Popmusik & Krisenkommunikation

„Musik ist (k)eine Lösung!“

In der Krise ist das Lied freilich weit mehr als nur Erinnerungsarbeit. Es ist bisweilen Urteil, Alarmruf, Imperativ und Wutausbruch, Responsibilisierung, aber auch Projektion von Zielentwürfen und dystopischen Endzeit-Szenarien. Verstrickt in Kommerz und Gewinnerzielungsabsicht ist es immer auch Unterhaltung.

Dr. Thorsten Philipp
Dozent und Studiengangsmanager ZU Executive Education
 
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    Zur Person
    Dr. Thorsten Philipp

    Thorsten Philipp studierte Kunstgeschichte, Romanische Philologie und Politische Wissenschaften an den Universitäten München, Wien, Brescia und Aix-en-Provence. Im Anschluss an seine Promotion am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München war er als Politikberater mit Schwerpunkt Umwelt und Entwicklung in Brüssel tätig. An der Zeppelin Universität leitet Thorsten Philipp als Programmmanager die Studiengänge Digital Pioneering und Business & Leadership for Engineers. Er lehrt Entwicklungs- und Umweltpolitik, Nachhaltigkeitstheorien sowie Asyl- und Wanderungspolitik an mehreren Hochschulen, darunter an der Universität Freiburg.  

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"Musik ist keine Lösung" schrieb der Sänger Lukas Strobel alias Alligatoah 2015 in einer Mischung aus Ironie und Selbstbegrenzung über sein viertes Album. Obwohl die Kompilation in augenscheinlich kritischen Titeln wie "Denk an die Kinder" und "Lass liegen" an gesellschaftlichen Dissensthemen wie Generationengerechtigkeit, Spendenmarkt, Konsum und Obsoleszenz Anschluss nahm, schimmerte die Skepsis vor der Wirksamkeit "kritischer Texte", vor "Weltverbesserer-Blues" und Liedern "gegen die gemeine Welt" als Leitmotiv durch das Album.


Der Begründer der modernen Musiksoziologie, Theodor W. Adorno, hätte solcher Skepsis unumwunden zugestimmt, war es doch aus seiner Sicht "unmöglich, einen Zustand, der in den realen ökonomischen Bedingungen gründet, durch ästhetischen Gemeinschaftswillen zu beseitigen." Adornos vielzitierte Kritik des Musikanten aus dem Jahr 1956 war eine kompromisslose Absage an das politische Singen, an die Singbewegung und letztlich an alle Arten populärer Musik. Sie verlief nicht nur diametral zu den musikpädagogischen Ansätzen der Moderne, sie begünstigte auch die wissenschaftliche Vernachlässigung eines kulturellen und politischen Phänomens: Als Instrument der Mobilisierung, als Katalysator von Veränderung und als künstlerische Antwort auf soziale Konflikte hat das populäre Lied spätestens seit den 1960er-Jahren immer wieder eine Schlüsselrolle in der Thematisierung und Verarbeitung gesellschaftlicher Krisen eingenommen und zugleich politische Wirksamkeit entfaltet.

Nicht erst seit Alligatoah stellt Popmusik eine ästhetische Praxis bereit, um die Kommunikation gesellschaftlicher Wahrnehmungen und Imperative zu popularisieren und in gesellschaftliche Schichten zu tragen, die für die institutionellen Kanäle politischer Kommunikation kaum zugänglich sind. Musik, Lied und Text liefern in vielschichtiger Weise Antworten auf Verschiebungen im gesellschaftlichen Machtgefüge, auf Risiko-, Gefahren- und Niedergangsempfindungen. Sie sind zugleich Ausdruck der vorherrschenden Fragen und Orientierungswerte, aus denen sich die Beurteilung der Gegenwartslage und ihrer Krisensymptome speist: Wer trägt Verantwortung? Wer hilft? Wie hoch ist das Risiko des Scheiterns? Wohin flüchten?


Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt einer Workshop-Veranstaltung, die am 2. und 3. Februar auf dem SeeCampus der Zeppelin Universität (ZU) stattfand und das populäre Lied als Zeitdokument gesellschaftlicher Konflikterfahrungen, als Träger politischer Botschaften und als Vehikel der Krisenkommunikation diskutierte: Das Coach*Lab am Kreuzpunkt kulturwissenschaftlicher, ökonomischer und soziologischer Perspektiven war der Versuch, das an der ZU eingespielte Format namens "Wissenschaftscoaching" durch einen gemeinschaftlichen Workshop zu ergänzen, in dem Studierende ein dominantes gesellschaftliches Phänomen - und diesmal: den Popsong - nicht nur beschreiben und kontextualisieren, sondern vor allem in den methodischen Herausforderungen ergründen, die mit der wissenschaftlichen Analyse verbunden sind.

Von Fahrstuhlmusik bis zu Kampfliedern

Dass sich Popmusik als Vehikel gesellschaftlicher Krisenkommunikation eignet, erscheint zunächst als logische Schlussfolgerung aus der allgemeinen Beobachtung, dass Musik unentwegt gesellschaftliche Funktionen erfüllt: An öffentlichen Plätzen wie Bahnhöfen oder U-Bahn-Stationen ertönt funktional arrangierte Musik, um aggressionsbereite oder drogenabhängige Menschen vom Aufenthalt abzuhalten. Am Arbeitsplatz kann Musik dazu dienen, körperliche Arbeitsleistung zu fördern oder Gruppenarbeiten zu koordinieren. Und im Warenhaus oder Supermarkt kann Musik - insbesondere unter Bedingungen des Nicht-Wissens und der Unsicherheit in der Produktwahl - gezielt eingesetzt werden, um Konsumverhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken.


Wie sehr darüber hinaus Liedmusik und politische Kommunikation im Wechselverhältnis stehen, zeigt sich nicht nur an Nationalhymnen oder Kampfliedern gesellschaftlicher Gruppen, etwa dem Liederfundus der Arbeiterbewegung im "Das vorwärts Liederbuch". Weit eindrucksvoller noch, aber eben auch weit problematischer und von daher auch Anlass für Adornos Skepsis gegenüber der Singbewegung war die Möglichkeit der Instrumentalisierung des Liedes durch autoritäre Regime: im Nationalsozialismus etwa war das Anstimmen von Volksliedern weit weniger ein ästhetischer als vielmehr politischer Akt. Doch neben diesen evidenten Formen des Politikbezugs reicht die Kette sehr viel weiter: Da das Gesellschaftliche jeder kulturellen Produktion vorgelagert ist, trägt letztlich jede Liedproduktion zwangsläufig eine politische Dimension in sich.

Worin aber liegen die Strategien und Potentiale des Popsongs in der

Krisenkommunikation? In vielen Fällen, so zeigte das Coach*Lab eingängig, erweist sich Liedproduktion als Erinnerungsarbeit. Das politische Vermögen des Popsongs in der Krisenkommunikation verdankt sich dem spannungsvollen Zusammenhang von Musik und Zeit: Werk und Interpretation liegen zeitlich auseinander, und doch aktualisiert jede Liedaufführung und -rezeption vorausgegangene musikalische Produktionen und Traditionen. Im Song erklingt niemals nur ein einziges Liedwerk, sondern eine ganze Kette musikalischer und textueller Referenzräume, die gleichermaßen wachgerufen und weitergeführt werden. Liedproduktion ist gedächtnishaft organisiert.


Erinnerungsarbeit ist der Popsong aber auch insofern, als er in unzähligen Fällen ein Element in sozialen Gedächtnissen bildet. Der einprägsame Chartbreaker "Where is the Love" der kalifornischen Band "The Black Eyed Peas", der 2003 unter dem Eindruck der Septemberanschläge, des "War on Terror" und des Zweiten Irakkriegs entstand, zeigt beispielhaft, dass das Lied Krisenerfahrungen und -emotionen der Vergangenheit zur Verfügung stellen kann, die ohne die musikalische Brücke oftmals verblasst wären. In eine ähnliche Richtung deutet auch die wenige Jahre zuvor entstandene Single "Leg Dein Ohr auf die Schienen der Geschichte" der Stuttgarter Formation "Freundeskreis" von 1997, die in fließendem Groove und poetischer Spracharbeit auf die Dimensionen der individuellen und sozialen Geschichtlichkeit eingeht: die eigene Lebenserzählung, die Biographien Verstorbener, die Parallelität von Ereignissen usw. Das Lied kann also helfen, gesellschaftliche Lernprozesse zu reaktualisieren und nachrückenden Generationen bereitzuhalten - es erfüllt also damit eine der ersten Postulate der Nachhaltigkeitskommunikation.

Urteil, Alarmruf, Imperativ und Wutausbruch

In der Krise ist das Lied freilich weit mehr als nur Erinnerungsarbeit. Es ist bisweilen Urteil, Alarmruf, Imperativ und Wutausbruch, Responsibilisierung, aber auch Projektion von Zielentwürfen und dystopischen Endzeit-Szenarien. Verstrickt in Kommerz und Gewinnerzielungsabsicht ist es immer auch Unterhaltung: Madonnas Welterfolg "4 Minutes" von 2008 unterlag nach Aussagen der Künstlerin eben nicht nur der Sorge um die globale Umweltzerstörung und der damit verbundenen Dringlichkeit des Handelns, sondern auch der Idee, Spaß zu haben und eine gute Zeit zu verbringen. Indem es Unterhaltung liefert und Gesellschaftsbilder unentwegt neu definiert, ist es mitunter ein Instrument der Selbstvergewisserung von Protestgruppen, aber fast immer ein empirischer, spannungs- und in sich widerspruchsvoller Spiegel der Wertediskussion, die das gesellschaftliche Ringen um Herrschaft, Hierarchie, Abhängigkeit, Ausschluss und Kontrolle unentwegt auslöst. Nicht nur aus politikwissenschaftlicher Sicht wäre es - Adornos Bedenken zum Trotz - höchste Zeit für eine umfassende Analyse der Narrationen, die der Popsong als Medium der Krisenkommunikation bereithält.
 

Titelbild:

| Trailerpark / Pressefoto (http://alligatoah.de/)


Bilder im Text:

| Markus Hillgärtner / http://www.markushillgaertner.de (CC BY-SA 3.0) | Link

| Martin Kraft / Eigenes Werk (CC BY-SA 3.0) | Link

| Bildergalerie: Constantin Ehret / Zeppelin Universität


Beitrag (redaktionell unverändert): Dr. Thorsten Philipp

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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