Digitalisierung

Absender: die digitale Generation.

Wieso müssen eigentlich im ganzen Land zeitgleich Hunderte Lehrbeauftragte die nahezu identische Einführungsvorlesung zum Besten geben? Welch unfassbare Ressourcenverschwendung!

Philipp Riederle
Student des Bachelorstudiengangs „Sociology, Politics and Economics“ sowie Digitaler Aufklärer, Autor, Speaker
 
  •  
    Zur Person
    Philipp Riederle

    Als Digital Native liebt und lebt Philipp Riederle innovative Entwicklungen, sinnvolle Arbeit und digitale Strukturen. Und als Unternehmer, Autor und Redner ebenso. Denn gerade hier kann er sein Wissen und seine Freude am Unternehmertum teilen und somit vermehren. Philipp Riederle produziert mit 13 Jahren einen Podcast, gründet mit 15 sein Unternehmen, schreibt mit 18 den ersten Bestseller, wird mit 20 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als führender „Digitaler Kopf Deutschlands“ gekürt und erhält mit 23 die höchste internationale Rednerauszeichnung. Für Philipp Riederle ist das nur der Anfang.  

  •  
    Mehr ZU|Daily
    Allerhöchste Zeit!
    Nun ist er also da, der Kompromiss beim „Digitalpakt Schule“ – der dringende Schritt in der Aufholjagd des Digitalen Entwicklungslandes Deutschland. Denn was sich Deutschland in seiner Bildungsentwicklung derzeit leistet, ist erschreckend für das Land der Tüftler und Denker.
    Ist die moderne Universität am Ende?
    Geht es nach Wilhelm von Humboldt, dann ist die Universität die Einheit von Lehre und Forschung. Doch welches Bildungsideal steht eigentlich für das 21. Jahrhundert? Ist die Humboldtsche Idee schon tot – und ihre Nachfolger wohlmöglich auch?
    Universität als melancholische Erinnerung
    Ein Universitätsstudium ist zur gesellschaftlichen Normal-Erwartung geworden, während sich Ausbildung und Forschung zunehmend außerhalb der akademischen Institutionen vollziehen. Wem schadet diese Entwicklung?
  •  
     
    Hä...?
    Haben Sie Fragen zum Beitrag? Haben Sie Anregungen, die Berücksichtigung finden sollten?
    Hier haben Sie die Möglichkeit, sich an die Redaktion und die Forschenden im Beitrag zu wenden.
  •  
    Teilen
    Empfehlen

Liebe Hochschulen, ich könnte momentan Euer Student sein. Ich gehöre zur Digitalen Generation; wir sind mit dem Internet aufgewachsen und konnten es nicht erwarten, aus dem analogen Schulalltag des vergangenen Jahrhunderts herauszukommen. Endlich zu Euch, endlich Bildung am Puls der Zeit. Bei Euch wird hochtechnologisch geforscht, Ihr gestaltet die Welt von morgen. Nirgendwo sonst kommen wir der Zukunft näher! Oder?

Es gibt dann doch einige Dinge, die uns irritieren. Wieso übertragt Ihr überfüllte Vorlesungen per Video in den Nachbarsaal, aber so selten ins Internet? Zwar experimentieren immer mehr Universitäten mit der Aufzeichnung ausgewählter Vorlesungen. Wieso aber ist das nicht schon längst gültiger Standard? Mit entsprechendem Equipment und automatischen Workflows bedeutet das nicht einmal zusätzlichen Personalaufwand. Und wieso sind die aufgezeichneten Vorlesungen so oft nur eingeschriebenen Studierenden zugänglich? Hat nicht die gesamte Gesellschaft sie finanziert? Wie jetzt – Eure Professoren und Lehrbeauftragten weigern sich, mit ihren Vorlesungen in der Öffentlichkeit zu stehen? Gehört das nicht zentral zum Berufsbild?

Apropos Berufsbild: Wieso müssen eigentlich im ganzen Land zeitgleich Hunderte Lehrbeauftragte die nahezu identische Einführungsvorlesung zum Besten geben? Welch unfassbare Ressourcenverschwendung! Leidtragend sind ja oft beide Parteien: Die Lehrenden würden in der Zeit eigentlich lieber forschen. Und die Studierenden sind mit begrenztem didaktischem Talent und überschaubarer Begeisterungsfähigkeit konfrontiert. Wieso stellen denn nicht die Top-5-Lehrenden ihres Fachgebiets ihre erstklassigen Vorlesungen landesweit zur Verfügung – und alle lernen von ihnen? Oder noch besser: Sie produzieren extra entwickelte Online-Vorlesungen, die sich dann für die große Hörerschaft lohnen.

Der Student von heute wird jünger, digitaler und „mehr". Denn laut Angaben des Statistischen Bundesamts studierten im Wintersemester 2017/18 rund 2,84 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen. Die bei Studienanfängern beliebtesten Fächergruppen sind Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von Ingenieur- und Geisteswissenschaften. Das Durchschnittsalter von Hochschulabsolventen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Belief sich das Durchschnittsalter im Jahr 2008 auf 27,5 Jahre, sank es im Jahr 2017 auf 23,9 Jahre. Dies kann unter anderem auf die Einführung des Abiturs nach acht anstelle von neun Schuljahren auf dem Gymnasium zurückgeführt werden. Dadurch sank das Alter der Studienanfänger und folglich jenes der Hochschulabsolventen.
Der Student von heute wird jünger, digitaler und „mehr". Denn laut Angaben des Statistischen Bundesamts studierten im Wintersemester 2017/18 rund 2,84 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen. Die bei Studienanfängern beliebtesten Fächergruppen sind Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von Ingenieur- und Geisteswissenschaften. Das Durchschnittsalter von Hochschulabsolventen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Belief sich das Durchschnittsalter im Jahr 2008 auf 27,5 Jahre, sank es im Jahr 2017 auf 23,9 Jahre. Dies kann unter anderem auf die Einführung des Abiturs nach acht anstelle von neun Schuljahren auf dem Gymnasium zurückgeführt werden. Dadurch sank das Alter der Studienanfänger und folglich jenes der Hochschulabsolventen.

Ihr wollt gerade schon zum Aufschrei ansetzen? Wo bleiben denn hier Individualität, Vielfalt, Freiheit der Lehre! Nun ja, wenn sich die meisten Vorlesungen auf nur zwei Standardlehrbücher beziehen und oft auch dieselben mitgelieferten Folien abgespult werden, zeugt dies natürlich von riesiger Individualität und Vielfalt. Seht es doch eher so: Örtliche Lehrbeauftragte ergänzen um individuelle Schwerpunkte, stehen für Fragen, Übungen und Betreuung zur Verfügung. Und alle gewinnen.

Seid Ihr bis hierhin einverstanden? Dann erklärt uns doch auch noch dieses Phänomen: Wieso gibt es allein in Deutschland derzeit 19.000 verschiedene Studiengänge? Hier BWL mit diesem oder jenem Fokus, hier der Wirtschaftsingenieur mit ein bisschen mehr oder weniger Technik, dort der Sozialwissenschaftler mit dieser oder jener interdisziplinären Perspektive. Braucht es dafür wirklich so viele partikulare Lehrpläne, die sich nur minimal unterscheiden? Ist das sinnvoll? Wer blickt da noch durch? Liebe Universitäten, ich finde, Ihr könntet Euch Netflix zum Vorbild nehmen. Dort, oder auch bei YouTube, haben alle Nutzer mit demselben Abo Zugriff auf die Inhalte unterschiedlichster Produzenten. Ich stelle mir das so vor: Als Student melde ich mich bei einer beliebigen Universität an, ohne mich auf einen Studiengang festzulegen.

Mit meinen Zugangsdaten logge ich mich auf einer zentralen Plattform ein, wo mir das gesamte Lehrangebot aller Universitäten zur Verfügung steht. Kenne ich bereits meine Interessen, stelle ich zielgerichtet meine Veranstaltungen selbst zusammen. Falls nicht, gibt es beispielhafte Playlists (was Ihr ehemals Studiengänge nanntet) oder Vorschläge vom System: „Basierend auf deinem bisherigen Verlauf könnten dich folgende Veranstaltungen interessieren…“ Dabei behalte ich vollkommene Freiheit über die Gestaltung meines Studiums. Jeder Studierende kann sich individuell an den eigenen Lernbedürfnissen und Zielsetzungen orientieren.

Plattform für eine Europäische Universität

Mein erstes Semester könnte so aussehen: Weil sie die meisten Likes und besten Bewertungen hat, wähle ich die Online-Vorlesung der TU München „Einführung BWL“. Ergänzend dazu bietet sich an, die interaktive Lernsoftware „Statistik für Wirtschaftswissenschaftler“ vom XY-Verlag zu absolvieren. Gleichzeitig klinke ich mich, weil ich in Berlin lebe, bei der Vor-Ort-Arbeitsgruppe Bilanzanalyse am Campus der FU Berlin ein und wähle noch das Präsenz-Seminar „Maschinen-Design“ an der UdK. Und weil mich dieses Thema so brennend interessiert, wird meine Semesterplanung durch einen Blockkurs an der Hochschule Weihenstephan abgerundet: „Durchfluss-Controlling für Melkroboter“. Möchte ich ein Zertifikat, das mir Kenntnisse (Ihr nennt es Kanon) auf einem gewissen Fachgebiet bescheinigt? Dann erfülle ich eben die Mindest-Credits auf den vorgegebenen Themen.

Lieber einen reibungslosen Übergang auf den Arbeitsmarkt? Dann erlaube ich Unternehmen, auf der Plattform meinen individuellen Studienverlauf einzusehen, um mich bei einem perfekten Match direkt anzusprechen. Oder ich folge bereits einer Unternehmens-Playlist, in der ein Unternehmen Veranstaltungen zusammengestellt hat, die auf bestimmte (Zukunfts-)Berufe vorbereiten. Vielleicht aber habe ich mich auch bereits für ein Unternehmen als Praxispartner entschieden, mit dem ich das Studium dual absolviere. Die notwendige Flexibilität bietet die Plattform.

Na, wie wäre das? Und wie wäre es erst, würden wir diese Plattform als eine Europäische Universität denken? Wir sind jedenfalls hochmotiviert! Und gespannt auf Eure Zukunftsentwürfe. Bis bald, wir sehen uns in der Zukunft!
Eure Digitale Generation


Dieser Beitrag ist am 18. April unter dem Titel „Liebe Hochschulen, es gibt da einige Dinge, die müsst ihr uns mal erklären“ im DUZ Magazin 04/2019 erschienen.

Titelbild: 

| Debby Hudson / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bild im Text: 

| Matthieu Joannon / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Philipp Riederle

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

1
1
 
Leserbrief

Haben Sie Anmerkungen zum Beitrag?
Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten