Ungeduldige Gelehrte

Für ein Klima der Demokratie

von Prof. em. Dr. Nico Stehr | Zeppelin Universität
30.09.2021
Die Klimapolitik muss mit der Demokratie vereinbar sein, sonst wird die Bedrohung der Zivilisation größer sein, als es nur die Veränderung unserer physischen Umwelt ist. Gefragt ist deshalb nicht weniger, sondern mehr Demokratie.

Prof. em. Dr. Nico Stehr
emeritierter Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität
 
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    Nico Stehr war Karl-Mannheim Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

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Der Konsens in der Wissenschaft über den vom Menschen verursachten Klimawandel hat sich in den letzten Jahren gefestigt. Wie ist es unter diesen Umständen möglich, so fragen sich viele Wissenschaftler, dass diese Beweise nicht zu politischem Handeln und Verhaltensänderungen in allen Gesellschaften der Welt motivieren? Warum warten wir noch? Angesichts der außerordentlichen Gefahren, die der Klimawandel für die menschliche Zivilisation mit sich bringt, insbesondere durch extreme Wetterereignisse, scheint die Demokratie schnell zu einer unbequemen Regierungsform zu werden.

Der bekannte Klimaforscher James Hansen, der seit seiner einflussreichen Aussage vor dem US-Kongress im Jahr 1988 öffentlich Alarm wegen der globalen Erwärmung schlägt, fasste die allgemeine Frustration zusammen, als er 2007 behauptete, dass «der demokratische Prozess nicht funktioniert». In seinem 2009 erschienenen Buch «The Vanishing Face of Gaia» vergleicht James Lovelock, ein anderer wissenschaftlicher Mahner, den Klimawandel gar mit einem Krieg und betont, dass wir die Demokratie aufgeben müssen, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen. Eine weitere skeptische Stimme ist Daniel Kahneman, der auf die Mobilisierungsmöglichkeiten eingeht: «Eine weit entfernte, abstrakte und umstrittene Bedrohung hat einfach nicht die notwendigen Eigenschaften, um die öffentliche Meinung ernsthaft zu mobilisieren.»

Wenige Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Westen Deutschlands hat die Angst der Menschen vor den Folgen des Klimawandels in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. 36 Prozent der Deutschen bezeichnen den Klimawandel aktuell als eines der drei größten Sorgenthemen im eigenen Land, sechs Prozentpunkte mehr im Vergleich zum Vormonat. Noch nie wurde hierzulande ein höherer Wert verzeichnet, so das Ergebnis der monatlich in 28 Ländern durchgeführten Ipsos-Studie „What worries the world“. Ebenfalls bemerkenswert: Nirgendwo sorgen sich die Menschen derzeit mehr um den Klimawandel als in Deutschland. Australien und Kanada (je 31 Prozent) rangieren mit deutlichem Abstand zur Bundesrepublik auf den Plätzen zwei und drei im Ranking der klimabewusstesten Nationen. Global gesehen zählt der Klimawandel momentan allerdings nur für 15 Prozent der Befragten zu den drängendsten Problemen im eigenen Land. Und auch wenn die Angst vor dem Klimawandel zuletzt einen neuen Höhepunkt erreicht hat, führen die Themen Armut und soziale Ungleichheit (38 Prozent) und COVID-19 (37 Prozent) die Sorgenskala der Deutschen noch immer knapp an.
Wenige Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Westen Deutschlands hat die Angst der Menschen vor den Folgen des Klimawandels in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. 36 Prozent der Deutschen bezeichnen den Klimawandel aktuell als eines der drei größten Sorgenthemen im eigenen Land, sechs Prozentpunkte mehr im Vergleich zum Vormonat. Noch nie wurde hierzulande ein höherer Wert verzeichnet, so das Ergebnis der monatlich in 28 Ländern durchgeführten Ipsos-Studie „What worries the world“. Ebenfalls bemerkenswert: Nirgendwo sorgen sich die Menschen derzeit mehr um den Klimawandel als in Deutschland. Australien und Kanada (je 31 Prozent) rangieren mit deutlichem Abstand zur Bundesrepublik auf den Plätzen zwei und drei im Ranking der klimabewusstesten Nationen. Global gesehen zählt der Klimawandel momentan allerdings nur für 15 Prozent der Befragten zu den drängendsten Problemen im eigenen Land. Und auch wenn die Angst vor dem Klimawandel zuletzt einen neuen Höhepunkt erreicht hat, führen die Themen Armut und soziale Ungleichheit (38 Prozent) und COVID-19 (37 Prozent) die Sorgenskala der Deutschen noch immer knapp an.

Was aber ist die Alternative zur Demokratie? Eine aufgeklärte Führung? Das Konzept hat, gelinde gesagt, große Schwächen. Zunächst einmal kann und will die Wissenschaft nicht vorschreiben, was zu tun ist. Einer der grundlegenden Fehler im Porträt einer unbequemen Demokratie besteht darin, dass nicht erkannt wird, dass das Wissen über die Natur immer über die Politik (ob demokratisch oder autoritär) in die Gesellschaft einfließen muss – über Entscheidungen darüber, wie Harold Lasswell es berühmt formulierte, «wer was, wann und wie bekommt». Das Wissen darüber, wie solche Entscheidungen am besten zu treffen sind, ist den Wissenschaftlern nicht besonders zugänglich.

Die pessimistische Einschätzung der Fähigkeit des demokratischen Regierens, mit außergewöhnlichen Umständen umzugehen, impliziert gewissermaßen eine optimistische Einschätzung des Potenzials einer groß angelegten Sozialplanung. Das Problem liegt jedoch nicht in der Demokratie, sondern in der Komplexität des sozialen Wandels. Aus diesem Grund ist die Demokratie, so unbequem sie auch sein mag, nicht nur notwendig, sondern bei einer Herausforderung von der Größenordnung und Komplexität des Klimawandels sogar unerlässlich.

Klimapolitik braucht Demokratievereinbarkeit

In weitaus größerem Masse als autoritäres Regieren ist demokratisches Regieren flexibel und in der Lage, aus politischen Fehlern zu lernen. Die Einschränkung individueller Freiheiten bei der Bewältigung ist nicht totalitär, wenn die Bürger mit demokratisch gesetzten Grenzen einverstanden sind.

Die Klimapolitik muss mit der Demokratie vereinbar sein, sonst wird die Bedrohung der Zivilisation größer sein, als es nur die Veränderung unserer physischen Umwelt ist. Gefragt ist deshalb nicht weniger, sondern mehr Demokratie. Es geht um die Verbreitung von Wissen, um die Befähigung von Individuen, Gruppen und Bewegungen, die sich mit Umweltfragen beschäftigen. Demokratien werden neue, vielfältige Formen sozialer Solidarität und sozialer Verpflichtungen hervorbringen, die die lokalen und regionalen Kapazitäten zur Bewältigung des Klimawandels stärken und das Bewusstsein für soziale Interdependenz fördern.

Die Bemühungen um eine Vereinfachung des globalen Ansatzes zur Bekämpfung des Klimawandels durch ein einziges internationales Regelwerk haben bisher wenig gefruchtet. Es ist an der Zeit, demokratische Kreativität und Experimentierfreude zu fördern.


Dieser Artikel ist am 10. August unter dem Titel „Klimawandel, Demokratie und ungeduldige Gelehrte“ in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erschienen.

Titelbild: 

| Kelly Sikkema / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bild im Text: 
| Li-An Lim / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. em. Dr. Nico Stehr

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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