Chinas Twitter-Diplomatie

Fanatische Fans oder Fake Follower?

von Marcel Schliebs | Zeppelin Universität
08.07.2021
Hunderte chinesische Diplomaten profitieren auf Facebook und Twitter von Fake-Accounts, die darauf angesetzt werden, die Profile der Botschafter und Konsuln zu unterstützen. Wie wir in unserer Studie aufdecken, entstammt in manchen Fällen fast die Hälfte aller Retweets koordinierten Unterstützungsnetzwerken, die gegen Twitters Manipulationsverbot verstoßen.

Marcel Schliebs
Alumnus des Bachelorstudiengangs „Politics, Administration and International Relations“
 
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    Zur Person
    Marcel Schliebs

    Marcel Schliebs promoviert in Social Data Science an der Universität Oxford und forscht als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Oxford Internet Institute zu den Effekten von Desinformation und Propaganda durch autoritäre Regime. Neben seinem PAIR-Studium sammelte er praktische Erfahrungen im NATO Hauptquartier und im Auswärtigen Amt. An der Zeppelin Universität lehrte er im vergangenen Jahr die Wahlpflichtvorlesung „Fake News, Desinformation, and Consequences for Democracy“.

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In ihrem Kampf um globale Meinungsführerschaft hat die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) die nächste Front eröffnet: Während chinesische Staats- und Parteimedien seit Jahren in dutzenden Sprachen – auch Deutsch – publizieren, strömen in den vergangenen Monaten hunderte chinesische Diplomaten auf westliche soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Dort zitieren die Twitter-Diplomaten die Propagandaphrasen der KPCh, verbreiten Verschwörungstheorien um die angebliche Rolle von US-amerikanischen Militärlaboren bei der Entstehung von COVID-19 und beschuldigen westliche Medien der Lüge hinsichtlich sensibler Themen wie Hong Kong oder Xinjiang. Die Aktivität ist dabei keineswegs auf die großen Demokratien des Westens beschränkt, sondern trägt die Form einer Kampagne von globalem Ausmaß: Mehr als 270 sogenannte „Wolfskrieger“, wie die chinesischen Diplomaten aufgrund ihres aggressiven Kommunikationsstils bisweilen genannt werden, sind mittlerweile in über 126 Ländern auf Facebook und Twitter aktiv.

In über 126 Ländern sind die mehr als 270 chinesischen „Wolfskriegerdiplomaten“ bereits auf Facebook und Twitter aktiv, obwohl beide Plattformen in China zensiert und verboten sind. Die Tendenz ist hierbei steigend; drei Viertel der Twitter-Diplomaten sind erst in den vergangenen zwei Jahren dazugestoßen. In etwas mehr als acht Monaten zwischen Juni 2020 und Februar 2021 posteten die 273 Diplomaten über 230.000 Mal und erhielten fast 10 Millionen Likes, Kommentare und Retweets.
In über 126 Ländern sind die mehr als 270 chinesischen „Wolfskriegerdiplomaten“ bereits auf Facebook und Twitter aktiv, obwohl beide Plattformen in China zensiert und verboten sind. Die Tendenz ist hierbei steigend; drei Viertel der Twitter-Diplomaten sind erst in den vergangenen zwei Jahren dazugestoßen. In etwas mehr als acht Monaten zwischen Juni 2020 und Februar 2021 posteten die 273 Diplomaten über 230.000 Mal und erhielten fast 10 Millionen Likes, Kommentare und Retweets.

Auf den ersten Blick klingen diese Zahlen beeindruckend, jedoch stellt sich im Kontext dessen, das die chinesischen Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit wiederholt bei der Manipulation westlicher sozialer Medien erwischt wurden, die Frage, wie ehrlich erworben die Millionen von Likes sind oder ob die Diplomaten auch mit unlauteren Mitteln – wie zum Beispiel koordinierten Netzwerken von Fake-Accounts – unterstützt werden. In einer gemeinsamen Studie der Universität Oxford und der Associated Press (AP) haben wir deshalb über ein halbes Jahr jeden der über 200.000 Tweets chinesischer Diplomaten sowie deren fast eine Million Retweets analysiert und auf verdächtige Signale hin überprüft. Das Ergebnis ist beeindruckend und wenig überraschend zugleich. So stellte sich heraus, dass 100.000 (12 Prozent) aller Retweets, die chinesische Diplomaten zwischen Juni 2020 und Februar 2021 erhielten, von Accounts kamen, die von Twitter später aufgrund von Verstößen gegen seine Regeln, die Plattform-Manipulation verbieten, suspendiert wurden. Die von der Partei kontrollierten internationalen Medien standen dem in kaum etwas nach: Einer von vier (25 Prozent) Retweets eines Staatsmedien-Tweets über die autonome Region Xinjiang und die in ihr heimischen Uiguren kam von meist inauthentischen Accounts, die Twitter später für Verstöße gegen das Manipulationsverbot sperrte.


Besonders ausgeprägt und koordiniert waren diese Manipulationsbemühungen in Großbritannien. Dort vergrößerte ein koordiniertes Netzwerk von 62 hochaktiven Fake-Accounts, das wir im Laufe der Untersuchung entdeckten, die angebliche Reichweite und Retweet-Zahlen des chinesischen Botschafters um fast 100 Prozent. Bei genauerer Betrachtung der digitalen Spuren entpuppten sich die anscheinend eingefleischten Unterstützer des Botschafters als ein eng vernetztes Netzwerk, das gleich mehrere Anzeichen von Koordinierung und Inauthentizität aufwies und als Reaktion auf unsere Studie suspendiert wurde. Zum Beispiel bestand ein gutes Drittel der Accounts aus Profilen, die in Schüben jeweils innerhalb von wenigen Minuten erstellt worden waren. Eine andere Gruppe von Accounts verbrachte Monate im „Winterschlaf“, nur um allesamt am gleichen Tag aufzuwachen und den chinesischen Botschafter anschließend hunderte oder tausende Male pro Profil zu retweeten. Dabei ließen sich auch enge Cluster nachweisen, die, höchstwahrscheinlich von ein und derselben Person gesteuert, den chinesischen Diplomaten Tag für Tag in der gleichen Reihenfolge und mit wenigen Sekunden Latenz zwischen zwei Accounts retweeteten. Und zu guter Letzt war oft auch die Sprache das verräterische Element, benutzten doch viele der Fake-Accounts immer wieder exakt dieselben distinktiven Phrasen, die sonst von niemand anderem im weiten Universum des Internets verwendet wurden.

„A friend in need is a friend indeed” – mit Phrasen wie diesen kommentierten prochinesische Fake-Accounts über Monate hinweg Lieferungen von Impfstoff oder Schutzkleidung durch China. Besonders häufig verwendet wurde dieser Satz in Tweets eines koordinierten Netzwerks von 62 Accounts, deren einzige Aufgabe es war, dem chinesischen Botschafter in London beizupflichten. Fast 20.000 und damit nahezu die Hälfte aller Retweets des Diplomaten zwischen Juni 2020 und Januar 2021 gingen auf das Konto der koordinierten Fake-Accounts, die von ZU-Alumnus Marcel Schliebs entdeckt wurden.
„A friend in need is a friend indeed” – mit Phrasen wie diesen kommentierten prochinesische Fake-Accounts über Monate hinweg Lieferungen von Impfstoff oder Schutzkleidung durch China. Besonders häufig verwendet wurde dieser Satz in Tweets eines koordinierten Netzwerks von 62 Accounts, deren einzige Aufgabe es war, dem chinesischen Botschafter in London beizupflichten. Fast 20.000 und damit nahezu die Hälfte aller Retweets des Diplomaten zwischen Juni 2020 und Januar 2021 gingen auf das Konto der koordinierten Fake-Accounts, die von ZU-Alumnus Marcel Schliebs entdeckt wurden.

Unsere Entdeckungen zu den künstlich aufgebauschten Unterstützungszahlen für chinesische Diplomaten sind aus der Perspektive westlicher Demokratien in mehrerlei Hinsicht relevant. Zum einen wird klar, dass die groß angelegten und stetig wachsenden (Des-)Informationskampagnen der KPCh vielleicht doch nicht so breiten Anklang bei einem globalen Publikum finden wie die nackten Like- und Retweet-Zahlen vermuten ließen. Zum anderen wird deutlich, dass mit den Diplomaten vernetzte Akteure in ihrem Kampf um die globale Meinungsführerschaft nicht vor dem Einsatz unlauterer Mittel zurückschrecken, sondern gezielt Fake-Accounts einsetzen, um Parteipropaganda und Desinformation in westliche Demokratien hineinzutragen. Eine resiliente Antwort auf diese Herausforderung bedarf eines konsequenten und kooperativen Ansatzes der Betreiber der großen sozialen Netzwerke, staatlicher Behörden sowie unabhängiger Wissenschaftler, die Online-Schummler zur Verantwortung ziehen. Denn gesteht der Westen China schon das Privileg zu, unsere liberalen Werte und unsere Meinungsfreiheit asymmetrisch zu missbrauchen und gleichzeitig seine eigene Bevölkerung vom Recht auf freien Informationszugang abzuschneiden, so wäre es angebracht, wenigstens auf eine Einhaltung der Spielregeln zu pochen. Die Verbreitung von Propaganda mit Hilfe von Netzwerken koordinierter Fake-Accounts gehört wohl kaum dazu.

Titelbild: 

Rami Al-zayat / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

| Marcel Schliebs / Oxford Internet Institute (alle Rechte vorbehalten) | Link

| Marcel Schliebs / Oxford Internet Institute (alle Rechte vorbehalten) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Marcel Schliebs

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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