnis zwischen Vincent und seinen Eltern gestaltet sich mit der Zeit immer schwieriger. Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die in einer nach der anderen Eskalation enden. Das gemeinsame Weltbild ist getrübt. Vincent lebt in Frankreich, in einem Vorort von Paris, und ist Sohn einer durch Fleiß und konservative Werte geprägten Familie der Mittelklasse. Eines Abends eröffnet Vincent seinen Eltern die Beziehung zu seinem Freund Alex. Sein Partner. Erstarrte Gesichter seiner Eltern, ein in Scherben liegendes Weltbild und Vincent auf seinem Koffer sitzend in der Kälte, so endet die Zeit im behüteten Heim. Der Bruch mit seiner Familie zwingt ihn auf eigenen Beinen zu stehen. Nebenjobs und hier und da Programmierarbeiten halten ihn über Wasser. Mit einem seiner engsten Freunde gründet er eine Internetplattform, um sich mit Online Gaming-Mitstreitern zu vernetzen. Ursprünglich aus reinem Pragmatismus gegründet, ruft die Seite eines der größten Kommunikationsunternehmen Frankreichs auf den Plan, das Kaufinteresse zeigt. Vincent verkauft seine Plattform vollkommen überrascht, wie er später weiß: deutlich unter Wert. Aber 20.000 Euro waren einfach viel Geld. Vincent studiert, arbeitet für den damaligen französischen Präsidenten und geht seinen Weg.

Vincents Geschichte

Während der Arbeit für ein weiteres Großunternehmen quält er sich durch eine Sisyphusarbeit der Vertragserstellung. Er erkennt eine Marktlücke und hat eine Idee. Sein Geschäftsmodell ist geboren. Großunternehmen, der Mittelstand und auch Selbstständige sind verloren in einem E-Mail-Wirrwarr von Versionen von Verträgen, wenn Unternehmen ein Geschäft abschließen. Verträge gehen verloren, werden nicht abgelegt, Versionen werden vermischt und alle Beteiligten verlieren Zeit und Geld. Vincent nutzt staatliche Hilfen zur Förderung von Start-ups, gründet ein kleines Team und verbucht bei selbst großen Playern der Industrie schnelle Erfolge. Nach endloser Arbeit zur Erfüllung von Standards und Vertragsinhalten werden Bosch und Siemens Kunden. Viele weitere folgen, das Geschäftsmodell hat den Charakter eines Schneeballsystems. Dennoch stellt Vincent für sich fest: Der von der Politik hochgepriesene europäische Markt entpuppt sich als Marktlandschaft mit unzähligen unterschiedlichen Vorgaben und Eigenheiten. Was nun?

Nicht nur Gründerluft schnuppern, sondern Start-ups und erfolgreiche Internetgiganten auch hautnah erleben, das konnten die ZU-Studierenden im Rahmen ihres „Silicon Valley Immersion Program“. Im August lernten sie bei Firmenbesuchen und Workshops ganz unterschiedliche Unternehmensideen und Geschäftsmodelle live vor Ort kennen, schauten bei Concord und LinkedIn vorbei oder diskutierten aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen mit bekannten Professoren der School of Management der University of San Francisco. Mit ihrem europaweit einzigartigen berufsbegleitenden universitären Masterstudium für Geschäftsmodell-Innovationen in digitalen Geschäftsfeldern richtet sich die ZU so nicht nur an IT-Spezialisten oder Informatiker, sondern spricht auch Strategen, Unternehmensentwickler, Vordenker in Journalismus und Handel oder Gründer an. Denn wenn die Exkursion nach San Francisco eines gezeigt hat, dann das: Digitalisierung ist überall!
Nicht nur Gründerluft schnuppern, sondern Start-ups und erfolgreiche Internetgiganten auch hautnah erleben, das konnten die ZU-Studierenden im Rahmen ihres „Silicon Valley Immersion Program“. Im August lernten sie bei Firmenbesuchen und Workshops ganz unterschiedliche Unternehmensideen und Geschäftsmodelle live vor Ort kennen, schauten bei Concord und LinkedIn vorbei oder diskutierten aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen mit bekannten Professoren der School of Management der University of San Francisco. Mit ihrem europaweit einzigartigen berufsbegleitenden universitären Masterstudium für Geschäftsmodell-Innovationen in digitalen Geschäftsfeldern richtet sich die ZU so nicht nur an IT-Spezialisten oder Informatiker, sondern spricht auch Strategen, Unternehmensentwickler, Vordenker in Journalismus und Handel oder Gründer an. Denn wenn die Exkursion nach San Francisco eines gezeigt hat, dann das: Digitalisierung ist überall!

Vincent erkennt: Für sein Unternehmen ist es essentiell – auf Basis einer Sprache, einer gesetzlichen Grundlage und einem Markt – den Grundstein für Wachstum zu legen. Dann kann es klappen mit seinem Traum. Schwere Entscheidungen stehen an. Sein aufgebautes Team wird neu geordnet, und Vincent geht den großen Schritt. Sein Unternehmen zieht nach San Francisco. Die wichtigsten Player versucht er zu halten, viel Kapital muss schnell zur Verfügung stehen, denn das Leben ist teuer in der romantisierten Business-Welt des Valleys. Es läuft gut. Ein Wettbewerb nach dem anderen gewinnt sein Business Model, Investoren werden aufmerksam und die Finanzierungsrunden überbieten sich in ihren Ergebnissen.

Go big or go home!

Eines Abends, erschöpft, doch beflügelt durch ein weiteres Millionen-Investment, verlässt Vincent sein Office in Down Town San Francisco und beschließt, die Metro zu nehmen. Normalerweise nimmt er das Rad, er lebt das einfache Leben und besitzt kein Auto, doch er ist schlichtweg zu müde. Das Fahrrad auf der Schulter, die Treppe hinab und schon läuft er zügig durch die Powell Station und hält inne. Am Rande des Gangs zum Eingang des Metrobereiches reihen sie sich auf, dicht an dicht, alle verloren in ihrer Situation. Aus Paris war Vincent es gewohnt, den einen oder anderen Obdachlosen zu sehen, doch die mehr als 25 gestrandeten Seelen um ihn herum, die hat er die letzten Monate im Rausch der Start-up- Welt einfach übersehen. Noch in Frankreich beklagte einer Vincents bester Freunde Tom unentwegt, es würde sich in sozialorientierten Ländern wie Frankreich oder Deutschland schlicht nicht lohnen, sich im Berufsleben anzustrengen. Am Ende des Monats würde es sich einfach nicht auszahlen. Es zog auch ihn in die USA und er hatte Erfolg. Zurück in der Powell Station fragt sich Vincent, ob dies wohl der Preis für die Freiheit und das Erfolgspotential sei. Wenn du es schaffst, dann schaffst du es richtig in Amerika. Doch wenn du erst einmal durchs Raster gefallen bist, gibt es kein soziales Netz. Schaut man auf die erfolgreichsten Start-ups, die oben zu Beginn aufgezählten größten Exits oder lediglich die größten Investments in Start-ups, ist man laut der renommiertesten Studien in Amerika meist richtig. In San Francisco, im Silicon Valley und an der Ostküste spielt die Start-up-Musik am lautesten. Wenn man es dann noch schafft, seine gebotene Chance im großen amerikanischen Markt zu nutzen, dann kommt oft der Erfolg.

25 Dollar für eine Packung Spinat, 27 Dollar für ein großes Stück Butter. Mit diesen Wucherpreisen schockte ein Supermarkt in San Francisco seine Kunden, um auf ein ernsthaftes Problem der Bay Area aufmerksam zu machen. Indem die regulären Preise um das Fünffache erhöht wurden, wollte die Non-Profit-Organisation „Tipping Point“ zeigen, wie sich einkommensschwache Menschen in einer Stadt fühlen, die immer teurer wird. Denn die Internetriesen aus dem Silicon Valley haben zwar für enormen Wohlstand gesorgt, doch wer nicht mitprofitiert, der rutscht ans untere Ende der Gesellschaft. 40 Millionen Amerikaner leben in Armut – weit mehr als 6.000 Obdachlose leben alleine in San Francisco. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. „San Francisco wird eine Stadt, in der sich nur noch Reiche vergnügen, wenn sie abends von ihren Tech-Jobs zurückkehren", warnt Erin McElroy, Aktivistin in der aufrüttelnden „Heart of the City"-Bewegung. Bis 2022 will die Stadt zumindest die Obdachlosigkeit von Familien beenden – es könnte ein aussichtsloses Unterfangen werden, in einer Region, in der ein winziges Zimmer mehr als 3.000 Dollar Miete kostet.
25 Dollar für eine Packung Spinat, 27 Dollar für ein großes Stück Butter. Mit diesen Wucherpreisen schockte ein Supermarkt in San Francisco seine Kunden, um auf ein ernsthaftes Problem der Bay Area aufmerksam zu machen. Indem die regulären Preise um das Fünffache erhöht wurden, wollte die Non-Profit-Organisation „Tipping Point“ zeigen, wie sich einkommensschwache Menschen in einer Stadt fühlen, die immer teurer wird. Denn die Internetriesen aus dem Silicon Valley haben zwar für enormen Wohlstand gesorgt, doch wer nicht mitprofitiert, der rutscht ans untere Ende der Gesellschaft. 40 Millionen Amerikaner leben in Armut – weit mehr als 6.000 Obdachlose leben alleine in San Francisco. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. „San Francisco wird eine Stadt, in der sich nur noch Reiche vergnügen, wenn sie abends von ihren Tech-Jobs zurückkehren", warnt Erin McElroy, Aktivistin in der aufrüttelnden „Heart of the City"-Bewegung. Bis 2022 will die Stadt zumindest die Obdachlosigkeit von Familien beenden – es könnte ein aussichtsloses Unterfangen werden, in einer Region, in der ein winziges Zimmer mehr als 3.000 Dollar Miete kostet.

Im harten Kontrast dazu steht die in San Francisco allgegenwärtige Obdachlosigkeit. Sie ist auf ihrem Höhepunkt seit der Rezession 1929. Keiner weiß genau, wie viele es sind. Schätzungen zufolge ist New York die Nummer eins. Notunterkünfte zählen rund 60.000 Obdachlose. San Francisco ist die Nummer zwei. Über 100.000 Obdachlose sind es in ganz Kalifornien. Ist man einmal durch Krankheit, Schicksalsschlag oder einen anderen Grund in die Obdachlosigkeit gefallen, sind Menschenrechte nahezu verloren und das Gefühl, von der Polizei verfolgt zu werden, ein ständiger Begleiter. Am Ende des Tages haben beide Kulturen und Systeme ihre Vorzüge und eben auch ihre Schattenseiten. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche er für sich wählt.


Vincents Geschichte als solche ist fiktiv, doch jeder Teil entstammt eine meiner Erfahrungen und Begegnungen oder ist ein Teil einer Studie aus dem Silicon Valley – und in Summe mein bester Beitrag, einen Kulturvergleich in einem Gefühl auszudrücken. Soziales Unternehmertum ist auf dem Vormarsch und das gibt mir – in Gedanken an San Francisco – ein gutes Gefühl.

Titelbild: 

| Unsplash / pexels.com (CC0 Public Domain)


Bilder im Text: 

| Zeppelin Universität / eMA DIP (Maximilian Pollack)

| Zeppelin Universität / eMA DIP (Maximilian Pollack)

| Randy Jacob / unsplash.com (CC0 Public Domain


Beitrag (redaktionell unverändert): Jonas Eichler

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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