Digitale Währung

Das Paradox hinter dem Elektro-Euro

von Prof. Dr. Marcel Tyrell | Zeppelin Universität
10.02.2021
Je attraktiver das digitale Zentralbankgeld für die Nutzer ist, desto mehr wird es vom Privatsektor genutzt und desto eher könnte aber auch die Finanzstabilität unterminiert werden. Eine geringe Attraktivität im Gestaltungsdesign würde dagegen keine Gefahr für das Finanzsystem bedeuten, aber auch kaum einen Nutzen liefern.

Prof. Dr. Marcel Tyrell
Gastprofessur für Economics of Financial Institutions
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Marcel Tyrell

    Seit 2009 leitete Prof. Dr. Marcel Tyrell das Buchanan Institut für Unternehmer- und Finanzwissenschaften an der Zeppelin Universität. Vorher lehrte er unter anderem an der Universität Frankfurt, der University of Pennsylvania und der European Business School. Schwerpunktmäßig forscht er zu Veränderungen von Finanzsystemstrukturen, mikro- und makroökonomischen Auswirkungen von Finanzkrisen und der Verschuldungsdynamik von Volkswirtschaften. 2017 übernahm er den Lehrstuhl Banking and Finance an der Universität Witten/Herdecke und blieb der Zeppelin Universität als Gastprofessor für Economics of Financial Institutions erhalten.  

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Die Einführung von digitalem Zentralbankgeld für jedermann wird weltweit mit Verve vorangetrieben. Diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn man sich, wie es die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) in Basel kürzlich in einem Bericht getan hat, die Projekte zur Analyse des Einsatzes von digitalem Zentralbankgeld in den großen Zentralbanken dieser Welt näher betrachtet. Auch die EZB hat ein solches Projekt zu einem ihrer wichtigsten Arbeitsschwerpunkte für die nächsten Jahre gemacht. Ein großer öffentlicher Konsultationsprozess zum digitalen Euro wurde in den vergangenen Monaten gestartet; und jetzt gerade beginnt die EZB, wie aus einer jüngeren Verlautbarung deutlich wurde, die nächsten Schritte der Planung einer eventuellen Einführung eines digitalen Euro, über die endgültig Mitte 2021 entschieden werden soll. Ist ein digitaler Euro eine notwendige Weiterentwicklung unseres Geldsystems? Was würde er den Verbrauchern bringen? Und was sind gegebenenfalls die Risiken für unser Banken- und Finanzsystem?


Unser Geldsystem hat sich bereits in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten stark verändert. Insbesondere der Zahlungsverkehr hat enorm von den Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie profitiert. So hat sich der bargeldlose Zahlungsverkehr in vielen Ländern immer stärker durchgesetzt. In einigen skandinavischen Ländern kann beispielsweise mit Bargeld in einer Vielzahl von Geschäften gar nicht mehr gezahlt werden. Diese Digitalisierungstendenz im Zahlungsverkehr hat durch die Corona-Pandemie auch in Ländern wie Deutschland massiv Auftrieb bekommen. So hat die Bundesbank auf Grundlage einer von ihr im Frühjahr 2020 durchgeführten repräsentativen Online-Befragung von Verbrauchern festgestellt, dass nahezu 50 Prozent der Teilnehmer ihr Zahlungsverhalten hin zu digitalen Zahlungsmöglichkeiten verändert haben.

Im Hauptquartier der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main wird in diesen Tagen immer intensiver darüber diskutiert, wie sich physisches Bargeld in die digitale Welt überführen lässt. Die EU-Kommission und die EZB sind sich einig, dass die Bedeutung des Bargeldes schrittweise zurückgeht, einen digitalen Euro betrachten beide Institutionen deshalb als zusätzliche Möglichkeit zum Bezahlen, aber auch zum Sparen. Derzeit prüft die EZB, unter welchen Voraussetzungen dieses digitale Zentralbankgeld sicher eingeführt werden könnte. Christine Lagarde, Chefin der EZB, betonte wiederholt, wie wichtig es sei, die Sicherheit einer digitalen Währung zu garantieren und das Vertrauen in diese zu stärken. Doch genau das ist bisher das Problem, denn zahlreiche Fragen sind bei der Umsetzung des Vorhabens noch offen – etwa, ob das digitale Geld nur Banken oder auch für den allgemeinen Gebrauch bereitgestellt wird. Ebenfalls zu klären: Soll die virtuelle Währung über eine verteilte Datenbank, zum Beispiel per Blockchain, oder ein konventionelles Datenbanksystem ausgegeben werden? Einigkeit herrscht dagegen bisher vor allem darin, dass ein mögliches Digitalgeld das Bargeld keinesfalls ersetzen soll.
Im Hauptquartier der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main wird in diesen Tagen immer intensiver darüber diskutiert, wie sich physisches Bargeld in die digitale Welt überführen lässt. Die EU-Kommission und die EZB sind sich einig, dass die Bedeutung des Bargeldes schrittweise zurückgeht, einen digitalen Euro betrachten beide Institutionen deshalb als zusätzliche Möglichkeit zum Bezahlen, aber auch zum Sparen. Derzeit prüft die EZB, unter welchen Voraussetzungen dieses digitale Zentralbankgeld sicher eingeführt werden könnte. Christine Lagarde, Chefin der EZB, betonte wiederholt, wie wichtig es sei, die Sicherheit einer digitalen Währung zu garantieren und das Vertrauen in diese zu stärken. Doch genau das ist bisher das Problem, denn zahlreiche Fragen sind bei der Umsetzung des Vorhabens noch offen – etwa, ob das digitale Geld nur Banken oder auch für den allgemeinen Gebrauch bereitgestellt wird. Ebenfalls zu klären: Soll die virtuelle Währung über eine verteilte Datenbank, zum Beispiel per Blockchain, oder ein konventionelles Datenbanksystem ausgegeben werden? Einigkeit herrscht dagegen bisher vor allem darin, dass ein mögliches Digitalgeld das Bargeld keinesfalls ersetzen soll.

Damit einher ging aber auch, wie man weiß, eine fundamentale Veränderung des Einkaufverhaltens. Der Online-Handel hat stark zugelegt. E-Commerce in Deutschland hat im dritten Quartal 2020 seinen Umsatz um 13 Prozent gegenüber dem dritten Quartal 2019 gesteigert. Davon profitiert haben nicht nur die internationalen Kreditkartenanbieter wie Mastercard und Visa, sondern auch die digitalen Bezahllösungen der im Online-Geschäft dominanten BigTechs wie ApplePay, GooglePay oder Amazon Pay. Zwar werden deren Bezahllösungen heutzutage noch mit hinterlegten Kreditkarten der großen Anbieter abgewickelt, aber hier könnte es Veränderungen geben. Die StableCoin-Initiative von Facebook – anfänglich Libra, jetzt Diem genannt – dient beispielsweise genau diesem Ziel, nämlich den Zahlungsverkehr ohne Zwischenschaltung von reinen Finanzintermediären direkt zu dominieren.


Gerade die letztgenannten Entwicklungen bei den BigTechs könnten die finanzielle Souveränität des Geld- und Währungssystems im Euroraum beeinträchtigen. Das geldpolitische Instrumentarium der Zentralbank, welches faktisch über die Finanzintermediäre und Kapitalmärkte ihre Transmission in die Realwirtschaft entfalten soll, könnte durch eine solche Dominanz von BigTechs im Zahlungsverkehr ihrer Wirkung beraubt werden. Um diesem Verlust an Souveränität zu begegnen, könnte digitales Zentralbankgeld eine Möglichkeit sein.


Warum ist dies so? Hierzu sollte man sich kurz das bisherige Geldsystem vergegenwärtigen. Digitales Geld ist eigentlich nichts Neues. Privathaushalte und Unternehmen halten Bankeinlagen, welches letztendlich Giralgeld ist, also von den Geschäftsbanken geschaffenes digitales Geld, über das damit die Haushalte und Unternehmen für ihre (digitalen) Zahlungen verfügen. Allerdings haben bisher nur die Geschäftsbanken einen direkten Zugang zur Zentralbank, indem sie Konten und damit digitale Forderungen gegenüber der Zentralbank halten. Privathaushalte und Unternehmen können bisher Zentralbankgeld nur durch Münzen und Banknoten nutzen. Ein digitaler Euro für die breite Bevölkerung würde nun bedeuten, dass Privathaushalte und Unternehmen neben Bargeld oder Kredit- und Debitkarten ebenfalls direkten Zugang zu Zentralbankgeld hätten, beispielsweise indem sie Konten bei der Zentralbank halten. Damit könnte eine attraktive Alternative zu den oben genannten Entwicklungen im Zahlungsverkehr geschaffen werden, die zudem ein stärkeres Maß an monetärer Souveränität erlaubt und deshalb die zielgerichtete Durchführung der Geldpolitik erleichtert.

Neue Regeln für Zentralbank und Geschäftsbanken

Ein weiterer Vorteil gerade aus Konsumentensicht ist die Sicherheit von digitalem Zentralbankgeld. Der digitale Euro wäre eine direkte digitale Forderung gegenüber der Zentralbank und damit genau so sicher wie das von ihr emittierte Bargeld. Privathaushalte könnten dann bargeldlos mit Zentralbankgeld zahlen. Zudem zeigen Untersuchungen von Forschern der Bank of England, dass digitales Zentralbankgeld als praktisch kostenloses Tauschmittel gesamtwirtschaftlich beachtliche Produktivitätszuwächse generieren kann, sofern es breit genutzt wird. Insbesondere da es auch für Kleinstbetragstransaktionen ohne Kosten genutzt werden kann, ist gesamtwirtschaftlich eine Reduktion von Transaktionskosten gegeben, die Wohlfahrtssteigerungen ermöglicht.


Betrachtet werden müssen jedoch auch die ökonomischen Risiken von digitalem Zentralbankgeld. Ein digitaler Euro würde die Regeln des Zusammenspiels von Zentralbank und Geschäftsbanken verändern. Denn nun kann der private Sektor – also Haushalte und Unternehmen – direkt auf Zentralbankgeld zurückgreifen, um Zahlungen zu tätigen. Je attraktiver dies ist, desto mehr wird er seine liquiden Mittel von Geschäftsbanken zur Zentralbank umschichten. Kurzfristige Bankeinlagen, die ja genau den zukünftig unsicheren Liquiditätsbedarf der Konsumenten und Unternehmen absichern sollen, würden für die Geschäftsbanken als wichtige kostengünstige Refinanzierungsquelle weniger zur Verfügung stehen. Das könnte die Refinanzierungskosten der Banken erhöhen und hätte damit auch gegebenenfalls Auswirkungen auf die Kreditvergabe. Negative Folgen für die Kreditversorgung der Wirtschaft wären möglich, was gerade den Euroraum mit der im Vergleich zum angelsächsischen Finanzsystem traditionell starken Rolle der Geschäftsbanken in der Finanzintermediation besonders treffen könnte. Der digitale Euro verändert somit auf jeden Fall die Funktionsbedingungen von Geschäftsbanken.

„Bares“ bleibt auch künftig „Wahres“, so will es die EZB – das Bargeld soll im Digitalzeitalter nicht verschwinden. Trotzdem steigt der Druck, eine digitale Währung einzuführen auch aus Lobbykreisen. Der IT-Branchenverband Bitkom etwa möchte das Tempo bei der Erprobung eines digitalen Euro erhöhen, damit Europa in diesem Bereich nicht abgehängt wird. Unterstützung kommt auch aus der Wissenschaft: In einem offenen Brief skizzieren zahlreiche Wirtschaftsexperten eine Roadmap für einen „digital programmierbaren Euro“ bis 2024. Dagegen mahnen die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe, dass vor einer Einführung von digitalem Zentralbankgeld die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen überdacht werden müssten. Ihr Argument: Die Auswirkungen auf den Banken- und Finanzsektor, die gesellschaftliche Akzeptanz und die geldpolitischen Optionen der Zentralbank hängen entscheidend von dessen Ausgestaltung ab. Die nächste entscheidende Wegmarke hin zum digitalen Euro dürften die Ergebnisse der EZB-Taskforce sein. Erst anschließend lässt sich verlässlicher einschätzen, wann Europa den E-Euro startet.
„Bares“ bleibt auch künftig „Wahres“, so will es die EZB – das Bargeld soll im Digitalzeitalter nicht verschwinden. Trotzdem steigt der Druck, eine digitale Währung einzuführen auch aus Lobbykreisen. Der IT-Branchenverband Bitkom etwa möchte das Tempo bei der Erprobung eines digitalen Euro erhöhen, damit Europa in diesem Bereich nicht abgehängt wird. Unterstützung kommt auch aus der Wissenschaft: In einem offenen Brief skizzieren zahlreiche Wirtschaftsexperten eine Roadmap für einen „digital programmierbaren Euro“ bis 2024. Dagegen mahnen die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe, dass vor einer Einführung von digitalem Zentralbankgeld die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen überdacht werden müssten. Ihr Argument: Die Auswirkungen auf den Banken- und Finanzsektor, die gesellschaftliche Akzeptanz und die geldpolitischen Optionen der Zentralbank hängen entscheidend von dessen Ausgestaltung ab. Die nächste entscheidende Wegmarke hin zum digitalen Euro dürften die Ergebnisse der EZB-Taskforce sein. Erst anschließend lässt sich verlässlicher einschätzen, wann Europa den E-Euro startet.

Zusätzlich gibt es eine Gefahr in Krisenzeiten, die zu beachten ist. In Krisenzeiten suchen Anleger einen sicheren Hafen. Das hat man auch zu Beginn der Corona-Krise mit den Verwerfungen auf den Finanzmärkten gesehen. Umschichtungen finden statt, am besten in Liquidität. Digitales Zentralbankgeld wäre genau solch ein sicherer Hafen. In Krisenzeiten könnte es somit zu einem digitalen „Schaltersturm“ auf Banken kommen, da jeder in digitales Zentralbankgeld umschichten möchte. Auch wenn es in Vorkrisenzeiten wegen im Vergleich zur direkten Zentralbankeinlage höherer Zinsen auf Geschäftsbankeinlagen attraktiv gewesen wäre, Geschäftsbankeinlagen zu halten, verändert sich dies in Krisenzeiten dann schlagartig. Der Abzug von Mitteln gefährdet die Stabilität der Banken und damit des gesamten Finanzsystems. Krisendynamiken könnten sich verstärken, wenn es zu negativen Rückkopplungseffekten mit dem Realsektor kommt. Finanzkrisen könnten häufiger werden.


Die Einführung von digitalem Zentralbankgeld könnte somit Vorteile als auch Nachteile mit sich bringen. Die genaue Ausgestaltung bewegt sich deshalb in einem Spannungsverhältnis: Je attraktiver das digitale Zentralbankgeld für die Nutzer ist, desto mehr wird es vom Privatsektor genutzt und desto eher könnte aber auch die Finanzstabilität unterminiert werden. Eine geringe Attraktivität im Gestaltungsdesign würde dagegen keine Gefahr für das Finanzsystem bedeuten, aber auch kaum einen Nutzen liefern. Zudem könnte eine geringe Attraktivität dazu führen, dass, wie oben diskutiert, das Feld verstärkt den BigTechs mit ungewissen Konsequenzen für die Geldpolitik überlassen wird. Dem muss ebenfalls die konkrete Ausgestaltung des digitalen Euro Rechnung tragen. Diese komplexe Gemengelage ist der Grund, warum der digitale Euro so sorgfältig und unter Einbezug aller Interessengruppen diskutiert wird.


Der BIZ-Chefökonom Hyun Shin betonte in seiner Analyse der Überlegungen zum digitalen Zentralbankgeld, dass, egal wie man es dreht, digitales Zentralbankgeld den Fußabdruck der Zentralbanken im Finanzsystem vergrößern wird. Das macht Zentralbanken noch attraktiver und gegebenenfalls angreifbarer für politischen Druck und wirft schwierige Fragen der Verantwortung und Rechenschaftspflicht auf. Ob schöne neue Welt oder Dystopie, ist noch lange nicht geklärt.

Titelbild: 

| Geralt / Pixabay.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

| Charlotte Venema / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link

| Didier Weemaels / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Marcel Tyrell

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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