Zum Ende der Olympischen Spiele 2018

Was Wettbewerb wert ist

Jeder Wettbewerb gaukelt Chancengleichheit vor und kultiviert den Mythos vom Besten, der gewinnen möge.

Dr. Joachim Landkammer
Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis
 
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    Zur Person
    Dr. Joachim Landkammer

    Dr. Joachim Landkammer wurde 1962 geboren und studierte in Genua und Turin. Nach seinem dortigen Philosophiestudium, abgeschlossen mit einer Arbeit über
    den frühen Georg Simmel und einer ebenfalls in Italien durchgeführten Promotion über den Historikerstreit, hat Joachim Landkammer als Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. W. Ch. Zimmerli an den Universitäten Bamberg, Marburg und Witten/Herdecke gearbeitet. Seit 2004 ist er Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zeppelin Universität und Verantwortlicher des ZU-artsprogram für den Bereich Musik.

    Joachim Landkammer arbeitet neben seiner Lehrtätigkeit und einer gewissen journalistischen Textproduktion an verschiedenen interdisziplinären Themen in
    den Anwendungs- und Grenzbereichen der Philosophie, der Ästhetik und der Kulturtheorie. Ein dezidiertes Interesse gilt dem Dilettantismus und der Kunst- und Musikkritik.  

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Drei Wochen lang wurde er wieder von vielen Sportinteressierten heruntergebetet, der alltägliche Wintermärchen-Zauberspruch: „Medaillenspieglein an der Wand / Sag mir heut: wo steht mein Land?“ – als ob sportliche Leistungen per se etwas mit der (im opportunen Bedarfsfall ja ganz schnell zu „regelnden“) nationalen Zugehörigkeit zu tun hätten. Nein, für die einzig wirklich bemerkenswerte Einsicht aus den Olympischen Winterspielen im fernen Pyeongchang hat jetzt glücklicherweise eine 33-jährige Amerikanerin gesorgt: Elizabeth Marian „Liz“ Swaney hat als „Freestyle“-Skifahrerin (nie hatte diese Bezeichnung mehr Sinn) am sogenannten Halfpipe-Wettbewerb teilgenommen, und zwar als das, was man gehässig eher eine „volle Pfeife“ nennen würde: als absolute Dilettantin.


Dort, wo andere mit halsbrecherischen, lebensgefährlichen Sprüngen prahlen, wie es ja der eigentlich verlangte „Sinn“ dieser Disziplin ist, fährt sie vorsichtig ein paarmal hin- und her, so wie jeder Fast-Anfänger das auf stark abschüssigem Gelände eben tun würde, und kommt, immerhin ohne zu stürzen, unten an. Natürlich „landet“ sie (wenn man das dann überhaupt sagen kann…) auf dem letzten Platz, freut sich aber umso mehr über ihr pures Dabei-Gewesensein. Denn das und nur das war immer schon von ihr geplant, und dass sie dieses Ziel mit ein paar starttechnischen Tricks in der Olympia-„Qualifikation“ erreicht hat, stellt eine 100%-Erfüllung der selbstgesetzten olympischen Soll-Leistung dar, von der 99 Prozent der anderen jahrelang so peinlich verbissen trainierenden Athletinnen und Athleten nur träumen können.

Hier runterfahren und dabei noch irgendwelche Luftsprünge riskieren? Ich bin doch nicht blöd – sagte sich völlig zu Recht die für Ungarn startende Elizabeth Swaney, rutschte beim ersten Qualifikationslauf langsam aus dem Starthäuschen und fuhr gemütlich im Zickzack nach unten, wo sie unfallfrei ins Ziel kam. Aber immerhin, sie war bei Olympia: Wie schafft man das, bei diesen Voraussetzungen? Indem man die Lücken des Systems durchschaut. Im teilnehmerarmen Freestyle braucht es konstante Weltcup-Platzierungen in den Top 30. Also reiste Swaney mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne 13 Mal zu Weltcup-Rennen mit maximal 30 Teilnehmern. Wenn Andere stürzten, kletterte sie die Tabelle hoch. Ihr erfolgreichstes Rennen schloss sie als 13. von 15 Startern ab – und löste so das Ticket für Olympia.
Hier runterfahren und dabei noch irgendwelche Luftsprünge riskieren? Ich bin doch nicht blöd – sagte sich völlig zu Recht die für Ungarn startende Elizabeth Swaney, rutschte beim ersten Qualifikationslauf langsam aus dem Starthäuschen und fuhr gemütlich im Zickzack nach unten, wo sie unfallfrei ins Ziel kam. Aber immerhin, sie war bei Olympia: Wie schafft man das, bei diesen Voraussetzungen? Indem man die Lücken des Systems durchschaut. Im teilnehmerarmen Freestyle braucht es konstante Weltcup-Platzierungen in den Top 30. Also reiste Swaney mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne 13 Mal zu Weltcup-Rennen mit maximal 30 Teilnehmern. Wenn Andere stürzten, kletterte sie die Tabelle hoch. Ihr erfolgreichstes Rennen schloss sie als 13. von 15 Startern ab – und löste so das Ticket für Olympia.

Aber es geht nicht um ein höhnisches Lob der Bauernschläue, mit der man sich trotz völliger Inkompetenz in den Spitzenkampf der Welt-Elite mischt – obwohl auch das im Sport ab und zu für die nur allzu notwendige Ironisierung sorgt (man darf z.B. an verschiedene Marathonlauf-„Gewinner“ denken, die sich in den Ziel-Einlauf hineingeschmuggelt haben, ohne vorher einen einzigen Kilometer Strecke gemacht zu haben). Die Aufklärungsleistung, die mit Miss Swaneys legaler, aber (angeblich) illegitimer Olympia-Teilnahme verbunden ist, geht sehr viel weiter. Denn sie zeigt uns allen, die wir weit außerhalb des Sports den hehren Wettbewerbsgedanken so verinnerlicht haben, dass er schon längst zur zweiten Natur geworden ist (genau darin besteht ja die ideologische Botschaft des Sports), was es damit in Wirklichkeit auf sich hat: nämlich nichts.

Wettbewerbsresultate bilden keine Bestleistungen ab

Dass man unter geschickter Ausnutzung der Zugangsregularien es auch mit Null-Fähigkeit und Nicht-Leistung unter die „Besten der Welt“ schafft, demonstriert ad oculos mundi, was jeder Wettbewerb immer gern verschleiern will: dass seine Resultate keine tatsächlichen Bestleistungen abbilden, sondern immer nur Pseudo-Rangordnungen, die vollkommen relativ zu den Teilnehmern und den Teilnahmebedingungen zu lesen sind. Jeder Wettbewerb gaukelt Chancengleichheit vor und kultiviert den Mythos vom „Besten“, der „gewinnen möge“, zeigt aber dann lediglich, wer sich durch Ausnutzen bestehender Quoten-Regelungen und durch geschicktes Teilnehmen bzw. Nicht-Teilnehmen an den „richtigen“ Wettkämpfen zur „richtigen“ Zeit die entscheidenden Vorteile schon erschlichen hat, lange bevor das „eigentliche Rennen“ beginnt. Und dabei haben wir von Doping und anderen nur zum Teil illegalen – weil nur zum Teil nachweisbaren – Vorteilsnahmen noch gar nicht geredet. Das altehrwürdig-liberale und so schön moralisch-vorwurfsvolle Wort von der „Wettbewerbsverzerrung“ suggeriert eine Schimäre: nirgendwo und nie gibt es so etwas wie verzerrungsfreie Wettbewerbe.

Und am Ende geht es dann im Zieleinlauf um Millimeter und Hundertsel-Sekunden. Wirklich? Die künstliche Aufregung um den Photo-Finish verdeckt, dass es die Rahmen-,  Zugangs- und Teilnahmebedingungen sind, die jedes Rennen bestimmen. Das fällt aber immer erst dann auf, wenn jemand wie der 16-jährige Norbert Südhaus 1972 in München die Marathon-Sieger-Ehrenrunde vor dem „echten“ Olympiasieger Frank Shorter dreht oder wenn Rosie Ruiz sich 1980 für den Sieg beim Boston-Marathon feiern lässt, obwohl sie nur eine Meile davon gelaufen ist. Aber Erster ist Erster, Jubel ist Jubel und Vorn-Dabeisein ist alles.
Und am Ende geht es dann im Zieleinlauf um Millimeter und Hundertsel-Sekunden. Wirklich? Die künstliche Aufregung um den Photo-Finish verdeckt, dass es die Rahmen-, Zugangs- und Teilnahmebedingungen sind, die jedes Rennen bestimmen. Das fällt aber immer erst dann auf, wenn jemand wie der 16-jährige Norbert Südhaus 1972 in München die Marathon-Sieger-Ehrenrunde vor dem „echten“ Olympiasieger Frank Shorter dreht oder wenn Rosie Ruiz sich 1980 für den Sieg beim Boston-Marathon feiern lässt, obwohl sie nur eine Meile davon gelaufen ist. Aber Erster ist Erster, Jubel ist Jubel und Vorn-Dabeisein ist alles.

Die Übertragbarkeit auf die uns vertraute gesellschaftliche Realität ergibt sich fast von selbst. Wer immer sich heute noch damit brüsten will, seinen Job, seinen Posten, seine Reputation einem objektiven „Auswahlverfahren“ zu verdanken, bei dem er "besser als alle anderen" abgeschnitten habe, sollte lieber überlegen, welchen kontingenten und zufälligerweise eben günstigen Qualifikationsbedingungen er seine Teilnahme daran verdankt. Wer immer „ausgewählt“ wurde, hat – „with a little help from my friends“ (Lennon/McCartney) – vorher sorgfältig und umsichtig selbst ausgewählt, von wem, wann und wo man sich auswählen läßt. Und er hat sich, wie die unter jeweils wechselnden Flaggen startende Amerikanerin, jeweils nur exakt die Konkurrenzsituationen ausgesucht, in denen man gar nicht verlieren kann; die anderen hat man einfach umgangen  (gegebenenfalls mit einem sogenannten „ärztlichen Attest“). Aber das hindert natürlich niemanden daran, bei nächstbester Gelegenheit wieder Krokodilstränen über unsere ach so grausame, eiskalte, knallharte Ellenbogengesellschaft zu vergießen…


Olympia wird zelebriert als Heldenverehrung und Glorifizierung von sogenannten „Gewinnern“. Was uns wirklich angeht, ist aber das untere Ende aller Tabellen, der Ort, wo unter „ferner liefen“ wir alle laufen. Oder wo wir – um dem olympischen Phänomen den Namen zu geben, der ihm nach dem Auftritt der blonden Quasi-Amerikanerin nun gebührt – alle schwimmen, auf dem mediokren Swaney River all derer, die mit geschickter Hilfe obskurer unterirdischer Strömungen dorthin geschwemmt werden, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben.

Titelbild:

| Riccardo Bresciani / Pexels.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text:

| Philipp Ruggli / Weissse Arena Gruppe (CC-BY-SA 4.0) | Link

| United States Departement of Defense / Pressebilder | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Dr. Joachim Landkammer

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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