Internet

Eine Gefahr für die Demokratie?

von Professor Dr. Klaus Schönbach | Zeppelin Universität
26.10.2012
Die Nachrichtenfreude gerade an der ungeheuren Bandbreite des aktuellen Geschehens wird in Gefahr gebracht durch ständiges Nachdenken: ‚Muss ich das jetzt wissen?'

Professor Dr. Klaus Schönbach
 
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    Zur Person
    Professor Dr. Klaus Schönbach

    Professor Dr. Klaus Schönbach hat den Lehrstuhl für Allgemeine Kommunikationswissenschaft der Universität Wien inne und ist dort Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Er ist Honorarprofessor für Medienwissenschaft an der Zeppelin-Universität und Honorary Fellow der Amsterdam School of Communication Research (ASCoR), Universität Amsterdam.

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    Factbox
    „Sind Online-Informationsmedien gefährlich für die Demokratie?" (2002-2007)

    Schönbachs Untersuchung zum Thema „Sind Online-Informationsmedien gefährlich für die Demokratie?" begann mit einer Studie in den Niederlanden: Anhand einer zweiwelligen Panelbefragung, repräsentativ für die erwachsene niederländische Bevölkerung, zeigte sich 2002, dass Online-Zeitungen als „Research-Medien“ die öffentliche Tagesordnung verengten – im Unterschied zu „Display-Medien“ wie Fernsehen, Tageszeitungen und Zeitschriften, aber auch zu „news sites" im Internet. Als Grund wurde befürchtet, dass zuviel „user control" über den Inhalt der Medien die Einzelnen nicht mehr mit Themen konfrontiert, für die sie sich nicht von vornherein interessieren.

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Warum sollte das Internet denn gefährlich für die Demokratie sein? Es senkt doch die Schwelle für die Teilnahme am Diskurs der Gesellschaft? Zudem macht es Informationen zur Politik in einer Fülle zugänglich, von der wir früher nicht einmal hätten träumen können. Aber genau hier sah ich vor zehn Jahren die Gefahr (und war damit natürlich nicht allein): Was, wenn die ungeheure Angebotsvielfalt eben nicht dazu genutzt wird, sich umfassend zu informieren? Sondern dazu, endlich alles Politische gnadenlos auszublenden? Und selbst wenn sich jemand politischer Information im Internet aussetzt – dann vielleicht nur der, die zu seinen oder ihren Vorurteilen passt? Wo bleibt dann aber der demokratische Diskurs, wenn jeder nur über seine hochindividuellen Hobbys Bescheid weiß?


Meine erste Untersuchung dazu zeigte 2002 in der Tat Alarmierendes: Wer sich vornehmlich aus der Online-Ausgabe einer Tageszeitung informiert, kann durchschnittlich weniger Themen der aktuellen öffentlichen Diskussion nennen als diejenigen, die die Druckfassung einer Zeitung lesen.

Studie zu Research-Medien (2002 - 2007)


Nach einer ganzen Reihe von weiteren Studien allerdings denke ich: alles doch nicht so schlimm. Immer wieder kam nämlich zum Vorschein: Die Allermeisten sind an aktuellen Informationen über die Welt interessiert – auch an Politik. Das Informations-Eremitentum, wie es der amerikanische Präsidentenberater Cass Sunstein seit 2001 nicht müde wird zu beschwören, ist eher ein pathologisches Randphänomen. Natürlich ist dieses Nachrichten-Interesse oft nicht sehr tiefgründig. Nur: Die Furcht, dass jetzt die meisten nicht mehr wissen, dass es eine Eurokrise, Wahlen in den USA und Probleme in Syrien gibt, ist offenbar nicht berechtigt.

User wollen professionell überrascht werden

Auch die Auswahl, die das Publikum innerhalb politischer Nachrichten trifft, ist nicht so einseitig ideologisch. Ja – Leute, die einer bestimmten politischen Richtung nahestehen, wenden sich durchaus häufiger als Andere den Informationen im Internet zu, die diese Haltung zu stützen versprechen. Zugleich aber sind diese Personen auch mehr an Politik generell interessiert und nutzen dafür eine überdurchschnittliche Bandbreite an Quellen.

Alle Medien dürfen zusätzlich zu diesem durchaus neugierigen Publikum zugleich auch mit einem bequemen, ja faulen rechnen – einem Publikum, das oft nach gar nichts Bestimmtem sucht, sondern kompetent überrascht werden möchte. „Kompetent“ heißt dabei: nicht zu anarchisch, nicht zu schmerzhaft. Professionalität wird erwartet, um Überraschungen „zuverlässig“ zu machen. Journalisten, Drehbuchschreiberinnen und Romanautoren sollen dafür sorgen.

Internet ist kein Instrument der Befreiung

Dieses Publikumsverhalten enttäuscht die Hoffnung, das Internet sei ein Instrument der Befreiung. Man könnte ja endlich alles finden, was einem gerade in den Sinn kommt. Um darüber informiert zu werden, was gerade in der Welt los ist, ist allerdings den meisten das Suchen, Checken und Zusammenstellen nicht nur der Mühe nicht wert, sondern mindert auch noch die „Nachrichtenfreude“ gerade an der ungeheuren Bandbreite des aktuellen Geschehens. Sie wird in Gefahr gebracht durch ständiges Nachdenken: „Muss ich das jetzt wissen?“

Zuverlässige Überraschung durch eine Vielfalt kompetent aufbereiteter Informationen ist deshalb immer noch die Domäne der Mainstream-Angebote in Fernsehen, Tageszeitungen, Zeitschriften und Radio. Sie sind für die Meisten nach wie vor professionelle und vertrauenswürdige Quellen, auch in ihren Online-Versionen – zu verwenden „as is“, also ganz im Sinne „fauler“, im Grunde aber effizienter Nachrichtenversorgung in der Demokratie. 



Bild: guasteví / Flickr

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