Wheelmapping

Mit dem Handy für Barrierefreiheit

Es geht uns ganz einfach darum, das Thema Barrierefreiheit auf die Agenda zu setzen!

Celina Raffl
 
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    Zur Person
    Celina Raffl

    Celina Raffl ist seit 2012 akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik der Friedrichshafener Zeppelin Universität. Vorher arbeitete und lehrte Raffl in Budapest und Salzburg, nachdem sie eben dort, sowie in Washington, ihr eigenes Studium absolviert hatte. Im Rahmen des Projekts "eSociety Bodensee 2020 | Offene gesellschaftliche Innovation in der Bodensee-Region" sucht sie gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz und Liechtenstein nach Lösungen zu aktuellen, gesellschaftlichen Herausforderungen.

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    Factbox
    Zum Kennenlernen: Das Forschungsprojekt "eSociety Bodensee 2020"

    Das Projekt eSociety Bodensee 2020 beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie offene Innovation zur Lösung gesellschaftlicher Fragen in der Bodensee-Region beitragen kann. Unter der Verwendung von Open Innovation Ansätzen sollen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickelt werden.
    Dabei steht es im Zentrum des Projekts, die Innovationskraft aller gesellschaftlichen Akteure anzukurbeln, gesamtgesellschaftliche Innovationen strategisch klug zu nutzen und geeignete Werkzeuge, Veranstaltungsformate und Prozesse zu entwickeln. Aktuelle Veranstaltungen, Ideen und Publikationen präsentieren die beteiligten Wissenschaftler in ihrem Online-Blog.

    Zum Mitmachen: Der Verein Sozialhelden e.V. und sein Projekt "Wheelmap.org"

    Der Verein Sozialhelden e.V. wurde 2004 von Raul Krauthausen und seinem Cousin in Berlin gegründet und hat sich seitdem zu einem Netzwerk ehrenamtlich engagierter Menschen entwickelt, die sich gemeinsam für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die Initiative wurde seit 2008 mehrfach mit nationalen und internationalen Auszeichnungen geehrt. Zu den bekanntesten Projekten zählt die Rollstuhl-Karte "Wheelmap.org", bei dem eine große Community öffentliche Orte auf ihre Barrierefreiheit testet und in ein Ampelsystem einordnet. Das Projekt wurde duch einen von Google initiierten TV-Spot national bekannt. Nutzer von Smartphones können die Aktion mit einer kostenlosen App für Apple- und Androidgeräte jederzeit unterstützen. Erklärtes Ziel des Vereins ist es, soziales Handeln attraktiv und sichtbar zu machen.

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    Mehr ZU|Daily
    Von der Idee zur Innovation
    Außergewöhnliche Ideen, die beim Nutzer ankommen, sind rar gesät. In der Wirtschaft wird danach händeringend gesucht - sowohl für Produkte als auch Prozesse. Die Kreativmethode Design Thinking soll hier Lösungen bieten, stößt jedoch schnell an ihre Grenzen. An der Zeppelin Universität wird der Ansatz deshalb nicht nur umgesetzt, sondern auch erforscht.
    Die Masse macht's möglich
    Dieter Hildebrandt, Stromberg, Hip-Hopper und Rockbands tun es. Sie alle lassen Projekte und kreative Ideen über das Internet finanzieren. Prof. Dr. Dirk Schiereck über das Phänomen Crowdfunding.
    Gutes Gewissen per Mausklick
    Das Spenden der Zukunft ist jung und digital. Mit innovativen Spendenkonzepten wollen Sozialunternehmer wie Dr. Johanna Breidenbach, das Spendenvolumen im Internet deutlich steigern und dabei jüngere Geldgeber ansprechen.
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Vor dem Eingang zur Lokalredaktion der Schwäbischen Zeitung lauert eine Treppenstufe: Über eine Handbreit hoch, unüberwindbar für Rollstuhlfahrer. Man könne da problemlos eine Rampe einhängen, sagt die Dame am Empfang, sowas habe man aber leider gerade nicht im Haus. Celina Raffl zückt ihr Smartphone und öffnet die Applikation „Wheelmap“. Künftig leuchtet die Niederlassung in der Innenstadt nun rot: Nicht rollstuhlgerecht.

In der Friedrichshafener Innenstadt waren Raffl und Team beim "Mapping" unterwegs. Das Ampelsystem der Anwendung ermöglicht einfache Bewertungen für jeden.
In der Friedrichshafener Innenstadt waren Raffl und Team beim "Mapping" unterwegs. Das Ampelsystem der Anwendung ermöglicht einfache Bewertungen für jeden.

Raffl ist akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und beschäftigt sich im Rahmen eines Forschungsprojektes mit Barrierefreiheit im öffentlichen Raum: „Beim Mapping, das wir gerade betreiben, geht es ganz allgemein darum, geographische Punkte mit Informationen zu verknüpfen“, erklärt sie, während sie bereits auf das Rathaus der Stadt zusteuert und mit kritischem Blick die Eingangstür mustert.

Zum Kennenlernen: Das Forschungsprojekt "eSociety Bodensee 2020"


Barrierefreiheit auf die Agenda setzen

Um die Barrierefreiheit in der Bodenseeregion zu analysieren, greifen Raffl und Team auf die Wheelmap-Karte vom Verein Sozialhelden e.V. zurück, die öffentliche Orte nach einem einfachen Ampelsystem bewertet. Dieses Prinzip „erleichtert Rollstuhlfahrern und anderen Menschen mit Mobilitätseinschränkung den Alltag und ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben.“ Ähnlich wie beim Online-Lexikon Wikipedia könne jeder beim „Mappen“ mitmachen: Die Karten basieren auf der Open Street Map – einem großen Online-Atlas, der für jeden offen und frei zur Verfügung steht. Ziel der Aktion sei es, die Bevölkerung und die Politik in der Bodensee-Region auf die Themen Barrierefreiheit und soziale Inklusion aufmerksam zu machen und aufzuzeigen, wo bereits Erfolge erzielt wurden und wo noch Handlungsbedarf besteht: „Es geht uns ganz einfach darum, das Thema Barrierefreiheit auf die Agenda zu setzen“, sagt Raffl.

Eine Rampe hilft Rollstuhlfahrern durch den Alltag: Bei der Aktion "Tausendundeine Rampe für Deutschland" verteilten die Sozialhelden bundesweit 200 Rampen.
Eine Rampe hilft Rollstuhlfahrern durch den Alltag: Bei der Aktion "Tausendundeine Rampe für Deutschland" verteilten die Sozialhelden bundesweit 200 Rampen.

„Das Rathaus ist in Ordnung“, stellt das Team wenig später beruhigt fest und rollt die 90 Zentimeter lange Schnur wieder auf. Mit diesem dünnen Band testen die Teilnehmer der Mapping-Aktion, ob Eingangstüren breit genug für große Rollstühle sind. Die Behörde hat alles richtig gemacht: Zur Belohnung gibt es grünes Licht auf der Rollstuhl-Ampel. Äußerst praxisnah klingt das alles, doch auch der wissenschaftliche Aspekt hinter dem Forschungsprojekt ist groß: „Alle beteiligten Wissenschaftler wollen im Rahmen des Projekts Impulse für offene gesellschaftliche Innovationen in der Region setzen“, beschreibt Raffl die Motivation. Die Mapping-Aktion zeige, wie die Umsetzung dieser Idee im sozialen Bereich funktionieren kann. Vom Prinzip des „Crowdsourcing“ sprechen Wissenschaftler, wenn es darum geht eine bestimmte Arbeit an eine unbekannte Masse von Menschen auszulagern, die dann gemeinsam an Problemlösung oder Innovation für ein Projekt arbeitet.

Von der „Weisheit der Vielen" profitieren

Vereinfacht nennen sie diese Idee „Weisheit der Vielen“ – „Je mehr Menschen sich beteiligen, umso besser werden die Informationen, umso präziser die Daten.“ Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass am Ende keine höhere Instanz für die Überprüfung der Daten verantwortlich ist: „Die Kontrolle der Angaben erfolgt nur durch andere, gleichberechtigte Nutzer, die letztlich entscheiden, ob die Daten ‚wahr’ sind“, räumt Raffl ein. Gerade die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis macht dabei für sie einen besonderen Reiz aus: „Wir setzten mit unserem Experiment einen Impuls, um anschließend diese Initiativen und Prozesse zu untersuchen.“ Ihr Projekt sei dabei eine Art Feldtest, um die Akteure in der Region zu identifizieren, Kontakt zu ihnen herzustellen und sie dann zu Motivationen und Erfahrungen zu befragen.

Wheelmap verknüpft in einer kostenlosen Applikation Spaß mit einem Dienst für die Gesellschaft. Eine Bewertung ist schnell abgegeben - das motiviert.
Wheelmap verknüpft in einer kostenlosen Applikation Spaß mit einem Dienst für die Gesellschaft. Eine Bewertung ist schnell abgegeben - das motiviert.

Eine Idee, die nicht nur an der Zeppelin Universität für Begeisterung sorgt: Finanziert wird das Forschungsprojekt von der Internationalen Bodensee-Hochschule und mit weiteren Teams sind auch Liechtensteiner und Schweizer Wissenschaftler an Bord: Das Friedrichshafener Team identifiziert und befragt die Akteure der Region, um konkrete Anforderungen an offene gesellschaftliche Innovationen kennenzulernen. Die Schweizer Hochschule für angewandte Wissenschaften in St. Gallen ist in erster Linie für die Entwicklung eines Werkzeugkastens auf Basis verfügbarer Software verantwortlich, während die Liechtensteiner Kollegen die Motivation aller Beteiligten herausfinden wollen.


„Am dortigen Institut für Wirtschaftsinformatik will man vor allem herausfinden, was Menschen motiviert, sich ehrenamtlich oder politisch zu beteiligen. Sind sie von sich aus motiviert, oder hilft es, wenn sie einen Preis gewinnen können“, beschreibt Raffl die leitenden Forschungsfragen. Immer wieder lassen die drei Teams ihre Erfahrungen zusammenfließen, organisieren Veranstaltungen oder veröffentlichen Grundsatzdokumente, um offenen gesellschaftlichen Innovationen auf den Grund gehen.

Die wenigsten Aktiven handeln aus purem Altruismus

Eine Teilnehmerin der Mapping-Aktion geht in die Hocke und zieht mit Schwung an der Tür der Friedrichshafener „St. Nikolaus“-Kirche. Mit Anstrengung geht das Öffnen von der Hand, aber wenigstens rastet die Tür ein und gibt genügend Zeit, hindurchzukommen. Mit etwas gutem Willen gibt es auch für das Gotteshaus grünes Licht. „Im Alltag finden wir viele Beispiele, die zeigen, dass Menschen grundsätzlich motiviert sind, sich zu beteiligen,“ erklärt Raffl und kommt auf die Frage nach der Motivation zurück. Viele Menschen engagieren sich. Sie sind in Vereinen aktiv, demonstrieren gegen Bauprojekte oder helfen Unternehmen bei der Gestaltung ihrer neuesten Produkte.

Die einfache Ampel ermöglicht jedem Handy-Besitzer auch von unterwegs, beim "Mapping" mitzumachen - Dafür braucht es neben einem kritischen Blick nichts mehr.
Die einfache Ampel ermöglicht jedem Handy-Besitzer auch von unterwegs, beim "Mapping" mitzumachen - Dafür braucht es neben einem kritischen Blick nichts mehr.

Auch wenn es um die Produktion von Wissen und Information ginge, ließen sich ausreichend motivierte Menschen finden. Nicht umsonst würde immer wieder auch auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia verwiesen. Mit dem Webbrowser Firefox, Linux-Betriebssystemen oder der Schreibsoftware OpenOffice sind weitere Beispiele schnell gefunden. 


Gerade aus der Forschung von „Open Source Communities“ wisse man aber auch, dass sich viele Menschen nicht aus reinem Altruismus beteiligen. „Wer hier aktiv ist, will ein bestimmtes Produkt realisieren, Ansehen erlangen oder vielleicht sogar einen Job bekommen. Ein Beitrag für eine bessere Gesellschaft steht nicht wirklich im Vordergrund“, bestätigt Raffl und will genau deshalb die Motivation der Menschen anpacken. Schließlich könne es auch ein einfacher Nutzen sein, von anderen Menschen respektiert zu werden. Wenn eine Aufgabe gleichzeitig spannend und herausfordernd aber trotzdem einfach, spaßig und schnell zu erledigen ist, sei der Griff zu Wheelmapping-App nicht mehr weit. Und am Ende sei es dann fast egal, ob man einen neuen Turnschuh designt, einen Wikipedia-Artikel angelegt oder eben Orte hinsichtlich ihrer Barrieren bewertet.

Zum Mitmachen: Der Verein Sozialhelden e.V. und sein Projekt "Wheelmap.org"


„Behindert ist, wer Hilfe braucht."

Hunderte Orte gibt es alleine in Friedrichshafen zu „mappen“. Noch zieren unzählige graue Flecken die Karte der Stadt, aber auch immer mehr Farbtupfer machen sich breit. Längst nicht alle hat das Team um Celina Raffl persönlich besucht. Die unbekannte Masse in Bewegung zu bringen, scheint zu funktionieren. Den Menschen zu zeigen, welche Vorteile sie haben, wenn sie mitmachen, sei die Kunst jeglicher großer Beteiligungsprojekte, sagt Raffl: „Denn am Ende sind es eben nicht nur Rollstuhlfahrer, die etwas vom Projekt haben, sondern auch Menschen die einen Kinderwagen schieben und mit Einkaufstaschen bepackt versuchen ihren Weg durch die Stadt zu finden. Menschen, mit einem Gipsbein und Menschen mit Rollatoren.“


Gerade mit Blick auf den demografischen Wandel offenbart sich hier eine Zielgruppe, die in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen wird. Ihre Forschungsergebnisse wollen die Wissenschaftler nun an Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Engagierte und Medienvertreter weiterreichen. Praktiker sollen ein Handbuch mit verschiedenen Werkzeugen zu gesellschaftlichen Innovationen an die Hand bekommen und Forscher mit neuen Impulsen für ihre eigenen Ideen versorgt werden.

Raul Krauthausen und das Team von Sozialhelden e.V. stecken hinter der Wheelmap. Für 10% der Menschen ist Barrierefreiheit zwingend nötig - Sie sind gehbindert.
Raul Krauthausen und das Team von Sozialhelden e.V. stecken hinter der Wheelmap. Für 10% der Menschen ist Barrierefreiheit zwingend nötig - Sie sind gehbindert.

„Behindert ist, wer Hilfe braucht. Früher oder später sind wir alle behindert,“ sagt Raul Krauthausen. Seit dem 10. April trägt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Zusammen mit seinem Cousin gründete er den Verein Sozialhelden e.V., der hinter der Wheelmap steckt. Bereits heute ist Barrierefreiheit für 10% der Bevölkerung absolut nötig – sie sind gehbehindert. Für 30% ist sie hilfreich und für wirklich jeden ist es komfortabel, die eine oder andere Treppenstufe sparen zu können.


Für Raffl ist und bleibt es aber fraglich, ob Menschen, die nicht direkt in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, weitsichtig genug sind, beim „Mapping“ mitanzupacken. Für heute hat sie es dann aber doch geschafft. Ein Teilnehmer der Mapping-Aktion drückt einem interessierten Passanten, der sich gerade die passende kostenlose Applikation auf seinem Handy installiert hat, ihr kleines Maßband in die Hand. Wenige Minuten später leuchtet ein neuer, roter Punkt in der Friedrichshafener Innenstadt: Es gibt noch viel zu tun.


Titel: benicce (Photocase.com)

Text: Eigener Screenshot (Wheelmap.org) | 4 x Melanie Wehnert (Sozialhelden e.V.)

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