Nachhaltigkeit

Weiter wachsen ist Wahnsinn

In einer Wettbewerbsgesellschaft werden Ressourcen nie vernünftig gehandhabt werden. Wir brauchen Nachhaltigkeit by design and not by disaster.

Andreas Siemoneit
Autor von Futur III
 
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    Zur Person
    Andreas Siemoneit

    Andreas Siemoneit wurde 1967 in Köln geboren. Nach seinem Physik-Diplomstudium an der TU Berlin entschloss er sich zu einem Aufbaustudium in Wirtschaftsingenieurwesen an der Beuth-Hochschule für Technik. Danach arbeitete er als Wirtschaftsingenieur und Softwareentwickler, bis er sich entschied, „nicht mehr länger an der vordersten Front der Beschleunigung mitzuarbeiten“. Stattdessen schreibt er seitdem an Futur III, seiner eigenen „politischen Theorie der Nachhaltigkeit“. Siemoneit ist Mitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie, des Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, von Bündnis 90/Die Grünen und aktiv im Netzwerk Wachstumswende.

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Noch bevor Andreas Siemoneit anfängt zu sprechen, wirkt er bereits ein wenig erschöpft. Auf seiner Stirn glitzern ein paar Schweißperlen, die Ärmel seines Hemdes hat er hochgekrempelt. Zwar findet die Veranstaltung im ersten Stock statt, doch eigentlich schaut Siemoneit nicht so aus, als könnte ihn die Wendeltreppe der Zeppelin Universität aus der Puste bringen.

Und in der Tat sind die paar Treppenstufen nicht der Grund für seine Anstrengung. Im Gegensatz zu manch anderem Gastdozenten an der Zeppelin Universität hat Siemoneit eine schweißtreibende Anreise hinter sich. Flugzeug und Taxi kommen für ihn nicht in Frage, die Bahn, ein Bus und seine Füße haben ihn nach Friedrichshafen gebracht.

Dieser Verzicht ist nur konsequent, denn Siemoneit hat sich dem „Kampf gegen die Beschleunigung“ verschrieben, wie er selbst sagt. Unsere Gesellschaft leide am Zwang zum „Schneller, höher, weiter“ und darauf hat Siemoneit keine Lust mehr. „Kein Auto, kein Fernsehen, keine Vollzeitstelle, kein Handy und schon gar kein Smartphone“, so beschreibt er auf seiner Webseite seine Vision einer „radikal einfacheren Welt“.

"Schneller, höher, weiter!" Das olympische Motto ist zum Leitmotiv für die moderne Leistungsgesellschaft geworden. Siemoneit will damit Schluss machen.
"Schneller, höher, weiter!" Das olympische Motto ist zum Leitmotiv für die moderne Leistungsgesellschaft geworden. Siemoneit will damit Schluss machen.

Diese Vision nennt er „Futur III“, und wegen dieser Vision ist er auf Einladung des European Center for Sustainability Research (ECS) an die ZU gekommen. Doch mit den meisten ökonomischen Theorien, die hier normalerweise gelehrt werden, steht Futur III auf Kriegsfuß. Wenn es überhaupt eine Gemeinsamkeit gibt, dann die Beschreibung der Ausgangslage: Wir leben in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, technischer Fortschritt hat Produktivität, Lebensstandard und Ressourcenverbrauch in die Höhe schnellen lassen, unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum angewiesen. Diese Grundannahmen teilt Siemoneit mit den meisten Ökonomen.

Doch die Konsequenzen, die er daraus ableitet, unterscheiden sich fundamental. Ein Teil der Ökonomen hält stetiges Wachstum für machbar und grundlegende Reformen für überflüssig. Andere sind überzeugt, dass wir effizienter und ökologischer wirtschaften müssen, um dem Versiegen der natürlichen Ressourcen und damit dem Kollaps des Wirtschaftssystems vorzubeugen. Zu ihnen gehört etwa der grüne Vordenker Ralf Fücks. In seinem Buch „Intelligent Wachsen“ skizziert er eine „grüne industriellen Revolution“. Doch bereits der Titel lässt keinen Zweifel, dass auch Füchs sich nicht von der Idee verabschieden möchte, dass Wachstum notwendig ist; nur dadurch könne langfristig Wohlstand sichergestellt werden.

Das Dilemma des Rebound-Effekts

Andreas Siemoneit glaubt nicht, dass das funktionieren kann. „Der Club of Rome hat vor 40 Jahren klar gemacht, dass wir mit unserem Wachstumsmantra zielsicher in den Abgrund steuern. Seitdem diskutieren wir über Nachhaltigkeit. Aber gebracht hat es nichts.“ Zwar werde die Produktionsweise immer effizienter, doch gleichzeitig nehme auch der Konsum zu. Der sogenannte Rebound-Effekt führe dazu, dass die Effizienzsteigerung den Ressourcenverbrauch sogar noch steigen lasse: Wenn Autos weniger Sprit verbrauchen, fangen Menschen an, mehr Auto zu fahren, weil sie sich das jetzt ja leisten können.

„Das Saldo ist insgesamt negativ“, meint Siemoneit. „Eine Politik grünen Wachstums wird unsere Probleme nicht lösen, sondern höchstens verschieben.“ Deshalb fordert er: weg mit dem Wachstumswahn, her mit einem radikalen Umbau und echter Nachhaltigkeit! Siemoneit bezeichnet Wachstum als „Angebot, das man nicht ablehnen kann“ und beschreibt seine Verführungstheorie des Konsums: „Gerissene Unternehmen produzieren permanent neue Innovationen und verführen Lieschen Müller mit Hilfe gerissener Werbefachleute zum Kauf.“ Diese Lust am Konsum entspreche nicht dem Naturell des Menschen, ist sich Simoneit sicher, sondern entstehe erst durch das gesellschaftliche Umfeld. Seiner Meinung nach sind dafür fünf Fehlentwicklungen ausschlaggebend:

1. Besserstellung durch Verbrauch
Heutzutage bedeute ein Mehr an Ressourcenverbrauch häufig einen Wettbewerbsvorteil: Metzger schweißen ihre Ware in Plastik ein, um sie länger haltbar zu machen; Getränkemärkte verkaufen überregionale Biersorten, die viele hundert Kilometer transportiert werden müssen; Gastronomen stellen Heizpilze auf, weil die zusätzlichen Einnahmen den Energieverbrauch überkompensieren.

Kurzum: Der Ge- und Verbrauch ökologischer Ressourcen erweitert das Leistungsspektrum und verschafft einen Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Wollen diese nicht abgehängt werden, müssen sie automatisch mitziehen. Was viele Ökonomen schlicht als Fortschritt bezeichnen und für gesunden Wettbewerb halten, ist für Siemoneit eines der Grundübel der Moderne: „In einer Wettbewerbsgesellschaft werden Ressourcen nie vernünftig gehandhabt werden. Wir brauchen Nachhaltigkeit by design and not by disaster.“

Den unaufhörlich steigenden Ressourcenverbrauch hält Siemoneit für ein zwangsläufiges Ergebnis unseres am Wettbewerb orientierten Wirtschaftssystems.
Den unaufhörlich steigenden Ressourcenverbrauch hält Siemoneit für ein zwangsläufiges Ergebnis unseres am Wettbewerb orientierten Wirtschaftssystems.

2. Effizienzkonsum
Konsum ist ökonomisch notwendig: Viele Arbeitgeber verlangen permanente Erreichbarkeit und das Nutzen von Smartphones; in ländlichen Regionen braucht es fast zwingend ein Auto, um zur Arbeit zur kommen; Mailadresse und Facebook-Account werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Wer diesen technischen Fortschritt nicht nutzt, muss mit sozialen und finanziellen Mehrkosten rechnen.

Siemoneit vergleicht uns mit Cyborgs: Mittlerweile sei es gang und gebe, bestimmte Nachteile durch technische Lösungen wettzumachen. Ein Cochleaimplantat gibt Gehörlosen einen Teil ihrer akustischen Wahrnehmung zurück, der farbenblinde Künstler Neil Harbisson hat sich einen Eyeborg gebastelt, mit dem er Farben hören kann. Bislang dienten solche „Enhancements“ meist der Kompensation von Nachteilen – doch schon am Beispiel des Hirndoping zeige sich, dass auch Gesunde zunehmend darauf zurückgriffen. Immer effizienter, immer produktiver – vor dieser Entwicklung warnt Siemoneit.

3. Innovation als Quelle von Ungerechtigkeit
Innovation ist ein rundum positiver besetzter Begriff. Siemoneit kann das nicht verstehen: „Innovationen ziehen Kollateralschäden nach sich, weil sie alte Technologien entwerten und überflüssig machen.“ Diese „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) führe zu Arbeitslosigkeit und erhöhe den Druck auf den Einzelnen. Jede Innovation stelle Verteilungsungerechtigkeit immer neu her und ordne Gewinner und Verlierer neu. Dadurch sei es unmöglich, ein faires Gleichgewicht zu erreichen.

4. Große wirtschaftliche Organisationen (GWO)
Laut einer Studie der ETH Zürich kontrollieren lediglich 147 Konzerne 40 Prozent der ökonomischen Strukturen weltweit. Diese Firmen bezeichnet Siemoneit als GWOs. Für ihn sind sie ein natürlicher Feind von Nachhaltigkeit. Die Interessen der Konzerne würden mit zunehmender Größe zu gesellschaftlichen Interessen, ihr Wohlergehen bisweilen zur „nationalen Aufgabe“. Innerhalb einer GWO sinke durch Spezialisierung das Verantwortungsgefühl des Einzelnen, das Geschäftsmodell werde zur Identitätsfrage der Angestellten erhoben.

5. Arbeitsrecht als Konsumvertrag
Für Siemoneit stellt das geltende Arbeitsrecht einen Wachstumstreiber dar. Der Kündigungsschutz bedeute einen Auslastungszwang für die Unternehmen, während kein Abnahmezwang für Konsumenten existiere. Kurzarbeit und Werkverträge seien der unzureichende Versuch der Unternehmen, dieser Asymmetrie entgegenzuwirken. Allerdings möchte Siemoneit seine Überlegungen nicht als „Plädoyer für eine neoliberale Aufweichung des Arbeitsrechts“ verstanden wissen, sondern vielmehr als Denkanstoß für mögliche Lösungsansätze.

Viel Kritik, wenig Alternativen

Für die aktuelle Situation wählt Siemoneit das Bild einer schiefen Ebene: „Der Weg abwärts, sprich: Effizienz, Verbrauch, Konsum, ist leichter als der Weg aufwärts, etwa mittels mehr sozialer Gerechtigkeit oder Konsumgrenzen.“ Das führt ihn zur entscheidenden Frage: „Wie kann man diese Ebene begradigen?“

Eine echte Antwort hat Siemoneit darauf nicht; zumindest noch nicht. Zwar versteht er sich selbst als einen Vertreter des Liberalismus und möchte seine Vision einer nachhaltigen und sozial gerechten Gesellschaft mit einem Minimum an normativen Vorgaben erreichen. Doch seine bisherigen Vorschläge sind genau das: So fordert er Verbrauchsobergrenzen auch für nicht knappe Ressourcen, Vermögens- und Unternehmensobergrenzen als soziale Institution gegen Ungleichheit und eine Kontrolle des Bevölkerungswachstum.

Das alleine wird nicht als Grundlage für die „politische Theorie der Nachhaltigkeit“ reichen, die Siemoneit vorschwebt, und die er in den nächsten Jahren entwickeln möchte. Siemoneit erklärt zwar, wie eine nachhaltige Gesellschaft aussehen könnte, den Weg dahin aber bleibt er schuldig. So ist sein Vortrag in erster Linie eine treffende Problemanalyse. Und damit – auch ohne Patentlösungen anbieten zu können – ein gelungener Anstoß, über den Sinn und Unsinn von Wachstum nachzudenken.

Titelbild: kaibieler | photocase.com

TextToby Jagmohan (CC BY-ND 2.0) | Colectivo Desazkundea (CC BY-NC 2.0)

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