Leistungsdenken

Leben um zu arbeiten?

von Professor Dr. Maren Lehmann | Zeppelin Universität
22.01.2013
Wer sich der Bilanz und der Konkurrenz entzieht, trägt das Stigma des Asozialen, des Überflüssigen, und seine Anstrengung erscheint als sinnlose Qual. Mit ihm kann nicht gerechnet werden...

Professorin Dr. Maren Lehmann
 
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    Zur Person
    Professorin Dr. Maren Lehmann

    Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit dem Schwerpunkt auf Organisationstheorie an der Zeppelin Universität. Professorin Dr. Maren Lehmann studierte Design an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, später Erziehungswissenschaften und der Soziologie an den Universitäten Halle/Wittenberg und Bielefeld. Nach ihrer Promotion und Habilitation in Soziologie arbeitete sie in Forschung und Lehre an den Universitäten Halle/Wittenberg, Leipzig, der Bauhaus-Universität Weimar, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Duisburg-Essen.

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Nach alter, immer noch lebendiger Auffassung bezeichnet „Arbeit“ jede Anstrengung, die um eines Werks oder Produkts und um einer Anerkennung willen unternommen wird – wobei die Anerkennung nicht dem Werk, sondern der Anstrengung gilt. Mehr Anstrengung verspricht also mehr Anerkennung; Werke und Produkte werden mit der Anstrengung – dem Aufwand, dem Einsatz – verrechnet und ergeben erst dadurch eine Leistungsbilanz, die Vergleiche und Konkurrenz erlaubt. Wer arbeitet, setzt sich dieser „werkelnden“, produktiven Konkurrenz um Anerkennung aus.


Er lässt mit sich rechnen, und er rechnet selbst mit. Schon frühneuzeitliche Beobachter haben daher von rechnenden Ordnungen gesprochen, wenn sie über den Sinn des Arbeitens nachdachten; und sie haben diese Ordnungen Organisationen genannt. Karl Marx hat in einer Umgebung rauschhafter Industrialisierung gezeigt, wie dramatisch schnell in solchen Ordnungen jeder Sinn liquidiert wird; und Niklas Luhmann wies nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen darauf hin, dass es praktisch unmöglich ist, in solchen Ordnungen Mensch bleiben zu können.

Soziale Hackordnung

Der Sinn von Arbeit liegt demnach, kurz gefasst, in der Produktion von Sozialität – mit einem Surplus von Achtbarkeit und Integrität. Um dieses Surplus lassen sich jederzeit auch böse Konkurrenzen ausfechten, die (wie der amerikanische Soziologe Harrison C. White lakonisch feststellt) alles Soziale zur pecking order, zur Hackordnung machen. Andererseits gilt daher auch: Wer sich der Bilanz und der Konkurrenz entzieht, trägt das Stigma des Asozialen, des Überflüssigen, und seine Anstrengung erscheint als sinnlose Qual. Mit ihm kann nicht gerechnet werden – und das erscheint nicht allein als Fehler des Einzelnen, sondern als Fehler der rechnenden Ordnung: Sie ist unvollständig, imperfekt. Jede Organisation rechnet daher nicht nur mit dem Bedürfnis jedes Einzelnen, durch Arbeit um Anerkennung zu konkurrieren, sondern auch mit der Möglichkeit, dass dieses Bedürfnis gelegentlich fehlt. (Die klassischen neuzeitlichen Anstaltsorganisationen wie Arbeitshäuser, Militärkasernen, Gefängnisse hielten diese Möglichkeit sogar für die wahrscheinlichere.)


Daraus lässt sich die Überlegung ableiten, dass Organisationen nicht einfach die Möglichkeit von Ordnung repräsentieren, sondern auch deren mögliches Fehlen; dadurch wird die Imperfektion zur regulären Möglichkeit. Organisationen sind deshalb so kleinlich, was Ordnung angeht, wie großzügig, was Unordnung angeht; sie rechnen immer und mit allem – sowohl mit Ordnung als auch mit Unordnung. Weder nur das eine noch nur das andere, sondern nur deren Verrechnung bildet jenes Kapital namens Arbeit, aus dem sich bei jeder sozialen Gelegenheit Profit schlagen lässt. (Womit auch gesagt ist, dass Kapital und Arbeit eben nicht unversöhnlich gegensätzlich sind.) Für den Einzelnen heißt das: Er muss mit sich rechnen lassen, er muss sich auf Organisation einlassen, er muss arbeiten. Für die Organisation heißt das: Sie rechnet mit sozialen Gelegenheiten, mit Verrechnungschancen von Anstrengung und Anerkennung, mit offenen Stellen. Sie arbeitet (mit einem Wort von Birger P. Priddat) an der Arbeit.

Anstrengung und Anerkennung

Man muss sich vor Augen halten, dass diese Art des Rechnens mit Anstrengung und Anerkennung immerhin die Kraft hatte, eine Ordnung abzulösen, in der kein angeborener Status jemals verändert werden konnte und in der jeder, der einen Platz hatte, diesen Platz nur über seinen Geburtsstand hatte. Es war die Bürokratie, die die Aristokratie abzulösen vermochte. Der hohe Wert, den Ordnung in der hierarchisch verfassten und von oben her stabilisierten ständischen Gesellschaft hat, wird durch das bürokratische Rechnen in die Fläche der Papiere, der Tabellen und Register gelegt (anschaulich in den Planquadraten der Städte, in denen jedes Haus zweifelsfrei identifizierbar wird).


Die „Great Chain of Being“ (von Arthur O. Lovejoy unnachahmlich beschrieben) wird von den Sekretären und Schreibern in den Kanzleien in ein Meer von Positionen übersetzt, in deren jede sich die verschiedensten Informationen eintragen lassen. An jeder dieser Positionen kann sich dann prinzipiell jeder Einzelne wiederfinden – als Information in einer registrierten Position, als flüssige Ressource, auffindbar für die Buchhalter in den Kanzleiregistern, aber eben auch frei von dem, worauf sein Geburtsstand ihn festgelegt hatte. Den Aristokraten hat diese bürokratische Egalität erheblich mehr Schwierigkeiten gemacht als den Vaganten, hat aber auch gezeigt, wie verwandt beide – als polare Repräsentanten der ständischen Welt – waren. Sie waren beide zu Rekruten der Papierwelt geworden, die damit leben mussten, in verschiedenen Kontexten auch Verschiedenes zu bedeuten, also ihrer selbst nie mehr sicher zu sein: Man musste versuchen zu beobachten, wie man beobachtet wird, um zu wissen, wer man – und das immer nur im Moment – war. Man musste sich für die geringfügigste, instabilste, brüchigste Anerkennung anstrengen. Man musste arbeiten.


Es ist sicherlich das Bürgertum der Städte gewesen, das mit dieser neuen Papierwelt am besten zurechtkam. Es war nie so sicher gewesen wie der Adel und nie so unsicher wie die Vaganten. Es hatte mit der Differenz von Sicherheit und Unsicherheit also längst zu rechnen gelernt: Man war trainiert in Wetten und Glücksspielen, man machte seine Deals mit den Höfen wie mit den Elenden. Es hatte außerdem die Reformation und die Konfessionskriege durchgemacht und wusste um die Ressource des Lesens und Schreibens: Man konnte im bürokratischen Meer navigieren, man konnte selbst reisen, man konnte sich aber zugleich auch vertreten lassen und auf diese Weise an mehreren Positionen zugleich auftauchen, und vor allem: Man konnte sich – im Rahmen der Möglichkeiten – entscheiden, und man konnte sich diese Entscheidungsbereitschaft als Integrität zurechnen lassen, ohne an irgend eine Entscheidung je unbedingt gebunden zu sein. Man konnte mit Anerkennungschancen jonglieren – und auch das konnte man als Arbeit verstehen. Man konnte sich also auf Organisation getrost einlassen, und man konnte sogar anfangen, mit der Organisation zu konkurrieren und sich deren Arbeit an der Arbeit zu Eigen zu machen.

Wir filzen nach Vernetzungschancen

Dann treffen Rechner auf Rechner und Jongleure auf Jongleure, dann entsteht eine Ordnung, der jede Position eine offene Stelle, eine soziale Gelegenheit, eine Zukunftschance ist. Daraus ist heute eine selbstverständliche Karriere mit frühestmöglicher schulischer Erziehung, Hochschulabschluss und overseas experience als Vorstufen immer neuer Verknüpfungen von Positionen und Informationen zu immer weniger glaubhaften Identitäten und immer unzuverlässigeren Individualitäten geworden. Es überrascht kaum, dass jede technische Möglichkeit eingesetzt wird, um in diesem Spiel (schon Max Weber nannte es Hazard) zu bleiben; also nutzen wir unsere Mobiltelefone weniger, als sie uns führen, und also filzen wir jeden neuen Bekannten auf die Vernetzungschancen, die er womöglich bietet. Aber wir wissen auch, dass wir uns nicht oder nur in ganz kurzen, dann vielleicht tatsächlich glücklichen Momenten von den Stellen unterscheiden, die wir wie flüchtige Schollen besetzt halten. Wir sind, mit einem überaus treffenden Wort von René Pollesch, selber zu offenen Stellen geworden, und wir arbeiten, damit und solange die Wunden nicht alle gleichzeitig aufreißen.


Der Artikel erschien in „The European" am 10.01.2013


Foto: kallejipp / photocase.com

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Leserbrief
Offene Stellen
Yvonne von Hunnius | 23.01.2013

Sehr geehrter Herr Wengel,
vielen Dank! Uns ist die Meinung unserer Leserschaft tatsächlich wichtig! Und hier haben Sie uns auf einen Punkt aufmerksam gemacht, den wir nach interner Absprache auch verändert haben.
Mit den besten Grüßen,
Yvonne von Hunnius


Offene Stellen
Ingmar Wengel | 23.01.2013

Sehr geehrte Frau Lehmann, danke für Ihre Anmerkung, welche mich jedoch ein wenig irritiert zurücklässt, da ein Titel (lat.: titulus für Anschlag, Bekanntmachung, Aufschrift) nicht nur den wissenschaftlichen Regeln zufolge einen eindeutigen, weil funktionalen Bezug zum Inhalt eines Folgetextes herstellt, was hier jedoch nicht der Fall ist. Insoweit führt mich das zur Frage: Weshalb wurde als Titel nicht der ursprüngliche »Offene Stellen« gewählt, was insoweit tatsächlich dem Inhalt entsprechen würde?

Bitte haben Sie (und auch die Redaktion) Verständnis für die nun folgende Kritik: Ich sehe die Webseite zu|Daily als Publikation mit einem wissenschaftlichen Anspruch (auch für Nichtwissenschaftler) und begrüße diese Ausrichtung ausdrücklich. Gerade deshalb sehe ich (nun) die hier vorliegende Irreführung als befremdlich und in dieser Form unangemessen. Vielleicht lässt sich ja in der Zukunft solches vermeiden, auch aus dem Grunde, dass so eine erfolgreiche Kommentierung (wie hier ersichtlich) bereits im Keim erstickt wird, wenn der Kommentator einerseits eingeladen wird (… Ihre Sichtweise ist uns wichtig!) und ihm andererseits erklärt werden muss, dass sein Kommentar nichts mit dem Text zu tun hat, weil etwas anders gemeint war, als veröffentlicht, und aus diesem Grunde nicht beantwortet werden kann (… Vielen Dank für Ihr Verständnis!).

Ansonsten herzliche Grüße zurück,
Ingmar Wengel



| 23.01.2013

Lieber Herr Wengel,

es gibt keine Referenz auf den Film oder gar auf den Matrix-Begriff. Der Titel stammt von der Redaktion des "European", nach dem der Text hier abgedruckt ist; mein Manuskript trug den Titel "Offene Stellen".

Herzliche Grüße
Maren Lehmann.


Wo ist der Fehler in der Matrix?
Ingmar Wengel | 23.01.2013

Sehr geehrte Frau Lehmann,

Sie betiteln Ihren grundsätzlich überaus informativen und zum Nachdenken anregenden Beitrag über den beschriebenen Ist-Zustand mit »Der Fehler in der Matrix«. Ausgehend von der Intention der Macher des Films »Matrix«, ist die Matrix ein hermetisches System der kognitiven Irreführung zum Zwecke der Vorspiegelung falscher Tatsachen als Wahrheit, ergo zum Verbergen der eigentlichen, außerhalb dieser Sub-Matrix verorteten Wirklichkeit bzw. Meta-Matrix. Ein Fehler in dieser Sub-Matrix – im Film als Déjà-vu dargestellt – führt zunächst zur Möglichkeit, die Sub-Matrix selbst wahrzunehmen als das, was sie (in ihrer Funktion) ist, um in der Folge die durch sie verborgene Wahrheit (Meta-Matrix) erkennen zu können – alles in allem, was als Vorgang des Erwachens, der Erleuchtung bekannt ist. Dies führt mich nun zu der Frage, was in Ihrem Beitrag die (Sub-)Matrix ist, was der Fehler in ihr und vor allem, was die von der Matrix verborgene Wahrheit (Meta-Matrix) ist, welche es, ableitend vom Film, (durch den Fehler) zu erkennen gilt. Vor allem aber wäre in diesem Zusammenhang ein Hinweis angebracht, wie ein damit in Verbindung stehendes Erkennen/Erwachen anzuregen und praktisch umzusetzen wäre. Über Ihren diesbzgl. Beitrag zur »kognitiven Revolution« würde ich mich freuen und verbleibe bis dahin mit freundlichen Grüßen.


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Ihre Sichtweise ist uns wichtig! Der Leserbrief gelangt direkt in die Redaktion und wird nach Prüfung veröffentlicht.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

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