Katholische Kirche

Papst Franziskus – Paradox und Paradigma einer neuen Kirche

Ob dieser „Papst von Welt“ den starren Vatikan nachhaltig ändern und zeitgemäß erneuern kann, wird sich erst im weiteren Verlauf seines Pontifikats zeigen, weshalb von voreiligen Prognosen oder Bilanzierungen Abstand genommen werden muss.

Dr. Ramona M. Kordesch
 
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    Zur Person
    Dr. Ramona M. Kordesch

    Ramona Maria Kordesch wurde 1986 in Klagenfurt am Wörthersee geboren. Nach dem Studium der katholischen Theologie und der angewandten Relgionswissenschaften in Graz und Tübingen, fokussierte sie sich im Rahmen ihrer Promotion auf den interdisziplinären Dialog zwischen Theologie und Wirtschaft. Zusätzlich analysierte Kordesch im Rahmen ihrer Arbeit aktuelle wirtschafts-ethische Fragen der Kirche.
    Seit Mai 2013 arbeitet Kordesch an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und forscht dort als Mitglied des CISoC's zusammen mit Prof. Dr. Stephan A. Jansen über innovatiove Systeme für Wohlfahrtsorganisationen im Rahmen einer Projekt-Kooperation mit dem Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart.

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Sein Name ist Programm und Paradigmenwechsel zugleich, indem Franziskus das voranzutreiben versucht, was der Kirchenhistoriker Mariano Delgado unter der „ideologischen Abrüstung des Papsttums“ versteht, nämlich den Abbau der Selbstsakralisierung und die Überwindung des Klerikalismus. In diesem Sinne sind es vor allem die räumlichen und geistigen Peripherien und zu öffnenden Sackgassen der eigenen Kirche, die Franziskus beschreitet. Mit diesem neuen Politik- und Führungsstil verfolgt Franziskus entschlossen eine innenpolitische Reformagenda und greift nicht nur heikle Kapitel der Doktrin auf, sondern bringt auch über Jahrhunderte etablierte Bräuche der katholischen Kirche in Bewegung. Eine zentrale Aussage seines Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“ (Die Freude des Evangeliums) macht dies unverblümt deutlich:

So kennen - und lieben - die Menschen und Medien Past Franziskus: Mit einem strahlenden Lächeln und als offenherziger "Papst der Herzen".
So kennen - und lieben - die Menschen und Medien Past Franziskus: Mit einem strahlenden Lächeln und als offenherziger "Papst der Herzen".

Reformen, die alle erreichen

„In ihrem bewährten Unterscheidungsvermögen kann die Kirche auch dazu gelangen, eigene, nicht direkt mit dem Kern des Evangeliums verbundene, zum Teil tief in der Geschichte verwurzelte Bräuche [consuetudini] zu erkennen, die heute nicht mehr in derselben Weise interpretiert werden und deren Botschaft gewöhnlich nicht entsprechend wahrgenommen wird. Sie mögen schön sein, leisten jedoch jetzt nicht denselben Dienst im Hinblick auf die Weitergabe des Evangeliums. Haben wir keine Angst, sie zu revidieren! In gleicher Weise gibt es kirchliche Normen oder Vorschriften, die zu anderen Zeiten sehr wirksam gewesen sein mögen, aber nicht mehr die gleiche erzieherische Kraft als Richtlinien des Lebens besitzen. Der heilige Thomas von Aquin betonte, dass die Vorschriften [precetti], die dem Volk Gottes von Christus und den Aposteln gegeben wurden, »ganz wenige« sind. Indem er den heiligen Augustinus zitierte, schrieb er, dass die von der Kirche später hinzugefügten Vorschriften mit Maß einzufordern sind, »um den Gläubigen das Leben nicht schwer zu machen« und unsere Religion nicht in eine Sklaverei zu verwandeln, während »die Barmherzigkeit Gottes wollte, dass sie frei sei«. Diese Warnung, die vor einigen Jahrhunderten gegeben wurde, besitzt eine erschreckende Aktualität. Sie müsste eines der Kriterien sein, die in Betracht zu ziehen sind, wenn über eine Reform der Kirche und ihrer Verkündigung nachgedacht wird, die wirklich erlaubt, alle zu erreichen“ (EG, Nr. 43).

Papst Franziskus zeigt sich gerne bürgernah: Meist verzichtet er auf das "Papa-Mobil", lässt die Menschen an sich heran und sucht Kontakt zu den Gläubigen
Papst Franziskus zeigt sich gerne bürgernah: Meist verzichtet er auf das "Papa-Mobil", lässt die Menschen an sich heran und sucht Kontakt zu den Gläubigen

„Dezentralisierung“ lautet ein Programmpunkt seiner Kurienreform, die von einem internationalen Beratergremium aus acht Kardinälen – darunter auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx – vorbereitet werden soll. International proklamieren Theologen durch die Ankündigung einer Bischofssynode im Jahr 2015 die begründete Hoffnung, dass mit Papst Franziskus fast 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) entscheidende Akzentsetzungen wie die Aufwertung der Ortskirchen auf Basis des Subsidiaritätsprinzips kirchenpolitische Realität werden. Nahtlos schließt Franziskus an Initiativen seines Vorgängers Papst Benedikt XVI. an und verleiht ihnen durch Transparenzinitiativen lang ersehnte Durchsetzungskraft, sei es bei der systematischen Aufarbeitung der innerkirchlichen Missbrauchsskandale oder beim Umbau der von Aufsehen erregenden Finanzskandalen erschütterten Vatikanbank durch die Gründung einer zentralen Aufsichtsbehörde für die Finanzen des Heiligen Stuhls.

Abstand von Prognosen und Bilanzierungen

Ob dieser „Papst von Welt“ den starren Vatikan nachhaltig ändern und zeitgemäß erneuern kann, wird sich erst im weiteren Verlauf seines Pontifikats zeigen, weshalb von voreiligen Prognosen oder Bilanzierungen Abstand genommen werden muss. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass es Papst Franziskus auf beachtliche und überzeugende Art und Weise gelungen ist, originär katholischen Lehrinhalten wie auch dem Evangelium entsprechenden Lebens- und Handlungsformen einen neuen hermeneutischen Schlüssel der Vermittlung zu geben. So geht es Franziskus beispielsweise vorrangig um den Umgang mit Sündern im Rahmen des christlichen Deutungshorizontes der Barmherzigkeit.

Die Inauguration des Südamerikaners wurde zum medialen Großereignis: Zig tausende Menschen versammelten sich in Rom, um der Zeremonie zu folgen.
Die Inauguration des Südamerikaners wurde zum medialen Großereignis: Zig tausende Menschen versammelten sich in Rom, um der Zeremonie zu folgen.

Das Neue am neuen Papst ist die Aufmerksamkeit für die aktuellen Lebensumstände der Menschen und seine Nähe zu ihnen durch die Hervorhebung des Papstamtes als Hirtenamt. Dieses ist originär geprägt und bestimmt von einer vorrangigen Option für die Armen, in diesem Sinne anti-machiavellistisch und zugleich paradox: Während das Papstamt der Vergangenheit gewöhnlich von Autorität ausstrahlender Distanz geprägt war, erreicht Papst Franziskus durch seine geöffneten Arme höchste Ehrerbietung und Gefolgschaft. Insofern ist seine Macht im Sinne des Evangeliums als „Exousia“, als innere und äußere befreiende Freiheit zu verstehen und als eine dynamisch-transformierende, die den Grund für den Mangel an Wirksamkeit und Wertschätzung der Kirche in der Welt und für die Welt zunächst nicht in der mangelhaften Welt, sondern in einer selbstreferentiellen und damit mangelhaften Kirche sieht.

Eine neue Kommunikation in der Kirche

Diese immer wieder erneuerungsbedürftige und zu erneuernde Kirche (ecclesia semper renovanda) hat sich deshalb an das Evangelium Jesu Christi zu halten als bedingungslos liebende Zuwendung Gottes zu den Menschen. Das erneut deutlich zu machen, ist Ziel und Weg des Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“. Diese beeindruckende Verlautbarung will deshalb ihrer ausdrücklichen Adressierung entsprechend der Förderung einer neuen Binnenkommunikation und Kultur des Vertrauens in der katholischen Kirche dienen und ist nicht – wie fälschlicher Weise gemutmaßt wurde – als Beitrag der Kirche zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs zu werten. Dass und wie das eine vom anderen zu unterscheiden und zugleich miteinander zu verbinden ist, behält dieses Apostolische Schreiben sehr ausgewogen im Blick. Das päpstliche Schreiben formuliert nämlich die Forderung zu einem missionarischen Aufbruch und zur Umgestaltung der Kirche, kombiniert mit der Verpflichtung zur Armenfürsorge und zu gemeinschaftlicher Inklusion.

An jenem 19. März 2013 hatte sich der gesamte Vatikan herausgeputzt. Seitdem ist Papst Franziskus "im Amt" und aus Medien und Alltag nur schwerlich wegzudenken.
An jenem 19. März 2013 hatte sich der gesamte Vatikan herausgeputzt. Seitdem ist Papst Franziskus "im Amt" und aus Medien und Alltag nur schwerlich wegzudenken.

Franziskus schließt auf Basis der katholischen Soziallehre am Konzept einer diakonischen Kirche an und kritisiert dabei auch die menschenverachtenden Auswüchse deformierter Wirtschaftssysteme – zugespitzt formuliert in der in schwere öffentliche Kritik geratenen Formel über eine „Wirtschaft, die tötet“ (EG 53). Wegen der allgemein vorherrschenden metaphernreichen Sprache dieses päpstlichen Schreibens darf jedoch die darin angesprochene Tatsache nicht verharmlost oder beschwichtigt werden, dass aus ordnungspolitischer Perspektive die Marktwirtschaft der letzten 20 Jahre zu einem Rückgang von globalem Elend und extremer Armut entscheidend beigetragen hat. Die auf wirtschaftsethische Kontexte angewandte pastorale Metaphorik kann zu Fehlinterpretationen führen, da sie mit individualethischen Metaphern und mit einer seelsorglich motivierten Bildermetaphorik auf institutionenethische Problemlagen zu antworten versucht. Bei den wirtschaftsethischen Weisungen des Papstes muss also einiges an Interpretationsspielraum offen bleiben, denn eine wirkliche Option für die Armen wird sich auch daran messen lassen müssen, inwieweit es gelingt, Märkte als Inklusionsarrangements ordnungspolitisch in Kraft zu setzen und „in Gang“ zu halten.

Ohne Autorität zu Einfluss und Beachtung

Dennoch darf die Grundbotschaft des Schreibens, durch Vorbild und Lebenswandel dafür zu sorgen, dass die ganze Kirche glaubwürdiger wird, nicht übersehen werden. Papst Franziskus ist darin ganz im Geiste des Evangeliums Jesu Christi (vgl. Joh 13, 15: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, …“) selbst aufrichtiges und überzeugendes Vorbild für die Kirche und auch für die Welt. Sein persönliches wie auch programmatisches Paradigma wirkt paradox: Ein Papst verzichtet auf vordergründige Machtsignaturen und äußerliche Autoritätsmerkmale und gewinnt auch deshalb zunehmend an geistlichem Einfluss und Beachtung. Und dieses Paradox ist nicht nur ein Merkmal des Glaubens, es ist auch allgemein innere Voraussetzung und äußere Motivation für einen notwendigen Paradigmenwechsel.


Titelbild: Österreichisches Außenministerium / flickr.com

Bilder im Text: Österreichisches Außenministerium / flickr.com, Dcastor / Wikimedia Commons

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