Fleißig, pünktlich, trinkfreudig?

Deutschland in den Augen der Welt

Wie hätten SIE es denn gern? Haben wir eine gemeinsame Vorstellung darüber, welche Rolle wir im Ausland spielen sollten, wollten, können und auch vielleicht dürfen?

Prof. Dr. Helmut Wilke
Inhaber des Lehrstuhls für Global Governance
 
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    Zur Person
    Prof.Dr. Helmut Wilke

    Prof. Dr. Helmut Willke ist Inhaber des ZU-Lehrstuhls für Global Governance und hat zudem Gastprofessuren in Washington, D.C., Genf und Wien inne. Der studierte Rechtswissenschaftler und Jurist lehrte zuvor in Bielefeld und wurde 1994 mit dem Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Willke forscht schwerpunktmäßig in den Bereichen globale Netzwerke und Steuerungsregime, sowie System- und Staatstheorie.

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    Factbox
    Nachhaltig, innovativ, wirksam: die GIZ

    Nicht mit der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) verwechseln: Die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist eine staatliche Entwicklungszusammenarbeitsorganisation. Sie ist am 1. Januar 2011 aus der Verschmelzung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Internationalen Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (InWEnt) und dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) hervorgegangen.


    Der GIZ kommt die Aufgabe der Ausführung der durch den Auftraggeber vereinbarten Technischen Zusammenarbeit zu. Die Technische Zusammenarbeit besteht vor allem aus Beratung, Finanzierungsbeiträgen, Entwicklungsleistungen, Aufbau und Förderung von Projektträgern, Bereitstellung von Ausrüstung und Material und der Erstellung von Studien und Gutachten. Darüber hinaus ist die GIZ in der internationalen Bildungsarbeit tätig.

    Mehr über Dr. Christoph Beier

    Erfahren sie auf der Seite der GIZ mehr zur Person Dr. Christoph Beier

    Mehr zum "Dialog über Deutschlands Zukunft"

    Wie sieht Deutschland in fünf bis zehn Jahren aus? Wie wollen wir gegen Ende des Jahrzehnts leben? Diese Frage diskutierte die Bundeskanzlerin von Mai 2011 bis Juli 2012 mit über 120 Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis unter der Überschrift "Menschlich und erfolgreich. Dialog über Deutschlands Zukunft".


    Drei große Fragestellungen stehen dabei im Mittelpunkt:
    1. Wie wollen wir zusammenleben?
    2. Wovon wollen wir leben?
    3. Wie wollen wir lernen?


    Die Kanzlerin wollte aber nicht nur mit Wissenschaftlern und Praktikern über Deutschlands Zukunft sprechen, sondern auch die Ideen der Bürgerinnen und Bürger und der Zivilgesellschaft kennenlernen und diskutieren. Deshalb haben wir dem Dialog mit den Experten einen Bürgerdialog zur Seite gestellt.

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    Dossier
    Die komplette Studie "Deutschland in den Augen der Welt" zum Nachlesen
    GIZ
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Zur Studie

Die komplette Studie "Deutschland in den Augen der Welt" zum Nachlesen


Wofür wird Deutschland besonders geschätzt, was kann unser Beitrag für eine Welt im Umbruch sein und an welchen Stellen besteht Handlungsbedarf? Diesen Fragen ging ein Expertenteam rund um Dr. Christoph Beier im Rahmen des „Dialogs über Deutschlands Zukunft“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach, bei dem 133 Experten aus Wissenschaft und Praxis seit dem Frühjahr 2011 über neue Formen des Zusammenlebens und Lernens reflektierten. Um den blinden Fleck der eigenen inneren Perspektive zu umgehen, richtete Beier den Blick ins Ausland. Im Zuge einer Erhebung begaben sich Beier und sein Team auf Spurensuche nach dem momentanen Deutschlandbild in der Welt. Dafür führten die Experten offene Gesprächen mit ausgewählten Persönlichkeiten aus 21 Ländern. Obwohl die Ergebnisse der qualitativen Studie bereits 2012 veröffentlicht wurden, haben sie nach Beiers Ansicht doch eine „unglaubliche Dynamik entfaltet" und besitzen gerade in Betrachtung der Krise in der Ukraine eine „ungeahnte Aktualität".

Mehr zum "Dialog über Deutschlands Zukunft"


Der stellvertretende Vorstandssprecher der GIZ, Christoph Beier, war als einer von 18 Kernexperten an der Erarbeitung der Handlungsvorschläge für den "Dialog über Deutschlands Zukunft" beteiligt. Bei der BürgerUni stellte er den Besuchern die Ergebnisse der dafür durchgeführten Studie vor.
Der stellvertretende Vorstandssprecher der GIZ, Christoph Beier, war als einer von 18 Kernexperten an der Erarbeitung der Handlungsvorschläge für den "Dialog über Deutschlands Zukunft" beteiligt. Bei der BürgerUni stellte er den Besuchern die Ergebnisse der dafür durchgeführten Studie vor.
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Deutschland in den Augen der ZUler

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Hohe Wirtschaftskraft, viele Regelwerke und Kirchensteuer

Die Kernaussagen der Studie zeigen, dass Deutschland vom Ausland sehr unterschiedlich gesehen wird. Generell ist die Wahrnehmung ausgesprochen positiv. Diese Erkenntnis decke sich mit repräsentativen Umfragen von der BBC oder vom Goethe Institut, erzählt Beier. Andererseits gibt es aber kritische und nachfragende Stimmen.


Die Teilnehmer der Studie nehmen Deutschland vor allem durch seine Wirtschaftskraft und das Thema Nachhaltigkeit wahr, aber auch über verschiedene Produkte wie Automobile oder Haushaltsgeräte „made in Germany“. Darüber hinaus sind wir im Ausland für einen rationalen und integrativen Diskurs bekannt. Besonders die daraus resultierenden kollektiven Entscheidungsprozesse und das tiefe demokratische Grundverständnis werden geschätzt.


Viele Gesprächspartner der Studie sehen Deutschland als ein Land mit einem hohen Maß an persönlicher Freiheit für jeden Einzelnen. „Der ‚American Dream’ bedeutet: Jeder kann alles werden – Der ‚German Dream’ bedeutet: Jeder kann die Vorteile Deutschlands genießen: soziale Sicherheit, Infrastruktur, Freiheit, Bildung, Umwelt und Lebensqualität“, findet ein israelischer Teilnehmer der Studie.


Doch für viele hat diese Freiheit einen Haken, denn sie beruht auf komplizierten Systemen und Regelwerken. Nicht alle Vorschriften seien dabei gut durchdacht, findet ein französischer Befragter: „Die Deutschen haben viele unreflektierte Prinzipien und Regeln. Z.B. bei roten Ampeln, auch während des Karnevals in Köln, bleiben alle stehen.“ Und ein Interviewpartner aus Kasachstan empfindet die Regelungswut der Deutschen gar als freiheitsbeschneidend: „Ich möchte nicht in Deutschland leben, die Freiheit ist sehr gering, für alles gibt es Kontrollen und Strafen, das ist mir einfach zu viel Kontrolle. Es scheint, selbst die Pilze im Wald werden gezählt und beschriftet.“ 


Eher kritische Töne und Verwunderung löst die deutsche Migrationsdebatte aus. Diese empfinden viele als nicht rational und unnötig problematisiert, da Deutschland z.B. unter einem Fachkräftemangel leidet und so auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist.


Einen Widerspruch sehen viele Befragte zwischen der säkularisierten Gesellschaft und der Existenz der Kirchensteuer, die wohl in keinem anderen Land eine Chance hätte.


Die Mehrheit der Befragten lobt vor allem das deutsche Bildungssystem, das eine kostenlose, aber auch qualitativ hochwertige Bildung für alle ermöglicht. Besondere Wertschätzung erfahren auch das duale Ausbildungssystem sowie das deutsche Handwerkertum.


Beim Thema Innovationsfähigkeit sind die deutschen Hochschulen wegen rigider Strukturen und fehlender Exzellenzförderung nicht in der Spitzengruppe angesiedelt. Hier raten viele Stimmen zu einer stärkeren Internationalisierung, um einen stärkeren Austausch zu gewährleisten.


Auf den ersten Blick wirken wir Deutsche nüchtern, organisiert und effizient, auf den zweiten dann aber auch verbindlich, solidarisch und respektvoll. Die Wertschätzung ist geprägt durch das Tun, nicht das Sein. Doch dieses Bild befindet sich im Wandel, erklärt Beier: Am Beispiel Berlins oder durch die Fußball-WM, die 2006 in Deutschland ausgetragen wurde, wird auch im Ausland deutlich, dass Deutschland offener und lockerer wird.

Die von Beier und seinem Team herausgearbeiteten Annahmen zeugen, dass vieler Länder eine stärkere Rolle Deutschlands innerhalb Europas, aber auch weltweit, erwarten. Doch scheint Deutschland derzeit in den Augen der Welt für eine solche Rolle noch nicht vorbereitet zu sein oder sich in ihr nicht recht wohl zu fühlen.
Die von Beier und seinem Team herausgearbeiteten Annahmen zeugen, dass vieler Länder eine stärkere Rolle Deutschlands innerhalb Europas, aber auch weltweit, erwarten. Doch scheint Deutschland derzeit in den Augen der Welt für eine solche Rolle noch nicht vorbereitet zu sein oder sich in ihr nicht recht wohl zu fühlen.

Deutschland soll führen, aber nicht dominieren

Aus dieser positiven Einschätzung ergeben sich neue Erwartungen an die Rolle Deutschlands in der Welt. Als friedliebende Politik- und Wirtschaftsmacht, die innergesellschaftlich Mechanismen zur Konsensfindung über die wirtschaftliche Entwicklung und soziale Sicherheit entwickelt hat, soll das Land international mehr Führung übernehmen und nicht immer vorsichtig aus zweiter Reihe agieren. Die Forderung ist jedoch hochambivalent, stellt Beier klar. Die Angst vor zu autoritärer Führung, die auch von den Besuchern der BürgerUni angemerkt wirkt, ist an vielen Stellen noch vorhanden. Doch Führung ist heute als „Leadership“ zu verstehen, erklärt Willke. Es gehe nicht um das Übernehmen eines autoritären Führungsstils oder um Alleingänge, sondern um ein viel komplexeres vielschichtigeres Modell, das integrativ, konsens- und dialogorientiert ist. 


Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2014 haben sowohl Bundespräsident Joachim Gauck als auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hervorgehoben, dass sich die Bundesrepublik als guter Partner früher, entschiedener und substantieller einbringen sollte. Als global vernetzte Volkswirtschaft profitiert Deutschland von der offenen Ordnung der Welt und muss umso mehr internationale Verantwortung zeigen.

Gemeinsam diskutierten Prof. Dr. Helmut Willke und Dr. Christoph Beier über die Zukunft der deutschen Entwicklungspolitik. Im April 2014 findet in Mexiko ein lang erwartetes Ministertreffen der globalen Partner­schaft für wirksame Entwicklungskooperationen stand, bei dem gemeinsame Leitlinien, wie es weltweit mit der Entwicklungszusammenarbeit weitergehen soll, festgelegt werden.
Gemeinsam diskutierten Prof. Dr. Helmut Willke und Dr. Christoph Beier über die Zukunft der deutschen Entwicklungspolitik. Im April 2014 findet in Mexiko ein lang erwartetes Ministertreffen der globalen Partner­schaft für wirksame Entwicklungskooperationen stand, bei dem gemeinsame Leitlinien, wie es weltweit mit der Entwicklungszusammenarbeit weitergehen soll, festgelegt werden.

Nur mal kurz die Welt retten is’ nicht!

Was heißt das konkret für die deutsche Entwicklungspolitik und die Arbeit der GIZ? Gerade in den letzten Jahren ist eine diskursive Debatte über die Zukunft der Entwicklungspolitik entstanden. Forderungen, die Arbeit vor allem in Afrika ganz zu beenden, da diese nur Korruption und Ungleichheit fordere, wurden in der Vergangenheit immer lauter. Andererseits hat die Armutsbekämpfung in den letzten Jahren positive Effekte erzielt. Für Beier ist ein Ende der Entwicklungszusammenarbeit und eine reine Fokussierung auf nationale Probleme undenkbar: „Es wäre naiv, zu denken, dass wir erst vor der eigenen Haustüre aufräumen und uns dann in die Welt wagen. Dazu sind wir in einer globalen Welt viel zu vernetzt.“ Wohin geht es also?

Die Zeiten einer asymmetrischen und paternalistischen „Entwicklungshilfe“ müssen nach Meinung Beiers schon lange überwunden sein. Stattdessen stehen neue Formen des globalen Lernens sowie der internationalen Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Mittelpunkt. Hier muss Deutschland und auch die Entwicklungsarbeit der GIZ neue Formen der Kommunikation und Koordination entwickeln. Als Beispiel führt Beier das Energieeinspeisegesetz als deutschen Exportschlager auf, zu dem Unternehmen in Brasilien alternative Anwendungsmethoden entwickelt haben. Doch zu tief in das Thema einsteigen möchte Beier an diesem Abend nicht. Dafür verspricht er, wieder zu kommen, um über neue, konkrete Formate der Entwicklungspolitik zu diskutieren. 



Titelbild: Ivan McClellan (CC BY 2.0) / flickr.com

Bilder im Text: Maximilian Klein / Zeppelin Universität

Nachhaltig, innovativ, wirksam: die GIZ


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