Weltmeister der anderen Art

Selbstkritik ohne Selbsterbarmen

Nie erreichen sie beim Diskutieren jene Gelassenheit, mit der etwa gebildete Italiener dunkle Momente der eigenen Vergangenheit oder Dauerkrisen der Gegenwart überleben – und oft erfolgreich ignorieren. Noch fremder ist den Deutschen schließlich jener Stil von Selbstironie, mit dem die Briten noch immer von den heroischen Momenten ihrer Geschichte reden und von den strahlendsten Leistungen ihrer Kultur.

Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht
Gastprofessur für Literaturwissenschaften
 
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    Zur Person
    Prof. Dr Hans Ulrich Gumbrecht

    Der gebürtige Würzburger Professor Dr. Hans Ulrich Gumbrecht ist ständiger Gastprofessor für Literaturwissenschaften an die Zeppelin Universität. Er studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in München, Regensburg, Salamanca, Pavia und Konstanz. Seit 1989 bekleidete er verschiedene Professuren für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften der Stanford University. Einem breiteren Publikum ist er bereits seit Ende der 1980er-Jahre durch zahlreiche Beiträge im Feuilleton vor allem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung sowie durch seine Essays bekannt. Darin befasst er sich immer wieder auch mit der Rolle des Sports. Gumbrecht ist bekennender Fußballfan und Anhänger von Borussia Dortmund.  

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Kerstin, meine Kollegin und unsere Familienfreundin, denkt an einer Universität in der Nähe von Frankfurt produktiv über die Entwicklung ihres neuen Studiengangs für Studenten der frühen Semester nach, während ich vor 29 Jahren aus einer Stadt derselben Gegend ausgewandert bin, um in Kalifornien zu lehren – und zu bleiben. Wie selbstverständlich drehen sich unsere elektronischen und intensiver noch unsere Gespräche in gemeinsamer Präsenz stets um Deutschland.

Wenn Kerstin über einen neuen Ton der Fremdenfeindlichkeit, der sich nicht nur in Chemnitz gewaltsam artikuliert, mit ihrem Land hadert (wie man um 1990 noch sagen konnte), dann gehört mir die Rolle, sie mit deutlich aufgetragener Anerkennung für die „erstaunlich gut funktionierende Demokratie“ zu beruhigen, in der sie lebt.

Sobald ich aber ein paar Tage später bilanzieren möchte, dass kein Spieler von wirklicher Weltklasse mehr in der Bundesliga der knausrigen Manager antritt, zählt mir Kerstin postwendend eine Reihe von deutschen Fußballern auf, die sie in einer international strahlenden Aura erlebt. Zwischen solch leidenschaftlich optimistischen und pessimistischen Positionen springen wir beständig aneinander vorbei und verstehen uns stillschweigend darauf, nie in nüchternen Urteilen von Augenmaß zusammenzufinden.


Für „typisch deutsch“ halten wir beide – etwas resigniert – unseren intellektuellen Rhythmus und ahnen gelegentlich, dass er wie eine späte Parodie von Unterhaltungen zwischen wirklich großen Vorgängern aussehen könnte. Zum Beispiel wie eine Parodie des Briefwechsels, der Thomas Mann und Theodor Adorno seit ihrem gemeinsamen kalifornischen Exil im Zweiten Weltkrieg bis hin in die Mitte der Fünfzigerjahre verband.

Im Juli verließ Mesut Özil die deutsche Fußballnationalmannschaft – etliche Wochen nach seinem Foto mit dem umstrittenen türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. In Deutschland entbrannte daraufhin eine wilde Debatte über Rassismus im Breitensport und die Suche nach Schuldigen für den Eklat rund um den Rücktritt. Deutschland glänzte mit Selbstkritik – bis auf Mesut Özil selbst. In seinem ausführlichen Statement beklagte er den Rassismus, der ihm in Deutschland entgegenschlüge. Während die einen schimpfen, er würde mit der „Rassismus-Keule“ nur die Diskussion im Keim ersticken wollen, kritisieren andere die verrohende Entwicklung im Land. Wie Sportjournalist Holger Dahl treffend zusammenfasste: „Was mir in dieser langen Erklärung fehlt, ist zumindest der Hauch von Selbstkritik im Umgang mit diesem Foto mit Erdogan.“ Das sei darin leider an keiner Stelle zu finden.
Im Juli verließ Mesut Özil die deutsche Fußballnationalmannschaft – etliche Wochen nach seinem Foto mit dem umstrittenen türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. In Deutschland entbrannte daraufhin eine wilde Debatte über Rassismus im Breitensport und die Suche nach Schuldigen für den Eklat rund um den Rücktritt. Deutschland glänzte mit Selbstkritik – bis auf Mesut Özil selbst. In seinem ausführlichen Statement beklagte er den Rassismus, der ihm in Deutschland entgegenschlüge. Während die einen schimpfen, er würde mit der „Rassismus-Keule“ nur die Diskussion im Keim ersticken wollen, kritisieren andere die verrohende Entwicklung im Land. Wie Sportjournalist Holger Dahl treffend zusammenfasste: „Was mir in dieser langen Erklärung fehlt, ist zumindest der Hauch von Selbstkritik im Umgang mit diesem Foto mit Erdogan.“ Das sei darin leider an keiner Stelle zu finden.

„Ich gönne Sie den Deutschen nicht“, schrieb der Romancier und Nobelpreisträger im Juli 1950 an den Philosophen, der neun Monate vorher einem Ruf zurück in die Stadt seiner Geburt gefolgt war, und fügte mit ungewohnter Drastik hinzu: „Nach Deutschland bringen mich keine zehn Pferde. Der Geist des Landes ist mir widerwärtig, die Mischung aus Miserabilität und Frechheit.“


Und doch hatte sich Thomas Mann bei seiner Arbeit an dem späten Roman „Doktor Faustus“ von Adornos philosophischen Analysen und ästhetischen Wertungen in die singuläre Größe der deutschen Musik und ausgerechnet des Werks von Richard Wagner einführen lassen, als sich Adorno schon über die „Bestrebungen“ der jungen Bundesrepublik zu beklagen begann, „Bayreuth wieder aufzusperren“.

Auch die neue Konzentration seiner deutschen Studenten auf die Immanenz ihrer klassischen Texte war Adorno unheimlich geworden: „Manchmal ist mir zumute, als wären die Geister der ermordeten Juden in die deutschen Intellektuellen gefahren.“ Eineinhalb Jahre vor seinem Tod feierte dann plötzlich Thomas Mann die Deutschen als „ein fabelhaftes Volk, dessen Lebensfreude mich immer wieder zum Lachen bringt“.

Mindestens drei Gesten an solchen Gipfelgesprächen und ihren Parodien zeichnen sich bis heute als „typisch deutsch“ im Vergleich zu anderen Kulturnationen ab – wenn man denn diese Art von Beschreibungen nicht grundsätzlich als Projektion von gängigen Vorurteilen ablehnen will. Vor allem schwanken deutsche Intellektuelle zwischen exaltierten Extremen, wenn sie über die Kultur und die Geschichte ihres Landes sprechen, so sehr tatsächlich, dass sie das sichere Urteil im Selbstbewusstsein und in der Selbstkritik ihrer französischen Nachbarn oft irritierend finden (und insgeheim bewundern).

Der fremde Stil von Selbstironie

Nie erreichen sie beim Diskutieren jene Gelassenheit, mit der etwa gebildete Italiener dunkle Momente der eigenen Vergangenheit oder Dauerkrisen der Gegenwart überleben – und oft erfolgreich ignorieren. Noch fremder ist den Deutschen schließlich jener Stil von Selbstironie, mit dem die Briten noch immer von den heroischen Momenten ihrer Geschichte reden und von den strahlendsten Leistungen ihrer Kultur.

Im Rückblick können wir eine Genealogie von traumatischen Erfahrungen ausmachen, als deren akkumulierte Wirkung die zugleich fragile und leidenschaftliche Ambivalenz von deutschen Denkern gegenüber der eigenen Nation sichtbar wird – als eine Kulturleistung größten Potenzials unter besonderen Vorzeichen.

Anders als in der britischen, französischen oder auch spanischen Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war der Staat der deutschen Könige in der Sonderform eines „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ ja nie zu einer wirksamen politischen Institution geworden, sondern eine normative Idee aus ferner Vergangenheit und eine brüchige Klammer vielfacher Kleinstaaten geblieben. Sein juristisch-offizielles Ende im Jahr 1806 hatte deshalb nicht zur bürgerlichen Revolution und zu einer nationalen Republik geführt, sondern bloß den Weg zu einem restaurativen Staatenbund geebnet, an dessen Stelle dann 1871, nach dem französisch-preußischen Krieg, die verspätete Gründung eines (vermeintlich) zweiten Deutschen Reiches trat.

Das Deutsche Eck in Koblenz zählt zu den wohl bekanntesten Denkmälern des Landes und ist mit Wilhelm I. dem ersten deutschen Kaiser gewidmet. Hier darf es dann doch ein wenig Nationalstolz sein, denn das Denkmal markierte gemeinsam mit der gegenüberliegenden, von Preußen wiedererrichteten Festung Ehrenbreitstein, eine Art „Wacht am Rhein“ gegen Frankreich. Nachdem sich 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation auf Betreiben Napoleons aufgelöst hatte, gingen die linksrheinischen Gebiete zunächst an Frankreich und infolge des Wiener Kongresses an mehrere Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reiches und somit größtenteils an das spätere Deutsche Reich über. Mit dem Fluss war nun der Sieg über Napoleon verbunden, der Rhein wurde als nationales, „deutsches“ Gut verstanden und am Deutschen Eck nicht nur durch die Festung Ehrenbreitstein militärisch, sondern in Kunst und Literatur auch symbolisch gefestigt – es entstand eine Art „patriotische Rheinromantik“.
Das Deutsche Eck in Koblenz zählt zu den wohl bekanntesten Denkmälern des Landes und ist mit Wilhelm I. dem ersten deutschen Kaiser gewidmet. Hier darf es dann doch ein wenig Nationalstolz sein, denn das Denkmal markierte gemeinsam mit der gegenüberliegenden, von Preußen wiedererrichteten Festung Ehrenbreitstein, eine Art „Wacht am Rhein“ gegen Frankreich. Nachdem sich 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation auf Betreiben Napoleons aufgelöst hatte, gingen die linksrheinischen Gebiete zunächst an Frankreich und infolge des Wiener Kongresses an mehrere Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reiches und somit größtenteils an das spätere Deutsche Reich über. Mit dem Fluss war nun der Sieg über Napoleon verbunden, der Rhein wurde als nationales, „deutsches“ Gut verstanden und am Deutschen Eck nicht nur durch die Festung Ehrenbreitstein militärisch, sondern in Kunst und Literatur auch symbolisch gefestigt – es entstand eine Art „patriotische Rheinromantik“.

Einige der bedeutendsten Denker und Autoren des Landes hatten auf diese Geschichte mit eben der exaltierten Ambivalenz reagiert, die auf dem Weg war, zur Matrix eines „typisch deutschen“ Verhältnisses der Nation zu sich selbst zu werden. Goethe vor allem, der den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte weit mehr bewunderte als irgendeinen deutschen Herrscher seiner Zeit, setzte dem Ausbleiben eines nationalen Königreiches und einer Republik den Gedanken entgegen, dass gerade die Deutschen „stattdessen“ berufen seien, die Idee eines „Weltbürgertums“ und seine Lebensformen zu entwickeln und den anderen Völkern vorzuleben.

Ihm folgte Heinrich Heine, dessen berühmte, 1844 in Paris geschriebenen Verse „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“ keinesfalls, wie man häufig liest, zu einer Verurteilung der deutschen Vergangenheit oder einer einseitig pessimistischen Prognose führten; dann schloss sich erstaunlicherweise – zumindest vor 1871 – Richard Wagner an, der „den deutschen Namen nicht mit Unterdrückung und Fremdherrschaft“ verbinden wollte, sondern mit der Fähigkeit, „die Geschicke der Welt im Gleichgewicht zu halten“.

Und am Ende des 19. Jahrhunderts folgte Friedrich Nietzsche, der in einer Gegenwart voll ressentimentgeladenem Nationalismus noch einmal an Goethe erinnerte: „Seine Stimme weist darauf hin, dass der Deutsche mehr sein muss als ein Deutscher, wenn er anderen Nationen nützlich, ja nur erträglich werden will – und in welcher Richtung er bestrebt sein soll, über sich und außer sich hinauszugehen.“ Nichts zeigt deutlicher als die Formel vom „Deutschen, der den anderen Nationen nützlich, ja erträglich werden“ soll, wie aus dem romantischen Zwiespalt von enttäuschten Hoffnungen und kompensatorischer Höchstschätzung der eigenen Identität inzwischen ein Habitus exaltierter Ambiguität geworden war.

Als die Gegenstrebigkeit zerfiel

Ebendieser Habitus durchdrang in den Zwanzigerjahren das Nachdenken über die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Inflationskrisen der nationalen Wirtschaft als eine allgegenwärtige Energie in vielfachen Spannungsversionen zwischen Heideggers Kritik am „Gerede“ der großen Städte und seiner Verherrlichung der Provinz bis hin zu Benjamins Sehnsucht nach französischer Urbanität und seiner Konzentration auf Goethes Prosa in den „Wahlverwandtschaften“. Mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ von 1933 zerfiel die Tradition intellektuell produktiver Gegenstrebigkeit in zwei Extreme ohne dialektische Dynamik.

Noch im selben Jahr schrieb Bertolt Brecht sein Gedicht von Deutschland, der „bleichen Mutter“, dessen letzte Strophe einen nicht zu unterbietenden Tiefpunkt in der Verzweiflung über die eigene Nation markierte: „O Deutschland, bleiche Mutter! / Wie haben deine Söhne dich zugerichtet / Daß du unter den Völkern sitzest / Ein Gespött oder eine Furcht“ – und bald mit der alle anderen Menschen verachtenden Hybris einer demokratisch gewählten Regierung ihre bis dahin unvorstellbare Bestätigung erfuhr.


Im Verlauf des Zweiten Nachkriegs haben dann nicht wenige Deutsche das unlöschbare Faktum des industrialisierten Völkermords ohne Selbstschonung ins Auge gefasst und so einen Ton des Ernstes etabliert, von dem aus es kein Zurück zur Gelassenheit gab. Allein der junge Günter Grass entdeckte einen Ausweg aus dieser Einbahnstraße der angemessenen Gefühle von Kollektivschuld in der Ironieform des Schelmenromans und in der Gestalt seines fiktionalen Romanhelden Oskar Matzerath, der den nationalen Horror aus Zwergenperspektive erlebt und erinnert haben sollte.

Die vier Jahrzehnte der deutschen Teilung und das ebenso überraschende wie hektische Ereignis der sogenannten „Wiedervereinigung“ hingegen haben als traumatische Selbstheilung der Nation und als vermeintlich idealer Romanstoff nie eine literarische Resonanz vom Rang der „Blechtrommel“ gefunden. Möglicherweise war den Deutschen nach der Gelassenheit nun auch die Möglichkeit der Selbstironie verloren gegangen, weil bis heute, solange nämlich die Frage nach den „Ossis“ oder „Wessis“ fortexistiert und die „Ossis“ verletzt, kein Ende der deutschen Teilung eintreten konnte, welches Raum für „ironische Distanz“ eröffnet hätte.

Deutschlands Stärke weckt alte Ängste

Deutschland blieb die wirtschaftlich produktivste und war nach 1989 zur demografisch massivsten Nation in der Mitte Europas geworden, deren Stärke und deren gut gemeinte Europabegeisterung bei ihren Nachbarn oft alte Ängste oder Verdächte weckt – aber auch intern nie in einem wirklich gemeinsamen Ton der Überzeugung gelebt und vertreten werden kann. So ist die Form der exaltierten Extreme ohne Gelassenheit oder Ironie in ein drittes Jahrhundert hineingewachsen, einschließlich ihrer Parodien.


Und wie steht es um die Zukunft, um die Möglichkeit einer Erlösung von der Ambiguität der exaltierten Extreme als einer Parodie von historischem Schicksal? Deutschland, der selbst erklärte Export- und Spendenweltmeister, hörte ich neulich den Ministerpräsidenten eines besonders leistungsstarken Bundeslandes sagen, Deutschland macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Industrie, die eher auf Fehlervermeidungsstrategien denn auf Risikobereitschaft setzt.

„Digitalisierung“ oder „künstliche Intelligenz“ scheinen den Stellenwert von Pflichtthemen und -aufgaben zu haben, die man schweren Herzens auf sich nimmt. Zum gegenläufig-weltmeisterlichen Extrem mausern sich unterdessen komplizierte Choreografien umweltfreundlichen Verhaltens und strenge Normen ökologischer Ethik, mit denen Deutschland der Welt erneut ein Vorbild der goetheschen Art sein möchte – und vielleicht auch sein kann, ohne so Sympathien zu wecken.

Darüber zu hadern, wie ich es sonst gern und mit historischen Gründen tue, wenn deutsche Autoren und Redner besonders unnachgiebig in ihren ethischen Forderungen klingen, wäre nur wieder ein – typisch deutsches – Zeichen mangelnder Gelassenheit und Selbstironie. Aus dem Zyklus auszubrechen, hieße hingegen, meinen ehemaligen Landsleuten grinsend zu gratulieren anlässlich ihrer Ökoverantwortung, ihres Vergangenheitsernstes und ihrer Unfähigkeit, die Dinge unter den Teppich zu kehren.

Oder, ein letztes Mal ganz ohne Ironie: Lang lebe Deutschland, der alte und neue Weltmeister exaltiert nationaler Selbstkritik ohne Selbsterbarmen!

Der Artikel ist am 23.09.2018 unter dem Titel „Hadernde Weltmeister“ in der „WELT am Sonntag“ erschienen.


Titelbild: 

| stevepb / Pixabay (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

wgbieber / Pixabay (CC0 Public Domain) | Link

analogicus / Pixabay (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht

Redaktionelle Umsetzung: CvD

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